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Danièle und Christopher Thompson

Danièle und Christopher Thompson am Set von Affären à la Carte

Sprechen über »es«

Von Falk Osterloh Danièle Thompson ist die Tochter des französischen Schauspielers, Drehbuchautors und Regisseurs Gérard Oury, der u.a. fünf Filme mit Louis de Funès inszenierte. Zusammen mit ihrem Vater schrieb sie zwischen 1966 und 1989 die Drehbücher zu zehn Filmen, u.a. Die Abenteuer des Rabbi Jakob und Der Regenschirmmörder. Auch die Vorlagen zu La Boum 1+2 sowie Die Bartholomäusnacht stammen von ihr. Seit 1999 hat sie vier Filme inszeniert, für die sie zusammen mit ihrem Sohn Christopher, Schauspieler, Drehbuchautor und Produzent, die Drehbücher geschrieben hat. Zu ihrem gemeinsamen neuen Film Affären à la Carte befragte sie Falk Osterloh.

Empfinden Sie Ihre Filme als typisch französisch?

Danièle Thompson: Ich denke, im Ausland hat man eine bestimmte Vorstellung von Frankreich, und zwar die Vorstellung, daß die Franzosen viel freier mit der Treue umgehen als zum Beispiel Amerikaner, Menschen aus puritanischen Ländern. Das hat etwas mit der französischen Tradition von Künstlern wie Georges Feydeau zu tun. Wir lachen über den Ehebruch und nehmen ihn nicht so ernst. Mein Film zeigt jedoch, daß wir ihn durchaus ernstnehmen. Ich glaube, Franzosen sind nicht untreuer als Deutsche oder Amerikaner. Doch wir trauen uns, darüber zu sprechen und darüber zu lachen. In Frankreich empfinden die Leute meine Filme als nicht sonderlich französisch, sondern eher als angelsächsisch. Aber in Deutschland und auch überall sonst sehen sie vielleicht sehr französisch aus, weil wir über »es« sprechen.

Entstehen Ihre Filme denn eher aus einer französischen oder einer angelsächsischen Tradition heraus?

Danièle Thompson: Mein Sohn und meine Tochter wurden beide in Amerika geboren und lebten dort lange. Seit ich ein Kind bin, hat mein Vater Gérard Oury mich ins Kino mitgenommen. Filme allgemein und insbesondere amerikanische Filme hatten in meiner Kindheit einen großen Stellenwert. Also liegt es in meinen Genen, nehme ich an.

Christopher Thompson: Die Art, wie unsere Filme geschrieben sind, steht in einer angelsächsischen Tradition. In der Nouvelle vague, einer sehr französischen Art, Filme zu machen, wurde weniger mit zuvor geschriebenen Texten gearbeitet. (zu Danièle:) Deine Art, Filme zu machen, funktioniert eher über das Schreiben, und das scheint mir doch eine angelsächsische Tradition zu sein.

Daniéle Thompson: Französisch sind meine Filme auch durch ihre besondere Musik. Es gibt eine bestimmte Musik in italienischen und spanischen Filmen, in deutschen und amerikanischen. Wenn es nicht im Prozeß des Synchronisierens verlorengeht, hat jeder Film einen bestimmten Ton, etwas, das für die jeweiligen Filme sehr typisch ist. Unsere Filme haben ebenfalls einen bestimmten Ton, der die französische Atmosphäre atmet. Und ich hoffe, er ist auch in der deutschen Version noch enthalten.

Affären à la Carte ist ein Film über die Midlife Crisis. Wie wichtig ist es, eine zweite Chance im Leben zu erhalten?

Christopher Thompson: Im Französischen sprechen wir von der Krise der Vierzigjährigen. Im Alter von 40 oder 45 Jahren gibt es einen Moment im Leben, an dem wir uns fragen, wie die zweite Hälfte des eigenen Lebens aussehen wird. Werde ich noch mit derselben Person zusammen sein, werde ich den Weg fortsetzen, auf dem ich mich befinde? Das sind sehr natürliche und legitime Fragen. Für eine Beziehung ist es gesund, wenn man sich fragt: Läuft alles noch richtig für mich? Bin ich noch glücklich?

