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Christian Petzold

Christian Petzold – Der Regisseur von Jerichow

Wenn das Kino zu spät kommt

Von Felix von Boehm, Sebastian Seidler Ein eiskalter Novembermorgen in Berlin-Kreuzberg. Christian Petzold (Wolfsburg, Gespenster, Yella) betritt das kleine Programmkino FSK am Oranienplatz und bestellt einen Espresso. Er plaudert kurz mit der Kinobesitzerin, die mit dem angeschlossenen Peripher Filmverleih auch Petzolds Wolfsburg in die Kinos brachte. Sie klagt über zu wenige Zuschauer, er sagt, bald komme ja Jerichow. Petzolds jüngster Film lief im Sommer im Wettbewerb von Venedig und läuft ab 8.1.2009 in den deutschen Kinos. Christian Petzold spricht im Interview über intelligente Kinodialoge und seinen neuen Film Jerichow.

Herr Petzold, Ihr neuer Film Jerichow erzählt von Heimatlosigkeit. Kann es in der globalisierten Welt überhaupt noch eine Heimat geben?

Jerichow erzählt nicht direkt von Heimatlosigkeit. Heimatlosigkeit würde ja bedeuten, daß die Menschen sich im Drift oder im Transit befinden. In Jerichow haben sie ja schon noch Orte. Der von Benno Fürmann gespielte Thomas geht ja sogar in seine Heimat zurück, aber es stimmt schon: Die Heimat antwortet ihm irgendwie nicht mehr. Das Haus seiner Kindheit ist im Zerfall und ruinös, und die großen Begriffe wie Heimat und Zuhause haben sich in der Geschwindigkeit des Kapitals und der Menschen schon längst aufgelöst. Aber das eigentliche Thema in Jerichow ist eben gerade die Arbeit dieses Dreiecks um Thomas, Ali und Laura, gegen jene Auflösung von Heimat anzugehen.

Bevor diese Arbeit beginnen kann, muß Thomas aber erstmal niedergeschlagen werden…

Das stimmt. Im Grunde ist der Anfang von Jerichow das Ende eines anderen Films. Der Prolog des Films ist das Ende der Reise eines jungen Mannes zu seiner Reife. Und diese Reise endet bei ihm eben im Niederschlag. Und da befindet er sich auf einmal wieder vor dem Haus, von dem er vor Jahren wie Hänschen Klein zu seiner Reise aufgebrochen ist. Und es fährt derselbe Zug an ihm vorbei, der auch in seiner Kindheit immer an ihm vorbeigefahren ist, vor diesem alten Bahnwärterhäuschen. Aber wahrscheinlich hört er den jetzt gar nicht mehr, denn er hat die sinnlichen Eindrücke dieses Hauses verloren. In diesem Augenblick ist Thomas eigentlich an einer Art Nullpunkt angekommen. Und der Film gibt ihm dann im Prinzip die Zeit für eine neue Geschichte.

Kein einziges Mal wird dabei in dem Film über Heimat gesprochen. Warum nicht?

Weil Heimat ja als eines der Themen in dem Film ohnehin präsent ist. Ich mag diese Art von Kino nicht, in dem die Figuren über ihr Thema sprechen. Ich kann das nicht ertragen, wenn sich zwei Schauspieler hinsetzen und so eine falsche selbstreflektive Haltung einnehmen und über ihr Thema kommunizieren. Noch nicht einmal Flaubert macht so etwas in seinen 900seitigen Romanen. Diese Sehnsucht nach Heimat und danach, einen Ort zu haben, die steckt in den Bildern von Jerichow, aber sie ist nicht mehr als Gegenstand in dem Film artikuliert oder behandelt. Sie ist viel eher die »Ursuppe« des Films.

Was bedeutet das für die Arbeit der Schauspieler, daß sie nicht darüber kommunizieren?

