— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Jesse Johnson

Vom Stunt Coordinator zum Regisseur: Der gebürtige Brite Jesse Johnson

Sprengen und Sprengen lassen

Von Nils Bothmann Nach mehreren Filmen, die direkt auf DVD erschienen, erhielt das neue Werk des Regisseurs Jesse Johnson, The 5th Commandment, einen Kinostart. Schnitt sprach mit ihm über seine Erfahrung als Stunt Coordinator, den Dreh von The 5th Commandment und zukünftige Projekte.

Sie haben viele Jahre als Stuntman gearbeitet an Filmen wie Total Recall, Starship Troopers und America's Most Wanted. Hatten Sie dabei viel Einfluß auf die Gestaltung der Actionszenen oder sind die komplett Sache des Regisseurs?

Bei den von Ihnen genannten Filmen war ich bloß Stuntperformer und von daher eine quasi nicht-existente kreative Stimme, doch zu der Zeit beobachtete und lernte ich noch, so daß das okay war. Später hatte ich die Chance, als Stunt Coordinator mit dem Regisseur daran zu arbeiten Action zu kreieren und Sequenzen zu choreographieren. Der Job gab mir mehr Platz für Kreativität, als ich erfahrener wurde. Ich hatte das Glück, aus erster Hand zusehen zu können, wie einige der größten Blockbuster aller Zeiten gefertigt wurden; es war sehr hilfreich, diese Erfahrung gehabt zu haben, wenn man einen Film wie The 5th Commandment dreht, den wir »größer aussehen« lassen wollten.

Wie empfinden Sie angesichts der Tatsache, daß nun einer Ihrer Filme im Kino läuft? Ist es ein anderes Gefühl als bei einem DVD-Release?

Ich bin sehr, sehr aufgeregt deswegen. Es gibt ein fürchterliches Stigma gegenüber »direct to DVD«-Produktionen, ein Snobismus, der sehr frustrierend und enttäuschend ist und oft gar nicht auf der tatsächlichen Qualität des Produkts basiert. Es ist eine Tatsache, daß es sehr schwer ist, ein Kino-Release zu bekommen und daß man eine Naturgewalt wie Rick Yune braucht, um es möglich zu machen. Rick ist sehr leidenschaftlich, engagiert und glaubt wirklich an diesen Film.

Gleichzeitig lag The 5th Commandment nach der Fertigstellung lange auf Eis, Ähnliches ist bei Ihrem Film The Butcher zu beobachten. Was sind die Gründe dafür?

Es ist Spiel mit hohem Einsatz, man wartet und beobachtet und verhandelt. »Auf Eis gelegt« ist in meinen Augen nicht die richtige Bezeichnung, es gab und gibt jede Menge Arbeit hinter den Kulissen, man muß sehr vorsichtig mit den Entscheidungen und Kompromissen sein, die man mit einem Film macht. Es geht dabei um eine Menge Geld, und die richtigen Geschäfte fallen nicht einfach vom Himmel. Ich beneide die Produzenten nicht um ihren Job, wenn sie die verbliebenen internationalen Märkte bedingungslos ansteuern. Wenn ein Film ohne Vermarktungsgesellschaft im Rücken gemacht wird, hat man gleich mehrere Nachteile. Aber man ist nicht vorschnell. Es ist frustrierend, aber im Falle von The 5th Commandment hat es sich gelohnt.

Hat Ihre Stunterfahrung mit Regisseuren wie Paul Verhoeven oder Renny Harlin Sie bei Ihren eigenen Regiearbeiten beeinflußt?

Natürlich, so habe ich einen großen Teil meines Handwerks gelernt. Außerdem half es mir, das, was nach meinem Wissen machbar und sicher ist oder nicht, in den Produktionsprozeß eines Films einzubringen, was ich für seine wertvolle Eigenschaft halte. Bei The 5th Commandment zum Beispiel hatten wir sehr viel Glück mit Rick, er ist extrem wagemutig, hat all seine Stunts selbst ausgeführt und den Charakter Chance Templeton komplett verkörpert.

Dies ist natürlich sehr aufregend für den Regisseur, gleichzeitig aber auch erschreckend. Ich fragte ihn, ob er ein Stuntdouble in einigen Fällen in Erwägung ziehen würde, aber die thailändischen Stuntleute, die wir trafen (die sehr fähig sind), hatten eine andere Physis, und Rick als Produzent überstimmte mich und entschied, die Actionszenen selbst auszuführen. Ich denke, das bringt den Film auf eine andere Ebene und spricht die beinharten Actionfans ebenso an wie die regulären Kinogänger.

