— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Kevin Greutert

Aus dem Schneideraum der Sägen-Saga

Von Nils Bothmann Als Assistant Editor arbeitete Kevin Greutert an so unterschiedlichen Projekten wie Aus dem Dschungel in den Dschungel, Armageddon und Donnie Darko mit, als Editor schnitt er dann die Filme der Saw-Reihe und blieb dem Horrorgenre mit Werken wie The Strangers und Room 6 treu. Nach der Regie bei den Kurzfilmen Pilgrim’s Regress und Old Friends gibt Greutert nun mit Saw VI sein Langfilmdebüt. Nils Bothmann sprach mit ihm anläßlich des Kinostarts.

Sie waren der Editor der vorigen Saw-Filme. Wie wurden Sie Regisseur von Saw VI?

Ich war schon immer daran interessiert, Regie zu führen. Ich fand damals, daß es einfacher wäre, über Schnitt zum Filmemachen zu kommen, anstatt direkt mit dem Regieführen einzusteigen. Obwohl: Hätte ich damals gewußt, wie schwer es ist, Editor zu werden, hätte ich es direkt mit Regie versucht. Ich war eine Weile Assistant Editor bei Disneyfilmen und traf den Produzenten Gregg Hoffman, als ich an George – Der aus dem Dschungel kam 2 arbeitete. Er mochte die Art, wie ich kreative Aufgaben neben meiner regulären Arbeit an dem Film erledigte. Als er dann Saw als Low-Budget-Projekt zusammenstellte, konnte er keinen Editor finden, der billig genug zu haben war, denn das Ganze kostete ja weniger als eine Million Dollar. So kam er zu mir, und ich freute mich, den Job annehmen zu können. Nachdem wir den ersten Film fertiggestellt hatten, bekam ich Angebote, an anderen Filmen zu arbeiten, an größeren Genrefilmen, aber ich kehrte immer wieder zu Saw zurück, denn das waren die Jungs, die mir meinen Durchbruch verschafften. Zu der Zeit, als wir bei Saw IV ankamen, war ich bereit, mich zu etwas anderem weiterzuentwickeln. Sie sagten dann zu mir: »Wenn du Saw V schneidest, dann lassen wir dich bei Saw VI Regie führen.« Das war ein unglaubliches Angebot von ihnen, aber so ist es passiert.

Wie sehen Sie die Aufgabe eines Editors? Entsteht der Film erst im Schneideraum oder dient der Schnitt eher dazu, das Material in die richtige Form zu bringen?

Das ist von Film zu Film unterschiedlich. Manchmal ist das Material sehr aussagekräftig, die Vision des Regisseurs, wie sich dieses Material nun als Film zusammenfügen soll, korrekt, und das Endprodukt ist das, was der Regisseur im Sinn hatte. Das passiert normalerweise allerdings nicht. Manchmal funktionieren Sachen einfach nicht, es kann ein Tempoproblem geben, das sich über den kompletten oder auch nur halben Film erstreckt, und dann muß man im Schneideraum sehr kreativ werden. Man muß als Editor offen für das sein, was der Film sein könnte, denke ich. Damals, als ich noch von anderen Editoren lernte, war es für mich das Aufregendste eine Szene zu sehen, die ich mir während der Arbeit am Film wieder und wieder angeschaut hatte, und der Editor verschwand für zwei Tage im Schneideraum, kam wieder heraus, und wenn wir den Film dann wiedersahen, hatte diese Szene eine gänzlich andere Bedeutung, eine andere Stimmung, die Musik war verändert oder die Betonung auf einer anderen Figur. Dies mehrmals zu sehen brachte mich dazu, offen zu sein. Ich habe an einigen Filmen gearbeitet, bei denen ich eine Szene schnitt, und der Regisseur meinte: »Ich verstehe das nicht. Das ist phantastisch, aber ich verstehe es nicht, denn ich kann mich nicht daran erinnern, diesen Film gedreht zu haben.« Einen derartig großen Effekt kann erzielen, wer sich nur überlegt, was das Material bedeuten kann. Bei einem Film, den ich geschnitten habe, The Strangers, da gab es Szenen, die komplett geändert und umgestellt wurden, und dadurch haben wir die Motivation der Charaktere ganz anders dargestellt als beim vorigen Screening. Einen neuen Film mit altem Material zu machen, das ist für mich das Aufregendste am Schneiden.

Zu einer Schattenseite des Schnitts: Die Saw-Filme hatten immer wieder Probleme damit, das R-Rating zu erhalten und mußten vor Kinostart bearbeitet werden. Was empfinden Sie angesichts dieser Verhältnisse?

