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Roland Klick

Der Regisseur von Bübchen: Roland Klick

Lausbübchengeschichten

Von Frieder Schlaich In der gemeinsam von der Filmgalerie 451 und dem »Schnitt« gepflegten DVD-Edition »Debütfilme« ist nun Bübchen, Roland Klicks erster Spielfilm, erschienen. Neben weiteren Extras wie einem Regiekommentar enthält die DVD auch ein Gespräch zwischen Frieder Schlaich und dem Regisseur, aus dem wir im folgenden einen Auszug präsentieren:

Wie bist du zum Film gekommen?

Während meiner Schulzeit habe gemalt, Musik gemacht, bin rumgetrampt, habe geschrieben. Das war meinen Eltern alles nicht geheuer, die dachten »Was macht er denn da, er soll doch Arzt werden.« Dann hieß es »Willst du Maler werden oder Musiker oder Schriftsteller? Du weißt ja nicht mal, was du willst.« Ich habe drüber nachgedacht und hab mit 14 gesagt »Ich werd’ Filmregisseur.« Ich bin ja viel ins Kino gegangen und hab gesehen, daß Film alles ist: Bilder, Texte, Musik…

Eines Tages saß ich als Anhalter in einem Riesenschlitten mit einem Mann und einer Frau, und die fragten mich: »Junger Mann, was haben Sie denn so vor im Leben?« Ich sagte, daß ich Regisseur werden will, und dann sagte der Mann: »Ich bin Gábor von Vaszary, und Sie können mal bei meinem Freund, dem Gyula Trebitsch vorstellig werden.« Der war damals Chef vom Studio Hamburg. Ich habe dann kurz mit Trebitsch geredet, und der hat seinem Produktionsleiter gesagt: »Der junge Mann darf überall rein.« Und irgendwann kam der Regisseur zu mir und sagte: »Wer sind Sie überhaupt?« Ich sagte: »Ich möcht’ Regisseur werden.« Darauf er: »Lassen Sie es.«

Ich habe mein Abi gemacht, dann Autos überführt, bin nach München gegangen und habe mich für Theaterwissenschaft eingeschrieben, Filmhochschulen gab es ja nicht. Gleichzeitig gab es das DIFF, deutsches Institut für Film und Fernsehen, in München, das bestand aus einem Schreibtisch, einer riesigen Bibliothek, mehreren Abstellräumen und einer dicken Frau, die das verwaltet hat. Die hatte auch ne Kamera, man mußte sich halt anbiedern und sie mal zum Kaffee einladen, damit man an die Ari rankam. Dort drehte ich München – Tagebuch eines Studenten, an dem Film haben wir anderthalb Jahre lang gearbeitet, er wurde 90 Minuten lang, mittlerweile gibt es eine 60-Minuten-Fassung. Danach wußte ich alles ich, ich hab ja sogar selbst geschnitten, selbst vertont, wir haben alles gemacht.

Vor Bübchen hast Du ja Jimmy Orpheus gedreht.

Das Erste, was ich geschrieben hatte, war »Akkord«, damals noch als Roman, aber schon mit der Perspektive einen Film draus zu machen. Den habe ich dreimal eingereicht, Drehorte und Schauspieler gesucht, aber kein Geld bekommen Und dann habe ich die erste Fassung von Deadlock geschrieben, und es gab wieder kein Geld. Und nach einigen Kurzfilmen ist dann Jimmy Orpheus entstanden, aber als Hinauszögerung meines ersten Spielfilms. Ich hatte zu Eckelkamp von Atlas-Film gesagt: »Ich mache nie wieder einen Kurzfilm.« Und er sagte »Herr Klick, machen Sie noch ’nen Kurzfilm« und hat mir 20.000 Mark gegeben. Ich hab mir gedacht: »So, du Lümmel, Kurzfilm mach ich nicht«, hab das Geld genommen und angefangen, einen Film auf Länge zu inszenieren. Dann hatte ich die ersten 20 Minuten und hab gesagt: »Das sind nur die ersten 20 Minuten, ich will jetzt das restliche Geld.« Aber da hatte er keines mehr, Atlas-Film war pleite gegangen in der Zwischenzeit. Deswegen habe ich meine Frau dann ausgebildet, die Filmstreifen von A nach B auf den Galgen zu hängen, habe selbst den Titelsong gesungen und wir haben den Film dann gemeinsam fertig gemacht.

