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Claire Doutriaux

Claire Doutriaux, die Erfinderin von Karambolage

Kulturelle Karambolage

Von Daniel Bickermann Claire Doutriaux leitet das »Atelier de Recherche« beim TV-Sender Arte und ist dort seit 2004 verantwortlich für die Sendung Karambolage. Eine Sammlung der höchst einfallsreich gestalteten Beiträge über deutsch-französische Alltagskultur ist jetzt auf DVD erschienen. Daniel Bickermann unterhielt sich mit Claire Doutriaux über Graphikkunst, Impertinenz und Stereotypen.

Sie haben Dokumentarfilme sowohl in Frankreich als auch in Deutschland produziert. Wie schafft man als Filmemacherin den Sprung über die Ländergrenzen hinweg?

Ich bin zum Studium nach Deutschland gekommen und dort hängengeblieben. Ich habe dann in Hamburg Filmkunsttheater aufgemacht und später angefangen, selber Dokumentarfilme zu machen. 1990, nach dem Mauerfall, bin ich nach Frankreich umgezogen. Da habe ich dann auch weiterhin Filme gemacht. Ich habe also in Deutschland angefangen.

Kann man die Medienlandschaften der beiden Länder vergleichen?

Darüber habe ich mir keine konkreten Gedanken gemacht. Der grundlegendste Unterschied ist natürlich die politische Struktur. Deutschland ist ein föderalistisches Land mit autonomen Sendern. In Frankreich ist eben alles in Paris. In Deutschland gibt es demnach viel mehr Möglichkeiten,
Filme unterzubringen, auch Dokumentarfilme. In Frankreich ist das alles in Paris konzentriert, Sie haben weniger Chancen. Ich glaube, Deutschland ist da gesünder: durch die Autonomie und die, auch regional bedingten, Unterschiede in den Sendern der verschiedenen Bundesländer.

Ihre Redaktion ist ja bilingual. Sehen Sie eine unterschiedliche Herangehensweise der Redakteure an ihre Arbeit, was zum Beispiel die mediale Vorbildung angeht?

Die Sendung Karambolage, die ich jetzt im sechsten Sendejahr mache, versucht, die Stereotypen zu vermeiden. Ich werde mich also hüten, Ihre Frage direkt zu beantworten. Ich stelle fest, daß wir alle Menschen mit verschiedenen Persönlichkeiten sind. Wir arbeiten zusammen, und ich würde nie sagen, daß die Deutschen eher so sind und die Franzosen eher so. Was ich als Unterschied feststellen kann, das ist die graphische Arbeit. Ein großer Teil der Rubriken bei Karambolage wird ja von Graphikern umgesetzt, und da kann ich schon wesentliche Unterschiede in der Ausbildung der Grafiker feststellen. Es gibt an die 50 Grafiker, die für Karambolage arbeiten. Für eine Rubrik von drei Minuten braucht ein Graphiker im Schnitt zwei Monate. Wir haben schon Schwierigkeiten, in Deutschland Graphiker zu finden, deren Arbeit mit dem Stil von Karambolage übereinstimmt. Ich habe den Eindruck, daß in Frankreich dadurch, daß die Werbung sehr viel mehr auf Animationen zurückgreift und es eine lange Comic-Tradition gibt, die Ausbildung in den Kunsthochschulen sehr viel stärker die Animation-, Computer- und Collagegraphik miteinbezieht. Es gibt in Deutschland sehr viel traditionellen Zeichentrick, aber die Computeranimation hat einen geringeren Stellenwert. Die Graphiker aus Deutschland haben sich das dann selbst angeeignet.

Angesichts der Tatsache, wie aufwendig die Beiträge sind, warum sie dann als Animation machen, und nicht zum Beispiel dokumentarisch? War das von Anfang an Teil des Konzeptes?