Ich bin großer Verfechter der freien Meinungsäußerung, und obwohl die MPAA behauptet, keine Zensurbehörde zu sein, so haben sie doch den gleichen Effekt. Denn in den USA kann man keinen Film mit NC-17 Freigabe veröffentlichen. Rechtlich ja, aber die Kinos zeigen sie nicht. Um die Freigabe zu erhalten, muß der Filmemacher der Zensor sein, in diese Position bringt die MPAA uns. Ich mag diesen Prozeß nicht. Die Saw-Filme werden nach einem engen Zeitplan gemacht, wir reichen den Film immer wieder und wieder ein und machen dabei so kleine Änderungen, wie wir sie mit unserem Herzen vereinbaren können. Aber wenn die Zeit drängt, dann muß man teilweise stärker schneiden als man möchte, denn wir müssen die Freigabe rechtzeitig bekommen, um den Film fertigzukriegen. Ich bin darüber nicht glücklich, aber ich merke, daß dies eine Tatsache beim modernen Filmemachen ist. Im Falle von Saw VI denke ich nicht, daß wir den Film oder auch nur die Gewaltszenen beschädigen mußten, um das R-Rating zu erhalten, darüber war ich sehr froh. Aber es kann eine große Sache sein.

Ursprünglich war Saw VI ja als Abschluß der Reihe geplant, nach dem Erfolg von My Bloody Valentine hat Lionsgate allerdings bereits Saw VII als 3D-Film angekündigt. Kann der Zuschauer Saw VI als Endpunkt sehen oder bleiben, wie in den vorigen zwei Filmen, noch wichtige Fragen offen?

Darüber habe ich natürlich viel mit den Produzenten gesprochen, als wir den Film gedreht haben. Ich empfinde es so, daß Saw VI die Haupterzähllinie der Saw-Reihe zuende erzählt. Ich will nicht zuviel verraten, aber ich denke, es gibt eine Endgültigkeit im Bezug auf das, was Jigsaw getan hat. Das muß nicht heißen, daß wir ihn in Saw VI zum letzten Mal sehen, aber ich wollte, daß der Film sich abgeschlossen anfühlt, wesentlich mehr als die letzten beiden Saw-Filme. Und ich denke, wir waren erfolgreich in der Hinsicht. Natürlich ist es bei so einer erfolgreichen Serie schwer, den Aktieninhabern einer Firma wie Lionsgate zu sagen: »Aus künstlerischen Gründen hören wir jetzt auf.« Denn dann würden sie uns mit Beilen jagen. Aber trotzdem ist Saw VI ein ziemlich abgeschlossener Film.

Das Personal der Saw-Filme weist große Kontinuitäten auf. Fühlt es sich wie ein Familientreffen an, immer wieder an ein Saw-Set zu kommen?

Mittlerweile kennen wir uns alle untereinander. Es gibt natürlich ein paar Personalwechsel, aber ca. 90% der Leute, die an Saw VI mitarbeiteten, kannte ich bereits von Saw II, als wir anfingen, die Filme in Toronto zu drehen. Es ist wie eine Familie – und wie die meisten Familien disfunktional, aber wir kommen gut miteinander aus und kennen uns einfach sehr gut. Als Regiedebütant war es für mich sehr hilfreich bereits alle zu kennen. Ich habe viel Second-Unit-Regie bei Saw V geführt und war von daher daran gewöhnt, mit dieser Crew zu arbeiten. Sie kannten mich ziemlich gut. Vorher allerdings, obwohl ich an den vorigen Filmen in Toronto als Editor mitarbeitete, da war ich nicht soviel am Set, dafür aber meine Frau. Für lange Zeit war ich der Mann der Frau des Editors. Sie kannten sie, und dann trafen sie endlich mich. Es ist einer Familie ziemlich ähnlich, und das ist eine tolle Art des Filmemachens.

Viele Ihrer Filme sind Horrorfilme oder Thriller. Fühlen Sie sich als Genrefilmer bzw. Genreeditor?

Es ist witzig, daß Sie das sagen, denn die Filme, an denen ich vor Saw arbeitete, waren meistens Komödien. Und die meisten Kurzfilme, die ich gemacht habe, und Skripts, die ich geschrieben habe, waren Komödien. Ich liebe Horrorfilme, aber ich will nicht nur Horrorfilme machen. Ich denke, daß ich gerade ein gutes Händchen für Horror habe und finde es toll, daß Horror so physisch ist. Am meisten mag ich die Tatsache, daß Horrorfilme es einem erlauben, Filmsprache auf besonders vielfältige Art zu nutzen. Man kann eine extreme Weitwinkellinse draufpacken und direkt in eine Nahaufnahme gehen, man kann alle möglichen Dinge machen, die in einem Drama lächerlich wären. Das macht mir Spaß, es ist wie ein Sandkasten, in dem ich spielen kann.

Was sind Ihre nächsten Projekte als Regisseur oder Editor? Werden Sie bei Saw VII Regie führen?

Ich werde bei Saw VII nicht Regie führen, man hat David Hackl, den Regisseur von Saw V und Production Designer, wieder angeheuert. Mein nächstes Projekt ist noch nicht in Stein gemeißelt, aber ich arbeite gerade daran. Es wird ein Horrorfilm sein.

Sowohl als Editor als auch als Regisseur, was sind Ihre Vorbilder? Welche Leute oder Filme inspirieren Sie?

