— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Alexander Beneke und Carsten Baiersdörfer

vom DVD-Label »Bildstörung«

Aus dem Schatten

Von Jochen Werner Zunächst einmal: Wer sind die Personen hinter Bildstörung?

CARSTEN BAIERSDÖRFER [CB]: Nach meinem Studium der Filmwissenschaften in Bochum habe ich 2004 mit einem Praktikum bei Rapid Eye Movies angefangen und war dort dann bis Ende 2006 Produktmanager für DVDs. Nach einem kurzen Stelldichein bei Pandora Film in Aschaffenburg stecke ich seit April 2008 bis über beide Ohren im Projekt »Bildstörung«. Ich sitze in Hanau und kümmere mich in erster Linie um die Recherche, die Kommunikation mit unseren Lizenzgebern, die Materialbeschaffung und die ganzen redaktionellen Sachen: Übersetzung der Texte, Erstellen der Untertitel, Covertexte, Website etc.

ALEXANDER BENEKE [AB]: Ich habe nach dem Medieninformatik-Studium zusammen mit Studienfreunden in Köln eine Firma für DVD- und Postproduktion aufgebaut. Hier erstellen wir unter anderem für verschiedene deutsche Verleiher die DVD- und Blu-ray-Master. So habe ich dann Carsten als Produktmanager bei Rapid Eye Movies kennengelernt. Daneben bin ich Dozent an einigen Hochschulen in den Bereichen Audio-, Video- und DVD-Produktion. Bei »Bildstörung« teilen Carsten und ich uns die Geschäftsführung, und bei der Arbeit an den einzelnen DVD-Veröffentlichungen kümmere ich mich zusammen mit dem Team von »Group of Pictures« um die ganze technische Umsetzung. So zum Beispiel Authoring, Programmierung, Video- und Tonbearbeitung. Aber eine wirklich strikte Arbeitsteilung gibt es bei uns nicht. Im Prinzip kümmert sich jeder irgendwie um alles. Daneben sind auch noch einige freie Mitarbeiter fester Bestandteil unseres Teams, allen voran die Grafiker Oliver Bull, Dirk Strödel und Sonja Möller, die immer alles geben, um unseren DVDs auch äußerlich Leben einzuhauchen; dann die Jungs vom Authoringstudio »Group of Pictures« und unser Freund und Experte für osteuropäisches Kino Daniel Bird, der uns mittlerweile schon bei drei Projekten mit vollem Einsatz unterstützt hat.

Wann habt ihr beschlossen, das Label zu gründen, und was war euer Antrieb?

CB: Ich hatte schon lange mit dem Gedanken gespielt, es mal mit einem eigenen Label zu versuchen. Ausschlaggebend dafür, es schließlich in die Tat umzusetzen, war dann einerseits meine damalige berufliche Situation, die kurzfristig in einer Sackgasse steckte. Somit war ich also in jedem Fall gezwungen, neu anzufangen. Dann kam Alexander dazu, mit dem ich vorher schon öfters in Gedanken dieses Szenario durchgespielt hatte und der nun – zufällig zur gleichen Zeit – ebenfalls große Lust hatte, den Schritt zum eigenen Label zu wagen. Damit war die Zeit reif, um es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Wir hatten vorher schon in der Branche zu tun – und uns ist immer aufgefallen, daß die Filme, die uns persönlich schon immer am besten gefallen haben, irgendwie vor allem hierzulande nur ein Schattendasein fristen. Daß es anders geht, sieht man international, vor allem in den USA, Frankreich und Großbritannien, wo einige kleine Labels bereits schon seit längerem den abseitigen bzw. unterschlagenen Film erfolgreich entdeckt haben und sich sehr liebevoll darum bemühen – ganz zu schweigen von den Großen des Business: der »Criterion Collection« und der Edition »Masters of Cinema«. Wir fanden, daß es auch in Deutschland möglich sein sollte, Filme abseits des Mainstream in guter Bild- und Tonqualität, mit umfangreichem Bonusmaterial und Booklet zu veröffentlichen.

Wie würdet ihr den inhaltlichen Zusammenhang zwischen all euren ja doch recht unterschiedlichen Filmen beschreiben?

