— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

LeVar Burton

LeVar Burton, Regisseur von Reach for Me

Die Momente zwischen den Momenten

Von Daniel Bickermann LeVar Burton ist der einzige Schauspieler, den man mit Sonnebrille besser erkennt als ohne – berühmt wurde er in Amerika durch die bahnbrechende Sklaverei-Serie Roots, in Europa eher als Ingenieur Geordie LaForge in Star Trek – The Next Generation, wo man dank einer silbernen Sehhilfe nie seine Augen sah. Auf dem Filmfest Oldenburg präsentierte der 51jährige Autor, Schauspieler und Regisseur sein Krankenhausdrama Reach for Me. Zum Interview auf einer sonnigen Parkbank erschien er prächtig gelaunt, lachte sehr viel und plauderte zwischen zwei Fragen gerne mal kichernd über den Kulturschock des nächtlichen deutschen Erotikfernsehens, der ihn beim Durchzappen im Hotel ereilte.

Es ist auffällig, daß viele Mitglieder der Star-Trek-Serien inzwischen als Regisseure arbeiten. Wurde das bewußt gefördert während der Serie?

Das lag an Rick Berman, dem ausführenden Produzenten von Star Trek – The Next Generation, der nach dem Tod von Gene Roddenberry die Serie übernahm. Er richtete etwas ein, das wir später die »Star Trek University« nannten: Wer Regie führen wollte, mußte monatelang in die Lehre gehen, viel Zeit im Schneideraum verbringen, bei Produktionstreffen mit dabei sein, er mußte bei der Auswahl der Tagesaufnahmen mitmachen, bei der Einspielung der Musik zuschauen… Man wurde sehr gründlich in jeden Abschnitt des Filmemachens eingeführt – und das war natürlich eine immens wertvolle Ausbildung, die man auf diese Weise erhielt. Jonathan Frakes war der erste, der sich daran probierte, und nachdem Jonathan den Prozeß erfolgreich durchlaufen hatte, dachte ich plötzlich, daß ich das ja auch könnte. Trotzdem wartete ich noch zwei Jahre lang, bevor ich mich traute, Rick zu fragen. Ich war unglaublich nervös an diesem Tag. Aber Rick sagte nur: »Ich habe schon auf dich gewartet. Ich bin sicher, du wirst ein toller Regisseur. Geh in die Schule.« Nach mir durchlief noch Patrick Stewart das Programm und Gates McFadden und viele weitere in den Nachfolgeserien Deep Space Nine und Voyager. Da sind einige sehr gute Regisseure herausgekommen. Natürlich haben wir es unseren Schauspielkollegen immer ein bißchen schwer gemacht, wenn sie das erste Mal Regie geführt haben. Wir waren und sind eine sehr enge Familie, aber manchmal konnten wir uns auch aufführen wie die Schulkinder. Aber auch das war Teil der Ausbildung. Ich weiß noch, wie Patrick Stewart seine erste Folge inszenierte, und Michael Dorn wollte einfach nicht aus seinem Trailer kommen – draußen ein riesiges Set bereit und ausgeleuchtet, eine hochkomplizierte Kamerafahrt einstudiert, alles war bereit, aber der Schauspieler kam nicht. Ich werde nie vergessen, daß Patrick Stewart damals schwor, er würde als Schauspieler nie wieder zu spät am Set erscheinen. Man lernte eine neue Seite des Filmemachens kennen.

Sie sind mit der Fernsehserie Roots berühmt geworden und haben in Michal Manns Ali Martin Luther King gespielt – haben Sie selbst Wurzeln in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung?

O ja, sicher. Und das hat mich auch zu Star Trek gebracht: Gene Roddenberrys Zukunftsvision vom Zusammenarbeiten aller Rassen und Hautfarben. Nichelle Nichols als Uhura war in der Originalserie der erste schwarze Offizier an Bord eines Raumschiffs – hier war eine Fernsehserie, in der ich repräsentiert war, das bedeutete mir sehr viel damals. Ich war schon lange vor meiner Schauspielkarriere in der Bürgerrechtsbewegung tätig, das gehört einfach zu meiner Herkunft und meinem Erbe. Und ich bin sehr dankbar, daß ich mit meiner Karriere auch ein klein wenig zur Sache der Schwarzen in Amerika beitragen konnte.

