— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Stellan Skarsgård und Hans Petter Moland

Laß uns mal lustig sein

Von Jens Dehn Durch seine Auftritte in Blockbustern wie Fluch der Karibik 2 und 3, Mamma Mia! und zuletzt Illuminati ist Stellan Skarsgård auch der breiten Kinomasse in Deutschland ein Begriff. Der Schwede kehrt aber auch gerne und regelmäßig nach Skandinavien zurück, um in seiner Heimat zu drehen. Ein Mann von Welt ist der dritte gemeinsame Film des Schauspielers mit dem norwegischen Regisseur Hans Petter Moland. Schnitt Online traf die beiden während der Nordischen Filmtage in Lübeck, wo sie Ein Mann von Welt dem deutschen Publikum vorstellten.

Hans Petter, im Presseheft zu Ein Mann von Welt steht zu lesen, daß Du als Jugendlicher ein talentierter Skispringer gewesen bist, ehe Dich eine Verletzung zum Aufhören zwang.

HANS PETTER MOLAND [MOLAND]: Ich weiß nicht, ob ich Talent hatte, aber ich war passioniert. Skispringen war meine große Leidenschaft. Mit 13 bin ich gestürzt, lag einige Zeit im Koma, daher mußte ich aufhören. Aber Skisprung ist ein sehr faszinierender Sport, auch auf psychologischer Ebene, da Du Deine eigene Angst verdrängen mußt, um etwas zu tun, das gefährlich ist. Wenn Du dann stürzt und am eigenen Leib erfährst, wie gefährlich es ist, wird es schwierig, nochmal zurück zu kommen. Ich habe es versucht, aber es hat nicht funktioniert.

Aber Du bist immer noch ein Experte?

MOLAND: Was das Anschauen angeht, ja. Da bin ich nach wie vor sehr leidenschaftlich.

STELLAN SKARSGÅRD (SKARSGÅRD): Hast Du Werner Herzogs Film über Steiner gesehen? Über den Schweizer Skispringer Steiner. [Er meint Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner, d. Red.]

MOLAND: Ja, Walter Steiner, ich kenne ihn, aber den Film hab ich nicht gesehen.

SKARSGÅRD: Der ist fantastisch. Es beginnt mit einem Mann, der durch einen Wald läuft, und er hat unglaubliche Angst. Er ist nervös, den ganzen Weg die Sprungschanze hoch. Doch dann fliegt er, acht Sekunden lang. Und er ist der glücklichste Mensch auf Erden während er fliegt. Aber in dem Moment, in dem er landet, beginnt die Furcht vor dem nächsten Sprung aufs Neue. Für mich ist das auch ein Bild, das man aufs Schauspielern übertragen kann.

MOLAND: Ehrlich gesagt arbeite ich gerade an einer Geschichte über das Skispringen. Es geht um einen Springer, der nicht landen will. Er ist einer der besten auf der Welt, jedoch nicht, weil es ihm um Medaillen geht, sondern weil er keine Lust hat zu landen.

Es gibt eine Anekdote über Rainer Werner Fassbinder, derzufolge er samstags um Punkt 18 Uhr alles am Set stehen und liegen ließ, um die »Sportschau« zu sehen. Ist das bei Dir bezogen aufs Skispringen auch denkbar?

MOLAND: Ja! (lacht) Oder alle denken, ich würde die Aufnahmen auf dem Monitor kontrollieren, dabei schaue ich stattdessen Skispringen. Aber tatsächlich bin ich gar nicht so sportverrückt. Es ist eigentlich nur das Skispringen, das mich so fasziniert. Eben das Umgehen mit der Furcht. Und diese einzelnen, kurzen Momente Brillanz, wenn alles perfekt läuft. Aber wenn eine einzige Winzigkeit nicht stimmt, kann alles zusammenbrechen. Es ist ein unglaublich fragiler Sport.

Reden wir über Ein Mann von Welt – was hat Euch an dem Skript begeistert?