AB: Wir suchen für unsere »Drop-Out«-Reihe hauptsächlich Filme, die, wie wir finden, in ihrer Art einzigartig sind: Marquis, der mit seinen Schauspielern in Tierkostümen ein eigenwilliges Grundkonzept hat, das noch dazu großartig funktioniert. Bad Boy Bubby, eine echte emotionale Achterbahnfahrt, noch dazu mit insgesamt 32 verschiedenen Kameramännern gedreht. Der fiebrige Possession, in dem Andrzej Zulawski ein Ehedrama quasi als Monsterfilm inszeniert. Im Glaskäfig, ein radikales vielschichtiges Drama über Mißbrauch und das komplexe Verhältnis zwischen Täter und Opfer. Ein Kind zu töten…, der mit seiner atmosphärischen Inszenierung trotz gleißenden Sonnenlichts mit Genrekonventionen bricht und dabei auf, wie wir finden, komplexe und intelligente Weise ein sehr heikles Thema behandelt. Overlord, der auf einzigartige Weise Dokumentar- und Spielfilmaufnahmen vermischt, ohne dabei aber auch nur für eine Sekunde das fiktionale Terrain des Spielfilms zu verlassen. La Bête, der das Genre des 1970er-Jahre-Erotikfilms exzessiv bis an seine Grenzen ausreizt, es auf den Kopf stellt und nebenbei noch einen augenzwinkernden Kommentar über Geschlechterrollen abgibt. Und schließlich unsere neueste Veröffentlichung Valerie – Eine Woche voller Wunder, ein surrealer Bilderrausch und eine einzigartige Mischung aus Pubertätsdrama, gotischem Märchen und Musik. Das sind allesamt Filme von Filmemachern, die eine ganz eigene Vision davon haben, was Film kann, darf und soll. Filme, die experimentieren und neue Ausdrucksformen entwickeln, die anders erzählen und manchmal Bilder zeigen, die man so noch nicht gesehen hat…

CB: Unser Programm spiegelt im Prinzip unseren persönlichen Geschmack wider. Es ist uns wichtig, daß wir beide zu hundert Prozent hinter jedem einzelnen Film stehen. Es gibt noch eine ganze Reihe von Filmen, die wir großartig finden, die aber hierzulande aus dem einen oder anderen Grund entweder im Laufe der Jahre vergessen wurden – Marquis lief ja damals mit 50.000 Kinobesuchern durchaus akzeptabel in den deutschen Programmkinos – oder die von vornherein irgendwie durchs Raster gefallen sind. Im Glaskäfig oder Possession wurden z.B. bisher nie in Deutschland veröffentlicht. Filme, die also noch nicht erschienen sind, die uns aber begeistern, weil sie etwas Besonderes haben – Kamera, Musik, Atmosphäre, Story; ganz egal, solange man das Gefühl hat, das ist echtes, außergewöhnliches Kino. Mehr Einschränkungen gibt es eigentlich nicht – welches Genre, ob Independent- oder Major-Produktion, aus welchem Land – das alles spielt für uns keine Rolle. Es muß einfach nur »Klick« machen, wenn man sie sich ansieht. Da unser Herz – nicht nur, aber in besonderem Maße – für abseitige Filme schlägt, weil sie unserer Ansicht nach oft einfach auch die interessanteren sind, hat sich über die Zeit eine ziemliche Liste mit Titeln angesammelt, von denen wir glauben, daß sie zu Unrecht ein Schattendasein fristen. Das kann natürlich tausend Gründe haben, nicht zuletzt einfach rechtliche Probleme oder unverhältnismäßig hohe Preisvorstellungen – aber wir waren neugierig und wollten es herausfinden. Dann geht die Recherche los und in manchen Fällen hat man Glück und es klappt. Jetzt haben wir acht Titel ganz ordentlich hinbekommen, die nächsten vier bewegen sich langsam zur Startrampe – und über jeden einzelnen freuen wir uns wie kleine Kinder. Wie es danach weiter geht, wissen wir selbst noch nicht. Ideen haben wir, aber es hängt natürlich immer davon ab, ob man da auch zusammenkommt. Wir lassen uns einfach überraschen…

Gibt es in Deutschland überhaupt einen Markt für Filme, die sich so konsequent zwischen Avantgarde und Genre bewegen wie viele eurer Titel?