Ja, die gibt es, und es ist witzig, denn man wird diese Inspirationen vielleicht nicht zwingend in Saw VI erkennen. Mein Lieblingsfilmemacher ist Werner Herzog. Als Kind sah ich Aguirre, der Zorn Gottes und seitdem ist es einer der Filme, die ich mir immer wieder ansehe – Blade Runner genauso. In Herzogs Art des Filmemachens liegt soviel Poesie. Als Editor mag ich jene Editoren, die nonlinear sein können. Ich mochte z.B. den Schnitt von Terrence Malicks The New World sehr, wo der Editor selten mehr als einmal zur gleichen Kameraeinstellung zurückkehrt. Es fühlte sich beinahe so an, als wäre der komplette Film eine Montage, auf eine wirklich ausgeklügelte, lebensnahe Weise. Ich fand den Schnitt in diesem Film einfach sehr flüssig und schön. Im Bezug auf Leute, die einen Einfluß auf Saw VI hatten: James Wan und ich sind große Fans der italienischen Horrorfilme der 1970er, vor allem Mario Bava und Dario Argento. Diese Jungs haben einen großen Einfluß auf den Look der Saw-Filme. Ich bin ein großer Fan der Arbeit von James Wan und Darren Lynn Bousman, ich hatte großartige Lehrer in ihnen.

Sie begleiten die Saw-Franchise von Anfang an. Wie sehen Sie die Entwicklung über die Filme hinweg? Wie stark hat sich das Gesicht der Reihe verändert?

James und Leigh, die den ersten Film gedreht haben, hatten ihr ganz eigenes Gespür. James hatte nicht geahnt, daß es Sequels geben würde. Nach dem ersten Teil war er begrenzt involviert, danach kam Darren Lynn Bousman. Er ist eine sehr energetische Person, sowohl im realen Leben als auch in seinen Filmen. Sie sind sehr kinetisch, da er – auf eine gute Weise – wenig Geduld hat. Er möchte bei keiner Einstellung auch nur eine Sekunde länger als nötig bleiben. Das brachte eine wilde Energie in die Reihe, die im ersten Teil noch nicht da war. Ich denke, ich habe etwas zwischen beiden Stilen als Ton für Saw VI gefunden. Gregg Hoffman, der Produzent, der mich für Saw anheuerte, hatte großen Einfluß auf die Franchise. Er starb nach Saw II, also mußten die Produzenten, denen die Franchise gehört, Mark Burg und Oren Koules, sich mehr einbringen und kreativer beteiligt werden. Sie brachten dann ein anderes Gespür für die nächsten Filme mit. Von daher hat sich die Reihe über die Zeit hinweg sehr verändert.

Ist ein Ende der Saw-Franchise abzusehen?

Ich bin in Saw VII nicht involviert, aber meinem Verständnis nach will man die Reihe zum Abschluß bringen und nicht warten, bis die Filme kein Geld mehr einbringen. Unterschiedliche Sachen sind in der Öffentlichkeit gesagt worden, aber alle an den Filmen Beteiligten wollen, daß sie als tolle Filme in Erinnerung bleiben, und keiner will das Wagnis eingehen, einen schlechten Film als Abschluß zu haben. Von daher könnte Saw VII sehr final sein, mehr noch als Saw VI. Ich denke, daß die Gerüchte, daß man bereits Teil 8 und 9 im Auge hat, eben nur Gerüchte sind.

Zum Thema Folter und Saw: Der erste Teil war noch recht wenig explizit, die Sequels wurden immer blutiger, und Folter wurde zum zentralen Element der Saw-Filme. Man hat dies als politischen Kommentar zu Abu Ghraib und ähnlichen Dingen gelesen. Wie sehen Sie die Folterszenen in den Saw-Filmen?

Ich denke nicht, daß eine politische Äußerung zu Folter in den Saw-Filmen steckt. Es ist nicht einfach, über Folter zu reden, denn das Bedeutsame daran ist, daß es absolut physisch ist. Es hat mit dem zu tun, was wir sind, es ist eine existentielle Sache, wenn man sieht, wie ausgeliefert wir als Kreaturen eines physischen Universums sind. Das ist der Effekt eines solchen Horrorfilms, daß er dich einer Sache ausliefert, die immer da ist, die man aber verdrängt. Das ist äußerst delikat. Wenn man noch die Komponente hinzufügt, daß dich ein anderes menschliches Wesen diesem Terror aussetzt, dann macht es diese Erfahrung noch schockierender. Es ist kein politischer Film, und eine Sache sollte ich vielleicht noch hinzufügen, ohne Blick auf die Folterdebatte: Es gibt eine Figur in Saw VI, der Krankenkassen-Manager ist. Das, was er in seinem Job tut, spielt eine wichtige Rolle in dem Film, aber der Film versucht nicht, ein politisches Statement über seine Arbeit zu treffen. In den USA gab es einige Leute, die etwas zuviel hineingelesen haben, es als politische Aussage ansahen. Das ist es nicht. Es geht um Charaktere, es geht um das Leben, nicht um Politik. 2009-12-01 13:04
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