Ich habe gelesen, Ihr neuer Film wäre digital gedreht, aber so sieht er gar nicht aus.

Ja, das hat natürlich einen ganz besonderen Grund: Reach for Me ist der erste Film, der jemals mit einer Dalsa Origin 4K-Kamera aufgenommen wurde. Und das kam so: Unser Budget war sehr begrenzt, ich will hier gar keine Zahl nennen, aber es reicht vielleicht aus, zu erwähnen, daß der Kauf von Filmmaterial für uns nicht in Frage kam. Ich suchte also ohnehin nach einer digitalen Lösung, und bei einem Treffen in unserer Postproduktionsstätte erwähnte jemand, daß die eine Exklusivpartnerschaft mit dieser Firma hätten, die eine 4K-Kamera entwickelt hätte. Dalsa stellte schon seit vielen Jahren Kameras her, und ein Großteil davon wurde dafür verwendet, von einem Satelliten aus irgendwelche Autokennzeichen lesen zu können – die kannten sich also aus mit hoher Auflösung und Qualität. Und da gab es diesen Mann namens Rob Hummel – und wenn ich jemals Kinder haben sollte, Junge oder Mädchen, sie werden Rob heißen – und der war auf der Suche nach einem kleinen Film, mit dem Dalsa die neue Technik testen konnte. Die Kamera war schon für Musikvideos und Werbespots benutzt worden, aber noch nie für mehrere Tage unter den Bedingungen eines Filmsets. Und dafür suchten sie einen Film, der ein Vergleich wäre zu Mein Essen mit André, also mit möglichst wenigen Schauplätzen und möglichst ohne viel Bewegung. Denn es gibt für die neue Kamera zwar schon eine Steadycam-Vorrichtung, aber die würde jeden Kameramann zum Krüppel machen, dieses Biest ist wirklich, wirklich schwer. Sie ist wahnsinnig groß und klobig und sieht aus wie etwas, das Captain Nemo entworfen hat, also haben wir jede Szene auf einem Dolly gedreht.

Auf jeden Fall paßte Reach for Me ausgezeichnet auf diese Anforderungen, weil sich 85% der Handlung im gleichen Raum abspielen. Also liehen sie uns zwei dieser Prototypen aus und eine ganze Menge Kodecs, das sind die Datenspeicherkassetten, und das alles völlig kostenlos – das einzige, was wir bezahlen mußten, war der Techniker vor Ort, der die Technik überwachte. Und was wirklich grandios an der Arbeit mit der Dalsa war, war die Tatsache, daß ich meine Tagesaufnahmen noch am gleichen Abend anschauen konnte. Eines Tages hieß es, wir hätten die Aufnahmen vom Vortag verloren, der Kodec wäre kaputt. Ich war natürlich am Boden zerstört, schließlich hatten wir nur 18 Drehtage und kaum Möglichkeiten, etwas nachzuholen. Aber die Dalsa-Leute waren so engagiert, die schickten diese Kassette per Kurier sofort von Los Angeles nach London in die Firmenzentrale, und dort konnte man die Daten tatsächlich wiederherstellen, auf einen anderen Kodec spielen und uns zurückschicken.

Wie ist Ihr Kameramann mit diesem brandneuen Gerät umgegangen – hatte er Zeit, sich mit der Technik vertrautzumachen?

Die Beziehung zu meinem Kameramann Kris Krosskove reicht bis zu Star Trek – The Next Generation zurück. Ich hatte ja schon im Jahr 2002 einen Film gedreht, aber damals hatte ich ein Budget von 11,5 Mio. US-Dollar. Reach for Me war also mein erster kleiner Film, bei dem wir kaum Geld hatten und teilweise auch noch eine junge, unerfahrene Crew. An unserem ersten Drehtag stellten wir fest, daß die Beleuchtungscrew viele Fehler machte und noch sehr grün hinter den Ohren war. Also verbrachten Kris und ich jeden Tag in etwa genausoviel Zeit mit der Weiterbildung der Crew wie mit dem eigentlichen Filmemachen. Das war oft sehr anstrengend, aber auch wirklich befriedigend. Und natürlich war die neue Kamera eine Herausforderung, sowohl was die Beleuchtung als auch was die Bewegung betraf, aber wir haben zusammengearbeitet und für jedes Problem eine Lösung gefunden.

