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Bergsteinn Björgúlfsson

Bergsteinn Björgúlfsson, Regisseur von Am Rande der Welt

Die Atmosphäre ist sehr, sehr wichtig

Von Jens Dehn Der Isländer Bergsteinn Björgúlfsson ist in seiner Heimat ein renommierter Kameramann. Unter anderem filmte er die Musikdoku Screaming Masterpiece und Baltasar Kormakurs Krimi Der Tote aus Nordermoor. Auf den Nordischen Filmtagen in Lübeck präsentierte Björgúlfsson nun mit Syndir feðranna (Am Rande der Welt) seinen ersten eigenen Film. Der Dokumentarfilm erzählt die Lebensgeschichten ehemaliger Bewohner eines Heims für Schwererziehbare im isländischen Breidavik, wo Jugendliche teilweise über Jahre hinweg mißhandelt wurden. Jens Dehn unterhielt sich mit Bergsteinn Björgúlfsson über Syndir feðranna.

Wie hast Du selbst von Breidavik erfahren?

Breidavik ist heute ein Hotel. Ein wirklich schöner Ort. Als ich das Gelände einmal besichtigt habe, wunderte ich mich nur über die alte Arrestzelle im Keller. Ich fragte mich, wofür früher, als die Farm noch ein Kinderheim war, so ein Gefängnis ohne Fenster gebraucht wurde. Das war der Ausgangspunkt für den Film.

Als Du 2001 mit dem Projekt begonnen hast, kanntest Du keinen der Jungs, die mittlerweile ja alle erwachsene Männer sind, persönlich. Bei der ersten Kontaktaufnahme warst Du ein völlig Fremder. Wie schwer war es, sie von dem Film zu überzeugen?

Zunächst habe ich angerufen, mich vorgestellt und gesagt, »ich möchte mit dir über Breidavik reden«. Von einem Film habe ich da noch gar nicht gesprochen. Daraufhin kamen natürlich Fragen nach dem Warum. Oder sie haben gesagt, daß sie gar nicht in Breidavik waren. Oder sie haben einfach den Hörer aufgelegt. Aber ich gab nicht auf. Irgendwie haben diese Männer eine Art Verbindung untereinander, auch wenn sie gar nicht viel miteinander reden. Einige wurden wütend, weil ich nicht locker ließ. Daher wollten sie wohl feststellen, was das mit mir auf sich hat. Und als der erste dann kam, waren die anderen auch recht schnell dabei.

Ich stelle es mir schwierig vor, in Island Geld zu bekommen für einen 35mm-Dokumentarfilm mit diesem Thema. Wie konntest Du das Projekt finanzieren?

Es war extrem schwierig. Eigentlich ist er nicht auf 35mm gedreht, sondern auf Video. Aber es wurde auf 35mm aufgeblasen, und das kostet immer noch eine Menge Geld. Ich bekam einen kleinen Zuschuß vom staatlichen isländischen Filmfond und auch etwas vom Nordisk Filmfond, aber das macht vielleicht 10 Prozent aus, den Rest habe ich von meinem eigenen Geld bezahlt. Aber als ich erst einmal mit dem Projekt begonnen hatte, konnte ich nicht mehr zurück. Ich konnte ja nicht aufhören, ehe der Film beendet war. Am Ende wurde alles natürlich viel teurer, als das Thema in den Medien hochkochte und ich noch mal von vorne beginnen mußte.

Eine Sendung im isländischen Fernsehen berichtete über die Mißhandlungen in dem Heim, kurz bevor Du Deinen Film fertiggestellt hattest…

Die Redaktion und ich sprachen vorab miteinander. Ich überlies ihr viele meiner Informationen und Kontakte mit der einzigen Bitte, daß sie das Thema nicht veröffentlichen sollten, ehe ich mit meinem Film fertig bin. Natürlich haben sie sich nicht daran gehalten…

Warst Du nicht wütend auf das Fernsehen, daß sie es zuerst herausgebracht haben?

Zu dem Zeitpunkt war ich sehr frustriert, aber jetzt habe ich kein Problem damit, denn es hat daraus auch einen besseren Film gemacht. Der Blick ist klarer geworden, die Perspektive größer. Wäre alles 2006 beendet worden, wäre es wohl nur eine einfache Dokumentation, die Fakten aufzählt. Ich bin sehr froh mit dem Film, so wie er jetzt ist.

Du hast zuvor als Kameramann gearbeitet, dies ist Deine erste Regiearbeit. Wolltest Du den Film von Anfang an selbst machen?

Zu Beginn wußte ich ja selbst noch gar nicht, was aus der Sache werden würde, was ich erwarte und tun würde. Ob das Ergebnis etwas fürs TV wird oder mehr. Ich wusste wirklich nicht, ob es überhaupt eine Story ist, daher habe ich es auch alleine gemacht, ohne einen anderen Regisseur. Das änderte sich erst, als das Fernsehen über Breidavik berichtete und der Skandal ins Bewußtsein der isländischen Öffentlichkeit rückte.

Zu diesem Zeitpunkt ist dann Ari Alexander Magnusson, der Co-Regisseur des Films, dazugestoßen…

Genau. Einige Szenen aus der Fernsehsendung haben wir in den Film eingebaut, zudem mußten wir unsere Protagonisten nach dem Aufkommen des Skandals noch einmal interviewen. Ich selbst konnte das alles gar nicht mehr bewältigen, da ich in der Zwischenzeit längst Verträge für zwei andere Projekte unterschrieben hatte. Also habe ich Ari dazugeholt. Vieles bei der Visualisierung des Films basiert auf seinen Ideen.

