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Ellen Kuras

Ellen Kuras beim Berlinale Talent Campus

Shining a Light on Ellen Kuras

Von Ben Cho Die Kamerafrau Ellen Kuras mag mit einigen der wichtigsten Vertreter des zeitgenössischen Kinos zusammengearbeitet haben (Martin Scorsese, Jim Jarmusch, Michel Gondry, Spike Lee), bei ihrem Auftritt auf dem Berlinale Talent Campus vor ausverkauftem Hause zeigte sie sich bemerkenswert bodenständig. Ihr Rat an aufstrebende Regisseure etwa lautete: »Sei kein Arschloch.« Mit gleicher Unverblümtheit erntete sie den Applaus der anwesenden Regisseure und Kameraleute im Publikum, als sie feststellte: »Dokumentarfilme müssen nicht scheiße aussehen, um wahrhaftig zu sein.« Das ist nicht die Art direkter Ehrlichkeit, die man von einem Künstler ihres Kalibers erwarten würde. Auf der Berlinale liefen drei ihrer Filme: Shine a Light und Abgedreht sowie ihr Regiedebüt The Betrayal, über das Ben Cho mit ihr nach dem Campus-Event sprach.

Sie haben an der Brown University Sozialanthropologie studiert. Inwiefern hat Ihr Studium Ihre Spiel- und Dokumentarfilme beeinflußt?

Beim Studium der Sozialanthropologie geht es vor allem um menschliche Interaktion. Mir hat dieses Wissen dabei geholfen, eine visuelle Verbindung zwischen den Menschen und ihrer Welt, ihrer Umgebung, herzustellen, aber auch zwischen den Menschen selbst. Ich habe gelernt, in Form von Gesten und von Blicknuancen zu verstehen, wie Menschen in realen Situationen reagieren und wie sie es in dramatischen, inszenierten Situationen tun. Mir geht es also um die Beziehung, die Menschen zueinander haben, und wie man das mit Hilfe eines bedeutsamen Bildes ausdrücken kann.

Einige Kameraleute wie Christopher Doyle oder Mark Lee bringen ihren eigenen Stil in einen Film ein. Versuchen Sie auch, einem Film Ihren eigenen künstlerischen oder moralischen Stempel aufzudrücken?

Ich glaube, das gemeinsame Element meiner Arbeiten besteht darin, daß ich immer nach dem Gefühl in den Bildern suche und einen visuellen Stil verfolge, der spürbar ist und den Zuschauern dabei hilft, sich auf die Geschichte einzulassen.

Die Produktion des Dokumentarfilms The Betrayal, in dem Sie die Geschichte einer Familie und deren Weg von Laos nach New York erzählen, zog sich über mehr als zwanzig Jahre hin. Wie haben Sie es geschafft, die dramatischen Momente genau einzufangen und Ihren Figuren trotzdem noch Spielraum zu lassen?

Bei The Betrayal ging es genau darum, diese Geschichten zu finden, die den Film dann strukturieren würden; wir benutzten Prophezeihungen als Sprungbrett für den Film, als eine Art moralischen Kompaß sozusagen. Diese Geschichten halfen zu verstehen, welches Material ich von dieser Familie noch brauchen würde. Aber dann sind in dieser Familie so viele Dinge passiert, das hätte ich unmöglich alles vorhersagen können. Ich hatte mit meinem Co-Regisseur Thavisouk Phrasavath, um dessen Familie sich der Film dreht, lange Gespräche darüber, wie wir zeigen könnten, daß diese Kinder durch den Einfluß der amerikanischen Gesellschaft und der Gesellschaft überhaupt zu Gangmitgliedern wurden. Auch mit der Gang wiederum gab es Geschehnisse, die wir niemals erwartet hätten. Es ist also viel passiert, und wir merkten irgendwann, daß der Film fertig war, weil wir alles hatten, was wir brauchten. Ursprünglich bestand der Film aus Thavis Sichtweise und erzählte auch größtenteils sein Leben, aber schließlich merkten wir, daß wir eine weitere Dimension für diese Geschichte brauchten, und die kam schließlich in Form von Thavis Mutter. Sie war all die Jahre bei den Dreharbeiten dabei, und im Prinzip hat sie das gleiche erlebt wie Thavi, aber auf völlig unterschiedliche Art und Weise: als Frau eines Soldaten und als Mutter dieser Kinder während und nach dem Krieg. Als wir vor einigen Jahren das erste Mal ein Interview mit Thavis Mutter führten, war das für uns ein echter Durchbruch. Wir sahen uns an und sagten: »Jetzt haben wir unseren Film.« Dieses Interview schloß den Kreis.

