— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Anna und Dietrich Brüggemann

Jacob Matschenz, Anna Brüggemann und Robert Gwisdek (v.l.n.r.) in Renn, wenn du kannst

Basteln an der Kreativfamilie

Von Kyra Scheurer Daß Drama auch anders geht, beweisen die Geschwister Brüggemann mit ihrer gemeinsam geschriebenen Dreiecksgeschichte zwischen einem Rollstuhlfahrer, seinem Zivi und einer Cello-Studentin – Regie Dietrich Brüggemann, weibliche Hauptrolle Anna Brüggemann. Renn, wenn du kannst mit Robert Gwisdek und Jakob Matschenz eröffnete am 12. Februar 2010 die Sektion »Perspektive Deutsches Kino« der Berlinale. Der Zorro Filmverleih bringt die »lustige Tragödie« im Herbst bundesweit in die Kinos.

Wie ist die Idee zu Eurem thematisch ungewöhnlichen Film entstanden, was war die Keimzelle der Geschichte?

DB: Die Idee ist wirklich ganz uralt. Ich war 1996/97 Zivildienstleistender in der individuellen Schwerstbehindertenbetreuung und dachte, man müßte mal einen Film über einen Rollstuhlfahrer und seinen Zivi machen, die sich in die gleiche Frau verlieben – das sollte allerdings damals noch auf einem Schiff spielen. Ich habe seinerzeit einen spastisch Behinderten betreut, der nicht im Rollstuhl saß, aber z.B. nicht gut schreiben konnte, weshalb ich dann seine BWL-Klausuren diktiert bekommen habe. Wir haben uns damals enorm gut verstanden, aber erst bei den Proben ist mir aufgefallen, wie viel von seiner Geisteshaltung in dem Film steckt.

Und hast Du dann noch einmal Kontakt mit ihm aufgenommen?

DB: Wir hatten über die Jahre ohnehin sporadischen Mailkontakt, im Film aber habe ich ihm auch ein kleines Denkmal gesetzt und eine U-Bahn-Station nach ihm benannt.

Und welche Elemente hast Du in der Drehbuchentwicklung beigesteuert, Anna?

AB: Ich habe vor allem die Figuren beeinflusst. Aber das ist im Nachhinein erstaunlich schwierig zu sagen, was genau von wem kam.

Ihr seid ein recht ungewöhnliches Autorenteam – Regisseur und Schauspielerin einerseits, Geschwister andererseits. Kommt es da manchmal zu Konflikten?

AB: Wir schreiben in erster Linie als Geschwister zusammen.

DB: Nee – als Gemüsehändler und Metzger (lacht). Die Frage ist schwer zu beantworten, weil uns ja ein Vergleich fehlt.

Wie ist denn diese geschwisterliche Kreativallianz entstanden?

AB: Das hat sich ergeben, als Dietrich seinen Diplomfilm vorbereitet hat und ich die Idee, in neun Einstellungen zu erzählen, spannend fand und mit den Inhalt ausdenken wollte.

DB: Da stand gerade dieses Thema Eltern bei uns im Raum, was soll das, wo kommt das her, wie geht das vielleicht wieder weg. Und Eltern haben wir ja dieselben… Das ging dann sehr locker von der Hand und hat Spaß gemacht, dann haben wir beschlossen, wir machen zusammen weiter.

Wie schreibt ihr konkret zusammen?

AB: Wir entwickeln zusammen ein sehr detailliertes Treatment und die genauen Figurprofile. Dann schreibt Dietrich die Dialoge und schickt mir die. Dann setzen wir uns zusammen und reden 800 Stunden über das, was da steht, probieren aus. Dann schreibt Dietrich um.

DB: Manchmal schicke ich Anna aber auch das Buch und sie macht dann gleich in den Dialogsätzen rum… Alles schon passiert. Demnächst machen wir das auch mal andersrum, daß Anna die Dialoge schreibt und ich halt mich erstmal raus. Andererseits gibt es gerade ein Buch fürs Fernsehen, das ich alleine schreibe, das ist auch mal wichtig, allein schon fürs Handwerkszeug.

