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Johannes Schmid

Der Mann und die Mütze

Von Jens Dehn Johannes Schmid arbeitet seit 2000 als freier Theaterregisseur. 2001 gründete er zusammen mit Philipp Budweg die Filmproduktionsfirma »schlichtundergreifend«. Nach mehreren Kurzfilmen als Regisseur und der Produktion eines Kinofilms (Aus der Tiefe des Raumes) hat Schmid nun seinen ersten langen Spielfilm inszeniert: Blöde Mütze! basiert auf einem Jugendbuch seines älteren Bruders Thomas Schmid und beschreibt das Erwachsenwerden und die Freundschaft dreier Jugendlicher in der deutschen Provinz. Jens Dehn traf den Regisseur und Produzenten Johannes Schmid zum Gespräch.

Wie zufrieden bist Du mit Deinem ersten langen Spielfilm?

Das ist schwer zu sagen. Ich glaube schon, daß ich zufrieden mit dem Endresultat sein kann. Aber ich sehe Blöde Mütze! natürlich immer noch aus der Erfahrung des Drehens, das heißt, ich habe immer noch die Leute im Kopf, die um einen herumstehen, den Streß, der an dem jeweiligen Drehtag geherrscht hat, also den ganzen Prozeß. Und ich habe den Film natürlich auch so oft gesehen mittlerweile, vor allem auch in den letzten Wochen, in der Vorbereitung des Kinostarts, ein neutraler Blick fällt da schwer. Aber ich vermute, so in zwei bis drei Jahren, wenn ich ihn wieder in aller Ruhe anschaue, daß er mir dann sehr gut gefallen wird.

Du hast bislang mehrere Kurzfilme gedreht, bei denen sich die Geschichten oft um das Erwachsenwerden drehen. Ist die Pubertät so etwas wie Dein Lieblingsthema?

Ich finde einfach toll an dieser Schwelle von Kindheit zur Pubertät, daß die Gefühle so pur liegen. Die Probleme in dieser Zeit – daß man den Mut haben muß, ins Leben zu treten, daß man der Komplexität und Kompliziertheit der Liebe ins Auge schauen muß, daß man lernen muß, Verantwortung für sich und für andere zu übernehmen – das sind Dinge, die beschäftigen einen ja eigentlich ein Leben lang, aber halt nie so intensiv und pur wie an dieser Schnittstelle. Und das finde ich, ist eine große Chance für emotionales Kino.

Die Buchvorlage von Deinem Bruder ist erstmals 1999 erschienen. Gab es von Beginn an den Plan, daß Du dieses Buch selbst verfilmen würdest?

Es gab nicht diesen Masterplan, aber schon als ich das Buch zum ersten Mal gelesen hatte, dachte ich, daß das auch ein wunderbarer Film werden könnte. Und vielleicht auch, daß es mein erster langer Film werden könnte, weil dieser Stoff meines Bruders mir so nahe ist, weil er aus der gleichen Sozialisation kommt, weil wir sozusagen aus demselben Holz geschnitzt sind und auch ästhetisch und inhaltlich ähnliche Vorstellungen haben. Und so gab es, als die schlichtundergreifend Filmproduktion gegründet wurde, schon dieses Projekt in Hinterkopf.

Dein Bruder war zwar immer über alles informiert, hat aber selbst nicht am Drehbuch mitgeschrieben. Als Co-Autor hast Du Michael Demuth engagiert.

Daß mein Bruder nicht selber schreibt, war eine ganz klare Entscheidung. Er war ja sozusagen fertig mit dem Stoff in Romanform. So haben zuerst mein Produzent Philipp Budweg und ich an dem Drehbuch geschrieben, dann lag das Projekt eine Weile in der Schublade, weil wir an anderen Projekten arbeiteten, u. a. an der Produktion von Aus der Tiefe des Raumes, Doch die Mütze ließ uns nicht los, Und als wir dann irgendwann das Buch wieder hervorholten, haben wir gemerkt – okay, den Stoff gibt es jetzt schon so lange, es wäre vielleicht doch ganz gut, noch mal einen frischen Blick draufzuwerfen. Daraufhin haben wir Michael Demuth ins Boot geholt. Wir hatten uns mal auf dem Kinderfestival »Goldener Spatz« kennengelernt, und ich hatte den Eindruck, daß das funktionieren könnte mit ihm gemeinsam. Und zudem schätzte ich einfach Wer küsst schon einen Leguan sehr, den er fürs Fernsehen geschrieben hat. Michael Demuth hat dann tatsächlich auch gerade das eingebracht, was wir gesucht hatten: daß es nämlich noch ein wenig zugespitzter in der Dramatik wird, was mir zum Teil ein bißchen schwerfiel. Ich war eher für das Epische zuständig. Da haben wir uns, glaube ich, sehr gut ergänzt.

Du bist mit Blöde Mütze! schon auf verschiedenen Festivals gelaufen. Welchen Publikumszuspruch erwartest Du Dir jetzt vom »regulären« Publikum?