Was waren das für Herausforderungen?

Naja, einer der neuen Prototypen der Dalsa Origin verträgt Hitze nicht gut – im Prinzip ist sie einfach ein Computer mit Linse. Da muß man am Set mit den ganzen Scheinwerfern schon drauf aufpassen. Außerdem kriegt man durch den Sucher kein wirkliches Bild, sondern muß immer auf den Monitor schauen. Und Kris ist ein Kameramann alter Schule, das war wirklich schwierig für ihn. Und dazu kam, daß unser Scheinwerferset nicht ausreichte, es fehlten Teile von Standbeinen… Jeden Tag gab es neue Hindernisse, die uns an unsere Grenzen brachten – und trotz alledem sind wir auf das Ergebnis unheimlich stolz.

Sie sind katholisch aufgewachsen und spielten auch mit dem Gedanken, Priester zu werden. Reach for Me beginnt nun mit einem kleinen, sehr eigenartigen Moment, in dem ein Priester quasi im Vorbeigehen die Kamera oder das Publikum segnet. Inwiefern beeinflußt Sie der Katholizismus heute noch?

Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube daran, daß wir alle spirituelle Wesen sind. Meine Zeit im Priesterseminar kam damals von einem sehr tiefen Bedürfnis nach Spiritualität in meinem Leben. Ich war 13, als ich diesen Kurs eingeschlagen habe. Aber im Lauf der Reise habe ich gemerkt, daß ich die geistige Welt erforschen möchte, ohne mich auf ein ausschließliches Dogma einzulassen. Ich habe das Priesterseminar verlassen und bin schließlich auch aus der katholischen Kirche ausgetreten, aber ich glaube weiterhin an eine spirituelle Verbindung zwischen allen Lebewesen, insofern sollte diese Eröffnungsszene schon zeigen, daß alles aus einem Zustand der Gnade beginnt. Außerdem finde ich, daß man am Anfang eines Filmes zwar die Zuschauer so schnell wie möglich in die Welt des Films hineinziehen muß, daß das aber am besten geht, indem man sie nie so ganz die Balance finden läßt und sie immer auch ein bißchen überrascht.

Ihr Film hat wenig Handlung und ist sehr schauspiellastig. Kam Ihnen dabei Ihre Schauspielerfahrung zugute?

Zuerst einmal sehe ich mich nicht als Filmemacher, sondern als Geschichtenerzähler, und in dieser Hinsicht ist die Arbeit von Schauspieler und Regisseur nicht so unterschiedlich. Natürlich spricht man nach dreißig Jahren als Schauspieler dieselbe Sprache, das fällt mir schon leichter als Regisseuren, die noch nie vor der Kamera standen. Und im Prinzip geht es beim Regieführen mindestens ebensosehr um Führung wie um Vision. Es ist wirklich wie eine militärische Operation: Man muß eine Truppe zusammenstellen aus brillanten Leuten mit ihren eigenen Talenten, und man muß sie mit einem zeitlichen und finanziellen Limit in eine bestimmte Richtung führen. Und was sich sonst nie einer zu sagen traut: Eine Armee ist nur so gut wie ihre Verpflegung. Also auf gar keinen Fall beim Catering sparen! Wenn man die Crew gut verpflegt und respektiert, wird sie dich nicht enttäuschen.

Wie sah der Schneideprozeß beim Film aus?

Meine Editorin war Avril Lucas, und sie ist ein Genie. Wir hatten 18 Drehtage, sie schnitt jeden Tag, und am Ende der Dreharbeiten war sie nur zwei Tage von einer fertigen Schnittfassung entfernt. Und was noch viel brillanter war an ihrer Arbeit: Sie setzt ihre Schnitte nach der Schauspielperformance. Sie verstand die Darsteller, sie verstand die wichtigen Momente der Figuren, und sie verstand vor allem auch die Momente zwischen den wichtigen Momenten. 2008-10-16 13:32
© 2012, Schnitt Online

Sitemap