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Isabel Coixet

»Meine Filme sind eine Art Exorzismus«

Von Patrick Heidmann Schon für ihren Debütfilm Demasiado viejo para morir joven wurde Isabel Coixet 1990 in ihrer spanischen Heimat für den Goya nominiert, doch der internationale Durchbruch gelang ihr erst 2003 mit Mein Leben ohne mich. Seither hat die Regisseurin, die zunächst Geschichte studierte und in der Werbebranche Karriere machte, so unterschiedliche Filme wie das Bohrinsel-Drama Das geheime Leben der Worte oder die Philip Roth-Verfilmung Elegy gedreht. Für ihren neuen Film Eine Karte der Klänge von Tokio, der seine Weltpremiere 2009 in Cannes feierte, verschlug es Coixet nach Japan.

Frau Coixet, wo ist dieser Tage eigentlich Ihr Zuhause?

In den letzten drei Monaten bin ich so viel gereist, daß ich mich das auch schon gefragt habe. Edinburgh, Chile, Berlin – das waren sehr viele Hotels und Flughäfen in sehr kurzer Zeit. Aber eigentlich ist mein Zuhause nach wie vor Barcelona, wo ich geboren wurde und nun schon seit vielen Jahren ein Haus habe. Warum fragen Sie?

Nun, Ihre künstlerische Heimat scheint Spanien schon lange nicht mehr zu sein. Daß Sie dort einen Film gedreht haben, ist viele Jahre her…

Aber das ist doch das Schöne an meinem Beruf: daß man als Filmemacher ziemlich problemlos auch in anderen Ländern arbeiten kann. Die Möglichkeit, für und mit meinen Filmen auf Entdeckungsreise zu gehen, ist für mich enorm wichtig. Fast würde ich sogar sagen, daß es die Pflicht eines Regisseurs ist, auch unbekannte Territorien zu erkunden und nicht nur vor der eigenen Haustür zu drehen. Ich jedenfalls werde in anderen Städten und Ländern viel mehr inspiriert als in Barcelona, denn dort ist mir alles viel zu vertraut.

Viele Ihrer Kollegen scheinen sich allerdings sicherer zu fühlen, wenn sie in einer vertrauten Umgebung arbeiten.

Kann sein, aber ich halte Sicherheit als Filmemacher nicht für ein erstrebenswertes Gefühl. Wer sich auf der sicheren Seite bewegt, wird nie die wirklich interessanten Dinge entdecken. Natürlich kann es mitunter auch desaströse Folgen haben, wenn man sich vollkommen unsicher fühlt. Aber das Gegenteil empfinde ich eben als fürchterlich langweilig. Das Leben ist doch viel zu kurz, um Risiko und Abenteuern aus dem Weg zu gehen.

Aber wie viele Risiken gehen Sie denn ein? Den Dreharbeiten in einer fremden Stadt wie Tokio gehen doch sicher sehr viele Vorbereitungen und Recherchen voraus, oder?

Nicht so viele, wie Sie vermutlich denken. Das Entscheidende ist für mich, daß ich die Erzählperspektive für meine Geschichte gefunden habe. Ich muß genau wissen, wo meine Position als Regisseurin ist und auf welche Reise ich mein Publikum mitnehmen möchte. Wenn man das weiß – und wenn man die geeigneten Schauspieler gefunden hat – ist es eher zweitrangig, wie vertraut man mit dem Drehort ist.

Wobei man dazu sagen muß, daß Sie sich in Tokio schon ein wenig auskannten, bevor Sie dort drehten, nicht wahr?

Das ist richtig. Ich war schon mehrere Male dort und wußte auch von Anfang an, in welchen Ecken der Stadt ich unbedingt drehen wollte. Manches, wie etwa den alten Vergnügungspark, den ich in Eine Karte der Klänge von Tokio zeige, hatte ich schon bei meinem allerersten Tokio-Besuch entdeckt und damals bereits gewußt, daß ich eines Tages dort einen Film drehen würde.

Das klingt beinahe, als hätten Sie sich zuerst für Tokio als Schauplatz entschieden und dann nach der passenden Geschichte dazu gesucht.

Ganz so war es aber doch nicht. Zum Start meines Films Das geheime Leben der Worte war ich vor einigen Jahren für vier Wochen am Stück in Tokio. Ich ging damals endlich einmal auf den Tsukiji-Fischmarkt, wohin ich es vorher nie geschafft hatte. Dort sah ich eine junge Frau, die nach der Thunfisch-Versteigerung ihren Stand vom Blut und den Fischresten säuberte. Sie sah wunderschön aus und die Atmosphäre dieser Szenerie war sehr speziell. Ich begann also, Fotos von ihr zu machen, doch das machte sie unglaublich wütend. Die Frage, warum sie sich so dagegen sträubte, fotografiert zu werden, ging mir lange nicht aus dem Kopf – und allmählich wurde daraus meine Geschichte für den Film. Daß er in Tokio spielen mußte, ergab sich daraus natürlich als Notwendigkeit.

Sie reihen sich ein in eine lange Reihe von westlichen Filmemachern, die es nach Tokio gezogen hat. Wo liegt für einen Regisseur die Faszination dieser Stadt?

Mich fasziniert vor allem die Mischung aus sehr alten, klassischen Elementen und sehr viel Modernem. Daß gleich neben einem stillen, verwitterten Friedhof die Hochhäuser eines Vergnügungsviertels liegen können, finde ich extrem reizvoll. Außerdem mag ich die Schüchternheit der Menschen und ihre Umgangsformen. Aber mir gefallen auch ganz banale Dinge, die ich in Eine Karte der Klänge von Tokio zeige, wie den mutigen Sinn für Mode, diese Liebeshotels oder Karaoke. Nicht zu vergessen das Essen! Es gibt definitiv kein besseres »comfort food« als eine Schale Ramen.

