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Rajesh S. Jala

Rajesh S. Jala, Regisseur von Children of the Pyre

Das Geschäft mit dem Tod

Von Myriam Alexowitz Im März 2009 war der indische Dokumentarfilmer Rajesh S. Jala zu Gast beim Internationalen Kurzfilmfestival in Tampere/Finnland. Zu sehen war von ihm eine kleine Werkschau mit dem Titel »A Taste of India«. Seit zwölf Jahren widmet sich der engagierte Filmemacher vorwiegend sozialkritischen Themen. Er zeigt Menschen, die unter qualvollen Bedingungen am Rande der Gesellschaft leben und verleiht ihnen mit seinen Filmen eine Stimme. Auch beim finnischen Publikum fanden Rajesh S. Jalas Filme großen Anklang und sorgten für Tränen und tiefe Nachdenklichkeit.

1997 gab Rajesh S. Jala sein Debüt mit dem poetischen Kurzfilm Chinar , in dem er die majestätische Schönheit des in Kaschmir beheimateten Chinarbaums beschreibt, der inzwischen vom Aussterben bedroht ist. In seinem zweiten Kurzfilm Azadi (1998) – »Freiheit« – widmet sich Rajesh S. Jala den harten Lebensbedingungen der Insassen einer psychiatrischen Anstalt in Kaschmir. Der erste spielfilmlange Dokumentarfilm Floating Lamp of the Shadow Valley folgte im Jahr 2006 und lief auf vielen internationalen Filmfestivals wie in Palm Springs und auf dem Raindance Filmfestival in London. In Amsterdam wurde der Film beim Internationalen Dokumentarfilmfestival nominiert. Erzählt wird die Geschichte eines zehnjährigen Jungen und seines täglichen Überlebenskampfes. Sein Vater hat die sechsköpfige Familie wegen seiner Berufung zum Dschihad verlassen. Seitdem versucht der Sohn, mit Fischfang die Familie am Leben zu erhalten. An seinem letzten Werk The Children of the Pyre arbeitet Rajesh S. Jala fast zwei Jahre. Es ist ein einfühlsames, aber auch erschütterndes Porträt von sieben indischen Jungen, die in Varanasi (Benares), dem größten Krematorium Indiens, täglich das Feuer der Scheiterhaufen schüren. Der Dokumentarfilm lief bisher weltweit sehr erfolgreich auf mehreren Filmfestivals, in Montreal und São Paulo gewann er den Preis für den »Besten Dokumentarfilm«, und in Leipzig und Pusan (Korea) wurde er nominiert.

Auf dem Festival in Tampere traf Myriam Alexowitz den Filmemacher Rajesh S. Jala und hat ihn zu seiner Arbeit und speziell zu seinem letzten Film interviewt.

Wie ist für Sie die Situation in Indien als Dokumentarfilmer?

Dokumentarfilme haben es in Indien besonders schwer, es gibt kaum Unterstützung und nur wenige Funds. Die Fernsehanstalten zahlen für die Filme nur etwa 4.000 Euro. Wenn man bedenkt, wie viel Zeit und Geld man in einen Film vorher investiert! Das sind ja nicht nur die Kosten für den Dreh und die Postproduktion, sondern auch für die Sicherung des eigenen Lebensunterhalts während der Drehzeit.

Wie kamen Sie auf die Idee, einen Film über die Kinder in Varanasi (Benares) zu drehen?

