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Christian Klandt

Im Rhythmus der Stadt

Von Tobias Lenartz Der 1978 in Frankfurt/Oder geborene Christian Klandt fotografiert und filmt seit der Schulzeit, arbeitete mehrere Jahre als Regieassistent am Berliner »Theaterdiscounter« und studiert seit 2004 Regie an der HFF Potsdam-Babelsberg. Sein erster Langfilm Weltstadt wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Silver Zenith des Montreal Film Festival. Tobias Lenartz sprach mit dem Regisseur über seinen Debütfilm.

Im Sommer 2004 überfielen zwei Jugendliche in Ihrer Heimatstadt Beeskow einen Obdachlosen und zündeten ihn an. In Weltstadt setzen Sie sich mit der Tat auseinander. Wie war Ihre erste Reaktion, als Sie von der Tat erfahren haben?

Schock und Ungläubigkeit, der Klassiker. Als wenn ein Familienvater Amok läuft und Frau und Kinder erschießt, und dann erzählen die fassungslosen Nachbarn, er war ein treusorgender Familienvater, ein Freund, ein wunderbarer Mensch. Bei mir war das ähnlich. In Beeskow, meiner Heimatstadt, wo meine Familie wohnt, in der Stadt, die ich liebe, da soll das passiert sein? Das hat mich nicht mehr losgelassen, weil es mir einfach nicht vorstellbar erschien.

Hat die Tat den Blick auf Ihren Heimatort verändert?

Ja, unbedingt. Man wird angreifbar. Die anderen irrsinnigen Geschichten, die an anderen Orten passieren, sind genau so schrecklich. Aber der persönliche Bezug fehlt natürlich. Man ist ja von gewissen Zeitungen mit großen Buchstaben vorbelastet. Man liest etwas, schlägt die Seite um, und dann ist es wieder vergessen, weil ja noch etwas Schrecklicheres folgt. Aber wenn man die eigene Stadt dort findet, kann man nicht so einfach weiterblättern.

Inwiefern hat die Arbeit am Film Ihrerseits eine Veränderung im eigenen Verhältnis zum Ort und den Menschen bewirkt?

Der Film ist eine Auseinandersetzung, eine persönliche Aufarbeitung. Ich habe nach der Tat mit vielen Menschen in Beeskow gesprochen und mußte feststellen, daß sich die meisten Leute nicht damit beschäftigen wollen, keiner was weiß, keiner was wissen will. Das hat mich schockiert. Die Stadt wurde befleckt, und die Reaktion vieler Menschen war, den Makel wegzuleugnen. Das ist verständlich, aber für mich nicht akzeptierbar und wurde zu einer weiteren wichtigen Motivation, den Film zu machen. Erst nach der Tat haben viele Beeskower erfahren, daß es schon seit über zehn Jahren ein Obdachlosenheim in der Stadt gibt. Und die nächste Reaktion war dann oft: Ist ja nur ein Obdachloser, gut daß er weg ist, dann kostet er jetzt keine Steuergelder mehr.

Sie haben den Titel Weltstadt gewählt, auch um zu zeigen, daß eine solche Tat überall geschehen kann. Dennoch spielt Ostbefindlichkeit im Film eine sehr große Rolle…

Es ist ein typisch ostdeutscher Film – und auf keinen Fall ein ostdeutscher Film. Daß Jugendgewalt nicht auf Ostdeutschland beschränkt ist, ist ja schon in München gerade wieder offensichtlich geworden. Ich habe lange überlegt, ob ich Weltstadt überhaupt in Beeskow spielen lasse. Ich wollte nicht einfach anklagen oder verteidigen, nicht den Moralapostel spielen. Stattdessen habe ich mich auf meine Beobachtungen und zahlreichen Gespräche gestützt und versucht, daraus eine eigene Perspektive zu gewinnen. Ich wollte ein Spiegelbild schaffen, in dem sich die Leute wiedererkennen können. Weltstadt erzählt eine wahre Geschichte. Das ist meine Behauptung. Es ging aber nicht darum, jeden Moment minutiös zu rekonstruieren. Ich habe auch eigene Erfahrungen und Erinnerungen in den Film einfließen lassen und mit den recherchierten Fakten verbunden. Etwa in einer Szene, in der die beiden Täter über einen Zaun klettern und Bierkästen klauen. Daß die Täter eingebrochen sind, um Drogen und Alkohol finanzieren zu können, ist ein Fakt. Aber die Bierkästen stammen aus meiner eigenen Vergangenheit. Mein Anspruch war einfach, den Film so gut zu machen wie ich es konnte. Er ist ja im Rahmen eines Filmseminars entstanden, es gab keinen Kinoplan, einfach das Angebot, Langfilme zu lernen. Deshalb habe ich entschieden, ich mache diesen Film für die 9.000 Leute dieser Stadt. Aber die Ostalgiebeflissenheit, das große Erbe, das in den Köpfen vieler Menschen steckt, das ist natürlich typisch für den Osten. Gerade die ältere Generation, die zwanzig oder dreißig Jahre in der DDR gearbeitet hat, wurde mit vorher unbekannter Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, Weiterbildungsdruck und Jobabbau konfrontiert. Dann fragt man natürlich zwangsläufig, wo ging’s mir besser, was nützt mir Reisefreiheit, wenn ich kein Geld zum Reisen habe. Man vergleicht und kommt vielleicht zu einem etwas einfachen Ergebnis. Diese Aspekte werden auch im Film aufgenommen und machen ihn in dieser Hinsicht zu einem Film über Ostdeutschland. Aber er bleibt dabei eine Beeskower Geschichte von und für Beeskower Menschen.