Nachdem Sie in der Vergangenheit mit den großen Namen Hollywoods zusammengearbeitet haben, waren Sie da nicht versucht, für Ihr Regiedebüt ein kommerzielleres Projekt zu wählen?

Es gibt immer diese Angst, daß man schon halbwegs berühmt ist und mit einem Projekt herauskommt, das dann plötzlich »das Regiedebüt« wird. Bei The Betrayal hatte ich diese Furcht überhaupt nicht, es gab keinerlei Druck, eine sensationelle Narrative abliefern zu müssen, die ich gar nicht wollte. Es war ein persönliches Projekt, an dem ich jahrelang gearbeitet hatte. Für mich war es einfach wichtig, diese Geschichte zu erzählen.

Sie haben mit Scorsese, Jarmusch, Gondry und Spike Lee gearbeitet, demnächst drehen Sie mit Sam Mendes, und die Liste geht noch weiter. Haben Sie sich bewußt dafür entschieden, Ihre Fühler möglichst weit auszustrecken und mit vielen verschiedenen Regisseuren aus den unterschiedlichsten Regionen zusammenzuarbeiten?

Auf jeden Fall. Ich hatte einige Jahre lang das Gefühl, nahe an meinem Zuhause bleiben zu müssen, weil ich auf meinen Hund aufpassen mußte, den ich fünfzehn Jahre lang hatte. Bis nach Los Angeles bin ich so noch gekommen, aber ich habe nicht so viele Filme in Europa gedreht, wie ich das gerne getan hätte. Ich bin sehr daran interessiert, mit wechselnden Regisseuren in unterschiedlichen Erdteilen neue Aspekte des Kinos zu erforschen. Schauen Sie nur, was mit Christopher Doyle und Wong Kar-wai in Hongkong passiert ist, wie die mit der Atmosphäre ihrer Filme tatsächlich einen Eindruck in der aktuellen Kinolandschaft hinterlassen haben. Das ist phänomenal. Es gibt auch andere Gebiete in der Welt, aus denen faszinierende Filmemacher auftauchen. Man muß nur nach Mexiko schauen und was dort mit Alfonso Cuarón und Emmanuel Lubezki passiert. Es geht längst nicht mehr um Hollywood, es geht um die Welt.

Sie sprachen während des Berlinale Talent Campus von einem moralischen Gerüst bei der Suche nach neuen Projekten. Können Sie erklären, wie dieses Gerüst aussieht? Geht es dabei mehr um den Regisseur oder darum, was der Film der Welt erzählen wird?

Ich denke, beides. Bevor ich mich für ein Drehbuch entscheide, muß ich mich an meiner eigenen Moral orientieren und daran, woran ich und der Regisseur glauben, wie wir dieses Material handhaben können und welche Art von Geschichten der Regisseur veröffentlichen will und wie er sie erzählen möchte.

Hatten Sie bei den Dreharbeiten zu The Betrayal das Gefühl, daß man einen weiteren visuell ausdrucksstarken und überästhetisierten Film von Ihnen erwarten würde? Waren Sie besorgt, daß ihr Lebenslauf als Bildproduzentin den Zuschauern das Gefühl vermitteln würde, in Ihrem Film würde es mehr um die Bilder als den Inhalt gehen?

Jeder Regisseur hat bei seinem Debüt gewisse Ängste. Und nachdem ich an diesem Projekt so lange gearbeitet hatte, dachte ich auch: »Mein Gott, was werden die Leute nur von meinem Film denken?« Jeder, der einen Film herausbringt, hat Selbstzweifel und Ängste davor, wie er aufgenommen wird. Es hat mir viel Kraft gegeben, daß das Publikum von meinem Film so berührt war und ihn so gut angenommen hat. Ich habe so viel Rückmeldung von Menschen erhalten, die sehr gerührt waren und denen der Film viel bedeutete. Und genau dafür macht man Filme.

Dieser Text von Ben Cho (Australien) entstand im Zusammenhang von »The Talent Press«, einem Tutorenprogramm beim Berlianle Talent Campus für junge Filmkritiker aus der ganzen Welt. Übersetzung: Daniel Bickermann 2008-04-06 11:56

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