Danièle Thompson: Es ist ein Moment, an dem man Angst bekommt, an dem man weniger attraktiv wird. Doch es ist immer noch Zeit, etwas in seinem Leben zu ändern. Wir sprechen jetzt immer über Paare, die seit zehn oder zwanzig Jahren zusammen sind. Es ist nicht leicht, nach einer so langen Zeit eine Beziehung am Leben zu halten. In dieser Zeit wird die Frage, ob man noch alles ändern könnte, drängender als jemals zuvor. Deshalb geht es um Menschen in diesem Alter. Wir hätten auch mit Daniel Auteuil oder Gérard Depardieu drehen können, großen Stars, die aber einer anderen Generation entstammen. Wir wollten aber keine großen Stars, sondern eine Gruppe von Menschen um die vierzig.

Die meisten Paare in Ihrem Film bleiben am Ende trotz aller Schwierigkeiten zusammen, trotz vorangegangener Pläne, den Partner zu verlassen.

Christopher Thompson: Das ist eines der Themen des Films. Ich glaube fest daran, daß das Leben in einer Beziehung durch Erlebnisse bereichert wird. Wenn es keine Bewegung gibt, ist es ein totes Paar. Einige Paare bleiben ihr ganzes Leben als totes Paar zusammen.

Danièle Thompson: Immer weniger.

Christopher Thompson: Das stimmt. Immer weniger. Denn heute gibt es einfache Wege aus einer Beziehung heraus. Scheidung ist in unserer Gesellschaft sehr leicht.

Können ML und Piotr denn noch eine glückliche Zukunft haben, obwohl er nur mit ihr zusammenbleibt, weil sie von ihm schwanger ist?

Danièle Thompson: Das wissen wir nicht. Krisen gibt es in jeder Beziehung. Manche Paare überstehen sie. Man trifft oft Paare, glückliche Paare, die erzählen, daß sie vor fünf oder zehn Jahren eine Zeit in ihrem Leben hatten, in der sie sich beinahe getrennt hätten. Manchmal kommt ein Kind dazu, und es hilft der Beziehung. Manchmal kommt ein Kind, und es hilft nicht. Aber wenn ein Paar trotz einer Krise zusammenbleibt, macht es die Beziehung stärker. Und es ist eine tolle Sache, wenn ein Paar nach einer Krise wieder zueinander findet.

Christopher Thompson: Manchmal verändert sich die Wahrnehmung der Menschen auf ihr eigenes Leben. Das nennt man dann erwachsenwerden. Man durchlebt bestimmte Phasen, man ändert sich, und man ändert die eigene Vorstellung davon, was ein Paar ist und wie eine Beziehung aussehen sollte. Mit vierzig hat man eine andere Sichtweise als mit 25. Glücklicherweise. Alle Paare in diesem Film bewegen sich, zum Guten oder zum Schlechten.

Danièle Thompson: Manchmal stimmt die Balance in einer Beziehung nicht. ML ist eine erfolgreiche Anwältin in Paris, Piotr ist arbeitslos. Die Affäre mit dieser schönen Frau gibt ihm wieder Selbstbewußtsein, er findet einen neuen Job, und so wird auch die Beziehung zwischen ML und Piotr allmählich wieder besser.

Christopher Thompson: ML sagt das auch einmal. In dem Gespräch mit Lucas erzählt sie, Piotr habe sich verändert und sei jetzt ganz wundervoll. Lucas weiß, daß das nur so ist, weil Piotr mit seiner Frau schläft. Nur ML weiß nichts davon. Tatsächlich verändert sich Piotr aber. Ihr Sexleben, ihre ganze Beziehung wird dadurch wieder besser, und sie verliebt sich wieder neu in ihn.

