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Tomas Alfredson

Der Regisseur von So finster die Nacht: Tomas Alfredson

»Ich drehe nie wieder einen Horrorfilm«

Von Florian Vollmers Tomas Alfredson wurde 1965 im schwedischen Lidingö geboren und drehte zunächst Musikvideos und Werbefilme, bevor er die Regie der erfolgreichen Fernsehserie Bert übernahm. Sie bildete auch die Grundlage für seinen ersten Kinofilm Bert – die letzte Jungfrau (1996), der unter anderem bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck mit dem Kinder- und Jugendfilmpreis ausgezeichnet wurde. Sein siebter Spielfilm So finster die Nacht sorgte in Schweden für volle Kinos, in den USA ist der außergewöhnliche Schocker mit 46 Kopien gestartet. Hollywood hat bereits wegen eines Remakes angeklopft. Zuletzt inszenierte Alfredson eine spektakuläre Bühnenversion des Musicals »My Fair Lady«, die im September in Stockholm Premiere hatte.

So finster die Nacht ist der erste schwedische Horrorfilm seit Viktor Sjöströms Stummfilm-Klassiker Der Fuhrmann des Todes aus dem Jahr 1921, hat ein schwedischer Kritiker zur Premiere im Oktober geschrieben. Sind Sie der einzige Horrorfilm-Regisseur Schwedens?

Man darf dabei unseren Meister des psychologischen Horrors Ingmar Bergman nicht vergessen, der leider im vergangenen Jahr gestorben ist. Aber es stimmt schon: Abgesehen von Der Fuhrmann des Todes hat es bis zu So finster die Nacht keinen richtigen Horrorfilm in Schweden gegeben. Als Regisseur dieses Genres angesprochen zu werden, daran muß ich aber erst noch gewöhnen. Eigentlich fühle ich mich in dieser Rolle gar nicht so wohl.

Warum? Mögen Sie keine Horrorfilme?

Nicht besonders, und ich kenne mich in diesem Genre auch gar nicht aus – außer daß ich Roman Polanskis Rosemaries Baby für einen ziemlich guten Film halte.

Was hat sie an So finster die Nacht trotzdem gereizt?

Die Zusammenarbeit mit dem Autoren der Romanvorlage John Ajvide Lindqvist. In Schweden ist er ein enorm erfolgreicher Schriftsteller, der fast schon kultartig verehrt wird. Es gab eine Menge Regisseure, die So finster die Nacht verfilmen wollten. Aber John hat sich mich regelrecht ausgesucht, weil wir uns auf Anhieb verstanden haben. Wir kommen aus derselben Generation und haben dasselbe Verständnis von Kunst. Die gemeinsame Arbeit an dem Film hat sehr viel Spaß gemacht.

Dennoch ist der Film ganz anders als das Buch: Wo die Vorlage jede Figur mit einer Vorgeschichte ausstattet und mit Dialogen nicht spart, läßt Ihr Film den Charakteren ihre Aura und geizt regelrecht mit Erklärungen. Warum ist das so?

Einige Fans des Buches werden deshalb von meinem Film vielleicht enttäuscht sein. Mir war es aber wichtig, meine Version der Geschichte offen zu halten. So finster die Nacht ist eben nicht nur Horror, sondern auch Love Story, Sozialstudie über das Leben am Großstadtrand und – sobald der Schulalltag des Jungen Oskar geschildert wird – eine Mobbing-Studie. Diese Ansätze sind übrigens auch im Roman vorhanden und haben autobiographische Züge von John Ajvide Lindqvist. Aus den Reaktionen des Publikums merke ich, daß jeder den Film anders sieht. Das bestätigt mir, daß ich mit meiner offenen Interpretation richtig liege.

Im Roman ist Håkan, der Begleiter und Versorger des Vampirmädchens Eli, pädophil. Warum haben Sie die Figur verändert und dies im Film ausgelassen?

Håkans Pädophilie hätte den Film überfrachtet. Die Thematik ist so komplex und aufwühlend, daß sie eines eigenen Films bedurft hätte. Ich finde, Pädophilie wird in heutigen Filmen zu häufig als emotionaler Special Effect mißbraucht.

Auch auf der Bildebene verfahren Sie anders als viele es erwartet haben: Wenn es blutig wird, verstellen irgendwelche Gegenstände dem Zuschauer den Blick, oder man bekommt Gewalt nur indirekt durch ihre Auswirkungen zu sehen. Warum verweigern Sie sich den Gesetzen des Genres?

Das habe ich ganz bewußt gemacht. Es gibt doch nichts Schlimmeres als einen Horrorfilm, bei dem sich der Schrecken nicht einstellt, weil die Spezialeffekte nicht funktionieren. Und glauben Sie mir, die Spezialeffekte sind das Schwierigste! Auch bei So finster die Nacht war das so. Es gibt zum Beispiel diese Szene mit computergenerierten Bildern, in der eine Horde Katzen über einen Vampir herfällt. Daran sind wir fast verzweifelt. Die Spezialeffekte zu drehen war wirklich die Hölle.

Aber das kann doch nicht der einzige Grund sein für Ihren visuellen Stil mit den minutenlangen Plansequenzen, in denen sich das Grauenhafte wie nebenbei am Bildrand abspielt?

Nein, natürlich nicht. Es ist doch immer noch so: Die furchterregendsten Bilder entstehen im Kopf, nicht auf der Leinwand. Denken Sie bloß an Polanskis Rosemaries Baby. Vor einigen Jahren hatte ich einen Autounfall, bei dem ich fast ums Leben gekommen wäre. Während er passierte, hatte ich gar keine Zeit, Angst zu haben. Erst später stellte ich mir gedanklich vor, was mit mir hätte passieren können – und habe mich richtig erschrocken. An dieses Erlebnis mußte ich während der Dreharbeiten oft denken.

Eigentlich sind Sie auf Komödien spezialisiert. In Schweden kennt man Sie als Mitglied und Darsteller der Komikertruppe »Killinggänget«.

Ja, mit »Killinggänget« gehe ich seit 15 Jahren auf Tournee. Für sie habe ich eine ganze Reihe von Kurz- und Langfilmen inszeniert, unter anderem den Kinohit Four Shades of Brown. Derzeit stehen wir mit einem Kabarettprogramm auf der Bühne des Königlichen Dramatischen Theaters in Stockholm. Ehrlich gesagt fühle ich mich im komischen Fach viel wohler als im gruseligen.

War So finster die Nacht also Ihr letzter Horrorfilm?

Ich glaube ja. Ich möchte nicht noch einmal einen Horrorfilm drehen. 2008-12-18 18:02
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