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Jens Hoffmann

Jens Hoffmann, Regisseur von 9to5 – Days in Porn

Nackt auf Schicht

Von Daniel Bickermann Jens Hoffmann inszeniert, fotographiert und produziert mit seiner Münchner Firma F24 Film neben Werbe- und Imagefilmen regelmäßig auch Dokumentarfilme wie unter anderem die preisgekrönten Fatima’s Hand und 20 Seconds of Joy. Mit 9to5 – Days in Porn ist nun seine Langzeitbeobachtung der US-Pornoindustrie in die deutschen Kinos gestartet. Ein Gespräch mit Daniel Bickermann.

Wie ist es zu diesem ungewöhnlichen Projekt gekommen?

Ich versuche, mit meinen Dokumentarfilmen erstmal grundsätzlich eine Geschichte zu erzählen, die die Leute zum Denken bringt, ihnen aber nicht zu erzählen, was sie zu denken haben. Als Themen gebe ich Dinge vor, die jeden berühren: Tod, Liebe, Sex, alles was dazugehört. Der Auslöser für 9to5 – Days in Porn war ein Treffen mit einem Menschen aus der Pornobranche, und der hatte überhaupt nichts mit dem Bild zu tun, das ich so im Kopf hatte. Ich habe dann weiterrecherchiert und gemerkt, daß dahinter ein ganz anderer Mensch steckt – wie so oft. Ich habe es als meine Aufgabe gesehen, dieses Bild darzustellen, zumal es keinen solchen Film in der Form vorher gab. Es existieren fast ausschließlich diese vielen TV-Reportagen, von denen unsere Stereotype oft herrühren, dann diese Making-of-Porn-Geschichten oder Klabauk wie Boogie Nights. In 9to5 – Days in Porn geht es nun weniger um den Porno selber, sondern mehr um die Leute, die dahinter stehen, und das ist dann wieder repräsentativ für gewisse Gesellschaftsteile und hat einen Bezug zu jedem einzelnen, glaube ich.

Jetzt hast Du ja einige in der Szene durchaus prominente Leute bekommen. Waren die alle so offen, daß sie sich so haben zeigen lassen von Dir?

Um dahin zu kommen, hat der Film fünf Jahre gebraucht! Wir haben ja nicht sofort angefangen zu drehen, es waren im Prinzip anderthalb Jahre Vorarbeit, Recherche, Testdrehs, Trailerdreh. Es galt auch zu zeigen, was man macht, und Vertrauen aufzubauen, bevor es richtig losging mit dem wirklichen Dreh.

Und Ihr habt teilweise bei den Protagonisten gewohnt?

Ja, wir haben fast die ganze Zeit bei den Leuten gewohnt. Vor allem aber haben wir gleich von vornherein auch bei der Dreheinteilung den dramaturgischen Aufbau vom Spielfilm übernommen und mit drei Drehteilen gearbeitet: Einleitung, Mittelteil und Ende. Deswegen auch drei große Drehphasen, in denen wir dann jeweils sechs Wochenenden im San Fernando Valley waren. Dort hat sich ziemlich schnell herausgestellt, daß wir das mit einer üblichen Filmcrew nicht hinkriegen. Und so hat eben die Cleonice Comino, die das Ganze auch produziert hat, mehr oder weniger gezwungenermaßen gelernt, wie man Ton macht. Wir waren also nur zu zweit, waren viel unsichtbarer, sodaß man uns ziemlich schnell nicht mehr als Fremdkörper wahrgenommen hat.

Ich hatte teilweise beim Anschauen des Films das Gefühl, daß bei einigen Protagonisten ein gewisser Voyeurismus oder Exhibitionismus mitschwingt.

Das Thema als solches impliziert ja, daß man Voyeurismus unterstellt. Deswegen waren im Vorfeld auch Förderungen von deutschen Institutionen völlig unmöglich. Wer durch den Film, durch das, was gezeigt wird, wirklich angeregt wird, der braucht, glaube ich, selber einen Therapeuten. Ich glaube nicht, daß wir irgendwo auf einer Schiene turnen, bei der man unterstellen könnte, das sei heimliches Pornogucken.