AB: Dafür schreibe ich alleine Kurzgeschichten.

Anna, wie ist es, Szenen und Dialoge zu spielen, die man selbst geschrieben hat?

AB: Ich fand das erst sauschwer, hatte total Angst davor. Am Set war das aber dann ganz toll – schließlich hatten wir eine gemeinsame Vision von der Geschichte, die wir dann auch gemeinsam tragen und umsetzen konnten. Da sind dann die Regieanweisungen viel präziser, mußte die gemeinsame Wellenlänge nicht erst hergestellt werden. Eine große Chance ist natürlich außerdem, daß Dietrich weiß, wie ich wirklich bin, nicht nur wie ich am Set auftrete. Da bin ich nämlich eher nett und mädchenhaft.

DB: Und privat auch ruppig und burschikos…

AB: Er hat einfach bei mir ein wahnsinniges Gespür für alle Nuancen, die unnatürlich klingen. Das ist eine große Chance für mich als Schauspielerin.

Und worin liegt Deine Chance, Dietrich?

DB: Mit einer tollen Schauspielerin zu arbeiten! Man braucht einfach gute Leute, mit denen man auch ein Vertrauensverhältnis hat oder aufbauen kann.

Wie hast Du Deine beiden großartigen männlichen Hauptdarsteller Robert Gwisdek und Jakob Matschenz gefunden?

DB: Das war das Resultat eines langen Castingprozesses. Mir ist diese Sprachsensibilität, diese Ironie und das dazugehörige doppelbödige Spiel sehr wichtig gewesen – und da gab es letzten Endes einfach keine Alternativen zu den beiden.

Was war besonders beim Dreh?

DB: Wir haben extra ein Orchester für den Film gegründet.

Warum denn das?

DB: Klassische Musik spielt ja eine sehr große Rolle in unserem Film und für die weibliche Hauptfigur, die Cello studiert. Das zentrale Musikstück – Brahms zweites Klavierkonzert, dritter Satz – lag uns besonders am Herzen. Das ist wirklich erstaunlich schön und erstaunlich unbekannt. Hinzukommt, daß das ständige Herumtragen und Üben eines sperrigen Instruments fast eine Art Behinderung ist – man bekommt Rückenschmerzen, Sehnenscheidentzündung und alles Mögliche. Wir brauchten also dieses Konzert für den Film und haben verschiedene CDs davon gehört und zwei Einspielungen von kleineren Labels für den Film angefragt. Da wurden aber so astronomische Summen aufgerufen und das kurz vor Produktionsbeginn, das war wirklich beängstigend. Wir hatten ohnehin Kontakt zur Folkwangschule und da gibt es jemanden, der den Studenten auch Engagements vermittelt. Der hat uns dann aus Musikstudenten aus Essen, Köln und Düsseldorf ein Orchester zusammengestellt und die Musik, die wir brauchten im Tonstudio eingespielt – trotz aufwendiger 16-Spurproduktion war das immer noch günstiger als die Rechte der CD-Einspielung. Das Schöne ist, daß das gleiche Orchester dann im Bild zu sehen ist und quasi nach eigenem Playback performen kann.

Du spielt im Film bei einem kleinen Gastauftritt auch selbst Klavier – wie wichtig ist Musik in Deinem Leben?

DB: Enorm wichtig. Ich hatte Musik-LK und habe auch bei meinen bisherigen Filmen eigentlich immer die Filmmusik selbst gemacht. Diesmal aber nicht, da haben wir uns auf Brahms und die großartige kleine Band »The Cooper Temple Clause« beschränkt, die sich aber leider vor einigen Jahren aufgelöst hat

AB: Es gibt diese krasse Welt an Musikhochschulen, wo wirklich das nächste Vorspielen die Welt bedeutet. Die kennen wir auch durch unsere Schwester, die Geige spielt. Ich habe extra für den Film Cello gelernt, mehrere Monate vorher natürlich.

DB: Ja, das war wirklich eine Großtat…

Wie ist es denn für Euch Berliner zum Dreh in NRW gekommen?

