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Jamie Blanks

Jamie Blanks, Regisseur von Long Weekend

Eine Symphonie des Grauens

Von Nils Bothmann Am Anfang war die Musik: Der gebürtige Australier Jamie Blanks sammelte seine ersten Erfahrungen im Filmgeschäft als Komponist und lieferte den Score zu Kurzfilmen ab, darunter auch seine erste Regiearbeit Silent Number. Nachdem er Produzent Neal H. Moritz einen selbstgefilmten Trailer für den damals in der Planungsphase befindlichen Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast zugeschickt hatte, war dieser sehr beeindruckt. Den Regiezuschlag erhielt zwar Jim Gillespie, doch Moritz vertraute Blanks Düstere Legenden an, Blanks’ Langfilmdebüt. Auch danach blieb Blanks dem Horrorgenre treu, kehrte Hollywood nach Querelen um seinen zweiten Film Schrei, wenn du kannst den Rücken und drehte in Australien Storm Warning und Long Weekend. Nils Bothmann sprach mit ihm anläßlich der DVD-Veröffentlichung seines neuesten Films über Hollywood, Horror und Heimkino.

Ihre bisherigen Filme können allesamt dem Horrorgenre zugeordnet werden. Bevorzugen Sie das Genre und möchten Horrorregisseur bleiben oder planen Sie in naher Zukunft eine andere Art Film zu drehen?

Ich bin in das Geschäft eingestiegen, um Horrorregisseur zu werden, aber es würde mich glücklich machen im Laufe meines Lebens auch in anderen Genres tätig zu sein. Am liebsten würde ich Thriller à la Brian De Palma drehen, aber ich würde auch gerne Actionfilme und Science Fiction machen. Horror ist meine größte Leidenschaft, und es macht mir am meisten Spaß, diese Art von Film zu drehen. Ich mag die stilistischen Möglichkeiten, die man bei Horrorfilmen hat – ich kann mit der Kamera und dem Sounddesign Dinge tun, die in anderen Genres nicht möglich wären, und ich habe großen Spaß daran, Horrorfilme zu orchestrieren.

Gibt es Regisseure, die Vorbilder für Sie sind und deren Werk Sie bewundern, speziell im Horrorbereich?

John Carpenter ist der Grund, warum ich anfing, Filme zu machen, aber es gibt viele Regisseur, die ich bewundere. David Cronenberg, George Romero, Don Coscarelli, Sam Raimi, Wes Craven, Tobe Hooper (wenn er einen guten Film dreht). Zuletzt haben mich die Arbeiten von Danny Boyle und Neil Marshall beeindruckt. Aber für mich war es wirklich immer Carpenter – vor allem die frühen Filme. Ich habe mir das Klavierspielen selbst beigebracht, und das erste, was ich lernte, war die Titelmelodie zu Halloween – Die Nacht des Grauens. Carpenter war ein großer Einfluß für mich über die Jahre.

Düstere Legenden und Schrei, wenn du kannst waren US-Teenhorrorfilme, Storm Warning und Long Weekend wurden mit weniger Budget in Australien gedreht. Ihre späteren Arbeiten haben mehr Kanten, trauen sich mehr, sind weniger Mainstream. War dies eine bewußte Wahl oder hielt Sie das Studiosystem bei Ihren früheren Filmen davon ab?

Ich wollte Schrei, wenn du kannst wesentlich fieser und böser haben als er letztendlich wurde. Ich habe diese Version gedreht, aber das Studio nahm viele Kürzungen vor der Veröffentlichung vor, von daher war die gewalttätigere Version leider nie zu sehen. Einen derartigen Weg habe ich bei Düstere Legenden nicht eingeschlagen, weil dies nicht die Art Film war, die ich machen sollte. Das Studio wollte etwas, das die junge weibliche Zuschauerschaft nicht befremden würde, und es hat sich ausgezahlt, als der Film veröffentlicht wurde: Er war sehr beliebt bei dieser Zielgruppe. Unabhängig zu arbeiten hat stets bösere, kantigere Filme hervorgebracht, und ich war erfreut, die Chance zu haben, da ich im Studiosystem begonnen habe und es nie schaffte, vorher meinen Indie-Film zu drehen. Ich wollte die Gewalt, die freigesetzt wird, nicht nur andeuten, ich wollte einen ungezähmten Film machen.

Storm Warning sowie Long Weekend haben kleine Besetzungen, konzentrieren sich auf die Protagonistenpaare, vor allem Long Weekend. Die Filme spielen in der freien Natur, enthalten weniger Dialoge als ihre früheren Filme. Wie ist diese Art des reduzierten Filmemachens für einen Regisseur? Ist es schwerer als einen Studiofilm zu drehen?

Ich bevorzuge diese Arbeitweise, da sie mir erlaubt, Stimmung und Atmosphäre über die narrative Exposition zu stellen, die in meinen ersten beiden Filmen eine wichtige Rolle spielte. Diese hatten verworrene Storylines mit vielen Charakteren – von denen viele nur existierten, um durch die Hand des Killers zu Tode zu kommen. Ich mochte die geradlinige Erzählung, die Everett geschrieben hatte, und hatte das Gefühl, damit mehr Spannung erzeugen zu können als es mir in meinen US-Filmen möglich war. Ich kann nicht sagen, daß ein Ansatz besser als der andere ist, denn jeder Film ist anders, aber mir gefiel es, mich auf wenigere Charaktere zu konzentrieren und auf diese Art Spannung und Suspense zu erzeugen.

