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Tom DiCillo

Tom DiCillo 2009 im Gespräch mit dem Publikum nach der Vorführung von Delirious

»Aber was ist mit Jim?«

Von Werner Busch Bereits im Sommer 2009 sprach ich mit Tom DiCillo über seinen neuen Film When You're Strange, der sich zu diesem Zeitpunkt noch in einer zweiten Postproduktionsphase befand. Der ursprünglich von DiCillo selbst eingesprochene Off-Kommentar hatte auf Festivals bei Kritikern für Unmut gesorgt und war gerade von Johnny Depp neu eingesprochen worden. Außerdem redeten wir über seine wechselhafte Karriere sowie die ganz besonderen Herausforderungen und Eigenarten des unabhängigen Filmemachens.

Für Independent-Filmer ist jedes Projekt immer ein besonders intensiver und schwieriger Kampf. Wofür die Mühen? Wofür lohnt es sich, Filme zu machen?

Ich glaube, daß es beim Filmemachen darum geht, diese riesige Maschinerie zu benutzen, um sehr Kleines, sehr Flüchtiges und Einmaliges einzufangen.

In Ihrem letzten Spielfilm Delirious findet sich dafür ein sehr gutes Beispiel: Michael Pitt beobachtet am Ende einer Szene eine Fliege, die sich auf dem Tisch in etwas Klebrigem verfangen hat und verzweifelt zu entkommen versucht. Und es schließlich schafft. Das war ein sehr magischer Moment. Auch weil es ein reiner Glücksfall ist, was die Fliege dort tut.

Absolut richtig. Wenn die Götter mit dir sind, entstehen solche Momente. Wenn sie nicht mit dir sind, ist es ein reiner Albtraum. Film ist ein solch technisches und kompliziertes Medium, daß man schnell vergißt, warum man das eigentlich macht. Man macht es – hoffentlich – um etwas zu entdecken. Etwas Einzigartiges muß vor der Kamera zum allerersten Mal passieren.

Sie haben als Kameramann u.a. für Jim Jarmusch gearbeitet, wie kam es dazu?

Als ich 1979 meinen Abschluß an der New Yorker Filmschule gemacht habe, gab es so etwas wie eine Indieszene noch nicht. Es gab nur einzelne Filmemacher wie John Cassavetes oder John Waters, aber niemand hatte eine Ahnung, was man mit ihren Filmen machen sollte. Es gab kein bestimmtes Publikum dafür. Ich wußte also, daß ich Filme machen wollte, hatte aber keine Ahnung wie. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich das herausgefunden habe. Eines der Dinge, die ich machte, um in der Sache drinzubleiben, war immer wieder einen Film zu fotographieren. Ich wollte nie Kameramann werden. Das ist einfach so »passiert«. Aber: Ich habe Erfahrungen an diesen Filmsets gewonnen, die ich für immer mit mir tragen werde. Und als Kameramann habe ich auch gelernt, viele verschiedene Probleme zu lösen. Wenn man sich meine Filme anschaut, dann sind das aus kameratechnischer Sicht recht einfache Filme. Die Einstellungen sind reduziert auf das, was sie sein müssen, um für das Schauspiel effektiv zu sein.

Sie waren 1980 mit Jim Jarmusch hier in Deutschland, um Permanent Vacation vorzustellen. In einem Interview hatte er damals gesagt, daß es in New York eine unabhängige Filmszene gäbe…

Es fing damals an. Es gab eine Filmszene; die meisten drehten auf Super8 und zeigten diese Filme dann in Bars. Der Film wurde direkt auf die Wand projiziert. Die Leute begannen sich dafür zu begeistern, daß man Spielfilme »für nichts« drehen konnte. Und da war Jim dabei. Er machte Permanent Vacation und dann Stranger than Paradise, und dieser Film zeigte der Welt, daß man einen sehr persönlichen Film für sehr wenig Geld machen kann und damit in das Bewußtsein der Öffentlichkeit eindringen kann.

Sie haben in den 1990ern drei Filme in aufeinander folgenden Jahren gemacht: Living in Oblivion, Box of Moon Light und The Real Blonde. War es zu dieser Zeit einfacher, Filme zu finanzieren und sie bei einem Verleih unterzukriegen?

Ja, es war etwas einfacher. Das System hat damals noch funktioniert. Aber das hat sich auch schnell wieder verändert. Was in den 1990ern die meiste Veränderung gebracht hat, war der Erfolg von Tarantino. Er hat den Independentfilm zu einem Moneymaker gemacht. Man muß da zurückdenken an das Jahr 1984 und Stranger than Paradise, der als großer Erfolg bezeichnet wurde, weil damit zwei Millionen Dollar eingespielt wurden. Weißt Du wie viel Pulp Fiction eingespielt hat? Hunderte von Millionen. Also sagten sich die Leute: »Hey! Independent! Das ist es jetzt!« Aber das bedeutete nun, daß man auch für einen 500.000-Dollar-Film Harvey Keitel kriegen mußte. Alle sagten sich damals: »Hey! Ich will auch so viel Geld verdienen. Gebt mir die Stars!« Aber ich hatte immer gedacht, daß unabhängiges Filmemachen nichts mit Stars zu tun hat. Aber schlußendlich drehte sich auch hier alles um die Stars. So ist das auch heute noch. Wenn man heute zu einem unabhängigen Filmemacher geht und sagt: »Wir mögen dein Drehbuch. Aber du mußt Tom Cruise besetzen.« Sie würden das alle sofort und atemlos vor Begeisterung machen. Vor zwanzig Jahren allerdings hat es uns mit Stolz erfüllt, und es hat auch sehr viel Spaß gemacht, zu sagen: »Warte mal! Hollywood? Fuck you, Hollywood!«

Was bedeutet dann der Begriff »Independent Cinema« in den USA heute?

