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Garth Jennings

Garth Jennings am Set von Son of Rambow mit einem seiner Hauptdarsteller

Keine Kompromisse

Von Daniel Bickermann Der Filmemacher Garth Jennings gründete 1994 zusammen mit Nick Goldsmith die Firma »Hammer & Tongs«, die mit Musikvideos erste Berühmtheit erlangte: Jennings führt u.a. Regie bei Klassikern wie Blurs »Coffee & TV« und REMs »Imitation of Life«. Sein Regiedebüt lieferte er mit der Big Budget-Produktion Per Anhalter durch die Galaxis ab, die Goldsmith produzierte. Wir sprachen mit Jennings über seinen neuen Film Der Sohn von Rambow, zu dem der Filmemacher erstmals auch selbst das Drehbuch schrieb.

Was haben Sie bei den Musikvideos gelernt, das Ihnen später beim Inszenieren von Spielfilmen nützlich war – und worauf waren Sie nicht vorbereitet?

Das Wichtigste, das man beim Inszenieren von Musikvideos lernt, ist, Leute zu finden, mit denen man arbeiten kann. Filmemachen ist eine Gruppenaufgabe, und man muß Menschen ausfindig machen, die nicht nur talentiert sind, sondern mit denen man auch tatsächlich gerne zusammenarbeitet, die eine gute Persönlichkeit haben und mit denen man kompatibel ist. Außerdem haben wir gelernt, Ideen aufzuschreiben, sie auch richtig zu verkaufen, dann zu filmen und zu montieren – den ganzen Prozeß der Erfindung und Durchführung einer Geschichte. Und das Musikvideo ist ein idealer Bereich dafür, sich auszuprobieren, so ein Video ist schnell gedreht. Wir wollten Videos wie kleine Filme machen, es sollte immer etwas geben, das die Zuschauer bei der Stange hält und hoffentlich eine Idee transportiert. Und als wir dann angefangen haben, Spielfilme zu drehen und zu produzieren, war der Prozeß am Set eigentlich genau der gleiche: derselbe Zeitdruck, derselbe Kameramann und derselbe Ausstatter. Wir kannten das alles, es war nur etwas größer. Aber soweit war das wirklich einfach. Womit wir überhaupt nicht vertraut waren, war das Marketing und all die Sachen, die ablaufen, nachdem so ein Film erstmal fertiggestellt ist. Das hat uns die Augen geöffnet, das war eine spannende Herausforderung. Aber das Drehen des Films selbst erschien wie der logische nächste Schritt. Natürlich betrug die Drehzeit bei Per Anhalter durch die Galaxis dann plötzlich nicht mehr drei Tage, sondern 17 Wochen, aber ich war im Himmel! Das eigentlich Frustrierende am Dasein als Filmemacher ist ja, daß man so wenig dreht. Man ist immer eifersüchtig auf das Team, denn die arbeiten an einer ganzen Menge von Filmen. Und es gibt nichts Besseres, als am Set zu sein und wirklich zu arbeiten. Ich habe jeden Tag dieser 17 Wochen geliebt.

Wollten Sie nach Per Anhalter durch die Galaxis bewußt einen kleineren, unkomplizierteren Film drehen?

Auf jeden Fall. Tatsächlich hätte ich nie damit gerechnet, daß ich überhaupt mal so einen großen Film drehen würde. Natürlich gefiel mir die Herausforderung, aber ich hatte immer gedacht, daß man bei großen Budgets automatisch weniger Freiheiten hat. Aber Per Anhalter durch die Galaxis war da eine sehr sonderbare Ausnahme. Natürlich bin ich mit dem Buch aufgewachsen und liebte es, aber das Studio ließ uns den Film so drehen wie wir wollten. Die wußten nicht, wie man daraus einen Film macht und sagten: »Macht das einfach auf eure Weise. Wir mochten eure Präsentation, also legt los.« Die kamen nur einmal überhaupt ans Set, so sehr vertrauten die uns. Was mir an dieser großen Produktion aber nicht gefiel, waren die vielen Menschen und Probleme und Aufgaben. Ich war von den Musikvideos gewohnt, daß man schnell und flexibel ist, aber eine große Crew braucht für alles sehr lange, das kann richtig langweilig werden. Und die Ergebnisse sind nicht immer so kreativ. Wir wollten also in Zukunft unsere Filme so drehen, wie wir unsere Musikvideos gedreht hatten, und so haben wir es dann auch mit Der Sohn von Rambow gemacht.

Es war auch das erste Drehbuch, das Sie selbst verfaßt haben. Wie lange haben Sie daran geschrieben?

