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Carl F. Hutterer

Bild: WDR/K. Görgen

Die Jagd in freier Wildbahn

Von Jakob Stählin Carl F. Hutterer, der über 140 Dokumentarfilme als Kameramann u.a. mit Hans-Dieter Grabe und Georg-Stefan Troller drehte, wurde beim 18. Deutschen Kamerapreis Köln mit dem Ehrenpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Vor der Verleihung sprach Jakob Stählin mit ihm über seine Art zu sehen und die Gegenwart des dokumentarischen Films.

Sie kommen ursprünglich aus der Fotographie. Was hat Sie dazu bewegt, Kameramann zu werden?

Als Schüler von Prof. Otto Steinert habe ich weniger Fotographieren als Sehen gelernt, und das schließt den Film mit ein. Der Schritt war insofern ein kleiner, obgleich ich mich ein Leben lang gerne als Lichtbildner bezeichnet habe und nicht von Einstellungen, sondern von Aufnahmen sprach. Trotzdem bin ich mit Herz und Seele Kameramann, stelle aber die Stärke des journalistischen Bildes über die fachmännisch-handwerkliche Qualität.

Sie haben ja in wenigen Ausnahmen auch mit Spielszenen gearbeitet. Hätte es Sie gereizt, öfter fiktive Filme zu machen?

Eigentlich nicht. Ich habe zwar einen reinen Spielfilm gemacht, aber die Intrigen in diesem Geschäft sind mir zu gravierend. Außerdem liebe ich das Jagen in freier Wildbahn und nicht das Schießen auf dem Schießstand.

Was ist bei der Themenfindung für eine Fernsehdokumentation entscheidend?

Ich arbeite mit einem Autor zusammen, der sich mit dem Thema auseinandersetzt. Das gegenseitige Verständnis ist hierbei sehr wichtig. Man muß einfach abschätzen können, mit wem man sich gut ergänzt.

Wodurch lösen Filme wie Ihre mit Hans-Dieter Grabe gedrehte Vietnam-Dokumentation Nur leichte Kämpfe im Raum Da Nang Diskussionen aus?

Ende der 1960er, Anfang der 1970er kam das Reality-TV auf, an dem ich kräftig mitdrehte. Allerdings habe ich schnell nach Vietnam gemerkt, daß man das Publikum so nicht erreichen kann; dieses erbarmungslose Draufhalten stößt ab, stumpft ab und tötet das Sehempfinden des Zuschauers. Man muß andere Wege finden, und so war ich immer im Wechsel, auf der Suche nach neuen Mitteln, den Zuschauer zu erreichen. Gewisse Dinge wie Angst und Unbehagen sind nicht direkt filmbar, sondern beispielsweise erzeugbar durch eine unsaubere Kamera und natürlich den Einsatz von Licht. Durch die Auslotung dieser Möglichkeiten habe ich versucht, fündig zu werden.

Wenn Sie Ihr Werk heute Revue passieren lassen, worauf sind Sie besonders stolz, welcher Film gibt Ihren Stil am besten wieder?

Es gibt natürlich Filme, die herausstechen, aber festlegen kann ich mich nicht. Es spielt immer eine emotionale Komponente eine Rolle. Beim Dreh mit Georg-Stefan Troller zum Film Der letzte Kopfgeldjäger in der New Yorker Flatbush Area – einer Gegend, wo die Streifenpolizei nur mit zwei Wagen täglich hineinfährt – begleiteten wir einen Kopfgeldjäger dabei, einen Kriminellen zu stellen. Solche Erlebnisse prägen natürlich – nicht zuletzt durch die aufkommende Anspannung und die Gefahr. Persönlich liegt mir Phantomfieber, den ich mit Hartmut Schoen gedreht habe, sehr nahe, denn privat bin ich Hobbyflieger. Ich hatte auch eine Lizenz für Militärjets, war also einer der wenigen Kameramänner, die in Phantoms, F15s usw. drehen konnten.

Wie sehen Sie den Dokumentarfilm in der heutigen Zeit?

Nicht rosig. Zum einen kann ich damit wenig anfangen, weil er durch heutige Aufnahmetechniken Mitschuld an einer verflachenden Bildsprache trägt. Ich habe nur auf Film gedreht. Beim Dreh auf Video hätte ich ästhetische Abstriche machen müssen, die nicht verantwortbar gewesen wären. Sieht man alles direkt auf einem Monitor und bekommt gesagt: »Den Schwenk hätte ich gerne schneller und dies und jenes«, dann wäre ich als Kameramann in der Freiheit der Bildgestaltung gestört. Zum anderen fehlen heute die Autoren. Es gibt nur wenige gute Dokumentarfilmautoren. Durch das stundenlange Aufnehmen und anschließende Aussieben verflacht das Produkt zusehends, und so schwinden Reiz und Spannung. Ich habe mir jede Einstellung überlegt, habe Bilder gebaut, inszeniert. Wenn ich die Situation erfassen konnte mit der Kamera, war das ein Triumph. Das geht den heutigen Kollegen ab. Ich brauchte, so komisch es klingt, die schlaflosen Nächte vor der Mustervorführung. Das formt.

Welchen Ratschlag würden Sie den heutigen Dokumentarfilmern geben?

Weniger ist oft mehr. Einen Menschen, der in Verzweiflung und Not nach einer Schießerei am Boden liegt und um Hilfe schreit, filme ich in einer Totalen und erfasse die Atmosphäre um ihn herum. Ich würde niemals heranschneiden und eine Großaufnahme machen, wie es im Reality-TV gängig ist. So etwas stößt ab. 2008-06-16 14:17
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