Ja, klar. Als ich mich entschlossen habe, eine Sendung über deutsch-französische Alltagskultur zu machen, wollte ich unbedingt, daß diese Sendung kurzweilig und fröhlich wird, was nicht oberflächlich heißt. Sie sollte ein gewisses Tempo haben und frisch sein. Ich wollte sie nicht naturalistisch, also dokumentarisch haben, obgleich ich ja daher komme. Es war also klar, daß die Graphiker da eine wichtige Rolle spielen würden.

Auf den ersten Blick erscheint die Sendung sehr leicht und amüsant zu sein, es gibt aber durchaus auch Bilder, die kontrovers sein könnten: Giscard d'Estaing und Chirac duellieren sich mit Pistolen, Angela Merkel wird mit Torten beworfen. Haben Sie Erfahrungen mit Zensur gemacht oder mit Protesten?

Nein, Karambolage ist vielleicht ein bißchen impertinent, aber mit Witz. Jeder hat seine eigene, subjektive Grenze, und ich passe sehr auf, daß die Bilder und die Texte Humor haben. Aber nicht jedes Thema ist mit Humor zu behandeln, wir haben witzige und ernste Beiträge, das ist nicht durchgehend. Da passen wir schon auf, daß es nicht zu schockierend wird.

In der hundertsten Folge wird ironisch berichtet, daß der größte Erfolg, den Karambolage zur Völkerverständigung geleistet hätte, die neuen Blumen auf dem Place de Berlin in Paris seien. Aber im Ernst: Haben Sie das Gefühl, daß sich politisch zwischen den beiden Ländern etwas tut?

Ich weiß nicht, ob sich da politisch was tut, und das ist auch nicht unsere hauptsächliche Absicht. Wir bekommen aber jede Menge Rückmeldungen – unser Publikum ist sehr treu, und die Leute mögen einfach die Sendung – und es ist schon manchmal bewegend zu sehen, daß die Sendung als ernsthafter Versuch wahrgenommen wird, die Deutschen und Franzosen näherzubringen, obwohl das nie unsere konkrete Absicht war. Ich mußte Karambolage unbedingt machen, denn mir ging dieses Aufeinanderprallen der deutschen und der französischen Sprache, der deutschen und französischen Welt pausenlos im Kopf herum. Ich habe eine Form gesucht, um das auszudrücken, was da in meinem Kopf los war, und habe versucht, andere daran zu interessieren. Deswegen bin ich sehr überrascht, daß man Karambolage immer wieder als eine europäische Sendung betrachtet, die viel für Europa tut. Das ist gut, aber es veranlaßt mich zu einer Überlegung: Ich glaube wirklich, daß damit eine Arbeit universell wird, also wirklich weitreichend Menschen ansprechen kann, sie erstmal ganz persönlich sein muß. Ich glaube sehr an das Autorenprinzip. Die Sendung ist eine europäische geworden, weil sie von echten Europäern gemacht wird, die das Aufeinanderprallen der Kulturen persönlich erleben.

Wie wird es mit Karambolage weitergehen? Gibt es Pläne, die Sendung auszuweiten oder andere Länder mit einzubeziehen?

Man kann sich Karambolage schon mit anderen Ländern vorstellen, aber nicht mit dieser Redaktion. Denn wir sind alle Deutsche und Franzosen und haben daher nicht die Legitimation, über andere Kulturen zu sprechen. Wir würden uns diese Impertinenz auch nicht erlauben können. Wir haben da einen anderen Weg gesucht: Seit September 2008 gibt es ein oder zweimal im Monat zwischen den üblichen Beiträgen solche, die Wörter, Gegenstände und Sitten der Immigranten in Deutschland oder Frankreich thematisieren. Also der Türken in Deutschland oder der Maghrebiner oder der Schwarzafrikaner in Frankreich. Das sind Leute, die unter uns leben, in der deutschen oder französischen Gesellschaft, und deren Wörter, Sitten und Gegenstände in unseren deutschen und französischen Gesellschaften existieren, die wir aber kaum kennen. Das ist unsere neue Baustelle. 2009-03-30 11:51
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