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Benicio del Toro

Der Mann hinter dem T-Shirt

Von Emanuel Bergmann Zwischen Genie und Wahnsinn: Emanuel Bergmann traf Oscar-Preisträger Benicio del Toro und sprach mit ihm über seine Rolle als Che Guevara in Steven Soderberghs Che – Revolucion, der ab 11. Dezember als DVD und Blu-ray erhältlich ist.

Wenn Hollywood etwas kann, dann sicherlich das Recyceln von Geschichte, meist breitgetreten für den Massengeschmack. Ein Hollywood-Epos über Guevara, kann das also gut gehen? Womöglich schon. Weder Che Guevara noch sein Mitstreiter Fidel Castro galten je als sonderlich kamerascheu. So trat Castro 1946 in zwei amerikanischen Musical-Produktionen, die in Mexiko gedreht wurden, als Komparse auf, Holiday in Mexico und Easy to Wed. Sowohl Castro als auch Guevara waren sich der Bedeutung und der effektiven Nutzung der Massenmedien durchaus bewußt. Man denke nur an das berühmte Foto von Guevara, das Alberto Korda bei dessen Besuch bei den Vereinten Nationen in New York 1960 gemacht hat: Der Guerillero wurde zum weltweiten Symbol und ist heute noch auf Tausenden von T-Shirts zu sehen.  

Benicio del Toro gilt als einer der besten Schauspieler seiner Generation. Geboren wurde er 1967 in Puertorico. Zu seinen bekanntesten Rollen zählen Die üblichen Verdächtigen (1994), Fear and Loathing in Las Vegas (1998) und Sin City (2005). Doch er sieht nicht so aus, wie man sich einen Filmstar vorstellt. Unrasiert, unausgeschlafen, in einem knallbunten Jogginganzug und mit einem Pappbecher in der Hand, so steigt er aus einer schwarzen Limousine und betritt den Vorführraum.  

Soderberghs Che sollte anders werden als der typische Hollywood-Schinken. »Steven interessierte sich für den Mann hinter dem T-Shirt«, meint del Toro. »Für mich fing das Projekt 1997 an, als ich eine Biographie von John Lee Anderson über ihn las. Ich fand, daß man daraus einen Film machen sollte.« Und weiter: »Wir haben das Buch verschiedenen Drehbuchautoren gegeben, aber keinem ist es gelungen, daraus einen Kinofilm zu gestaltet. Schließlich kam Steven Soderbergh mit an Bord. Wir überlegten, uns auf sein letztes Lebensjahr zu konzentrieren, seine Zeit in Bolivien.«

Doch del Toro erklärt, daß es ihm wichtig war, auch Ches ersten Erfolge als Revolutionär zu zeigen. Zwischen 1956 und 1959 ist es ihm und der »Bewegung des 26. Juli« gelungen, das brutale Regime Fulgencio Batistas in Kuba zu entmachten. »Wenn man nur das letzte Jahr seines Lebens sieht«, so del Toro, »dann versteht man nicht, wer er wirklich ist. Man könnte meinen, er sei wahnsinnig. Der Film sollte eine Skizze seines Lebens werden. Und so kamen wir auf die Idee, daraus zwei Filme zu machen.«
 
Der erste Teil zeigt sozusagen die Lehrjahre des jungen Che. Zusammen mit Fidel Castro (wunderbar gespielt von Demián Bichir) gelingt es den Guerilleros, Kuba zu befreien. Der zweite Teil des Films zeigt den bereits etwas alternden Che in Bolivien, nur wenige Monate vor seinem gewaltsamen Tod, verraten vom CIA und hingerichtet von der bolivianischen Regierung. Was im ersten Film noch wie jugendlicher Enthusiasmus wirkte, scheint im zweiten wie Besessenheit. Che wird als ein Mann dargestellt, der keinen Frieden findet, der von etwas Unerklärlichem angetrieben wird, der nur für und im Kampf existiert und schließlich auch im Kampf stirbt. Che zeigt de Aufstieg und Fall eines Mannes, der für Abertausende ein Erlöser war, von anderen wiederum bis heute verteufelt wird. Doch Soderbergh und del Toro weigern sich, Stellung zu nehmen. Sie werten nicht, sie zeigen nur, sie berichten.  