Wenn all diese Dinge sich in Auflösung befinden – also die Heimat, das Haus, der Lebensmittelpunkt – dann ist die ganze Zivilisationsgeschichte in den Menschen natürlich gestört und nicht mehr in der richtigen Reihenfolge. Und deswegen konnten die Schauspieler hier nicht auf erfüllte Charaktere hinarbeiten, sondern mußten sich viel eher zerlegen. Das war schon ein schwieriger Prozeß. Für einige Sätze, die noch im Drehbuch standen, haben wir dann bei den Dreharbeiten andere Ausdrucksweisen gefunden. Am Anfang haben die Schauspieler oft noch Schwierigkeiten damit, wenn man ihnen bestimmte Sätze wegnimmt wie ein Spielzeug, aber dann lernen sie es auch, zu genießen, diesen Inhalt anders zu kommunizieren.

Was interessiert Sie an diesen elliptischen Dialogen?

Ich habe vor ein paar Tagen noch mal Monkey Business von Howard Hawks gesehen. Da funktioniert der Dialog ganz gestisch. Bei Howard Hawks geht es nicht darum, daß ein Dialogpartner etwas zum Ausdruck bringt, sondern darum, daß er sein Gegenüber beeindruckt. Mit gestischem Dialog meine ich, daß die Dialoge wie Angriffe funktionieren. Die wollen verführen, täuschen, lügen, betrügen, und die Figuren wollen sich verstecken in Gesprächen. Das finde ich schon sehr viel interessanter als diese Primetime-Unart, in der die Figur irgendwann dann doch mal sagen muß, worum es ihr eigentlich geht. Das ist kein Kino, sondern im Grunde dem deutschen Stadttheater oder der Volkshochschule geschuldet.

Was macht einen guten Dialog aus?

Ich kann nicht sagen, was ein guter Dialog ist. Mir gefällt es eben einfach, wenn man wie bei Howard Hawks merkt, daß da jemand etwas verstecken will mit der Sprache. Oder jemand möchte den anderen zu etwas bringen. Wenn also die Sätze Tauschwerte werden und das Gespräch ein Handel ist, das finde ich spannend. Aber wenn die Figur ihre eigene Szenerie verläßt und zu uns Zuschauern spricht, weil sie uns an die Hand nehmen will, dann ist das einfach nicht mehr von Interesse für mich – weder als Zuschauer noch als Filmemacher.

Nicht nur in Ihren Dialogen arbeiten Sie gerne mit Auslassungen, auch der Erzählstrang Ihrer Filme ist häufig unvollständig…

Ich mag ein Kino, das zu spät kommt. Weil ja sowieso eigentlich alle Geschichten und Erzählungen zu spät kommen. Ein Kino, das nicht zu spät kommt, ist eins, das geplant ist, in dem eine Welt errichtet wird. Der klassische Mainstream- oder Fernsehfilm muß erst einmal die Figuren einführen, erklären, wo sie herkommen, und die Welt aufbauen, in der sie leben, um später alles erklären zu können. Es gibt da viele Filme aus den 1980er Jahren aus dem Spielberg-Umfeld, die ich eigentlich mal für die Kinder aufheben wollte, die ich aber alle weggeschmissen habe. Die fangen mit dem Sonnenaufgang an, hören mit dem Sonnenuntergang auf und spielen in einer Kleinstadt, die am Anfang des Films in wenigen Schnitten aufgebaut und erklärt wird. Diese einfache und konstruierte Welt kann scheinbar jede Irritation verarbeiten – ganz egal, ob sich hier eine Komödie oder eine Tragödie abspielen wird. Das kann ich nicht ernstnehmen. Und vor allem setzt dieses Kino eben voraus, daß man eine Welt und ihre Figuren baut.

Und das lehnen Sie ab?

Ich finde es nicht gut, wenn das Kino eine Welt baut. Es muß eher dazu kommen, an einer Welt teilzunehmen. Aber genau diese Teilnahme führt eben dazu, daß diese Form des Kinos zu spät kommt. Das heißt, es konzentriert sich auf die Irritation an sich und nicht auf die Erklärung für die Irritation. Da geht es dann nicht darum, nach Antworten für die Irritation zu suchen, sondern darum, Fragen nach den irritierten Leuten zu stellen und zu untersuchen, was mit ihnen passiert. Das Kino muß für mich diesen komplexen Leuten folgen können. Wenn man dem Zuschauer alle Erklärungen liefert, ihn nur an die Hand nimmt, dann entmündigt man ihn.