Was ich an Weltstadt sehr gelungen finde, ist die Annäherung, die nicht Partei ergreift, immer noch Abstand wahrt…

Das war ein langer Weg bis dahin. Ich suchte ja auch den Grund der Tat und konnte ihn nicht finden. Ich habe mich gefragt, ob ich etwas übersehen habe, mit noch mehr Leuten sprechen muß. Dann ist mir klar geworden, daß es keinen eindeutigen Grund gibt. Ich kann versuchen, die Situation zu schildern, auf der Basis meiner Beobachtungen, meiner Erfahrung der Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Ich habe versucht, den Rhythmus der Stadt aufzunehmen, weil ich ihn kenne, die Sprache aufzunehmen von den Leuten dort, weil ich die Sprache kenne. Deshalb ist der Film für mich auch eine Liebeserklärung an diese Stadt, die für mich eine der schönsten Städte Deutschlands ist, mit wunderbaren Menschen – eine Stadt, in der etwas passiert ist, das nicht ignoriert werden darf. Insofern will Weltstadt ein Spiegelbild sein, ein Zustandsmoment, ein Standfoto von Beeskow 2004: So seid ihr, so tickt ihr gerade. Um was geht es bei euch selber, um was geht’s in der Stadt, um was geht’s wirtschaftlich oder privat?

Weltstadt beschreibt die Gemengelage aus schwierigen Rahmenbedingungen und der Unfähigkeit und Unwilligkeit zur Initiative…

Richtig. Man steht ja als Filmemacher immer vor der Frage: Wie erzählt man, wie findet man Bilder, Rhythmus und Montage, die dem Zuschauer Nachvollzug ermöglichen. Im konkreten Fall: Wie bringt man Stillstand, Resignation, Langeweile auf die Leinwand. Ich bin das Risiko eingegangen und habe mich entschieden: Ok, dann mach ich’s mal langweilig. Das ist bewußt unfilmisch – und zu meiner großen Verwunderung funktioniert es. Die Beobachtung, daß die Menschen sich ablenken wollen, war ja wie gesagt auch Anlaß und Motivation, den Film zu machen, und wird deshalb auch zu einem zentralen Thema.

Weltstadt ist nicht nach einem festen Drehbuch entstanden. Wie gestaltete sich der Prozeß der Figurenentwicklung?

Wir haben vor allem aus Improvisationen gearbeitet und sehr viel Zeit investiert, um uns beim Drehen erstmal in die Stimmung zu versetzen. Ich wollte nicht, daß die Schauspieler ihre Figuren spielen, sondern daß sie es sind. Das ist ja eine gängige Phrase, aber ich wollte mir beweisen, daß es möglich ist. Gerade die Szenen in Karstens Wohnung sind das Ergebnis einer langen Vorarbeit. Wir haben erst mal zwei, drei Stunden auf dem Bett gelegen, uns unterhalten, kleine Proben gemacht, ohne Kamera. Dann habe ich den Schauspielern eine Aufgabe gegeben, von der der andere nichts wußte und sie zusammen agieren lassen. Ein inszenatorischer Ansatz, den ich unbedingt ausprobieren wollte und aus dem ganz tolle Sachen entstanden sind. Die Szene selbst war dann sehr schnell im Kasten.

Nicht nur thematisch erinnert Weltstadt an Gus van Sants _Elephant_…

Als ich mich im Rahmen des Seminars entschieden habe, aus dem Stoff einen Spielfilm zu machen – ich habe ihn ja als Dokumentarfilm begonnen – war mein Professor Rosa von Praunheim sofort begeistert von der Idee. Und natürlich kamen direkt wahnsinnig viele Empfehlungen für Filme, die ich mir alle ansehen müßte. Aber ich habe mich dagegen entschieden. Ich wollte mich nicht beeinflussen lassen und mir meine Unvoreingenommenheit bewahren.