AB: Da Nischentitel unserer Meinung nach die einzige Möglichkeit (aber auch eine Chance) sind, sich als Kleinst- und Independentlabel überhaupt irgendwie zu positionieren, hat bei uns vom Konzept und unseren Vorlieben her insgesamt eigentlich alles wunderbar zusammengepaßt. Daß es auch in Deutschland einen Markt für solche Filme gibt, ist wohl unbestritten. Die Frage ist nur, wie groß ist er? Man kann in etwa Vermutungen darüber anstellen, wie die Zielgruppe aussehen könnte und dann darüber spekulieren, wie viele Menschen man in Deutschland dazu zählen darf. Wäre Film aber tatsächlich so kalkulierbar, wird es schwierig, sich die ganzen Flops und Mißerfolge der Branche zu erklären. Leider ist »guter« Film nicht gleich »erfolgreicher« Film – um so weniger, wenn man, wie wir, auch noch gerade solche Filme mag, die aus ökonomischer Sicht zum größeren Teil ja eher zu den Flops gezählt werden dürften. Was sich aber bisher sagen läßt, ist, daß es eine Gruppe von Leuten gibt, die unserer Filmauswahl nach nur 8 Veröffentlichungen schon vertraut und eine DVD auch dann kauft, wenn Sie den Film nicht kennen. Und die sich für unbekannte Titel begeistern lassen, in Internetforen lange vor Veröffentlichung unserer DVDs schon über den Film diskutieren und Vorschläge oder Wünsche zu den Veröffentlichungen äußern. Das finden wir großartig! Wenn wir es schaffen, auf diesem Weg eine kleine, aber treue Fangemeinde um uns zu versammeln, die unsere Freude und unseren Geschmack an Filmen teilt – und es im Idealfall darüber auch noch schaffen sollten, völlig unbekannten Filmen zu etwas Aufmerksamkeit zu verhelfen, dann haben wir erreicht, was wir in erster Linie vorhatten. Und darüber würden wir uns riesig freuen.

Wie gelingt es euch, derart aufwendige Editionen für Non-Mainstreamfilme zusammenzustellen? (Banal gefragt, und hier dürft ihr gern ausweichend antworten: »Rechnet sich das?«)

AB: Als wir beschlossen haben, die Idee, die hinter Bildstörung steht, umzusetzen, war uns natürlich klar, daß es sich um eine kleine Nische handelt. Um solche Editionen überhaupt möglich zu machen, kann man nicht mit dem Preissystem der Majorlabels arbeiten, deshalb sind unsere DVDs natürlich teuerer als Mainstreamfilme. Das alleine reicht aber nicht, um solche Projekte zu finanzieren. Wir sind glücklicherweise in der Lage, viele inhaltliche und technische Aspekte der Editionen selbst realisieren zu können, sei es die Produktion des Bonusmaterials, die Übersetzungen der Untertitel oder Booklettexte. Und es hilft, daß wir mit unserer Begeisterung für die Filme oft Autoren und Produzenten anstecken konnten, die dann noch Beiträge zu den Veröffentlichungen beisteuern, Ideen liefern oder uns ganz banal bei den Kosten entgegenkommen. Am Ende des Tages reicht es dann dafür, neue Filme kaufen zu können und optimistisch in die Zukunft zu schauen.