MOLAND: Für mich war es zu allererst der Ton, der das Buch durchzogen hat. Und natürlich die Geschichte. Sehr tragisch, absurd. Die Charaktere sind sehr selbstvergessen. Ich habe Stellan dann angerufen und gesagt, er soll das Buch lesen.

SKARSGÅRD: Ich war enthusiastisch, nachdem ich das Skript kannte. Es war sehr lustig, ohne lustige Zeilen oder Dialoge zu besitzen. Es ist erfrischend, ein Buch zu bekommen, in dem alles zwischen den Zeilen steht. Alle Entwicklungen, alles Zwischenmenschliche. Sie reden ja nicht miteinander. Es gibt keine Darstellung im Text, keine Witze. Etwas Derartiges hatte ich auch als Schauspieler zuvor noch nicht gemacht. Dazu kommt noch, daß Hans Petter und ich davor zwei sehr ernste Filme miteinander gedreht hatten. Da habe ich gesagt komm, laß uns mal lustig sein.

MOLAND: Das war eine echte Herausforderung. Kim Fupz Aakeson ist ein sehr lustiger Autor, aber ich glaube, er war sich nicht darüber bewußt, wie lustig sein Buch tatsächlich ist. Oder er hat es einfach nicht so lustig gelesen wie wir. Ich mußte ihm daher erklären, daß das wirklich kein Drama mit etwas Humor ist, sondern eine echte Komödie.

Wie konkret war das Buch in seinen Beschreibungen? Dachtest Du etwa »großartig, ich habe Liebesszenen mit drei verschiedenen Frauen«? Oder war Dir schon beim Lesen klar, daß das einige der unromantischsten Szenen der Filmgeschichte werden?

SKARSGÅRD: Die Situation hat es offensichtlich gemacht, die Umstände sind ziemlich fürchterlich. (lacht) Es ist schon so, daß einiges unrealistisch erscheinen mag, aber bei Komödien kommt es immer darauf an, die Grundsituation realistisch zu gestalten, sonst funktioniert es nicht. Und die Figuren bleiben immer menschlich, man kann sie verstehen und mitfühlen.

Im Film gibt es diesen kleinen Running Gag, bei dem Stellans Figur Ulrik nie rauchen darf. Weder im Cafe, noch auf der Arbeit oder bei Bekannten. Ich habe mich gefragt, ob einer von Euch beiden oder Kim Fupz Aakeson selbst Raucher ist und der Gag eine Form von Protest darstellen soll?

SKARSGÅRD: Ich hab jetzt mit dem Rauchen aufgehört wegen des ganzen Terrors, dem ich mich ausgesetzt sah. Früher habe ich viel geraucht. Als wir die ersten Besprechungen zu Ein Mann von Welt hatten, meinte Hans Petter: Ulrik muß rauchen! Und ich war ganz begeistert und meinte »Ja ja, auf jeden Fall.« Und natürlich mußten es Teddys sein, so eine Art norwegische Version von Camels ohne Filter, echt starke Zigaretten. Und ich war so glücklich, denn so durfte ich sechs Wochen lang jede Menge rauchen. Aber davon abgesehen geht es bei den Zigaretten natürlich auch um das, was passiert, wenn Du im Gefängnis bist: die Welt draußen verändert sich.

Wie wichtig sind der Cast und das Zusammenspiel mit den anderen Schauspielern bei einer Komödie wie Ein Mann von Welt?

SKARSGÅRD: Es ist extrem wichtig, daß alles harmoniert. Ich erinnere mich an die ersten Proben: da ging jeder in verschiedene Richtungen. Und du brauchst gute und talentierte Schauspieler, die realisieren, was der richtige Ton ist und wie wir es umsetzen müssen. Manchmal mußt Du Dich von der üblichen Art zu schauspielern lösen können, das fällt vielen nicht einfach. Daher ist es in der Tat wichtig, einen guten Cast zu haben.