Sie bewegen sich filmisch in einem weiten Feld. Im Kontrast zum dokumentarischen Realismus von Weltstadt ist Ihr Märchenfilm Schausteins letzter Film eine poetisch skurrile Hommage an die Magie des Zelluloids.

Als ich an der Filmhochschule angenommen wurde, mußte ich erstmal herausfinden, ob Regie tatsächlich das Richtige für mich ist. Ich habe mir vorgenommen, ich möchte einen Märchenfilm drehen, denn ich liebe Märchenfilme. Ich bin groß geworden mit tschechischen, russischen Märchenfilmen und den ganzen DEFA-Sachen. Ich möchte einen Erotikfilm machen in der Art von 9 Songs und auf ähnlich dünnem Eis wie Irréversible. Ich möchte eine Komödie machen, das schwierigste Genre von allen, und ich möchte ein Drama machen. Einen Horrorfilm hatte ich schon Jahre vor der Filmhochschule gemacht mit dem Autor Christian von Aster, mit dem ich ja auch bei meinem Märchenfilm gearbeitet habe. Außer dem Sex-Film konnte ich bisher alle umsetzten.

Also die Lieblingsgenres werden Stück für Stück abgearbeitet?

Genau. Und wo kann man so schön scheitern wie an der Filmhochschule…

Gibt es ein neues Projekt im Genrefach?

Nein. Genre ist großartig, aber wie ich bei meinem Märchenfilm festgestellt habe, geht es mir immer um die kleinen Geschichten, nicht die großen und immer auch um wahre Geschichten, und irgendwie liegen die ganzen Geschichten in Brandenburg, Ostdeutschland. Nach Weltstadt wollte ich erstmal weg von Schwere und Trostlosigkeit, die ja selbst meine Komödie prägen. Aber ich bin jetzt auf eine Geschichte gestoßen, bei der es um sexuelle Verwahrlosung und Verrohung geht, eine Geschichte, die wieder im sogenannten »Prekariat« angesiedelt ist, was ich ebenfalls nicht wollte. Aber ich verlasse mich auf mein Gefühl, deshalb habe ich angefangen, zusammen mit Autoren einen Stoff zu entwickeln. Mein Anspruch ist dabei ähnlich wie bei Weltstadt. Mit dem nötigen Respekt und Pietät vor der Sache, aber auch mit der nötigen Radikalität, auf ein Thema aufmerksam zu machen, das im allgemeinen Bewußtsein noch nicht angekommen ist.

Sie haben einige Jahre Theater gemacht. Was nimmt man aus der Arbeit mit Theaterschauspielern in den Film?

Die Art und Weise der Inszenierung. Proben sind für meine Arbeitsweise unheimlich wichtig. Hier kann ich überprüfen, ob richtig ist, was ich mir überlegt habe und ob die Stimmung da ist. Manche Schauspieler können auf den Punkt produzieren, das ist natürlich großartig, aber nicht entscheidend. Es ist mein Anspruch, daß zwischen dem Team, den Leuten vor und hinter der Kamera eine Art Symbiose entsteht. Besonders in zentralen Szenen. Nichts ist schlimmer als diese seltsame Professionalität, wenn sich einer die Seele aus dem Hals schreit, und alle anderen stehen unemotional hinter der Kamera. Aber wenn in einer komischen Szene die Leute hinter der Kamera sich vor Lachen kaum halten können, dann gelingt da etwas. Diesen Anspruch habe ich an mich, mein Team und meine Schauspieler. Das ist für mich auch Ausdruck gegenseitigen Respekts.

Stammt das prägende Improvisationsmoment in Weltstadt aus der Theaterarbeit?

Ja. Georg Scharegg war sozusagen mein Meister, der erster Regisseur, der mich unter seine Fittiche genommen, der mich gefordert und gefördert hat. Vor allem Beobachtung habe ich als sein Assistent gelernt, wie ich überhaupt die meisten Erfahrungen im Theater gewonnen habe. Gelernt habe ich aber auch von Regisseuren und einem Drehbuchautor, mit dem nach der Produktion auch eine Freundschaft entstanden ist. Wir sind ja alle virtuelle Firmen, die sich zu einem gemeinschaftlichen Projekt zusammenschließen und danach wieder auflösen. Aber mitunter bleiben da ein paar Leute hängen und von denen habe ich viel mitgenommen: von Frank Grützbach, der noch zur ersten Generation der DFFB zählt, vom Schauspieler Tilo Prückner und vom Regisseur Diethard Küster, besonders seine total charmanten Art, mit Schauspielern umzugehen hat mich beeindruckt. Und eben von Georg Scharegg, der einfach ein Sprachkünstler ist, Geschichte und Figuren durch Sprache erzeugt, was unglaublich schwer ist. Das zu beobachten war einfach unheimlich spannend und bereichernd, und ist es immer noch. Die Ausbildung hört ja nicht auf. 2009-11-04 12:59
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