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Michael Nyqvist

Michael Nyqvist als Mikael Blomkvist in Verblendung

»Schweden ist ein extrem brutales Land!«

Von Florian Vollmers Michael Nyqvist ist einer der gefragtesten Filmschauspieler Schwedens. Nachdem er viele Jahre hauptsächlich am Theater gearbeitet hat und nur in kleineren Arthouse-Filmen aufgetreten ist, übernahm Nyqvist zuletzt die Hauptrolle des Ermittlers Michael Blomkvist in der Bestseller-Verfilmung Verblendung, die auf Anhieb zum wirtschaftlich erfolgreichsten Film der skandinavischen Kinogeschichte avancierte. Florian Vollmers hat Michael Nyqvist zum deutschen Kinostart in Berlin getroffen und mit ihm über die Gefahren und Chancen des Kommerzes, die Gewalttätigkeit schwedischer Krimis und Lars von Triers Reize gesprochen.

Hierzulande sind Sie allenfalls einem kleinen Arthouse-Publikum als todkranker Dirigent aus Kay Pollaks Wie im Himmel bekannt – was sich mit Verblendung sicher ändern wird. Beunruhigt Sie die Vorstellung, daß man Sie künftig auch in anderen Ländern auf der Straße erkennen könnte?

Da haben Sie recht. Verblendung läuft derzeit in den Kinos der ganzen Welt von Alaska bis Tunesien. Für einen schwedischen Schauspieler ist eine derartige Reichweite ungewöhnlich. Ich warte erst einmal ab, was sich dabei für mich ändert.

In der schwedischen Filmszene schätzt man Sie als Förderer junger Regisseure und kleinerer Filme. Sie gelten als öffentlichkeitsscheu. Warum haben Sie ausgerechnet die Hauptrolle in einer kommerziellen Großproduktion übernommen, die auch noch auf dem meistverkauften europäischen Buch des vergangenen Jahres beruht?

Als man mir die Rolle anbot, hatte ich die Bücher von Stieg Larsson noch nicht einmal gelesen. Trotzdem habe ich gleich zugesagt, als ich den Regisseur Niels Arden Oplev traf. Diese Begegnung war wirklich ausschlaggebend. Ich bewundere Oplevs kinematographisches Gespür und sein Talent, eine Geschichte visuell aufzulösen. In Verblendung gibt es eine ganze Menge innovativer Erzähltechniken. Denken Sie zum Beispiel an die Rekonstruktion einer ganzen Familiengeschichte, die meine Figur Michael Blomkvist allein über Fotographien unternimmt. Das ist brillant umgesetzt. An die Popularität, die mit Verblendung auf mich zukommen könnte, habe ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht gedacht. Es gibt da eine Geschichte, die sich mir ins Gedächtnis gebrannt hat. Vor etwa zehn Jahren hatte ich eine kleine Rolle in Lukas Moodyssons Zusammen. Eines Tages wartete ich mitten in Stockholm auf meinen Bus, als mich ein alter Mann wie irre anstarrte. Er zeigte mit dem Finger auf mich und sagte immer wieder »Du bist es!« Ich drehte mich um und sah, daß hinter mir ein riesiges Filmplakat mit meinem Gesicht aus Zusammen hing. Ich bin dann ganz schnell abgehauen, es war schrecklich. Insofern weiß ich noch nicht, wie ich auf den Ruhm, der mit Verblendung vielleicht kommt, umgehen werde.

Sie haben alle drei Filme, die auf Stieg Larssons Romantrilogie basieren, an einem Stück hintereinander abgedreht. War das nicht ungeheuer anstrengend?

Doch, das war es. Aber es hat sich gelohnt. Für mich war am wichtigsten, daß Verblendung nicht so eine kommerzielle Pastete wird, die allen gefallen will – so etwas wie The Da Vinci Code – Sakrileg. Den zweiten und dritten Teil hat übrigens ein bislang wenig bekannter schwedischer Regisseur inszeniert, der damit eine große Chance erhält, im Ausland bekannter zu werden. Er heißt Daniel Alfredson.

Verblendung ist starker Tobak, ein sehr düsterer und gewalttätiger Thriller. Wie kann es sein, daß ein idyllisches Touristenparadies wie Schweden so regelmäßig abgründige Geschichten voller Gewalt hervorbringt, die dann im Ausland reißenden Absatz finden?

Es ist nun einmal die Wahrheit, daß Schweden ein so extrem brutales Land ist. Mir fällt das immer wieder auf, wenn ich im Urlaub schwedische Zeitungen lese. Übrigens hat das auch Stieg Larsson so empfunden. Er war ja als linksorientierter Journalist eine Bekanntheit, bevor er 2004 verstarb. Mit seiner Romantrilogie, die erst nach seinem Tod zum Erfolg wurde, wollte er rassistische Gewalt, Neonazismus und Menschenhandel in Schweden anprangern. Ich mag diese Sehnsucht nach der Wahrheit, die Larsson umgetrieben hat, und die er auch auf seine Hauptfigur Michael Blomkvist übertragen hat. Das hat es mir leicht gemacht, einen Zugang zu dieser Rolle zu finden.

Spielte es auch eine Rolle, daß es in Verblendung um totgeschwiegene Familiengeheimnisse geht? Im vergangenen Jahr haben Sie im schwedischen Rundfunk offenbart, daß Ihr leiblicher Vater eigentlich Italiener ist.

Ich bin bereits als Säugling adoptiert worden und habe das erst erfahren, als ich schon zur Schule ging. Und erst vierzig Jahre später habe ich erste Schritte unternommen, um meine biologischen Eltern aufzuspüren. Meinen Vater fand ich dann tatsächlich in Italien – und habe ihn dort auch getroffen.

Hat das Ihre Arbeit als Theater- und Filmschauspieler beeinflußt?

Sehr stark sogar. Als junger Mann hatte ich immer das Gefühl, daß mir ein Stück meiner selbst fehlt, und daß ich mich auf einer aussichtslosen Suche danach befinde. Jede Rolle – ob auf der Bühne oder vor einer Kamera – war wie ein Versuch, die Wahrheit über mich herauszufinden. Vordergründig ging es darum, die Wahrheit einer Figur, einer Szene oder eines Dialogs zum Ausdruck zu bringen. Aber natürlich ging es immer auch um mich. Seitdem ich meine wahren Eltern wieder getroffen habe, bin ich viel entspannter. Aber diese Sehnsucht nach der Wahrheit krame ich wieder hervor, wenn ich arbeite.

Mit welchen Filmregisseuren würden Sie gerne zusammenarbeiten?

Ganz oben auf meiner Liste steht Lars von Trier. Es reizt mich, daß er bei allem so gnadenlos konsequent ist – egal, was die Leute sagen. Auch die Brüder Coen gehören zu meinen Lieblingsregisseuren, mit denen ich mir eine Zusammenarbeit wünschen würde.

Gibt es Regisseure aus Deutschland, mit denen Sie gern drehen würden?

Ehrlich gesagt fällt mir dazu niemand ein. Außer vielleicht der Regisseur dieses fantastischen Films über einen Spitzel, der in der DDR ein Künstlerpaar ausspioniert. Wie heißt er?

Das Leben der Anderen von Florian Henckel von Donnersmarck.

Ja, genau. Und natürlich Rainer Werner Fassbinder. Wenn er noch leben würde, stünde er auf meiner Liste auf Platz eins. 2009-10-01 17:04
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