Ich möchte nicht zuviel vom Film verraten, deshalb werde ich bei den Szenenbeschreibungen eher vage bleiben. Bei der Autoverfolgungsjagd hebt der schwarze BMW beinahe ab und dreht sich auf die Seite, nachdem er das Polizeiauto mit hoher Geschwindigkeit rammt (ich war vor ihnen im Kamera-Truck und wir fuhren mit über 100 km/h). Rick fuhr, und man sieht ihn im Close-Up, während der Wagen schleudert: Kein CGI, keine Drähte, keine zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen, es ist tatsächlich unser Hauptdarsteller, in einem Höllentempo fahrend, den Fuß auf dem Gaspedal, insgesamt acht Blocks weit, der Motor kreischt und Gummi bleibt auf der Fahrbahn. Ich liebe solche Szenen, die den Herzschlag am Set hochtreiben. Nach dieser Szene gab es viele blasse Gesichter am Set, aber wir sind alle qualifiziert, erfahren und treffen Entscheidungen mit dem klaren Wissen um die Konsequenzen, wenn etwas schiefläuft.

Ein anderer aufregender Moment war der, als wir die Auftaktschießerei im Penthouse filmten, ein Feuergefechte, das stattfinden sollte, nachdem Ricks Stunt-Double die Tür aufsprengt und hineinstürzt. Ich benutzte Kameratechniken und Ausrüstung, die ich bisher noch nicht zu meiner Verfügung hatte: Große, energetische Dolly-Shots in der Kreisbewegung (die sehr lange zum Aufbauen und Proben benötigten), die den Zuschauer quasi mitten ins Kriegsgeschehen bringen. Rick sah, wie ich die Szene vorbereitete, trat an mich heran und sagte: »Du kannst das nicht mit einem Double machen; wenn ich die Szene mache und das Publikum das sieht, dann wirkt das gleich hundertmal stärker.« Natürlich hatte er recht, aber hier ist der Punkt: Hollywood-artige Pyrotechnik ist sehr teuer in Übersee und in Thailand auch sehr schwer zu bekommen. Also benutzte unser Effekt-Supervisor anstelle der stabilen, grundlegend kontrollierbaren Spezialprodukte die billige, reichlich vorhandene Alternative, chinesische Zündkabel und einen Industriesprengstoff, der große Erschütterungen hervorruft. Es saugt einem im wahrsten Sinne des Wortes die Luft aus den Lungen und trifft dich in die Brust, es ist eine wirklich, wirklich heiße Bombe. Es sieht auf Film fabelhaft aus, aber ich würde keinen Schauspieler in die Nähe der Detonation bringen. Die Türen zu dem Penthouse waren mit ungefähr 20 Fuß davon bestückt, und Ricks Charakter Chance sollte drei Fuß davon entfernt stehen und es sprengen, ehe er durch die Reste des Türrahmens stürzt und beginnt, ungefähr ein Dutzend Wachleute in dem Penthouse zu erschießen. Da wird man wirklich nervös, unser thailändischer Effektmann hatte fast einen Herzanfall, aber Rick und ich sprachen die Szene mit ihm durch, Rick checkte noch mal die multiplen Kameras, damit jede ihn einfing, damit es nicht bloß eine Übung fürs Ego wurde. Wir waren also bereit. Die Explosion war toll, Teile des Daches brachen ein, die Holztüren wurden in einem weißen Flammenball quasi zu Pulver atomisiert, die Erschütterung traf einen in den Bauch wie ein Preiskämpfer in den mittleren Jahren, der einen dreckigen Schlag einsetzt, und das elektronische Equipment fiel aus. Es war ein furioser, derber Knall, der das Gebäude bis in die Grundfesten erschütterte; selbst mit Schutzbrillen und Ohrstöpseln war es überwältigend, zwei Stuntmen auf der anderen Seite der Tür wurden von den Füßen gehoben und zu Boden geschleudert. Die ferngesteuerten Kamera-Playback-Monitore waren durch die Explosion ausgefallen, und ich sah wie Rick aus seinem Versteck hervorschnellte, sich durch Staub und Schutt stürzte und mit seiner Waffe auf die erstaunten Stuntmen feuerte. Es war großartig, ein Zeugnis von Ricks Tapferkeit. Die Crew hat spontan applaudiert, danach haben wir geschaut, ob wir selbst Schaden genommen hatten. Die 35mm Kameras, die mechanisch laufen, haben alles eingefangen, und es ist eine fantastische Szene, auf die ich stolz bin. Ich bin auch sehr stolz, daß Rick hineinging und es tatsächlich tat, auch wenn ich jetzt ein paar graue Haare mehr habe. Für mich ist es das, worum es bei einem herausragenden Actionfilm geht, und es ist der Grund, weshalb man Rick Yune in der Zukunft gut im Auge behalten sollte.

