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Jennifer Chambers Lynch

Jennifer Chambers Lynch (rechts) am Set von Unter Kontrolle

Heuchlerisch und absurd

Von Ralf Heussinger Der Name ist Programm: Jennifer Lynch kramt ähnlich wie ihr Vater David Lynch in den Obsessionen der Menschen. In ihrem ersten, weitgehend erfolglosen Film Boxing Helena lebte ein Arzt seine zwanghafte Liebe zu seiner Ex-Frau brutal aus. Jetzt, 15 Jahre später, taucht Lynch wieder auf – mit einem beunruhigenden, ziemlich sarkastischen Massenmörder-Film, den zunächst niemand produzieren wollte. Doch ihr Vater half Unter Kontrolle auf die Sprünge. Die amerikanische Filmemacherin Jennifer Lynch über ihre Erfahrungen mit Hollywood und über ihren Vater David.

Ihr erster, verstörender Film Boxing Helena war ein unglaublicher Flop. Mit Unter Kontrolle kramen Sie jetzt wieder in den menschlichen Abgründen. Dachten Sie nie darüber nach, vielleicht eine Komödie zu drehen?

Sie finden, Unter Kontrolle ist keine Komödie? Nein, im Ernst: In Boxing Helena habe ich die Gewalt nur angedeutet, erst die Fantasie der Zuschauer besorgte den Rest. Eigentlich handelte der Film von einem Märchenprinzen und einem fiesen Schneewittchen. Unter Kontrolle ist tatsächlich gewalttätig. Aus Prinzip etwas anderes zu machen, wäre aber falsch gewesen.

Sie neigen wie Ihr Vater zu düsteren Themen. Befürchten Sie nicht, nur immer als die Tochter von David Lynch betrachtet zu werden?

Unsere Filme sind in vielen Aspekten sehr verschieden. Er versteht zum Beispiel nicht, wie man auf meine Art eine Geschichte erzählen kann, nämlich mit Anfang, Mitte und Schluß. Struktur ist mir sehr wichtig. Mein Vater weiß gar nicht, wie das geht. Er hat eine Idee, legt einfach los, und es klappt trotzdem. Davon abgesehen bin ich nun mal seine Tochter. Wenn wir in den Ferien waren, haben wir die gleichen Polizeistationen gesehen, die gleichen Raststätten. Sehr viel sieht für uns ähnlich aus.

Es geht aber nicht nur um Polizeistationen, auch die unheilschwangere Atmosphäre erinnert an Ihren Vater.

Ich lehne es ab, nur aus Prinzip etwas anderes zu machen. Ich möchte mich gerne unterscheiden, aber so wie ich filme, filme ich eben.

Sie kümmern sich nicht um Konventionen?

Ich kann nicht. Ich würde durchdrehen. Ohne daß ich provozieren möchte: Es vermittelt mir Freude, daß manche Menschen meine Sachen nicht mögen. Ich pflanze einen Baum, und die Zuschauer können in seinem Schatten sitzen oder sich einen anderen Baum suchen.

Bill Pullman, einer der FBI-Agenten in Ihrem Film, hat schon bei Lost Highway mitgespielt. Hat Ihr Vater da vermittelt?

Tatsächlich war es so, daß mein Vater damals für Lost Highway einen typisch amerikanischen Jungen und eine sexy Frau gesucht hat. Ich habe Bill Pullman und Patricia Arquette vorgeschlagen, doch er lehnte ab. Also habe ich ihm die Filme True Romance und Die Schlange im Regenbogen empfohlen. Danach hat er die beiden doch genommen. Ich mochte Bill schon immer. Ich finde, er hat noch nicht einmal die Oberfläche seiner schauspielerischen Fähigkeiten angekratzt.

Ihr Vater fungiert als so genannter Executive Producer. Welchen Einfluß hatte er auf die Dreharbeiten?

Das ist eine lustige Geschichte: Das Drehbuch war etwa seit eineinhalb Jahren fertig, doch kaum jemand wollte es lesen. Er hat mir schließlich angeboten, seinen Namen draufzuschreiben. Was dann passierte, war kraß. Plötzlich wollte jeder das Drehbuch haben. Wenn ihm der Film nicht gefallen hätte, hätte er seinen Namen natürlich wieder wegnehmen können. Doch nachdem er ihn gesehen hatte, sagte er nur: Ich will meinen Namen größer haben.

Macht es Ihnen gar nichts aus, scheinbar nur über den Namen Ihres Vaters Erfolg zu haben?

Es war das erste Mal, daß ich aus dem Namen meines Vaters einen Vorteil gezogen habe. Das sagt aber auch viel aus über die Gesellschaft. Früher wurde ich ausgelacht, weil ich mit meinem verrückten Künstler-Vater in einer Garage lebte, dann plötzlichen mochten sie mich wegen David Lynch, nach Boxing Helena wurde ich gehaßt, jetzt machen sie alles, nur weil Lynch drauf steht. Das Drehbuch hatte sich ja nicht im geringsten verändert. Das ist heuchlerisch und absurd. Für mich war es einfach wichtig, daß ich den Film machen kann.

Sie machen sich damit auch über die Filmindustrie lustig.

Nicht über die Industrie. Es ist so, als legten Sie Käse aus und denken, die Mäuse kommen sowieso nicht, aber plötzlich kommen sie in Scharen. Das ist ein Stereotyp. Aus dem selben Grund hat Sofia Coppola ihren Nachnamen nicht verändert. Sie ist nun mal die Tochter ihres Vaters. Wir sind, wer wir sind. Wir sollten uns nicht dafür entschuldigen müssen. Entweder der Film steht für sich alleine oder nicht. Wenn ich nur Mist abliefere, dann ist es egal, wessen Name draufsteht. Ich will mich nicht lustig machen, die Reaktionen auf das Drehbuch drehten sich nur um 180 Grad innerhalb von 48 Stunden. Das sollten die Menschen erfahren, weil es sehr viele unbekannte Filmemacher gibt, die keinen großen Namen auf ihren Film kleben können. 2008-08-01 14:57
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