— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Uwe Boll

»Das deutsche Establishment wird mich immer hassen«

Von Werner Busch Künstlerische Versiertheit wird ihm bei vielen seiner Filme – nicht zu Unrecht – in Abrede gestellt. Das Emblem »schlechtester Regisseur aller Zeiten« hat er aber lediglich einem weit verbreiteten Internet-Mem zu verdanken. Jedes Filmland braucht seine Enfants terribles; der Regisseur als Kampfsau – mit Ecken, Kanten und großem Selbstbewußtsein. In der gegenwärtigen deutschen Regisseurriege gibt es nur wenige echte Persönlichkeiten. Uwe Boll ist eine davon. Mit dem Schnitt sprach er über seinen neuen Film Siegburg und enthüllte ganz nebenbei Details zu einem Filmprojekt über Auschwitz.

Die Schauspieler hatten sehr große Gestaltungsspielräume bei Siegburg. Wie haben Sie den Cast ausgewählt?
 
Ich habe sehr lange die Darsteller für den Film gesucht. Ich brauchte method-actors, die sich komplett gehen lassen können und selbst traumatische Erfahrungen in ihrem Leben gehabt haben. Ich wollte keine Intellektuellen, sondern Instinkt-Schauspieler. Sam Levinson, der Sohn von Barry Levinson, war drogenabhängig und selber im Knast und so auch Edward Furlong. Fast alle Dialoge sind improvisiert.
 
Der gesamte Film spielt in einem einzigen, kleinen Raum. Wie haben Sie  in diesem beengten Set mit der Crew und den Darstellern gearbeitet?
 
Die Darsteller mußten in der Zelle schlafen und durften einige Tage nicht ins Hotel gehen. Es war sehr beengt am Set, aber die Zelle war so gebaut, daß wir die Wände bewegen konnten. Für den Kameramann Mathias Neumann war es eine richtige Tortur, so lange Einstellungen aus der Hand zu drehen. Für den Focuspuller war es natürlich noch schlimmer, weil er ja nie wußte was passiert und auf wen Mathias als nächstes schwenken wird. Da ich aber immer mit denselben Leuten in der Crew arbeite und oft auch mit denselben Schauspielern, ist es eigentlich immer sehr entspannt an meinen Sets.
 
Ihr Film ist durch den Mord in Siegburg lediglich inspiriert und spielt in einem amerikanischen Gefängnis. Die Darsteller sind auch keine Jugendlichen, wie dies in Siegburg der Fall war. Der deutsche Verleihtitel hebt die Distanz zu den wirklichen Geschehnissen allerdings wieder auf, ist der Titel richtig gewählt?
 
Ich finde, »Siegburg« steht für eine Situation. Als ich von dem Fall damals in der Zeitung las, war ich geschockt und fasziniert zugleich. Wie konnten drei Jungs, die in unserem Land groß geworden sind und nur für ein bis zwei Jahre wegen kleiner Vergehen im Knast sitzen, so durchdrehen und etwas tun, was man höchstens aus Ruanda oder Auschwitz kennt? Gerade ist ja ein ähnlicher Fall in Herford passiert. Es war nie mein Plan, daß wir genau den Siegburg-Fall nachstellen, sondern ich wollte erforschen, was eigentlich der Mensch ist und zu was er fähig ist.
 
Ein entscheidendes Element dieses Filmes und wirklich sehr gut gelungen ist der Schnitt. Wie sah der Montageprozess aus?
 
Der Däne Thomas Sabinsky ist ein Genie und hat für mich Rampage, Darfur und Siegburg geschnitten. Wenn er auch Tunnel Rats geschnitten hätte, wäre der Film noch besser.  Ich gebe ihm am Anfang immer freies Geleit – er kann machen, was er will. Er kann nicht arbeiten, wenn man ihm alles vorschreibt. Ich korrigiere erst anschließend. 

Siegburg ist ein rundum gelungener Film, doch er wird durch die Personalie Boll, durch Ihr vielzitiertes Emblem »schlechtester Regisseur aller Zeiten«, Schaden nehmen. Haben Sie Angst davor, dass Sie dieser »Ruf« nie wieder verlassen könnte, egal was Sie tun?
 
Absolut – und das ist eine Schande. Allerdings nicht für mich, sondern für alle, die so total absurd falsch lagen. Ich habe in den letzten drei Jahren mehr exzellente Filme gedreht, als zig hochgejubelte Regisseure in ihrem ganzen Leben.
 
Sie haben im Jahr 2009 gleich vier Filme fertig gestellt, darunter Siegburg, Darfur und Rampage. In den ersten Reaktionen zu diesen Filmen zeichnet sich eine positive Resonanz des Publikums und der Kritik ab. In diesem Jahr wird mit Max Schmeling ein weiteres, sehr engagiertes Projekt von Ihnen erscheinen. Es sind deutlich ambitioniertere Filme als ihre Videospielverfilmungen der letzten Jahre. Möchten Sie in diese Richtung weitergehen?
 
Ich drehe als nächstes BloodRayne 3: Warhammer, aber insgesamt gehe ich ganz klar in die Richtung, die Filme zu machen, die mir am Herzen liegen. Leider sieht es so aus, daß Thomas Sabinsky keine Filme mehr schneiden will – sodass Darfur vielleicht sein letzter Film war. Fast parallel zu BloodRayne 3 werde ich Auschwitz drehen, der den Siegburg-Stil haben wird.

Sie machen einen Film über Auschwitz? Davon habe ich noch nirgendwo etwas gehört. Könnten Sie uns mehr von diesem Projekt erzählen?

Der Film wird ab Februar in Kroatien gedreht und er wird das darstellen, was der Holocaust war: das planmäßige, massenhafte Töten von Menschen. Es wird keine Helden geben. Der Film wird im Eichmann-Sinne das alltägliche Vernichten zeigen. Es wird basierend auf einem Treatment von mir gedreht – wie bei Siegburg. Es sind genug sensible Filme gedreht worden, die das Außergewöhnliche zeigen oder Helden. Ich zeige das Gewöhnliche.

Da höre ich die Feuilletonisten schon eifrig auf ihren Tastaturen klappern… Einen Film über Auschwitz back-to-back mit BloodRayne 3 zu drehen scheint ungewöhnlich. Obwohl Spielberg das bei Schindlers Liste und Jurassic Park auch gemacht hatte. Ist der eine Film für’s Geld und der andere für’s Herz?

So ungefähr. Ohne BloodRayne 3 würde es den Auschwitzfilm nicht geben.
 
Ihr Output in den letzten drei Jahren ist überaus bemerkenswert. Wo nehmen Sie Ihre Energie und Ihren großen Antrieb für die Arbeit her?
 
Ich mache die Produktion und den Vertrieb, um Geld zu verdienen. Regie ist das, wofür ich lebe und was ich schon als Zehnjähriger machen wollte. Wenn man seine Träume erfüllt, dann hat man mehr Energie, als wenn man von 9 bis 17 Uhr arbeiten geht – das hilft. Es ist faszinierend, andere Welten und Geschichten zu erschaffen, die die eigene Welt vergessen machen oder anreichern. Es ist ein harter Job und man hat nicht viel Privatleben, aber durch die Gestaltung spürt man – man lebt.

Sind Widerstände für Ihr Schaffen nicht auch essentiell wichtig? Könnten Sie es überhaupt ertragen von der Kritik geliebt zu werden?
 
Keine Angst, ich werde 100%ig auch weiterhin angegriffen werden. Da ich kein Ziehkind der Förderer und TV-Sender bin, wird mich das deutsche Establishment immer hassen. 2010-02-08 14:14
© 2012, Schnitt Online

Sitemap