Denken Sie an den Zuschauer beim Schreiben?

Beim Schreiben ist der Zuschauer für mich eigentlich noch keine Kategorie. Da ist es viel eher so, daß ich immer wieder die Position in Bezug auf die Geschichte wechseln muß – einerseits den distanzierten Blick von oben auf den Plot der Geschichte und andererseits die Innenansicht der Figuren, die sich natürlich gegen einen Plot wehren, wie wir Menschen uns gegen das Schicksal wehren. Den Zuschauer denke ich dann allerdings beim Drehen mit, wenn es um die Bilder geht, um den Tonraum und um das Kostüm, zum Beispiel. Denn dann geht es um Wirkung und die bezieht sich ja auf den Zuschauer.

Aber das Drehbuch muß auch wirken – auf die Schauspieler, auf die Produzenten…

Das stimmt, ein Drehbuch ist natürlich auch immer ein Vertrag und soll einen Finanzierungsprozeß in Gang schieben. Insofern ist es schon richtig, daß das Publikum beim Schreiben irgendwie präsent ist, aber auf eine andere Weise. Wenn ich schreibe, dann schreibe ich oft unbewußt Sätze, die auch nur auf dieser literarischen Ebene des geschriebenen Drehbuchs funktionieren. In Drehbüchern kommt es für den Leser zum Beispiel darauf an, daß eine Szene einen guten Schlußsatz hat und dann ein Schnitt erfolgt. Beim Lesen hat man dann dieses billige literarische Gefühl von Befriedigung: Kapitel zu Ende, aufatmen! Wenn man dann aber mit den Schauspielern an den Orten ist und die geschriebenen Szenen drehen will, dann merkt man natürlich, daß der Film das anders machen muß. Und dann suchen wir eben nach anderen Formen, diese Dinge auszudrücken. Was sind denn das schon für Figuren, die tolle Schlußsätze sprechen können. Die ekeln einen doch an! (lacht) Im Theater mag so etwas möglich sein, aber nicht im Kino, das per se viel mehr mit der Realität und dem Leben zu tun hat.

Kino findet heute auch im Theater statt…

Das stimmt. Es findet im Theater statt und auch in den Museen, in Videoinstallationen zum Beispiel. Das Kino sollte sich aber gegen das Museal wehren. Ich finde übrigens umso mehr, daß das eigentliche Kino immer mehr wie ein Andachtsraum wirkt. Man kann sich da ganz gut verstecken. Erst recht in den großen Städten.

Sie sagten, das Kino habe mehr mit dem Leben und der Realität zu tun als das Theater. Ähnelt in diesem Punkt das Fernsehen vielleicht eher dem bühnenhaften Theater?

Es gibt natürlich eine ganz bestimmte Fernseh-Grammatik. Beispielsweise wenn sich zwei Figuren im klassischen Fernsehen zum Dialog treffen, dann ist ihr Abstand 1 Meter 38 und dann wird ganz gleichmäßig gesprochen und immer schön alternierend geschnitten. Und vor allem kommen die Figuren immer irgendwo an, um zu sprechen. Dann findet wieder Bewegung statt und dann wird wieder gesprochen. Diese Fernsehdrehbücher sind häufig so geschrieben, daß draußen gehandelt und drinnen geredet wird. Dominik Graf zum Beispiel hat das aber damals in seiner Fahnder-Serie anders gemacht. Da reden die Figuren oft auf der Straße, im Auto oder beim Zigarettenautomat und schweigen dann, wenn sie in einem Raum sind. Das war damals ziemlich sensationell, so was überhaupt im Fernsehen zu sehen. Heute gibt es natürlich die Sopranos oder The Wire, die auch eine ganz eigene Dynamik entwickelt haben. Das, was diese amerikanischen Serien geschafft haben, konnte das deutsche Fernsehen bisher aber noch nicht erreichen. 2009-01-06 12:19
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