Bei The 5th Commandment tritt Rick Yune als Drehbuchautor, Produzent und Hauptdarsteller in Erscheinung. Wieviel von dem Film ist Rick Yune, wieviel Jesse Johnson?

Ich wurde später angeheuert, meine Aufgabe war es, Ricks Skript mit Leben zu füllen. Wir haben zusammen viel an dem Material gearbeitet, insofern ist es eine Gemeinschaftsarbeit. Mir wurde freie Hand beim Design der Action und der Inszenierung des Films gelassen, die Story ist zum größten Teil Ricks, dafür sollte er die Anerkennung bekommen. Er hat sich sehr angestrengt, damit ich alles bekomme, was ich für den Film benötigte, und es hat sich ausgezahlt.

Haben Sie einen bestimmten Kampfstil für die Martial Arts-Sequenzen gewählt oder eine bestimme Kombination von Stilen? Wie ist Ihre eigene Erfahrung in dem Bereich?

Garrett Warren war der Fight Choreographer, wir haben schon mehrmals zusammengearbeitet. ich habe vielleicht Erfahrung in Martial Arts, aber er ist darin ein Meister. Ich habe Ideen eingebrachte, er fügte Fleisch hinzu und setzte sie in die Realität um. Wir haben viel Zeit damit verbracht, die Action mit Rick, Roger und dem Rest der Crew zu diskutieren und auszuarbeiten, es war eine Mischung aus Stilen und Ideen, von der ich hoffe, daß die Leute sie mögen. Ich wollte schon immer einen Kampf drehen wie den, den Bokeem im Regen auf dem Marktplatz hat, ich war begeistert, wie es nachher aussah. Die Endschlacht von Die Sieben Samurai hat mich immer inspiriert, ich denke auch, daß Rugby-Spielen in England mir einige grundlegende kinematographische Ideen zu Heroismus, Gewalt und schlechtem Wetter gab.

Wie beurteilen Sie die Situation von Stunts und Kampfszenen inmitten aktueller CGI-Effekte?

Leute benutzen CGI als wäre es ein Ersatz für Stunts, nicht um sie zu erweitern, das ist falsch. Heute muß man noch härter arbeiten, um einem erfahrenen und übersättigten Publikum Thrills zu bieten, bei all den Computerspielen und youtube. Leute wissen, wie die Realität aussieht, deshalb ist meine Reaktion, immer weniger CGI zu verwenden. Ich denke, daß Filmemacher heutzutage mit den Kosten überschwemmt werden, weshalb sich ein Gefühl von »Laß uns das in der Post-Produktion machen« ausgebreitet hat. Das macht die derzeitigen Actionszenen zu dem stumpfsten und unaufregendsten, die es seit den 1950er Jahren gab. Wackelkamera, lange Linsen zum Verwischen und Verwirren, völlig überzogene Action ohne Schwerkraft – kein Wunder, daß ein Film wie Ong Bak jeden begeistert. Spielberg sagte einmal, die Indy-Filme wären 90% Realität und 10% Fantasy – ich glaube dieses Verhältnis wäre auch heute das richtige.

Welche Projekte nehmen Sie als nächstes in Angriff? Welche warten noch auf Veröffentlichung?

The Butcher lief eine Weile auf Festival-Rotation; das Ergebnis des US-Kinostarts wird den internationalen Vertrieb bestimmen. Charlie Valentine ist in Post-Produktion, Green Street Hooligans Part 2 ebenso. Das bedeutet, daß wir immer noch aktiv Musik schreiben, den Tonschnitt vorbereiten und uns um optische Effekte kümmern. The Butcher und Charlie Valentine waren und sind sehr persönliche Filme für mich, Los Angeles »Noir« Storys, von Schauspielern getragen und wirklich independent. Green Street Hooligans Part 2 war eine Auftragsarbeit für Lions Gate: Man versucht dem Material seinen Stempel aufzudrücken, aber es kommt nicht von einem selbst. Ich habe noch ein paar sehr, sehr interessante Projekte in Vorbereitung, darunter einen dritten Film in meiner Los Angeles-»Noir«-Serie, einen sehr aufregenden Auftrag in Bukarest und möglicherweise ein weiteres Projekt in Thailand (ein Land, das meine Frau und ich sehr mögen), das während der frühen Tage des US-Engagements im Vietnamkrieg spielt. Es kann zwischen sehr persönlicher Arbeit und lukrativen, schmackhaften Regieaufträgen existieren – ich habe wirklich sehr viel Glück. 2008-09-17 10:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap