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Rutger Hauer

Rutger Hauer, niederländische Kinolegende zu Besuch in Münster

Die Entdeckung des Schneideraums

Von Daniel Bickermann Vom blinden Schwertkämpfer bis zum träumenden Androiden: Rutger Hauer blickt auf eine eindrucksvolle internationale Karriere zurück. Wir trafen den niederländischen Schauspielveteranen in Münster, wo er auch die ihm gewidmete Dokumentation Blonde, Blue Eyes vorstellte.

Wie hat sich der Schauspielberuf in den letzten 35 Jahren verändert, zwischen Türkische Früchte und Sin City?
Es ist noch immer der gleiche Job. Sicher, die technischen Vorgaben ändern sich. Die erste Entwicklung, die ich miterlebt habe, war im Tonbereich, dann wurden die Kameras revolutioniert, dann das Licht und dann nochmal die Kameras. Das Hauptproblem, das ich mit der digitalen Drehweise habe, ist, daß man kaum noch zum Luftholen kommt. Zu Beginn meiner Karriere dauerte es eine Stunde, eine Szene aufzubauen und einzuleuchten. Heutzutage dauert alles ungefähr zehn Minuten, und schon geht’s los zur nächsten Szene. Das ist unheimlich anstrengend.

Hat sich das Publikum auch verändert?
Die Größe des Publikums vor allem, die hat sich ungefähr verhundertfacht. Wenn sich ein Film heutzutage international gut verkauft, dann findet er ein gigantisches Publikum, und dahinter steckt viel Geld und eine enorme Macht. Auch die Filme haben sich verändert, weil sich vor ungefähr 20 Jahren die Anwälte in den hohen Studiopositionen festgesetzt haben. Heutzutage werden dort Filme wie Grundstücke verschachert. Und man sucht natürlich die Produkte, die sich am einfachsten weiterverkaufen lassen und möglichst schnell Rendite abwerfen, weil es so unheimlich teuer geworden ist, Filme zu machen. Einen Film wie Blade Runner würde man heute nicht produziert bekommen. Auf der anderen Seite werden heute ein paar sehr teure Filme gedreht, die wir früher nicht ums Verrecken gemacht hätten.

Wie kamen Sie zum Schauspielen?
Meine Eltern waren beide Schauspieler, und ich wußte einfach nicht, was ich sonst machen sollte. Also sagten sie, ich sollte es doch mal mit der Schauspielschule probieren. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich dort aber auch gar nichts gelernt. Danach bekam ich einen Job an einem kleinen Theater, wo ich vier Jahre lang spielte. Ich hatte ein paar ganz nette Rollen, aber meistens fühlte ich mich völlig fehl am Platz auf der Bühne. Und irgendwann kam dieser Typ vom Film zu einer unserer Vorstellungen, und wir spielten gerade einen Shakespeare, mit Fechten und so. Und die suchten nach einer Art Robin Hood für die Floris-Serie. Das hörte sich ganz vielversprechend an, aber ich habe das nicht so ernst genommen, weil ich als Junge keinen richtigen Fernseher hatte, wir kriegten damals anderthalb Kanäle. Aber ein paar Monate später hatte ich die Rolle, und wir drehten die ersten Folgen. Es gab sogar eine deutsche Version, die wurde sechs Monate lang in Ungarn gedreht, das war eine wirklich tolle Zeit.

Sie haben in letzter Zeit wieder fürs Fernsehen gearbeitet.
Die Fernsehzuschauer kann man mit einer gewissen Intensität wirklich erreichen, weil es dort nicht so üblich ist. Im Prinzip habe ich meine Karriere eher im Fernsehen gemacht, weil die meisten meiner Filme dort wesentlich besser liefen als im Kino. Und dann kam natürlich Video und DVD. Das hat alles verändert, da haben dann auch die Produzenten begriffen, daß man die Informationen dichter packen muß, damit die Zuschauer sich beim zweiten und dritten Anschauen nicht langweilen. Das ist die wahre Herausforderung, aber auch der wahre Spaß am Filmemachen heute: Man dreht die gleichen Szenen mit weniger Zeit und weniger Gerede, man macht es noch intensiver und füllt die gewonnene Zeit mit anderen Sachen auf.

Sie haben auch Ambitionen als Regisseur, wie man hört.
Ich arbeite an einem Spielfilm, aber wir haben das Geld noch nicht zusammen. Das ist jetzt schon mein siebter Versuch, Regie zu führen. Ich habe ja bereits einen Kurzfilm gedreht und bei einem zweiten die Co-Regie übernommen. Das Beste daran war die Entdeckung, daß ich eine eigene Regiehandschrift hatte. Die zweite große Entdeckung für mich persönlich war der Schneideraum. Natürlich entsteht ein Film am Drehort, aber erst im Schnitt wird er wirklich erschaffen. Wenn ich einmal eine Filmklasse leite, dann lasse ich die Studenten erst einen Film drehen, die sollen einen riesigen Berg Material belichten – und dann schicke ich sie in den Schneideraum. 2008-01-16 15:13

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