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Lancelot von Naso

Lancelot von Naso bei den Dreharbeiten zu Waffenstillstand

»Man kann nur versuchen, nicht ganz daneben zu liegen.«

Von Gerrit Booms Ein beachtlicher Erstling packt ein in Deutschland bislang unberührtes Thema an: Zwischen den Fronten des Irakkrieges gibt es unzählige Helfer, von denen man in Deutschland zwar weiß, die es aber nicht in die Nachrichten schaffen. Von diesen Menschen, ihren Ambitionen und ihren Problemen handelt Waffenstillstand. Mit dem Schnitt sprach Regisseur Lancelot von Naso über sein Debüt, die Berichterstattung in den Medien und die Berechtigung von humanitärer Hilfe.

Für einen Debütfilm gibt es sicherlich Themen, die leichter zu recherchieren und einfacher zu drehen sind. Warum hast Du trotzdem ausgerechnet das Thema Krieg gewählt?

Zum einen hat mich ein Artikel über eine junge Frau inspiriert, die genau so einen Transport tatsächlich gemacht hat. Wir sitzen Milchkaffee trinkend in Berlin, München, Köln oder Hamburg, während andere Menschen sich entscheiden sehr viel zu riskieren, um zu helfen. Diese Hingabe hat mich fasziniert. Zum anderen ist Waffenstillstand für mich nicht zwangsläufig ein Film über den Krieg, sondern eher über eine andere Seite im Krieg, die der Helfer und Reporter. Normalerweise bekommen wir Filme aus Sicht der Kriegsparteien, meist der der Amerikaner, zu sehen. Dort sind schlichtweg die Gelder vorhanden, solche Filme zu drehen. Ich wollte aber diese dritte Seite zeigen. Deswegen ist es für mich auch kein Kriegsfilm, sondern die Geschichte von fünf Menschen, die versuchen, die Welt ein Stück in die richtige Richtung zu rücken und sich gleichzeitig immer der Frage stellen müssen, ob es in dieser örtlichen und politischen Gegebenheit überhaupt ein richtig oder falsch gibt.

Haben wir in Deutschland ein falsches beziehungsweise überhaupt noch ein Verständnis von Krieg?

Im Vorfeld haben wir lange recherchiert und uns mit sehr vielen Menschen getroffen. Dabei ist mir immer wieder aufgefallen, wie wenig man eigentlich weiß. Sowohl über die sehr komplizierten politischen Zusammenhänge als eben auch über diese Menschen zwischen den Fronten. Je nach Lage sind zwischen 850 und 1240 deutsche Helfer in Afghanistan und im Irak, über die man, drastisch gesagt, nur etwas erfährt, wenn sie entführt oder geköpft werden. Gleichzeitig sind unsere Nachrichten seit Jahren voll von Autobomben. Daran haben sich zu viele Leute schon zu sehr gewöhnt.

Hast Du Indizien gefunden, warum das so ist? Warum gehen Afghanistan, der Irak oder afrikanische Länder, in denen Bürgerkriege herrschen, hier so unter?

Ich denke schon, daß eins der großen Probleme unsere Form der Berichterstattung ist. Ich hoffe, daß man das im Film erkennt. Natürlich ist da die Figurenebene, die eine kleine, emotionale Geschichte erzählt, und die grundsätzliche Frage nach der Rechtfertigung von internationaler Hilfe, also: Dürfen wir als Europäer bei solchen Konflikten überhaupt unsere Augen verschließen? Vor allem aber geht es uns um die Berichterstattung. Es ist ein großer Unterschied, ob mich die Nachrichten andauernd über Autobomben und ihre Opfer informieren oder über die Umstrukturierung des Wahlrechtes, die Stammesbeziehungen beeinflußt. Letztere ist natürlich schwerer vermittelbar, doch es würde das Bild nicht ganz so zweidimensional machen. Unsere Nachrichtenstruktur ist aber eben anders: Wer die Welt in 15 Minuten abhandelt, braucht griffige Aufhänger.

War es, gerade mit dem Gedanken an solche Aufhänger, schwierig, Förderer für eine differenzierte Sichtweise zu finden – oder hat dies die Suche eher erleichtert?

Ich glaube nicht, daß es an der Thematik lag, aber die Suche war generell sehr schwierig. Wir hatten ein enormes Strukturproblem durch den geplanten Auslandsdreh, was für Landesförderungen nicht so attraktiv ist. Deswegen waren wir schon kurz davor, das Projekt aufzugeben, als ich durch einen Zufall Dario Suter kennen gelernt habe, der seine Diplomarbeit über Kriegsreportagen in den Golfkriegen geschrieben hatte. So kamen am Ende sehr viele Finanzierungsbausteine zusammen.

Stichwort Auslandsdreh. Ihr laßt verschiedene Regionen in Marokko scheinbar selbstverständlich wie den Irak aussehen. Wie schwer war das tatsächlich?

Wir wussten von Anfang an, daß wir tricksen müssen. Andere Filme mit ähnlichen Themen oder Szenenbildern haben ja mindestens das zehnfache Budget. Bei Wüstenaufnahmen am Tag stellt das noch kein großes Problem dar, die sieht ja prinzipiell überall gleich aus. Die Häuser- und Stadtmotive konnten wir nur mit Engagement wettmachen. Also bin ich mehrere Wochen durch Marokko gefahren, meist zusammen mit meinem Kameramann, und habe unzählige zerstörte und nicht fertig gestellte Häuser und Ruinen kartographiert, mit GPS-Daten versehen und sie dann zu unserer Drehstrecke hinzugefügt. Obendrein muß man auch zugeben, daß wir eine kleine Second Unit hatten, die einen großen Beitrag dazu geleistet hat, daß der Film jetzt so aussieht. Ich glaube, alles in allem hat das gut funktioniert. Bei unserer Welturaufführung beim Festival in Montreal wurden wir von einem amerikanischen Journalisten sogar gefragt, wie wir denn an eine Drehgenehmigung im Irak gekommen seien.

Waffenstillstand ist auch ein Kammerspiel in einem engen Auto. Permanent reiben sich die Protagonisten aneinander. Wie wichtig war Dir diese Reibung bei der Arbeit?

Jenseits der politischen Dimension, die die Figuren da diskutieren, steht hier natürlich auch die Erkenntnis im Raum, daß sie zwar durchaus unterschiedlicher Meinung sind, aber ja irgendwie alle Recht haben. Solche Situationen durchziehen den Film mit immer wechselnden Allianzen. Ansonsten ist dieser Kammerspiel-Effekt gar nicht zwangsläufig am Auto festzumachen, de facto spielen nämlich nur etwa 30 Prozent des Films in dem Bus. Aber da schwelt eben so eine Stimmung der Unsicherheit und Gefahr.

Zeitweise drängt sich das Gefühl auf, daß sich diese Fünf immer, wenn es zu heiß wird, zusammenschließen – abschotten gegen das, was außerhalb des Autos ist. Wolltest Du das?

Insgesamt sind ganz viele Szenen des Films nicht erfunden, sondern in der Recherche gefunden. Etwas, das sich in den Berichten der Reporter, mit denen wir gesprochen haben, immer wiederholt hat, ist die Bestätigung dieser Situation. Jedes folgende Auto kann eine Gefahr sein, hinter jeder Straßenecke kann eine Straßensperre drohen und letztlich sind alle sehr nervös und haben Angst. Man kann sich nicht verständigen, man weiß nicht immer, ob man Gast oder Geisel ist. Natürlich ist das Auto dann auch ein gewisser Schutzwall. Das heißt aber nicht, daß das Draußen austauschbar würde. Denn im Endeffekt sind ja alle vor Ort, weil sie genau dort etwas erreichen wollen und sich im kleinsten Nenner vollkommen einig sind.

Gleichzeitig, Du hast es ja schon angesprochen, steht immer wieder die Hilfe an sich auf dem Prüfstand. Im Kriegszustand sind aber schnelle, vielleicht intuitive Antworten gefordert.

Das ganz große Dilemma ist ja eben erst mal, ob wir als Mitteleuropäer überhaupt zur Hilfe berechtigt oder genötigt sind. Sozusagen führen die schwebenden Fragen, wem man wie hilft und wie man in solchem Chaos sein bißchen Hilfe verteilt, was man tut und was man nicht tut, im Endeffekt immer zu Überforderung. Von außen betrachtet steht also eher die grundsätzliche Legitimation auf dem Prüfstand. Man sagt immer, das Erste, was im Krieg verloren ginge, sei die Wahrheit. Aber im Krieg geht als Erstes immer die Möglichkeit verloren, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Es gibt einfach zu viele Dilemmas. Immer wieder gibt es Pattsituationen, in denen niemand gewinnen kann. Natürlich kann man philosophisch und ethisch darüber diskutieren. Aber wenn ich vor der Wahl stehe, den Vater oder sein Kind zu retten, ist die Entscheidung im Grunde trotzdem immer falsch. Wobei es natürlich trotzdem immer noch besser ist, als nichts zu tun. Im Krieg werden die meisten Entscheidungen obendrein aus Angst getroffen, was das Ganze nur noch schwieriger macht. Man kann nur versuchen, nicht ganz daneben zu liegen. 2010-04-06 15:34
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