Das ging insgesamt über drei Jahre, während wir nebenbei Musikvideos gedreht haben, dann gab es zwei Jahre Pause wegen Per Anhalter durch die Galaxis, und dann haben wir noch ein wenig daran herumgeschraubt. Nachdem das unser erstes Drehbuch war, mußten wir ja noch lernen, wie man eine Geschichte aufbaut und wie man ein richtiges Skript verfaßt. Und jetzt haben wir noch zwei Projekte, an denen wir gerade arbeiten. Ich schreibe ja immer mit Nick Goldsmith zusammen, und um ehrlich zu sein, ist auch das Drehbuch von Der Sohn von Rambow von uns beiden, aber weil ich meistens das Abtippen übernommen habe und weil die Geschichte ein wenig autobiographisch ist, habe ich den alleinigen Drehbuchcredit gekriegt. Und ich glaube, in der absehbaren Zukunft werden wir auch weiterhin unsere Drehbücher selbst schreiben.

Vermutlich haben Ihnen Ihre Marketingleute schon erklärt, daß Ihr Film nicht einfach zu verkaufen sein wird, weil er keine bestimmte Zielgruppe hat. War Ihnen das beim Drehen bewußt?

Da waren wir richtig naiv. Ich fand das Marketing den erstaunlichsten Teil am Filmemachen: durchaus interessant, aber manchmal auch recht albern. Wir wollten mit Der Sohn von Rambow einfach nur einen Film machen, wie wir ihn selbst gerne sehen wollten, einen Filme, den alle gut finden konnten. Natürlich nicht ganz kleine Kinder, aber etwas Klassisches für die ganze Familie. Aber wenn man zu einem Studio geht und sagt, »das ist etwas für alle«, das ist für die das Schlimmstmögliche. Die wollen eine bestimmte Zielgruppe haben, und wenn der Film sich von dort weiterverbreitet – umso besser. Aber keiner weiß, wie man einen Film verkaufen soll, der für alle Altersklassen gedacht ist.
Als wir den Film gedreht haben, dachten wir noch: »Das ist fantastisch, das ist der heilige Gral. Ein Film, der alle anspricht, das ist doch sicher ein Verkaufsargument.« In Wirklichkeit war das ziemlich schwierig. Wir dachten an Filme wie Stand By Me: Den haben sich Kinder angeschaut und fanden darin etwas Echtes und Bewegendes, und Erwachsene haben ihn sich angeschaut und daran gedacht, daß er eine wunderbare Zeit in ihrem Leben beschreibt. Und obwohl es darin Kinder gibt, die fast vom Zug überfahren werden und sogar eine Pistole abfeuern, hätte niemand daran gedacht, daß das ein unverantwortlicher Film wäre.

Ihre Figuren wagen ja auch ganz schön halsbrecherische Stunts. Hatte das Studio nicht Bedenken wegen der Gewalt?

Wir hatten den Film ja schon gedreht, da konnte also keiner mehr kommen und sagen: »So könnt ihr das nicht drehen. Und rauchen dürfen die natürlich auch nicht.« Wir haben es einfach anders herum gemacht und hatten damit großes Glück: Wir zeigten den Film zum ersten Mal in Sundance und suchten dort erst einen Verleih. Und nachdem die Zuschauerreaktion genauso war, wie wir uns das erhofft hatten, bemerkten dann auch die Leute von den Filmstudios, daß das Publikum durchaus Spaß hatte an diesem Film und keineswegs von der Gewalt oder der Gefahr für die Kinder abgeschreckt war. Das war einer der schönsten Momente meiner Karriere. Bei den Stunts haben wir an Singing in the Rain gedacht, wo Gene Kelly am Anfang des Films als Stuntman versucht, eine Schauspielkarriere aufzubauen. Und seine Stunts sind wirklich haarsträubend, er kracht mit Flugzeugen in Schuppen hinein und springt von Gebäuden und solche Sachen. Wir wollten unseren Film auch mit dieser wunderbaren Zeit zwischen den zwei Jungs beginnen, als ihre Freundschaft noch ganz frisch ist und die beiden gewissermaßen unverwundbar sind. Irgendwann holt die Realität sie dann natürlich ein, aber die Leute verstehen das, die kennen das aus ihrer Kindheit: Wir haben uns als Kinder alle auf verrückte Sachen eingelassen, bei denen man später zurückdenkt und sich fragt: „Mein Gott, habe ich das damals wirklich gemacht?“ Und diesen Enthusiasmus wollten wir transportieren, diese absolut dumme, wunderbare Furchtlosigkeit.

Sie haben die 1980er Jahre in diesem Film ja nicht nur in Form der Frisuren, Kleider und klobigen Videokameras auferstehen lassen, sondern vor allem auch durch die Musik von The Cure, Human League, Gary Numan u.a. Gab es Probleme bei der Einholung der Rechte?