Jedermanns Sache ist der Film daher nicht, er stößt auf gemischte Reaktionen. Che ist äußert detailliert und verzichtet auf Pathos. Es gibt kaum Schnitte oder gar Nahaufnahmen. »Als Schauspieler«, so del Toro, »wird man dadurch zur Aufmerksamkeit gezwungen. Man muß immer präsent sein. Die Kamera bewegt sich so gut wie gar nicht. So wird der Zuschauer zum Betrachter. Wir schauen durch einen Spalt in der Tür der Geschichte. Steven wollte einen Film drehen, der auf Manipulation so weit wie möglich verzichtet.«

So hört man auch nur selten Filmmusik. Die Handlung entfaltet sich langsam, wie ein Dokumentarfilm. Die kubanische Revolution wird mit klinischer Distanz gezeigt. Statt knallharter Action, wie man sie aus Hollywood kennt, sieht man Märsche im Tropenregen, Entbehrungen, Hunger, Krankheit und schier endloses Warten. Oft kommt es zum Kampf. Auch hier hält sich Soderbergh zurück. Er zeigt minutiöse Truppenbewegungen, die sich langsam entfalten, manchmal nur mit einer Off-Stimme unterlegt. Che zitiert Tolstoi und erklärt sinngemäß, daß auch eine unterlegene Armee einen Sieg erringen kann, wenn sie von der Gerechtigkeit ihrer Sache überzeugt ist. Und das waren sie. »Die meisten Kubaner standen auf der Seite der Bärtigen«, so del Toro.  

Als Produzent konnte Benicio del Toro das Drehbuch von Anfang an mitgestalten. Als Schauspieler lernte er, die Figur Che Guevaras im größeren historischen Kontext zu sehen. »Um die kubanische Revolution zu verstehen, muß man weiter zurückgehen. Man muß sich mit dem Jahr 1865 befassen, als Kuba um seine Unabhängigkeit von der spanischen Krone kämpfte, und mit dem Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898. Das sind Vitamine fürs Gehirn.« Hat sich dadurch seine Meinung zu Che Guevara verändert? »Man darf nicht vergessen, daß er ein Produkt seiner Zeit war«, sagt del Toro. »Er war von der Notwendigkeit des bewaffneten Kampfs überzeugt. Er war ein Verfechter der Todesstrafe. Aber Che ist heute noch relevant. Er hatte Ideale, einen starken Willen und viel Durchhaltevermögen. Das, was er getan hat, hat er für Menschen getan, die er nicht einmal kannte. Das finde ich bemerkenswert. Seine Meinung zur modernen Medizin, zur Erziehung, zum Sozialwesen, all das unterstütze ich. Er war von der Würde jedes einzelnen Menschen überzeugt.« Del Toro gibt aber auch zu, daß Guevara Schattenseiten hatte: »Che war für unzählige Hinrichtungen verantwortlich«, sagt er. »Er hat Schuld auf sich geladen.«

So ist die kubanische Revolution heute noch ein kontroverses Thema. »Es ist bedauerlich«, meint del Toro, »daß die USA und Kuba nie partnerschaftliche Beziehungen entwickelt hatten. Dadurch wurde in Kuba ein Klima des Mißtrauens gefördert. Die Vereinigten Staaten hatten ein Embargo verhängt. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts haben die USA mit dem sogenannten Platt-Amendment erklärt, daß sie jederzeit in Kuba intervenieren werden, wenn das ihren Interessen förderlich ist. Che entstand nicht aus einem Vakuum. Lateinamerika ist Jahrhunderte lang kolonialisiert worden, von den Spaniern, den Portugiesen, den Holländern. Auch von den Amerikanern. Die kubanische Revolution war das direkte Resultat.« Daher hat er auch persönliche Gründe, so del Toro, warum er sich für Guevara interessiert: »Ich komme aus Puerto Rico. Unsere Geschichte ist der kubanischen sehr ähnlich. Puerto Rico gehört heute noch zu den USA, ein Zugeständnis Spaniens nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg. Dadurch, daß ich Che besser verstehe, kann ich meine eigene Geschichte besser verstehen.« 2009-12-11 10:33
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