Ich wollte schon seit langem einen Film in und über Benares machen. Es ist eine der faszinierendsten und berühmtesten Städte der Welt mit einer Jahrtausende alten Geschichte. Die Stadt hat viele Kontraste und Facetten zu bieten, viel Gutes, aber auch Schlechtes. Vor zweieinhalb Jahren war ich dort, um mich vor Ort zu einem Thema inspirieren zu lassen. Besonders die riesige Kremationsstätte Manikarnika hat mich in ihren Bann gezogen. Sie ist der älteste und wichtigste Verbrennungsplatz am Fluß Ganges. Ich verbrachte dort fast einen Monat und beobachtete das Geschehen. Rund um die Uhr werden an diesem für Hindus heiligen Ort pro Tag zwischen 100 und 250 Körper verbrannt. Die Hindus glauben, mit ihrer dortigen Einäscherung endlich aus dem Kreislauf der Wiedergeburten befreit werden zu können. Kein Wunder, daß die Toten aus ganz Indien hierhergebracht werden. Der Tod ist in Varanasi ein einträgliches Geschäft. Auch viele Kinder versuchen, sich an den Verbrennungsplätzen mit Arbeit ihr Überleben zu sichern. Ihre Aufgabe ist es, das Feuer anzufachen, umherliegende Körperteile einzusammeln und Totenwache zu halten. Ich lernte dort sieben außergewöhnliche Kinder kennen, sah ihnen bei ihrer täglichen Arbeit zu und wußte auf einmal: Das ist genau das Thema, über das ich berichten will.

Wie alt sind die Kinder? Und waren sie sofort offen, mit Ihnen zu kooperieren?

Die Kinder sind zwischen acht und fünfzehn Jahre alt. Am Anfang sahen sie mich als gewöhnlichen Besucher und waren nicht sehr offen. Doch in den 18 Monaten, die ich mit ihnen verbrachte, wurden wir mit der Zeit gute Freunde. Irgendwann gewöhnten sie sich an mich und die Kamera. Ich folgte ihnen Tag und Nacht wie ein Schatten. Schon bald bemerkten sie die Kamera nicht mehr und verhielten sich ganz natürlich. Mit einer entwaffnenden Ehrlichkeit begannen sie, von ihrer Arbeit, ihrem Leben, ihren Erfahrungen und ihrer Hoffnungslosigkeit zu erzählen. Kapil, Sunil, Manish, Ashish, Yogi, Ravi und Gagan gehören zu der Kaste der Unberührbaren. Einige von ihnen arbeiten schon seit ihrem fünften Lebensjahr dort. Gagan sagt im Film: »Wenn wir hier nicht arbeiten, wer wird uns dann ernähren?« Jeden Tag versuchen sie zunächst, die farbigen Leichentücher einzusammeln, mit denen die Toten vor der Verbrennung bedeckt werden. Die Kinder können sich damit ein paar Rupien verdienen, daß sie diese zur Wiederverwertung auf dem Markt verkaufen. Doch sie werden von den Angehörigen oder Bestattern oft massiv daran gehindert, da diese lieber die Leichentücher verbrannt wissen oder selbst das Geld kassieren wollen. Ravi, der Älteste der Gruppe, ist 15 Jahre alt und behauptet, schon über 1.000 Körper verbrannt zu haben. Zu meinem Erstaunen haben diese Kinder ihre Angst vor den toten Körpern überwunden. Ein Toter bedeutet in ihren Augen, ihr eigenes Überleben zu sichern. Sie schlafen sogar dort. Um ihr Elend besser aushalten zu können, kauen sie täglich große Mengen an Tabak und rauchen Marihuana. Trotz dieser grauenvollen, anstrengenden Arbeit haben die Kinder ihre Menschlichkeit und ihren Sinn für Humor behalten. Sie sehen ihre Arbeit als letzten Dienst an den Menschen und verbrennen eigenständig auch umherliegende Körper, die von den anderen vergessen wurden. Der Film ist ein gutes Beispiel für die teilweise herrschende Ausbeutung und Kinderarbeit im Land. Die Kinder arbeiten unter unbarmherzigen und absolut unmenschlichen Bedingungen. Man kann sich ihre Situation kaum vorstellen, wenn man sie nicht selbst gesehen hat. Ich drehte insgesamt 130 Stunden Filmmaterial und brauchte sieben Monate, um den Film zu schneiden.

Wie haben Sie den Film finanziert?

Ich hatte etwas Geld gespart, um mir eine Wohnung zu kaufen, doch als ich die Kinder traf, entschied ich mich, lieber den Film zu machen. Ich begann mit dem Dreh, doch das Geld reichte nicht aus. Ein paar gute Freunde liehen mir dann den nötigen Betrag, damit ich weitermachen konnte. Ich konnte ihnen inzwischen das Geld zurückzahlen.