Nein, ich meinte, von Seiten der Protagonisten hatte ich oft das Gefühl, daß sie sich sehr zu inszenieren wissen. Ist Euch das manchmal in den Weg geraten?

Wir haben extrem versucht, situativ und natürlich zu sein in diesem Film. Es ist wirklich alles so entstanden, wie es geschah. Deswegen hatten wir auch am Ende 180 Stunden Material. Natürlich gab es Momente, in denen ich wußte, das ist jetzt gespielt. Es mag sich etwas platt anhören, aber ich sage es trotzdem: Amerikaner können sich vor der Kamera viel besser verkaufen als Deutsche. Ich weiß nicht woran es liegt, ob es die Gene sind oder die Sprache oder die Kultur. Die können das einfach.
Ich habe also versucht, so authentisch wie möglich zu sein und zwei Ansätze gewählt: einmal den langen Drehzeitraum, denn eine Charakterentwicklung kann ich nicht beeinflussen. Und das zweite war, nichts zu spielen, und natürlich haben sich die Leute irgendwann geöffnet, bekamen das Vertrauen und waren auch froh, daß ihnen mal einer richtig zuhört. Wenn die Leute sich aber so vor mir öffnen, dann muß ich auch verantwortungsvoll mit dem Material umgehen und dann eben auch manches rausschneiden.

Kommen wir mal zur Darstellung der Sexualität: Ich war ganz angetan davon, daß es in 9to5 – Days in Porn sehr raffiniert gelöst wurde. Es ist kein jugendfreier Film, es wird nicht wirklich draufgehalten und doch auch nichts bewußt weggeschnitten, wenn denn mal eine Pornoszene kommt. Wie war da die Herangehensweise?

Es war uns von Anfang an klar, daß wir, wenn wir so einen Film machen und nur angezogene Leute zeigen, dann das Thema verfehlen. Wenn es um Leute geht, die beim Porno arbeiten, dann muß ich auch an ihrer Arbeitstelle sein. Ich wollte nicht nur Körper vor Mündern zeigen, sondern man soll schon einigermaßen mitkriegen, was da passiert, wenn einer einen Baseballschläger in den Hintern geschoben kriegt. Ohne das explizit zu sehen, muß man das trotzdem so zeigen, daß es verständlich wird, weil diese Dinge einfach so weit weg sind von dem, was wir uns als normal vorstellen, wie Sex funktioniert. Beim Rohmaterial gibt es Szenen, die hätte ich sicher so nicht nehmen können. Beim Schnitt konnten wir nachher klar sagen, okay, hier gehen wir rein, und hier gehen wir raus. Beim Drehen aber passiert es manchmal, daß du zuviel aufnimmst oder auch zu wenig. Deswegen ist relativ viel Material entstanden, damit unsere Absicht aufgeht, alles immer noch mit einer Ästhetik zu zeigen, es nicht zur Skandalreportage verkommen zu lassen.

Kurzer Exkurs: Wie kamst Du denn mit der deutschen FSK aus?

Uns war klar, daß es wahrscheinlich FSK 18 wird, und so kam es auch. Die Sache ist halt die: Das wirklich Kritische, das, bei dem ich sage, unser Film ist echt hart, passiert eher im Verbalen. Die Sprache ist sehr hart, vor allem in den deutschen Untertiteln wird das Ganze noch einmal eine Spur härter. Das Englische ist ein bißchen lockerer, cooler. Wenn jemand »Fuck« sagt, ist das nicht so hart, als sagt man »Ficken«. Das ist eine Spur härter und ordinärer. Ich glaube nicht, daß die Bilder wirklich schlimm sind. Da gibt es einige Szenen, die im Fernsehen laufen, die wesentlich expliziter sind. Ich kann einen Massenmord darstellen mit FSK 12 in Deutschland, aber bei uns sieht man nicht einmal eine direkte Penetration oder irgendetwas. Definitiv nicht. Weder in Argentinien noch in Brasilien oder in den USA, wo der Film auf Festivals bereits lief, wurde uns der Vorwurf gemacht, dieser Film sei auf irgendeine Art vulgär, voyeuristisch oder pornographisch. Auch von Feministinnen gab es keine Kritik – das habe ich selber nicht erwartet.