Ich glaube, er hat keine Bedeutung mehr, er muß neu definiert werden. Ich kann mich noch nicht einmal an den letzten echten Independentfilm erinnern, den ich gesehen habe. Ich bin ein absolut unabhängiger Filmemacher, aber es fällt mir schwer, diesen Terminus zu benutzen. Mit dem Wort »Independent« wird Werbung gemacht. Aber es gibt keinen, der zu mir käme und sagt: »Hier ist das Geld.« Bei jedem Film muß ich selbst ganz von vorne anfangen.

When You're Strange ist ein Film über die legendäre Band »The Doors«, es ist Ihr erster Dokumentarfilm. Was fasziniert Sie an der Band und warum haben Sie den Stoff dokumentarisch aufgearbeitet?

Man war auf mich zugekommen, weil neues Filmmaterial aufgetaucht war, aus dem ein Dokumentarfilm entstehen sollte. Ich sah mir das Material an, das zwischen 1966 und 1971 entstanden ist und von dem nur kleine Bruchstücke bislang gezeigt worden waren. Aber nur in sehr schlechter Qualität. Das Material, das ich sah, hatte eine überragende Qualität. Nachdem ich das gesehen hatte, wußte ich, daß ich einen Film machen wollte, der ausschließlich aus diesem Material besteht. Es gibt deshalb keine Interviews, keine Talking-Heads. Es ist die Geschichte der Doors, erzählt mit dem neuem Material. Johnny Depp hat den Kommentar eingesprochen.

Zuerst hatten Sie das Voice-Over selbst eingesprochen. Wieso haben Sie das nicht verwendet?

Bei den ersten Vorführungen des Films wurde meine Narration von einigen Kritikern bemängelt. Nicht vom Publikum, viele Leute fanden es sehr gut. Das war nur eine vorübergehende Meinung.

Den Besucherzahlen sollte ein Name wie Johnny Depp aber sicherlich nicht schaden.

Der Film wird dadurch sicherlich noch akzeptabler sein, ja.

Wie würden Sie den fertigen Film charakterisieren?

Der Film ist wie eine großartige Reise, man fühlt die Doors, sie leben. Es ist, als wenn sie brandneu wären. Ich bin sehr stolz auf When You're Strange. Ich habe ihn wie einen narrativen Film gestaltet, es gibt eine klare Abfolge, Anfang, Mitte, Ende. Aber er fühlt sich an wie ein seltsamer Traum.

Werden in dem Film auch die Probleme innerhalb der Band zur Sprache kommen? Etwa das schwierige Verhältnis zwischen Morrison und Gitarrist Robby Krieger bei dem Album »The Soft Parade«?

Genau um solche Dinge wird es gehen. Wobei es bei »The Soft Parade« Manzareks Idee war, diese ganze Orchestrierung reinzunehmen. Sie wollten damit ihre Version von »Sergeant Peppers« machen.

Jim Morrison war ja Filmstudent und hat einige Projekte realisiert. Werden wir in When You're Strange mehr über den Filmemacher Morrison erfahren?

Nein, darüber wird nicht erzählt. Es ist ein Film über die Doors. Viele der Kritiken zum Film sagten: »Hey, aber was ist mit Jim?« Und ich: »Das ist ein Film über die Doors!« Es geht um vier Typen, darum geht es. Sonst hätte ich einen Film allein über Jim Morrison gemacht. Wenn ich über ihn als Filmemacher reden würde, warum dann nicht auch über Ray Manzarek und sein Verlangen, Musik in Poesie zu verwandeln? Oder die anderen Bandmitglieder und ihre Projekte… Ich habe mich also auf die gesamte Band als Einheit fokussiert. Natürlich kann man diese Bandgeschichte nicht ohne einen besonderen Fokus auf Jim Morrison erzählen, das muß man. Aber mein Ziel war es, daß die anderen immer beteiligt sind. Und das hat sehr gut funktioniert.

Sie sagten vorhin, daß When You're Strange sich wie ein Traum anfühlt. Das ist interessant, denn alle Ihre Filme thematisieren Träume, zumeist die der Protagonisten. Entweder leben sie einen Traum oder erträumen sich ein besseres Leben.

Ja, da stimme ich zu. Es ist interessant, weil ich sagen würde, daß Delirious vielleicht der Film ist, der das am meisten zeigt. Ein Teil von mir liebt es, völlige Unschuld zu sehen. Aber man kann in der Welt nicht mit völliger Unschuld überleben. Sie wird dich zerstören. Ich kenne beide Seiten. Aber es stimmt, ich liebe Charaktere, die Träumer sind, die etwas anderes, besseres, wollen. Kann ich von diesen Beschränkungen wegkommen, die andere Menschen mir auferlegen? Meine Eltern, meine Freunde, mein Beruf, mein Leben… Kann ich frei sein? Diese Fliege in Delirious ist also vielleicht eine Metapher für jeden meiner Filme. 2010-07-01 16:00

Info

Dieser Text ist eine überarbeitete und erweitere Version des abgedruckten Interviews.

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