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Bent Hamer

Bent Hamer, der Regisseur von O'Horten

Der Blick aufs Normale

Von Kyra Scheurer Der norwegische Filmemacher Bent Hamer studierte Film- und Literaturwissenschaften in Stockholm und ist bereits seit 1994 Inhaber einer eigenen Produktionsfirma. Sein fünfter Langfilm O’Horten hatte – wie bereits Hamers frühere Werke Factotum, Kitchen Stories und Eggs – Premiere in Cannes. Bent Hamer war auch bei diesem Film für Buch, Regie und Produktion gleichermaßen verantwortlich.

Ihre Figuren strahlen sie auf ganz eigene Art und Weise aus – was bedeutet Ihnen persönlich Würde?

Vor einigen Jahren habe ich eine Dokumentation für das norwegische Gesundheitsministerium über Rollstuhlfahrer gemacht. Diesen Film habe ich »Mut zur Würde« genannt. Für mich hat Würde mit Großzügigkeit zu tun: Zeigen zu können, wer man ist, wo immer man ist. Die Essenz von Würde besteht für mich darin, Leuten eine Chance zu geben, jemandem Würde zu verleihen. Würde ist also eher eine Frage des sozialen Miteinanders, als eine Charaktereigenschaft.

Was braucht ein fiktionaler Charakter, um Sie zu interessieren?

Das, was gerade kein Interesse hervorruft. Wenn man sich traut, etwas genauer hinzusehen auf das sogenannte Uninteressante, Alltägliche, gibt es immer viel zu entdecken.

Sind Ihre Filme eher realistisch, im Alltagsleben der Figuren verankert, oder doch großes Kino und damit »bigger than life«?

Beides, bitte. Auch ein gemaltes Porträt muß nicht unbedingt realistisch sein, solange es das Wesen des Porträtierten einfängt. Hoffentlich gelingt es mir, etwas zu kreieren, das die Essenz dahinter sichtbar macht. Ob das dann realistisch oder eher eine Metapher ist, ist zweitrangig. O’Horten ist beides, denke ich.

O’Horten könnte bei den Zuschauern aber auch reine Komödienerwartungen wecken. Ist dieser Film eine Komödie?

Über diese Klassifizierung würde ich erst einmal herzlich lachen! Ich verstehe, daß Verleiher zu Promotionzwecken Etiketten für Filme finden müssen. Aber ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Komödie gedreht. Natürlich enthält O’ Horten viel Humor. Humor ist sehr wichtig, auch zur Selbstreflexion. Humor ist der beste Weg, eine ernste Botschaft zu vermitteln. Entscheidend ist aber immer die Art des Humors.

Wie gelingt es Ihnen, den richtigen Ton zu finden, Ihren immer am Rande lebenden Figuren gleichzeitig Melancholie, Humor, Abgründe und Hoffnung zu verleihen? Ist das Technik, Konzept oder rein intuitiv?

Meine Methode ist, ohne Methode zu arbeiten. Figurenentwicklung mit Geschmack und Einstellung mehr zu tun, mehr als mit Wissen oder Konzepten. Darum ist gut, daß ich selbst schreibe und produziere, also viel Verantwortung für meine Projekte übernehme. So kann ich ganz meinen eigenen Stil verfolgen, auch wenn ich mich natürlich in anderen Bereichen sehr auf mein Team verlasse. Die Herausforderung ist, den Weg zu finden, in dem gerade diese Geschichte erzählt werden will. Das ist eine Mischung aus Liebe zu kleinen Details und dem großen Überblick. Aber man weiß letztlich nie genau, ob es dann auch gelingt – das ist nicht planbar. Auch wenn es gelänge, alle klassischen Erzählelemente in einem Film zu berücksichtigen, kann er doch am Ende tot wie ein Stein wirken. Was zählt ist Atmosphäre: Film ist etwas Organisches.

Welcher Teil Ihrer Arbeit liegt Ihnen besonders am Herzen: das Schreiben, Inszenieren oder Produzieren?

Ich kann das nicht klar trennen, darum übernehme ich wohl alle diese Aufgaben selbst. Ich habe so angefangen, und für mich ist es nach wie vor der richtige Weg: Ich habe eine Idee, und dann kümmere ich mich darum. Dafür brauche ich alle drei »Rollenhüte«. Dann kann ich nachher auch niemand anderem die Schuld in die Schuhe schieben.

Sind Sie ein Kontrollfreak?

Ich muß zumindest immer wieder diskutieren, ob ich einer bin – also ist da wahrscheinlich etwas dran. Aber ich hoffe, ich bin ein netter Kontrollfreak. Zumindest versuche ich, selbstironisch damit umzugehen und habe Menschen gefunden, die offenbar gerne mit mir leben. Meine Frau habe ich in diesem August nach 16 Jahren Beziehung geheiratet, und das ist doch ein gutes Zeichen, finde ich.

O’ Horten ist norwegischer Oscar-Beitrag, lief erfolgreich in Cannes und auf vielen anderen Festivals, beim Europäischen Filmpreis war er immerhin vornominiert. Wie wichtig sind Auszeichnungen?

Ich möchte hier gerne politisch werden: Die Filmbranche ist ein schreckliches System mit ihren Shortlists und Nominierungen. Das Problem ist, daß größere Filmländer wie z.B. Deutschland hunderte von Mitgliedern in der europäischen Filmakademie haben, Norwegen hingegen nur ca. 30. Man bekommt dann diese Box mit den 50 vornominierten Filmen und stimmt ab. Und für wen stimmt man? Natürlich für die Leute, die man kennt.

Was wäre Ihrer Ansicht nach gerechter?

Eine Jury. Natürlich bliebe auch da Gerechtigkeit immer eine heikle, schwer zu fassende Angelegenheit. Aber diese Jury müßte wenigstens alle 50 Filme ansehen und nicht einfach für ein paar ohnehin gesehene abstimmen. Wenn man aus einem kleinen Land wie Norwegen kommt, ein Newcomer ist oder der Film noch nicht gestartet ist, dann hat man derzeit einfach keine reellen Chancen. Darum muß sich das System ändern: Den Bedürfnissen der Mehrheit zu folgen ist nicht immer der richtige Weg.

Gibt es etwas, das Sie Nachwuchstalenten mit auf den Weg geben würden?

Es ist schwer, Ratschläge zu geben. Alle Fehler, die man macht, haben ihren Sinn. Mein Ratschlag wäre aber, etwas zu finden, das mit einem selbst zu tun hat – auch wenn etwas Ähnliches schon erzählt wurde. Das Wie ist wichtig, und da möchte ich Mut machen zum eigenen Blick auf das vermeintlich Normale. Dann kann man auch den besten Film drehen, der je gemacht wurde.

Haben Sie diesen Film schon gemacht?

Nein, das bleibt ja immer der Motor für den nächsten und übernächsten Film. 2009-02-03 12:45
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