Würden Sie sagen, daß die weiblichen Charaktere in Ihrem Film flexibler agieren?

Christopher Thompson: Ich finde nicht, daß die Frauen im Film flexibler sind als die Männer.

Danièle Thompson: Nein, ich auch nicht. All diese Leute haben ihre Probleme. Und manchmal kann es auch mehr Kraft kosten, statisch zu sein. Zum Beispiel der Arzt. Seine Frau will ihm die ganze Zeit etwas Wichtiges sagen. Aber er weiß, wenn er sie sprechen läßt, wird ihre Beziehung zuende gehen. Also verhindert er es jedes Mal und ist so auf eine sehr kraftvolle Weise statisch.

Christopher Thompson: Er weiß, wenn er sie jetzt sprechen läßt, wird alles herauskommen. Manche Dinge bleiben besser ungesagt.

Was bedeutet der Originaltitel Le code a changé?

Danièle Thompson: In Frankreich, vor allem in Paris, muß man einen speziellen Code eingeben, um in ein Haus gelangen zu können. Das gehört zu unserem täglichen Leben dazu. Es steht aber auch als Metapher, z.B. für einen sozialen Code oder einen bestimmten Code innerhalb einer Beziehung. Im Film geht es auch darum, wie man sich nach einem harten Arbeitstag entscheidet, seine Freizeit zu verbringen. Am Morgen kann man sich nicht aussuchen, ob man zur Arbeit geht. Man muß es tun. Am Abend kann man sich aber frei entscheiden. Man kann sich mit seinen Freunden treffen. Wenn man das tut, folgt man häufig auch einem Code: Man zeigt seine gute Seite, erzählt nicht jedem, daß man schlechter Laune ist, daß man Krebs hat und von seiner Frau verlassen wird. Wenn man mit mehr als vier Menschen zusammen ist, trägt man häufig eine Maske. Diese Vorstellung war die Grundidee unseres Drehbuchs.

Madame Thompson, welche Art von Regisseur sind Sie am Set? Haben Sie zum Beispiel schon den gesamten Film im Kopf, bevor Sie zu drehen beginnen?

Danièle Thompson: Nein, natürlich nicht. Ich glaube nicht, daß das für irgendeinen Regisseur zutrifft. Denn jeden Tag gibt es am Set neue Überraschungen. Elf Schauspieler bringen täglich neue Ideen ein. Was ich bei Affären à la Carte allerdings zum ersten Mal gemacht habe, war, alle Schauspieler über einen Zeitraum von einem Monat zusammenzubringen. Das ist sehr ungewöhnlich für einen Dreh, weil alle Schauspieler ihre Termine haben. In diesem Fall mußte sich aber jeder für einen ganzen Monat Zeit nehmen. Außerdem fiel mir während des Drehs auf, daß wir sehr viel Extradialog benötigten. So mußte ich am Set viele neue Dialoge hinzufügen, insbesondere Offscreen-Dialoge. Wenn man mit seinen Freunden zusammensitzt, gibt es viele Unterhaltungen am Tisch, zuerst zwischen zwei Leuten, dann werden noch weitere in das Gespräch hineingezogen. Schwierig war danach auch das Mixen. Normalerweise ändere ich das Skript aber kaum, wenn es fertig ist.

Christopher Thompson: Ich glaube, je präziser das Drehbuch und die Dialoge sind und je besser man vorbereitet ist, desto freier ist man am Set und kann einweben, was immer die Schauspieler einbringen oder was die Situation hergibt. Vielleicht ist es dann anders als man es sich zuvor gedacht hat, aber es kann dir etwas Interessantes geben, mit dem du vorher überhaupt nicht gerechnet hast.

Wenn ein Schauspieler für seine Figur einen anderen Text vorschlägt, gehen Sie darauf ein?