In den letzten zwölf Monaten lief der Film schon sehr erfolgreich auf über 30 Festivals im In- und Ausland. In drei Wochen fliege ich nach Kasachstan mit dem Film – es passieren also wirklich sehr ungewöhnliche Dinge! Auf den Festivals kam der Film immer sehr gut an, sowohl bei den Kindern und Jugendlichen als auch bei den Erwachsenen. Aber jetzt kommt man in den wirklichen Kinoalltag, und das ist natürlich schon sehr spannend, ob man sich behaupten wird gegen das breite Konkurrenzangebot, das da am Start ist. Das ist aufregend, und ich hoffe, daß es gelingt. Unser Verleih Farbfilm hat da ja inzwischen gute Erfahrungen gesammelt mit Paulas Geheimnis. Da wird, meiner Meinung nach, eine sehr gute Strategie gefahren, den Film – auch wenn er nicht gleich den großen Run bekommen sollte – doch lang und ausdauernd genug in den Kinos zu halten.

Der Film lief 2007 auch auf der Berlinale. Wie waren Deine Erfahrungen dort?

Daß wir auf der Berlinale als einziger deutscher Beitrag in der »Generation« liefen, der Kinder- und Jugendfilmsektion des Festivals, war natürlich ein großer Glücksfall. Es ist aber trotzdem so, daß man als Filmemacher in einer gewissen Form spürt, daß ein Produkt, das das Label Kinderfilm hat, nicht die entsprechende Aufmerksamkeit erfährt, die der Film vielleicht verdient hätte. Von der Presse, den Medien, der gesamten Resonanz her. Weil einfach immer noch nicht das Bewußtsein da ist, daß Kinderfilm nicht eine Beschränkung des Publikums bedeutet, sondern daß das Publikum im Gegenteil erweitert ist. So sehe ich das nämlich, daß man sagt: Das ist ein guter Film, der auch für Kinder absolut gut geeignet ist. Und nicht: Das ist ein Film, der nur für Kinder geeignet ist und Erwachsene nichts angeht. Und dafür kämpfen wir letztendlich auch, daß sich dieses Bewußtsein langsam verändert.

Schlichtundergreifend hat jetzt ein neues Konglomerat gebildet mit den Regisseuren Marcus Rosenmüller (Wer früher stirbt ist länger tot) und Stefan Betz sowie dem Produzenten Thomas Blieninger. Wie kam es zu dem Zusammenschluß?

Das ist tatsächlich die Entwicklung, daß die schlichtundergreifend GbR, die bislang ja nur aus Philipp Budweg und mir bestand, jetzt sozusagen aufgeht in einer größeren Konstellation, der schlichtundergreifend Film GmbH. Wir haben uns gesucht und gefunden. Und gemeinsam mit drei tollen Kollegen aus München eine neue Firma (mit altem Namen) gegründet. Das ist ein Kontakt, der über die Jahre hinweg gewachsen ist. Mit Tom Blieninger etwa, der zweiten Produzentenpersönlichkeit, war ich schon auf dem Gymnasium, wir kennen uns also teilweise schon sehr lange.

Was versprecht Ihr Euch in erster Linie davon?

Erstmal geht es darum, kreative Energien zu bündeln. Dann war der Schritt zur GmbH wichtig, um unsere Arbeit noch ernsthafter vertreten zu können und ein anderes Standing zum Beispiel bei den Banken zu erreichen. In dieser Konstellation können wir nun unsere Projekte auch vollkommen alleinverantwortlich durchführen. Bei der GbR ging das einfach nicht, weil wir wegen Schwierigkeiten bei Bankbürgschaft und Zwischenfinanzierung oder ähnlichen Problemen immer einen großen Partner gebraucht haben. Jetzt können wir alleine agieren – was aber nicht heißt, daß wir nicht auch wieder Partnerschaften eingehen. Aber es ist einfach eine Weiterentwicklung zu einem anderen Standing in der Branche.

Klassische Schlußfrage: Was kommt als nächstes?

Ich entwickle im Moment gerade eine Romanadaption, da fang ich gerade mit der Treatmentarbeit an, aber das ist alles noch nicht druckreif. Das wird aber ein Film, der ist für Kinder ungeeignet, würd’ ich mal sagen. Relativ weit entwickelt ist ein Projekt, das auch schon zur Produktionsförderung vorliegt, das ist wieder ein generationsübergreifender Film, der mit mir als Regisseur im Januar oder Februar nächsten Jahres gedreht werden soll. Das Projekt hat die Autorin Michaela Hinnenthal geschrieben und heißt Wintervater im Arbeitstitel. Es ist ein Roadmovie um ein elfjähriges Mädchen und deren beste Freundin, die 75 ist, und eine Reise von Berlin nach Danzig. Das wird dann auch die erste Produktion der neuen schlichtundergreifend Film GmbH. 2008-04-21 12:54
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