Wie groß ist die Hürde vom nichtvollendeten Film zum ersten Film?

Ich war nach Jimmy Orpheus erstmal verzweifelt, bin nach Rom gefahren, habe herausgefunden, wo Fellini wohnt und hab ihm meinen Kurzfilm Ludwig gezeigt. Er hat mich gefragt, was ich machen will, und ich hab gesagt »Ich möchte mit Ihnen arbeiten.« Wir haben uns dann sehr angefreundet. Und in der Zeit tauchte eine Zeitung auf, in der Fall drinstand wie ein Kind ein Kind ermordet hatte, und da habe ich angefangen, eine Geschichte um diesen Fall herumzuspinnen. Ich sagte zu Federico: »Ich muß jetzt meinen nächsten Film machen.« Wir haben uns dann getrennt, er wollte, daß ich bleibe und in Satyricon einen Toga-Träger spiele, es war eine sehr herzliche Geschichte. Auf der Zugfahrt nach München schrieb ich dann die erste Drehbuchfassung. Ich hab sie eingereicht und aus irgendeinem unerfindlichen Grund eine Prämie vom Kuratorium junger deutscher Film bekommen. Das waren 300.000. Damit ging ich zum Produzenten Rob Hauer, das war eine gute Anfangsfinanzierung für ihn.

Was ist das erste, an das du bei Bübchen denkst?

Ich verbinde das, was die Schlußeinstellung aussagt, damit. Die bürgerliche Gesellschaft duldet nicht, daß das Grauen möglich ist, es findet statt, es bricht ein, der einzige, der menschlich damit umgeht ist der Vater, aber auch er beseitigt es, aber was soll er auch machen, um seinen Sohn zu retten? Und am Ende wird so getan als sei nichts und was bleibt ist »Nimm die Serviette!« Wir leben ja andauernd in einer Welt des Grauens – und warum? Weil der Bürger sie nicht zur Kenntnis nimmt. Er kehrt sie unter den Teppich und kehrt zur Norm zurück, meist zur kleinbürgerlichen Norm, die nur aus Formalitäten besteht.

Was bedeutet dir denn das Bübchen?

Sagen wir es mal: Ein bißchen bin auch das Bübchen. Ich hab zwar niemanden ermordet, aber für meine Eltern war ich auch ein Schreckgespenst, weil ich Weltahnungen und Vorstellungen hatte, die sich nicht realisiert haben. Was hinzukommt ist, daß der Junge unheimlich gut war. Er war muffig, vorher waren lauter nette Filmkinder gekommen und hier war endlich einer, der sich nicht sofort angepaßt hat. Der hat gar nicht mit mir geredet, der stellte sich bloß in die Ecke und hat vor sich hingebrabbelt, und dann merkte ich: Gott, der ist gut. Und als wir einmal den Kontakt gewonnen hatten, war das fast eine telepathische, hypnotische Angelegenheit, ich konnte ihn quasi nur durch meine Laute lenken. Szenen, von denen man denkt, die sind zwanzigmal gedreht, haben wir in einem Mal geschafft. Heute ist er Professor in Halle. Das hat ihm wohl gut getan.

Und wie war das Debütfilmgefühl?

