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Stefan Arsenijevic und Simon Tansek

Regisseur Stefan Arsenijevic (links) späht durch die Kamera von Simon Tansek (Foto: COIN Film)

In Graustufen fotographiert

Von Oliver Baumgarten Der serbische Regisseur Stefan Arsenijevic und der slowenische Kameramann Simon Tansek gehören zu den bedeutendsten Vertretern einer jungen Filmgeneration in Osteuropa. Während Tansek mit zahlreichen Regisseuren der Region von Damjan Kosole bis Jan Cvitkovic arbeitet, hat Stefan Arsenijevic mit seinem Kurzfilm (A)Torzija 2003 den Goldenen Bären gewonnen und eine Oscarnominierung eingestrichen. Liebe und andere Verbrechen ist ihre erste Zusammenarbeit an einem Spielfilm. Oliver Baumgarten sprach mit beiden über das Bildkonzept dieses grauen, aber keinesfalls tristen Films.

Das Abschiednehmen ist eines der strukturierenden inhaltlichen Motive von Liebe und andere Verbrechen, alles scheint sich daran auszurichten…

Stefan Arsenijevic: Die Hauptfigur des Films plant, auszuwandern, dem Land den Rücken zu kehren, und das ist für Serbien innerhalb der letzten 15 Jahre ein äußerst dringliches Problem geworden: Über 300.000 junge Menschen haben in dieser Zeit das Land verlassen. Jeder hat Freunde überall auf der Welt verteilt, und man fragt sich selbst immer wieder aufs Neue, ob man nicht auch gehen sollte. Davon wollte ich erzählen anhand einer Frau, die alle Verbindungen kappen will, das Geld ihres Freundes nehmen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden will. Doch genau an diesem letzten Tag verliebt sie sich – was wird sie tun? Davon erzählt der Film.

Der Film spielt in einer eindrücklichen Hochhaussiedlung – wie sehr hat diese die Atmosphäre schon in der Vorbereitung geprägt?

Simon Tansek: Diese riesigen Gebäudekomplexe mit ihren grauen Wänden und grauen Stimmungen waren absolut faszinierend für mich, ich hatte zuvor noch nie in solch einem Setting gearbeitet. Als ich das Drehbuch las, konnte ich mir diese kommunistische Architektur der 25-stöckigen 70er-Jahre-Bauten, in denen hunderttausende Leute mitten in Belgrad wohnen, erst gar nicht richtig vorstellen. Zusammen mit dem Art Director Volker Schäfer haben wir uns das dann angesehen und gesagt: Okay, warum verstärken wir diese Atmosphäre nicht sogar noch in Ausstattung, Kostüm und in einer gewissen Schlichtheit der Bilder? So sind die Bildhintergründe etwa zumeist grau – so grau wie das Leben und die Zukunft vieler der Figuren.

Dazu spielt die Geschichte auch noch im Winter…

Stefan Arsenijevic: Als wir drehten, herrschte allerdings der wärmste Winter seit Jahrzehnten, so daß nicht nur die Schauspieler stets viel zu warm angezogen waren, sondern nicht selten im Hintergrund Leute in kurzen Hosen vorbeiliefen.

Simon Tansek: Das Problem war, daß der Film von morgens bis tief in die Nacht am selben Tag spielt. An jedem Drehtag also mußten wir den Eindruck der selben Temperatur, des exakt selben Wetters erwecken. Das war ein weiteres Argument also, sich dafür zu entscheiden, einen grauen, wolkenverhangenen, kalten Tag zu simulieren. Hat nämlich die Sonne mal geschienen, drehten wir einfach im Schatten dieser riesigen Gebäude, die im Februar/März ohnehin höchstens eine Stunde Sonne zuließen.

Im Grunde ist hier das Drehmotiv fast zu einer weiteren Figur geworden, so sehr, wie es den Film beeinflußt?

Simon Tansek: Das stimmt, trotzdem aber ist es natürlich ein Film über die Menschen, die in dieser Umgebung leben. Um das zu unterstreichen, besteht der Film vorrangig aus zwei Einstellungsgrößen: Diese graue, riesige Architektur haben wir ausschließlich in Totalen gedreht, während wir die Menschen in Close Ups faßten, das Gesicht als Zentrum des Bildes. Dazwischen gibt es fast keine anderen Einstellungsgrößen.

Stefan Arsenijevic: Die Geschichte will dem Mikrokosmos in dieser Siedlung nachspüren. Das Leben dort steht metaphorisch für das, was in Serbien in den letzten Jahren geschehen ist. Insofern geht es in Liebe und andere Verbrechen ganz klar um die Menschen, es geht um Beziehungen und natürlich um Gesichter, die mit Abstand am wärmsten von allem fotographiert sind. Was würde ich vermissen, wenn ich das Land verließe? Es wären die Menschen, denn sie sind es, die diese kalte Umgebung wärmen und lebenswert machen. 2009-09-10 15:25
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