Wir hatten da großes Glück und mußten überhaupt keine Kompromisse machen. Wir hatten die Musik schon ausgewählt, bevor wir Per Anhalter durch die Galaxis drehten, also in einer sehr frühen Drehbuchphase. Wir wollten die Musik aus den 80er Jahren nicht einfach willkürlich einsetzen, sondern sehr gezielt als Teil des Films. Sonst geht man schnell in die Falle, in der die Musik nur noch ein Gimmick ist, der bald jeglichen Wert verliert. Und ich glaube, die Probleme bei den Musikrechten ist weniger das Geld, sondern eher die Zeit – und die hatten wir ja.

Die beiden Kinderdarsteller hatten praktisch keine Filmerfahrung und mußten gleich wochenlange Hauptrollen mit Stunts und sehr emotionalen Szenen drehen. Wie wählt man solche Kinder aus?

Wir wußten von Anfang an, daß das Casting extrem schwer werden würde. Den Film zu drehen und zu schneiden, das würden wir hinkriegen, aber alles wäre sinnlos, wenn wir nicht die richtigen Kinderdarsteller gefunden hätten. Wir haben uns fünf Monate Zeit genommen, um Jungs zu sichten, und die haben wir auch gebraucht: Erst in den letzten zwei Wochen dieser Zeit sind wir auf Bill Millner und Will Poulter gestoßen. Wir hatten uns vor allem in ganz normalen Schulen umgesehen, nicht in Theaterschulen, weil wir Kinder finden wollten, die wirklich noch Kinder waren, die noch natürlich wirkten. Und die meisten Kinder sind eigentlich gute Schauspieler und können sich gut verstellen oder Geschichten spielen. Aber diese beiden waren wirklich die besten kleinen Kerle, die ich je getroffen habe. Und das hat natürlich damit zu tun, daß beide aus sehr ruhigen, soliden Familien kommen, die keinerlei Interesse daran hatten, die beiden zu irgendeiner Karriere zu zwingen. Sobald die beiden den Raum betreten hatten, konnten wir sie nicht mehr ignorieren. Zum einen sahen sie genau so aus, wie wir uns das für die Figuren vorstellten, und sie sprachen völlig natürlich. Was man aber nicht hätte planen können, war, daß die beiden während der Dreharbeiten wirklich gute Freunde geworden sind – seitdem treffen sie sich immer wieder, ihre Familien fahren zusammen in den Urlaub. Und während der Dreharbeiten, als ihre Figuren Blutsbrüder wurden und zusammen im See herumtollten, hatten sie wirklich die Zeit ihres Lebens. Und diese Verbindung bemerkt man im Film natürlich.

Ihr Editor Dominic Leung war ja auch schon selbst als Regisseur tätig. Wie stark waren Sie in den Schneideprozeß involviert?

Dominic war ja schon Gründungsmitglied bei unserer Firma »Hammer & Tongs«, zusammen mit Nick Goldsmith und mir, als wir alle von der Kunsthochschule abgingen. Wir kennen uns also schon ewig, und es ist großartig, einen Editor zu haben, der auch schon selbst Erfahrungen am Set gesammelt hat und alle Aspekte des Filmemachens versteht. Wir drei haben ja ursprünglich alles alleine gemacht, auch wenn wir uns früh auf gewisse Aufgaben spezialisiert hatten. Aber wir verstehen uns blind, deswegen lief der Schnitt auch so schnell und unkompliziert ab. Dominic ist sehr instinktiv, und er weiß, worauf ich hinauswill. Wir haben viel Zeit in die Vorbereitung investiert, ich habe drei Monate mit den Storyboards zugebracht und habe das sehr genau abgefilmt. Aber vorher haben wir alle drei sehr viel Zeit über diesem Storyboard verbracht, weil wir wußten, daß wir nur vierzig Drehtage haben würden, und wegen der Kinderdarsteller waren das meist kurze Tage und noch weniger Zeit zum Schneiden. Dominic montierte schon einen Rohschnitt, während wir noch drehten. Und nach Abschluß der Dreharbeiten saßen wir noch drei oder vier Wochen im Schneideraum und machten die Feinarbeit, und einen Monat nach Drehschluß waren wir fertig, mischten den Ton und fuhren schon nach Sundance. Und danach haben wir kein Bild mehr daran verändert. Nachdem die Postproduktion von Per Anhalter durch die Galaxis so lange dauerte, wollten wir beweisen, daß es auch einfacher gehen kann. Die Vorbereitung war dafür natürlich das Wichtigste – natürlich passieren unterwegs dann immer noch tausend Dinge, mit denen man nicht rechnen konnte oder die man ändern mußte, aber je besser wir vorbereitet waren, desto konzentrierter konnten wir damit umgehen. 2008-08-18 11:54
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