Als Magazin mit dem Namen »Schnitt« interessieren wir uns natürlich auch explizit für die Arbeit im Schneideraum. Wie lief die Montage bei 180 Stunden Drehmaterial ab?

Es ging systematisch los. Wir haben das Material zunächst auf 80 Szenen heruntergebrochen, die wir roh geschnitten haben. Das ergab einen ersten Rohschnitt von fünfeinhalb Stunden oder so. Ab da ging es dann los, die Dramaturgie zu finden. Da sind dann Szenen rausgefallen, die nicht schlecht waren, aber nichts zum Handlungsstrang beigetragen oder die Verbindung aufgelöst hätten, die es vorher gab. Wir haben die Szenen dann auch nach Charakteren aufgeteilt. Jeder der Editoren Christopher Klotz und Kai Schröter hat einen Teil zugeschnitten, dann aber auch alles wieder zusammengetan und zu dritt diskutiert. Ich glaube, das war wahnsinnig gut, denn statt des Regisseurs, der eh zu wenig Abstand hat, oder des Editors, der seinen eigenen Stil hat, gab es drei Meinungen. Es hat dann meistens die Mehrheit gewonnen. Es war nicht so, daß ich auf irgendetwas bestanden habe, sondern man hatte dann zwei, die gesagt haben: Hey, denk doch jetzt mal andersrum. Es war eine fruchtbare Arbeit. Ich habe auch bei den anderen Filmen davor schon mit zwei Editoren geschnitten und gute Erfahrungen gemacht bei dem ganzen Material. Es waren acht Monate Schnittzeit.

Es gibt beim Zuschauen einen gewissen Effekt der fortschreitenden Desillusionierung. Am Anfang wirken die Szenen noch romantisch und kämpferisch, und sie werden dann sentimentaler, und die Figuren fallen ja auch sehr tief. Ist das auch etwas, das Dir beim Dreh oder später klar geworden ist?

Es fallen ja nicht alle tief. Es gibt ja auch zwei Personen, die durchaus sehr gut damit klar kommen. Aber ich will das nicht verurteilen. Jede kleine Geschichte hat für sich eine Moral. Und das kann jeder, glaube ich, für sich selbst erkennen. Der eine kommt mehr damit klar als der andere. Es gibt öfters Diskussionen darüber, warum wir nicht tiefer auf einen Charakter eingehen. Ich wollte von vornherein diesen Querschnitt haben. Ich wollte dieses Kaleidoskop haben und noch eine zweite Ebene mit reinbringen. Wir haben nicht nur Opfer, sondern auch Leute, die damit klarkommen. Es gibt nämlich durchaus beide Seiten. Und diese beiden Seiten gibt es fast in jedem Job, wenn mal es mal so pragmatisch sehen will. Natürlich gibt es Leute, die mit diesem Job überhaupt gar nicht klarkommen und total abstürzen, und es gibt die, die anscheinend damit umgehen können. Wir haben wirklich versucht, es so widerzuspiegeln, wie es war, und nichts zu verschönern oder zu verfälschen.
Wir sind aber auch froh, wenn Menschen aus dem Film herauskommen und sagen, sie müssen das jetzt erst mal zwei Tage verdauen. Manche Menschen sind einfach irritiert und kommen damit nicht klar, und das ist ja genau das, was der Dokumentarfilm will, die Realität der Illusion zu schaffen, also nicht wie im Film. Das hat doch Ulrich Seidel mal gesagt: Der Film ist die Illusion der Realität, und ein Dokumentarfilm ist die Realität der Illusion. Diese Umkehrung läuft bei manchen ein bißchen aus der Schiene, glaube ich. Frauen kommen grundsätzlich mit dem Film viel besser klar als die Männer, und das ist auf jeden Fall eine überraschende Erkenntnis. 2009-07-01 17:35
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