Mit dem Erfolg der DVD hat das Horrorgenre ein Revival als »Direct to DVD«-Genre erlebt. Denken Sie, daß dies vergleichbar zu dem Videoboom der 1980er Jahre ist? Wie beurteilen Sie die Zukunft des Genres allgemein?

Ich denke, daß es unvermeidbar ist, daß die Leute immer mehr Filme daheim auf DVD schauen. Viele von uns haben in Heimkino-Ausstattung investiert und können großartige Filmerlebnisse in der Gemütlichkeit unserer Wohnzimmer genießen. Ich gehe weniger häufig ins Kino als früher – hauptsächlich, weil ich das Geknusper von Essen in meinen Ohren nicht ertragen kann; außerdem nerven mich klingelnde Handys während der Vorstellung und überteuerte Ticketpreise. Ich schaue mir etwas im Kino an, wenn es in 3D ist oder etwas Episches wie The Dark Knight, aber meistens ist das Heimkino meine bevorzugte Methode des Filmschauens. Ich kann mich nicht darüber beschweren, daß meine kleineren Filme auf diese Art erscheinen, da ich denke, daß sich die Sehgewohnheiten der Leute geändert haben. Ich sehe die Zukunft der unabhängigen Distribution im Internet, sobald der Datentransfer ausreichend entwickelt ist. DVDs werden uns nicht ewig begleiten, und irgendwann werden wir Unterhaltung digital in unsere Häuser leiten – zumindest ist das meine Vermutung. Ich würde aber auch gern die Wiedergeburt der Autokinos erleben – dann würde ich wieder öfter ins Kino gehen.

Ihr Film Storm Warning wurde kürzlich in Deutschland beschlagnahmt. Wie stehen Sie dazu?

Ich hasse es zu hören, daß deutsche Zuschauer mit dieser Art von Zensur leben müssen. Ich glaube nicht, daß irgendjemand das Recht haben sollte, etwas zu verbieten – es sei denn, es enthält reale Aufnahmen, die kriminellen oder ausbeuterischen Inhalts sind. Aber Fiktion ist Fiktion – man sollte ihm auf jeden Fall die höchstmögliche Freigabe geben, um Leute zu warnen – aber Sachen komplett zu verbieten scheint mir ein großer Fehler zu sein.

Eine ganze Reihe von Horrorklassikern wie Halloween, Texas Chainsaw Massacre oder Amityville Horror wurden in letzter Zeit neu gedreht. Auch Long Weekend ist ein Remake, das Original ist allerdings weit weniger bekannt. Was hat Sie daran gereizt, diesen eher kleinen Film neu zu interpretieren?

Ich habe das Original immer geliebt und war erstaunt, wie wenige Leute ihn kannten. Generell bin ich gegen Remakes von Filmen, und viele von ihnen stinken ab, aber ich dachte wie großartig es wäre, eine neue Version von Long Weekend zu sehen, da mir die Botschaft des Films heutzutage sogar noch wichtiger erscheint als damals, als das Original von 30 Jahren gedreht wurde.

Was bietet Ihr Remake den Fans des Originals? Zu welchem Grad sind Sie davon abgewichen?

Ich blieb der Originalgeschichte treu und habe sie nicht groß verändert. Es gibt kleine Unterschiede in den Erzählungen beider Filme, aber generell liegen sie sehr nahe beieinander. Dies war meine Intention, und ich habe es aus Respekt dem Original gegenüber getan, der eine Art kleiner Kultklassiker für viele Leute ist. Ich hoffe, daß das Remake eine erfreuliche Erfahrung für die Fans des Originals ist. Der größte Unterschied ist die Interpretation der Hauptfiguren durch Jim Caviezel und Claudia Karvan. Sie verleihen ihren Charakteren insgesamt mehr Tiefe, und von daher denke ich, daß es insgesamt eine befriedigendere Erfahrung ist.

Die Protagonisten von Long Weekend sind nicht besonders sympathische Leute. Soll der Zuschauer sich an der Bestrafung für ihr Handeln erfreuen?

Nicht wirklich. Ich wollte, daß der Zuschauer sich wundert, ob die Natur wirklich eingreift oder die beiden ihren eigenen Untergang durch ihre Vorurteile und ihr Handeln verursachen. Vielleicht tut die Natur ihnen gar nichts, und es geht darum, was das Paar sich selbst antut. So habe ich den ersten Film interpretiert, und ich wollte diese wundervolle Ambiguität keinesfalls verlieren. Die beiden stehen für die gesamte Menschheit in dieser Geschichte: Ihr Unvermögen mit der Natur zu leben, nach den Gesetzen der Natur, bringt die Tragödie in ihr Leben.

Long Weekend und Storm Warning liefern kritische Kommentare zu den klassischen Geschlechterrollen des starken aktiven Mannes und der hysterischen passiven Frau, drehen sie manchmal sogar um. Wie wichtig sind Ihnen derartige Botschaften?

Nicht sehr wichtig. Ich finde es lediglich sehr altmodisch, die hilflose weibliche Hauptfigur zu haben und den rauhen Helden, der sie rettet. Es ist klischeehaft und überholt. Ich glaube kaum, daß sich die Mehrheit der Frauen als »damsel in distress« sieht und bin nicht sicher, ob sie das jemals getan haben. Heutzutage treten die Frauen im Film viel mehr Leuten in den Arsch als in den 70ern. Ich denke das ist eine gute Sache und würde gerne mehr davon sehen. 2009-08-10 11:49
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