Syndir feðranna ist kein Dokumentarfilm im klassischen Sinn. Ihr arbeitet viel mit der Musik, benutzt farbige Kamerafilter. Warum habt Ihr Euch für diese Form entschieden?

Ich möchte gar nicht, daß meine Doku als eine neue Geschichte betrachtet wird. Sie soll etwas mehr machen, sie soll ein Gefühl vermitteln. Die Atmosphäre ist sehr, sehr wichtig. Und ich bin sehr glücklich damit, wie es sich entwickelt hat. Es war viel Arbeit, und wir haben viele Versionen ent- und wieder verworfen.

Du läßt im Film sowohl die Opfer als auch einige der Verantwortlichen, frühere Direktoren und Leiter des Heims, erzählen. Hast Du überlegt, daß es vielleicht eine zu große Ehre für die Täter sein könnte, ihnen diese Plattform zu geben?

Wir haben eine Entscheidung getroffen, nämlich nicht zu sagen: »Dieser und jener sind schuldig. Holt sie heraus und stellt sie an den Pranger.« Wir entschieden, daß die Jungs ihre Geschichten erzählen sollen, so wahrhaftig sie es können. Und der Rest – herauszufinden, wer verantwortlich ist – liegt an der Gesellschaft. Ich finde nicht, daß es in den Film gehört, jemanden zu verurteilen.

Wie wurde der Film in Island und anderen Ländern aufgenommen?

In Island wurde er sehr gut aufgenommen. Er gewann dort den Edda-Preis für die beste Dokumentation. Die Kritiken waren ausschließlich sehr gut, aber es kamen nicht sehr viele Leute, um den Film zu sehen. Diese Reaktion bekomme ich überall – Lübeck ist jetzt das vierte Festival außerhalb Islands, auf dem Syndir feðranna gezeigt wird – nicht viele sehen den Film, aber die, die ihn kennen, sind sehr berührt davon. Es liegt wohl an dem schweren Thema. Was ich irgendwie seltsam finde, denn wenn mir jemand von einem Film wie diesem erzählen würde, in dem sich die Ereignisse zum Beispiel in China abspielen, würde ich ihn sehen wollen. Es würde mich neugierig machen. Aber vielleicht bin ich auch nur ein seltsamer Mensch.

Du hast immer noch Kontakt zu den Jungs. Was glaubst Du, wie lange das noch anhalten wird? Wirst Du in zehn Jahren immer noch in der Thematik sein oder wird ein Punkt kommen, an dem Du für Dich selbst sagst: »Okay, das war’s«?

Als der Film fertig war und Premiere hatte, fiel mir natürlich eine riesige Last von den Schultern, weil der ganze Produktionsprozeß beendet war. Aber es wird auch für mich nie ganz vorbei sein, weil immer darüber diskutiert werden wird. Auch wie die Jungs entschädigt werden, darüber wird noch argumentiert. Und sie rufen mich immer noch an und involvieren mich. Nach dem Film haben sie eine Organisation gegründet für Menschen, die in Heimen wie diesem waren. Und Ari, mein Co-Regisseur ist im Vorstand dieser Organisation. Wir sind also immer in Kontakt, und wie gesagt – sie rufen mich immer noch an. Letzte Woche hat sich ein Junge gemeldet, dessen Name ich zwar aus den Unterlagen kannte, von dem ich aber vorher nicht wußte, wo er war. Er hat mir auch unglaubliche Dinge aus Breidavik erzählt. Es hat einfach diese lange Zeit gebraucht, um den Mut zu finden, darüber zu sprechen. Ich war der erste, dem er seine Erlebnisse erzählt hat. Nicht mal seinen nächsten Angehörigen hat er gesagt, was ihm als Kind widerfahren ist. Das war bei jedem einzelnen der Fall – sie haben es niemandem erzählt. Sie sind verheiratet, einige haben Kinder, viele waren auch in Drogen- und Verbrechensdelikte verwickelt, aber keiner hat von seinen Erlebnissen erzählt. Ich glaube, wenn ein Kind mißbraucht wird, braucht es dreißig, vielleicht vierzig Jahre, um zu realisieren, daß es selbst nichts verkehrt gemacht hat.

Spielberg hat nach Schindlers Liste die Shoah Foundation gegründet, die die Berichte von Überlebenden des Holocaust als Oral-History-Filme aufzeichnet und für die Nachwelt festhält. Diese ganzen neuen Geschichten, die Du jetzt aus Breidavik hörst, willst Du die auch festhalten, werden sie vielleicht zu einem zweiten Film führen?

Ich glaube nicht, daß ich das machen werde, aber man sollte nie nie sagen. Als der Film Premiere hatte, stand ich anschließend auf der Bühne. Alle applaudierten, die Jungs waren unten und hatten den Film größtenteils auch zum ersten Mal gesehen. Ich winkte zu ihnen, daß sie ebenfalls hochkommen sollten, doch sie trauten sich nicht. Das Publikum hörte aber nicht auf zu klatschen, und nach und nach kamen sie dann doch auf die Bühne. Daraufhin applaudierten die Leute noch viel lauter und standen auf, und einige der Jungs weinten. Ich wünschte, dieser Moment wäre die Schlußszene des Films. Weil es so ein großer Moment war für sie. 2008-11-11 13:54
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