Wie waren Ihre Erfahrungen während dieses langen Zeitraums?

Dieses Thema hat mich stark beeinflußt und tiefe Spuren hinterlassen. Über so einen langen Zeitraum an einem Ort zu drehen, wo täglich so viele Menschen verbrannt werden, war schwer. Wie viele Minuten kann man normalerweise bei einer Verbrennungsstätte verbringen, wenn man nicht gerade einer Beerdigung beiwohnt? Normalerweise meidet man solche Orte. Es war eine äußerst harte Erfahrung und meine bisher größte Herausforderung. Besonders am Anfang kostete es mich große Überwindung und war eine emotionale Belastung. Alle zehn Minuten wurden tote Körper herangebracht, die mit religiösem Gesang begleitet wurden. Vor allem die unerträgliche Hitze während des Sommers machte uns zu schaffen, als die Temperaturen dort über 50°C betrugen, dazu der extreme Gestank vom verbrannten Fleisch und der Rauch, der uns in den Augen brannte. Das ganze Filmteam wurde krank. Oft mußten wir uns am nächsten Tag wieder zwingen, herzukommen. Doch dann dachte ich an die Kinder, die das seit Jahren aushalten müssen und überwand meinen Widerwillen. Anfangs waren die Angehörigen der Verstorbenen uns gegenüber mißtrauisch. Auch die lokalen Schlepper und Leichenbestatter versuchten uns einige Male einzuschüchtern. Doch mit der Zeit bauten wir eine gute Beziehung zu ihnen auf. Am Ende unterstützten uns alle. Ich hoffe, daß der Film einen starken Eindruck auf die Zuschauer hinterlassen wird und sie aufrüttelt. Bisher lief der Film weltweit sehr erfolgreich auf vielen Filmfestivals. Ich will den Zuschauern diese Mißstände bewußt machen und sie animieren, mich in meiner Mission zu unterstützen. Ich will den genannten sowie weiteren Kindern helfen, endlich ein menschenwürdiges Dasein führen zu können. Der Film ist den Millionen von Kindern gewidmet, die ein ähnliches Schicksal erdulden müssen und ihrer Kindheit beraubt wurden.

Wie hat diese Erfahrung Sie persönlich verändert?

Ich hatte selbst auch eine etwas traumatische Kindheit. Meine Familie gehörte in Kaschmir zur religiösen Gemeinschaft der Hindu-Pandits. Wegen politischen Unruhen mußten wir aus Kaschmir fliehen und sind seit 1995 von unserer Heimat entwurzelt. Neun Jahre lang lebte ich mit 100 Leuten unter einem kleinen Dach eines Camps. So habe ich schon einiges erlebt. Aber als ich das Leben der Kinder in Varanasi sah, wollte ich mich nicht mehr beklagen. Sie haben mir eine Mission für mein Leben gegeben. Ich habe gelernt, daß es Menschen gibt, die ein wesentlich schlimmeres Leben haben, als ich es jemals hatte.

Haben die Kinder den Film schon gesehen?

Nein, noch nicht. Ich plane, im Anschluß meiner Promotion-Tour wieder nach Varanasi zu fahren. Sie werden glücklich über das Ergebnis sein. Ich bin schon gespannt auf ihre Gesichter, wenn sie den Film sehen. Sie hatten mir viel Glück für die Premiere auf dem Filmfestival in Montreal gewünscht. Als ich ihnen mitteilte, daß ich den Preis für den »Besten Dokumentarfilm« gewonnen hatte, fragten sie mich ganz aufgeregt, ob das ihr Leben bald verändern würde? Natürlich wird es das! Ich will eine Stiftung für sie gründen und auch ihre Familien unterstützen. Sie wollen diesen Ort liebend gerne verlassen.

Wo wird der Film The Children of the Pyre demnächst noch zu sehen sein?

Ende April wird er in Los Angeles auf dem Indischen Filmfestival und im Mai in München auf dem Internationalen Dokumentarfilmfestival zu sehen sein.

2009-04-07 10:26
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