Danièle Thompson: Manchmal schon. Aber ich habe meine eigene Geschichte im Kopf, und beim Schneiden werde ich mich eher für meine Version entscheiden. Aber wenn es eine gute Idee ist, warum nicht? Es kommt allerdings nicht sehr häufig vor.

Wie schaffen Sie es beim Drehbuchschreiben, als Mutter und Sohn zusammenzuarbeiten?

Christopher Thompson: Sehr gut. Wir sind ein eingespieltes Team. Affären à la Carte ist unser vierter Film zusammen.

Schreiben Sie Zuhause oder im Büro?

Christopher Thompson: In einem Büro zu Hause.

Also schreiben Sie immer am selben Ort?

Christopher Thompson: Bis jetzt ja. (zu Danièle:) Immer in deinem Büro. Nur die Dekoration hat sich geändert.

Danièle Thompson: Nicht so sehr. Immer noch dieselbe Unordnung.

Christopher Thompson: Wichtig ist, daß wir sehr strukturiert arbeiten. Wir haben immer dieselben Arbeitszeiten.

Danièle Thompson: Wir arbeiten meistens viermal pro Woche zusammen. Mal mehr, mal weniger. Aber wir reden für Monate, machen uns Notizen, erarbeiten die Charaktere, die Geschichte.

Wie kritisieren Sie einander?

Christopher Thompson: Ständig, das ist ein Teil unserer Arbeit. Wir sind ständig im Gespräch und zerpflücken die Ideen des anderen.

Danièle Thompson: Wir lesen die Notizen der Vortage. Und plötzlich bemerken wir, daß die Ideen, die wir hatten, überhaupt nicht funktionieren. Manchmal ist es sehr anstrengend, manchmal macht es großen Spaß. Und an manchen Tagen sind wir sehr entmutigt, wenn wir nach sechs Stunden Arbeit nichts Verwertbares herausbekommen haben.

Christopher Thompson: Es ist genauso wie mit anderen Koautoren. Man muß seinem Partner trauen können.

Danièle Thompson: Es geht immer nur darum, das Drehbuch zu verbessern und nicht um das eigene Ego. Es geht nicht darum, immer nur seine Ansichten durchzusetzen.

Warum ist das französische Kino so in das Bürgertum verliebt?

Christopher Thompson: Wenn man die leichten Dinge, die Alltäglichkeiten des Lebens zeigen will, sollte der Film nicht in einem Kriegsgebiet angesiedelt sein oder in einer Bergbaustadt.

Danièle Thompson: Wenn ein Film in einem Kriegsgebiet angesiedelt ist, ist das Thema Krieg so stark, daß der Film in erster Linie davon handeln wird. Man kann sich dann nicht mehr auf die kleinen Dinge des Lebens konzentrieren. Wenn man eine Komödie dreht, ist es nicht leicht, sie vor einem harten oder tragischen Hintergrund stattfinden zu lassen. Das Bürgertum gehört zur Mittelklasse, zur arbeitenden Bevölkerung, nicht zur Oberklasse. Die Briten machen Filme über die Oberschicht, die Franzosen nicht.

In Affären à la Carte entsteht der Eindruck, daß die Generation der 60- bis 70Jährigen viel gelassener ist als die der 40Jährigen. Woran liegt das?

Christopher Thompson: Ich glaube, als die heute 60- bis 70Jährigen jung waren, waren die Zeiten naiver als jetzt. Ich habe vor kurzem einen Film gesehen, der lange Zeit verboten war, Cocksucker Blues, ein Dokumentarfilm über die Amerikatour der Rolling Stones 1972. Der Film ist sehr verstörend, weil man fixende Leute sieht oder eine Frau, die mit fünf Männern in einem Flugzeug Sex hat. Man hat damals diese Dinge gefilmt und geglaubt, daß sie okay sind. Das finde ich naiv. Ich glaube, die heutige Generation muß unter wesentlich härteren Umständen klarkommen. 2009-07-15 16:32
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