CB: Was den Umfang der Editionen angeht – all das war und ist nur durch den wirklich großartigen persönlichen Einsatz und die Begeisterung all der Leute möglich, die uns bei all dem geholfen haben, die mit uns die Leidenschaft und Liebe zu diesen Filmen teilen und gemeinsam mit uns Spaß daran haben, solches Bonusmaterial zu produzieren bzw. an solchen DVD-Editionen zu arbeiten. Allein geht das nicht – und bezahlen könnte man es nicht. Bei Possession und Valerie – Eine Woche voller Wunder z. B. war Daniel Bird maßgeblich beteiligt. Ohne ihn hätten wir die Dokus niemals zustande gebracht. Ebenso wäre ohne Andy Votel, Trish Keenan, Joseph A. Gervasi und Greg Weeks, ohne ihre Begeisterung für Valerie – Eine Woche voller Wunder und ihre Mithilfe an unserer DVD, das gesamte Projekt niemals in dieser Form umsetzbar gewesen. Das gleiche gilt für Agustí Villaronga, der sich so über unser Interesse an seinem Film gefreut hat, daß er bereitwillig und begeistert in einer kräftezehrenden Drei-Tage-Session mit uns in Köln sämtliches Bonusmaterial aufgenommen hat. Ebenso gilt das für all die Autoren, die unsere Booklets mit Texten versorgen: Jörg Hackfurth, Thomas Groh, Marcus Stiglegger, Michael Schleeh… Ich glaube allerdings fest daran, daß es bei Filmen wie den unseren auch nur dann funktionieren kann, wenn man sie sorgfältig editiert, sich um Extras bemüht und versucht, ihnen einen gewissen Rahmen zu geben. Ich kann mir nicht vorstellen (außer vielleicht bei La Bête), daß ein Film wie Im Glaskäfig irgendeine Chance hat, wenn er als Standard-DVD (noch dazu OmU) in den Regalen verschwindet. Die Filme sprechen ja hauptsächlich ein sehr spezielles Publikum an, das sich generell mit Film beschäftigt und das sehr viel Wert auf Qualität und Extras legt. Wir selbst tun das ja auch. Zudem ist es auch eine Frage des eigenen Anspruchs an seine Arbeit und welchen Stellenwert Film für einen selbst hat. Da die Filme, die wir herausbringen, uns sehr am Herzen liegen, ist uns ein angemessener Umgang mit ihnen einfach wichtig. Da wir auch keine Ambitionen haben, Global Player im Medienbiz zu werden, sehe ich es nicht so verbissen. Ich freue mich sehr über jeden einzelnen der acht Titel, die wir bisher veröffentlicht haben – jeder weitere, der noch dazu kommt, ist für mich einfach noch mehr Grund, mich zu freuen.

Auf welchen Wegen versucht ihr, neue Zuschauerschichten für eure Filme zu erschließen? Habt ihr das Gefühl, daß euch dies auch gelingt?

Was unsere Zielgruppenarbeit angeht, sind wir natürlich sehr darum bemüht, hauptsächlich den harten Kern der Filmliebhaber anzusprechen, dem es weniger um Genres oder bestimmte Stilrichtungen geht, sondern der prinzipiell offen für alles ist, was gute Filme ausmacht. Also all jene Filmsammler und -liebhaber in Deutschland, die sich über diverse Foren und Webpages im Netz auf dem Laufenden halten und auch bestens darüber informiert sind, was sich international auf dem Heimvideomarkt so tut, die sich mit Nischenfilmen auskennen und die mit Sicherheit einige Importe z.B. von »Criterion« im Regal stehen haben. Das war der Grund für uns, ein Labelforum zu eröffnen, und wir sind auch sehr offen allen Anfragen gegenüber, die von Bloggern und Fansite-Betreibern an uns herangetragen werden. Es wäre ganz großartig, wenn es uns gelingt, über unsere Auswahl und die entsprechende Präsentation unserer Filme bei diesem harten Kern an Leuten soviel Vertrauen zu gewinnen, daß zukünftige VÖs darüber, also über den Labelnamen und unsere Reihe, bereits eine bestimmte Zielgruppe erreichen, auch wenn die Titel jetzt nicht immer allen was sagen. Wenn wir das schaffen, haben wir erreicht, was wir uns anfangs vorgenommen haben. Darüber hinaus haben wir bei einzelnen Filmen natürlich auch versucht, spezielle Zielgruppen gezielt anzusprechen. Die Tatsache, daß unsere verschiedenen DVDs auch deutlich unterschiedliche Verkaufszahlen haben, zeigt, daß es zum Teil funktioniert hat und daß es doch auch eine Reihe von Gelegenheitskäufern gibt, die sich speziell nur für den einen oder den anderen Titel interessieren, aber es wäre sicherlich auch zuviel erwartet, daß man nur durch den Labelgedanken plötzlich alle Fans von La Bête auch mit einem Film wie Overlord begeistern könnte… Allerdings gibt es immer wieder ein paar Leute, die in diesen sehr unterschiedlichen Fankreisen unterwegs sind und ein sehr offenes Verhältnis zu Filmen haben, die durch eine bestimmte Veröffentlichung eines Labels auch Lust auf andere Filme aus dessen Programm bekommen, auf Filme, die sie bisher vielleicht nicht kannten oder die ihnen nie auf- oder eingefallen wären, und die ihnen vielleicht trotzdem gefallen. Und dahingehend denke ich sind wir auf einem guten Weg – denn der »harte Kern« von Fans unserer Veröffentlichungen hat definitiv zugenommen, und wenn auch nur in kleinem Maße, so aber doch stetig seit unserer ersten DVD. Das macht Mut für weitere Experimente. 2010-11-08 11:51
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