Der Spanier in Ihrem Film sagt einmal, daß es eigentlich keine großen Unterschiede zwischen Japan und dem Rest der Welt gibt. Das klingt bei Ihnen jetzt anders…

Ja und nein. All das, was ich eben beschrieben habe, gibt es natürlich in dieser Form nur in Tokio. Aber gleichzeitig gibt es auch viele Gemeinsamkeiten. Unsere Crew beim Dreh bestand zur Hälfte aus Spaniern und zur Hälfte aus Japanern, da gab es überhaupt keine Probleme. Wir hatten teilweise sogar den gleichen schrägen Humor. Man sieht das ja auch am weltweiten Erfolg von Schriftstellern wie Haruki Murakami. Wenn die japanische Mentalität so grundlegend anders wäre als unsere, dann würden doch die Leser in Spanien oder Deutschland seine Romane gar nicht verstehen.

Also hätte Eine Karte der Klänge von Tokio rein theoretisch auch anderswo spielen können?

Die Geschichte als solche sicherlich. Allerdings findet man eine Protagonistin wie Ryu sicher nur in Japan. Es stand für mich nie in Frage, daß diese Frau eine Japanerin sein muß. Wie sie sich durchs Leben bewegt, mit dieser Mischung aus kalter Brutalität und zarter Zerbrechlichkeit sowie mit ganz speziellem Stolz, das ist schon sehr japanisch.

Vieles was Sie im Bezug auf Japan erwähnt haben, ist fast schon ein Klischee, von Karaoke bis hin zur Nudelsuppe. Hatten Sie keine Angst, so etwas in Ihrem Film zu zeigen?

Ach, ich war mir einfach sicher, daß das Publikum noch nie Sergi Lopez gesehen hat, wie er ziemlich miserabel Depeche Modes »Enjoy the Silence« singt. Außerdem habe ich mir einfach keine Gedanken darüber gemacht, was ein Klischee ist und was nicht. Ich selbst mag Karaoke, also wollte ich eine solche Szene in meinem Film haben. Zumal sich manche Klischees vermutlich ohnehin nie ganz vermeiden lassen, weswegen eigentlich jeder Ausländer, der dort dreht, sich solche Vorwürfe anhören muß.

Haben Sie sich denn mit den Tokio-Filmen Ihrer Kollegen auseinandergesetzt?

Nicht im Speziellen, nein. Wichtiger war es mir, japanische Filme zu sehen, etwa von Hirokazu Koreeda. Zumal es ja einen entscheidenden Unterschied gibt zwischen Eine Karte der Klänge von Tokio und beispielsweise Sofia Coppolas Lost in Translation oder Doris Dörries Kirschblüten. Dort ging es immer um den Blick des Fremden auf Japan, während bei mir der Fremde nur eine Nebenfigur ist und die Japaner im Zentrum stehen. Dörries Film hat mir aber übrigens gut gefallen in seiner Schlichtheit und Emotionalität.

Dörrie fand es damals nicht immer ganz einfach, in Tokio zu drehen, was sowohl an der Sprache als auch an fehlenden Drehgenehmigungen lag…

Ich fand das recht problemlos, aber ich habe ohnehin noch nie in meinem Leben Dreharbeiten als schwierig empfunden. Zumindest nicht, wenn man es in Relation setzt zu wirklich anstrengenden Berufen wie dem eines Minenarbeiters. Verglichen mit dem Dreh auf einer Bohrinsel vor Belfast war Tokio außerdem ein Klacks! Und Genehmigungen? Wenn man keine hat, dreht man doch einfach trotzdem, oder? Ich bin es zumindest gewöhnt, ohne die Dinger zu arbeiten, sei es auf der Straße in Tokio, im Fontana di Trevi in Rom oder in der New Yorker U-Bahn. Manchmal kommt dann zwar die Polizei und verlangt, daß man aufhört oder droht gar mit Gefängnis. Aber wenn sie wieder weg ist, kann man ja weitermachen. Letztlich habe ich jedenfalls noch immer die Aufnahmen bekommen, die ich haben wollte.

Man verrät nicht zuviel, wenn man feststellt, daß auch Eine Karte der Klänge von Tokio sich nahtlos einreiht in Ihre Geschichten über den Tod und die Endlichkeit der Dinge. Was fasziniert Sie an dieser Thematik so?

Es ist eigentlich nicht so, daß ich mich von morgens bis abends nur mit dem Tod beschäftigen würde, und eigentlich bin ich auch wirklich kein morbider Mensch. Aber schon als Kind hatte ich zumindest das Bedürfnis, darauf vorbereitet zu sein, daß eines Tages alles vorbei ist. Ich wollte das Thema nicht einfach ausblenden, sondern ihm bewußt begegnen. Oh Mann, wo ich das gerade so sage erscheint es mir doch so, als sei ich vielleicht besessen vom Tod. Und meine Filme sind dann wohl eine Art Exorzismus, um diese Besessenheit in den Griff zu bekommen.

Wir können also demnächst eine weitere Geschichte über den Tod erwarten?

Mal sehen, noch ist überhaupt nichts spruchreif. In meiner Schublade liegen derzeit ungefähr acht Drehbücher und ich habe keine Ahnung, welches sich davon als nächstes auf die Beine stellen läßt. Das ist in Zeiten wie diesen ja noch schwieriger als sonst. Aber derzeit sieht es danach aus, als würde ich als nächstes einen Film drehen über ein 15-jähriges Mädchen und all die Ängste und Sorgen, die man als Teenager hat. Vielleicht lasse ich da den Tod mal außen vor. 2010-08-03 15:10
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