Ich gestehe, es gab da den Punkt: »Jetzt kann ich mir endlich mal ein richtiges Auto kaufen«, weil ich das erste Mal ne richtige Gage bekam. Zweitens habe ich natürlich auch gedacht »Jetzt bist du Regisseur.« Das handwerkliche Können war ja immer da, aber jetzt war es endlich mal ein ganzer Film. »Bübchen« ist zu seiner Zeit vom Publikum, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, abgelehnt worden und zwar genau wegen der Dinge, die ich für die große Stärke des Films halte. Es hieß: »Am Ende kommt ja gar nicht raus, warum der Junge das gemacht hat. Und wo ist die Beleuchtung der sozialen Hintergründe und der Psychologie?« Das war damals so Mode. Heute gilt der Film vielen Leuten als mein bester.

Welche Filme liefen zu der Zeit als du Bübchen geschrieben hast im Kino, die dir wirklich etwas bedeutet haben?

Eine meiner Filmschulen ist La Notte von Antonioni. Bei La Notte gibt es eine Party, der Mann und die Frau bereiten sich vor, gehen dahin, und da merkst du auf einmal, wie ihre Ehe zerbrochen ist, dadurch daß sie auf dieser Party sind. Der Flirt mit anderen, diese Leere, diese Haltlosigkeit, da habe ich gelernt, wie man mit der Innigkeit, der Kamera, der Zuwendung zu den Figuren, der Gegenseitigkeit der Blicke eine unglaubliche Atmosphäre und Spannung erzeugen kann. Ich bin natürlich nicht Antonioni, Antonioni ist ja ein viel verlorenerer Mensch in seiner Mailänder intellektuellen Einsamkeit, aber wie er die innewohnende Tragödie sichtbar macht bis in die Morgenstunden hinein, das habe ich in meine Filme übertragen. Das ist ja in Bübchen so, es ist nirgendwo eine Interpretation, es ist bloß die intensive Wahrnehmung der Figuren. Ich hab La Notte zwölfmal gesehen, ich hab an der Uni ein Referat drüber gehalten und bin immer wieder rein. Die Platzanweiserin hat mich dann schon umsonst reingelassen, als ich nach dem dritten oder vierten Mal kam und sagte: »Ich bin Student, ich studier das“.

In Deinen Filmen ist ja immer Bewegung drin.

Es gibt einen Satz in Lessings »Laokoon«, da sagt er, daß es das Wesen der erzählenden Kunstform ist, daß es niemals stehenbleibt, daß jedes Wort gegenüber dem vorhergehenden Wort ein Fortschritt sein muß. Das habe ich mir sehr zu Herzen genommen, deswegen wird man in Ludwig oder in Bübchen nie eine Zehntelsekunde Stillstand finden.

Wie kam der Film dann in den Verleih?

Der Verleih stand fest, weil Atlas Film mit mir schon die Kurzfilme gemacht haben, und ich habe ihnen mit Jimmy Orpheus aus der Bredouille geholfen, weil der ja nichts gekostet hat und vom WDR sofort für 250.000 Mark gekauft hat. Atlas hatte den Film im Verleih, haben aber nur noch eine Vorführung gemacht, in Flensburg, und dann kam die Pleite. Insofern war der Film als Bübchen nur einmal im Kino. Später wurde dann der Alpha-Verleih gegründet, die haben den Film noch mal rausgebracht, sind aber auf die dämliche Idee gekommen, ihn Kleiner Vampir zu nennen, und unter dem Titel ist er natürlich auch gefloppt. Insofern hatte er eine ziemliche traurige Lebensgeschichte, er ist eigentlich erst später entdeckt worden.

Natürlich ist das für mich eine schöne Befriedigung, wenn zum Beispiel meine Retro in Köln aufgrund der Nachfrage noch mal wiederholt wird. Daß ich früher nicht so bekannt war, hatte aber auch eine positiven Effekt: ich habe mich von meinen eitlen Ego getrennt. Aber so sehe ich, daß es Menschen gibt, die von meinen Filmen beglückt sind, wenn es auch wenige sind. Ich sehe, daß die Filme so stimmen. Und das ist mir dann auch wichtiger als irgendwelche Kritiker. 2009-01-15 10:14

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