MOLAND: Wir haben es geschafft, selbst die kleinsten Rollen exzellent zu besetzen. Wir hatten nicht allzu viel Geld, aber eine Abmachung, die ich mit den Produzenten getroffen hatte, war, so viel Geld auszugeben wie nur möglich, um gute Darsteller zu bekommen. Und ich finde auch, sie sind alle wundervoll. Es gibt keine Figur in dem Film, die Dir nicht im Gedächtnis bleibt. Und Stellan hat Recht, was die Proben betrifft: es ist eine Sache, gute Schauspieler zu haben, aber eine andere, mit ihnen auch den gleichen Film zu drehen. Man muß ihnen eine Art Plan geben, auf dem aufgezeichnet ist, wo sie sich gerade befinden, damit sie sich darauf einlassen können und sich selbst einbringen. Deshalb sind Proben auch so wichtig.

Stellan, Du hast sieben Kinder. Drei Deiner Söhne sind auch Schauspieler geworden. Macht Dich das stolz?

SKARSGÅRD: Ich bin stolz darauf, daß sie gut sind. Und daß sie etwas gefunden haben, worin sie gut sind. Sie sind wirklich talentiert. Sie sind besser als ich, smarter als ich, sie sehen sexier aus als ich.

MOLAND: (grinst) Ich hoffe, sie werden auch reicher als Du, damit sie Dich im Alter unterstützen können. Warum sonst hättest Du so viele Kinder in die Welt setzen sollen? Die sind doch eine Art Rentenplan.

SKARSGÅRD: Irgendwer muß mal für mich sorgen!

Habt Ihr daran gedacht, einen der Skarsgård-Söhne auch als Filmsohn in Ein Mann von Welt zu besetzen?

MOLAND: Nein, das ging nicht, weil der Filmsohn gebürtiger Norweger sein mußte. Stellans Söhne hätten alle einen schwedischen Akzent gehabt.

SKARSGÅRD: Aber ich finde, Jon Øigarden, der meinen Filmsohn spielt, macht einen sehr guten Job. Er ist ein guter Schauspieler.

David Fincher dreht jetzt das Remake von Verblendung, in dem Du die Rolle des Martin Vanger spielst. Du hast auch schon in einem Original gespielt, das dann neu verfilmt wurde: Insomnia. Was hältst Du von Remakes?

SKARSGÅRD: Wenn Du im Remake etwas besser machst, ist es gut. Wenn Du das Original nur kopierst – was oft geschieht – oder wenn das Remake nur ein größeres Publikum ansprechen will, indem es banalisiert, dann ist es überflüssig. Aber ich denke, The Girl with the Dragon Tattoo, wie Verblendung im Englischen heißt, wird ein besseres Remake. Nicht zuletzt, weil David Fincher ein guter Regisseur ist.

Gab es damals Gespräche, in der schwedischen Verfilmung mitzuspielen?

SKARSGÅRD: Ich wurde mal drauf angesprochen, aber es kam aus verschiedenen Gründen nicht zustande. Ich weiß auch nicht mehr, für welche Rolle ich da vorgesehen war.

MOLAND: Lisbeth Salander.

SKARSGÅRD: Ja, genau, die war's.

Meine letzte Frage: Ulrik ist – wie der Originaltitel sagt – ein ziemlich netter Mann. Aber würdet Ihr ihn auch gerne zum Freund haben?

(Beide lachen)
MOLAND: Ja, schon. Ich meine, er ist freundlich und loyal. Wir müßten ihn nur davon überzeugen, diesen lächerlichen Pferdeschwanz los zu werden. Es ist beschämend, Freunde zu haben, die so in der Vergangenheit leben.

SKARSGÅRD: Er redet nicht so viel. Er würde einfach hier bei uns sitzen, alles anschauen und sich darüber ärgern, daß er nicht rauchen darf. 2010-12-06 10:03
© 2012, Schnitt Online

Sitemap