DB: Nicht nur, wie man vielleicht denken könnte, der Förderung wegen. Wir haben urbane Landschaften gesucht, denn eine der Hauptbedingungen war eine Plattenbausiedlung – nicht wegen der Sozialtristesse, sondern aufgrund des Themas: Ich würde als Rollstuhlfahrer auch so wohnen und wenigstens Ausblick haben wollen. Das gibt es beispielsweise in Duisburg und in der Rückschau betrachtet hat der Film durch diese Wahl extrem gewonnen.

AB: Es war ein Glück, daß wir eben nicht in Berlin gedreht haben. Das wäre alles so klar und einfach gewesen. Jetzt, durch die verschiedenen Orte im Ruhrgebiet und im Innenbereich der Musikhochschule in Köln ist das alles lokal eher undefiniert.

DB: Man kriegt durch die Motivsuche in unbekanntem Terrain einen wohltuenden Tritt in den Hintern: Durch die neue Orientierung und Suche ist alles noch besser, noch mehr Kino geworden.

Ihr spart ein wichtiges Thema nicht aus: Die Frage nach dem Sexualleben Eures behinderten Protagonisten.

AB: Das stand nie zur Debatte, das nicht in voller Härte zu erzählen, da war klar, daß das einfach dazugehört. Dieser Aspekt prägt die Figur Ben ganz zentral, seine innere Zerrissenheit, seinen Kampf, die bissige Ironie.

DB: Wir haben zur Vorbereitung eine Menge Filme zum Thema Behinderungen gesichtet und festgestellt, daß die meisten da wegblenden. Aber natürlich will man das wissen – geht das, wenn ja wie. Und gerade wenn man sich mit seiner eigenen Hauptfigur identifiziert, steht das Thema einfach fett im Raum.

Wie habt Ihr Robert Gwisdek geholfen, in die Rolle zu finden?

DB: Eine Menge Recherche gehört natürlich dazu, dann gab es aber auch konkret drei Berater. Unser Redakteur, der tatsächlich selber im Rollstuhl sitzt, war später oft vor Ort und hat bei Fachfragen beraten. Der Anfang der konkreten Buchentwicklung war übrigens dessen Magisterarbeit über Körperbehinderung im Spielfilm. Für die konkreten Bewegungsabläufe im Rollstuhl hatten wir dann aber auch mit Tobi einen Rollstuhlfahrer, den wir gecastet hatten, als wir noch die Rolle mit einem selbst Betroffenen besetzen wollten. Das ist ein ganz erstaunlicher Mann, deutlich schwerer behindert als unser Protagonist, aber total im Leben und Beruf stehend, mit einer Fußgängerin verheiratet und sportlich stark aktiv. Außerdem hat uns noch eine Ergotherapeutin beraten.

Über Eure eigene Verwandtschaft hinaus arbeitet ihr auch immer wieder mit den gleichen Partnern im Bereich Schnitt, Kamera etc. Bastelt Ihr an einer eigenen Kreativfamilie?

DB: Auf jeden Fall! Das macht wohl jeder so beim Film und wir sind da keine Ausnahme. Im nächsten Film werden viele der Schauspieler wieder mit dabei sein, der Kameramann auch, mein Editor Vincent ist ohnehin wie ein Bruder für uns beide und auch der Sounddesigner, mit dem wir hier auch in Bürogemeinschaft sitzen, ist immer wieder für meine Filme zentral wichtig.

Apropos nächster Film: Was ist denn geplant nach Eurem großen Abend auf der Berlinale?

DB: Das werden wir natürlich erstmal richtig genießen. 2003 war ich mit einem Kurzfilm da, 2006 mit Neun Szenen in der Perspektive und diesmal als Eröffnungsfilm der Perspektive – das ist schon sehr geil. Und man bekommt natürlich auch so eine großartige Luxusakkreditierung… Nein, im Ernst: Das nächste Projekt ist schon so gut wie drehfertig, Drei-Zimmer-Küche-Bad, über Leute, die umziehen – ein Kinoprojekt mit teamWorx Ludwigsburg. 2010-02-17 12:46
© 2012, Schnitt Online

Sitemap