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Hermine Huntgeburth

Aus dem Moment heraus

Von Frieder Schlaich In der gemeinsam von der Filmgalerie 451 und dem »Schnitt« gepflegten DVD-Edition »Debütfilme« erscheint am 15. Oktober 2007 Im Kreise der Lieben, Hermine Huntgeburths erster Spielfilm. Neben weiteren Extras enthält die DVD auch ein Gespräch zwischen Frieder Schlaich und der Regisseurin, aus dem wir im folgenden einen Auszug präsentieren.


Hast Du noch spezielle Erinnerungen an die Uraufführung von Im Kreise der Lieben?

Der Film wurde in drei Kopien herausgegeben. Barbara Auer und ich waren zusammen auf der Berliner Premiere, da kam unser Verleiher und meinte, der Film wäre schlecht angelaufen, denn in Hamburg wären nicht so viele Leute reingegangen. Wir haben uns schwere Vorwürfe gemacht – anstatt zu denken, daß der Verleih das vielleicht nicht richtig rausgebracht hat.

Was war die Grundidee für den Film?

Ich wollte einen Film über eine außergewöhnliche Familie machen, über eine Dreier-Konstellation und über sexuelle Bedürftigkeit. Das war der Ausgangspunkt. Und dann ging es natürlich noch um Bigotterie, ich bin selbst ja sehr katholisch aufgewachsen.

War es auch immer klar, daß es eine schwarze Komödie werden sollte?

Ich glaube nicht, daß ich mit dem Vorsatz herangegangen bin, eine Komödie zu schreiben. Das funktioniert sowieso nicht. Ich finde es sehr schwierig, Drehbücher zu schreiben, und damals ist mir einfach nichts anderes eingefallen. Mein Wunsch war es eigentlich auch immer, keine Drehbücher schreiben zu müssen. Ich habe angefangen, selber zu schreiben, um überhaupt Filme drehen zu können und irgendwann mal ein Angebot zu bekommen.

Wie hast Du überhaupt angefangen, Filme zu machen?

Da war ich fünfzehn in Paderborn und habe Ryans Tochter gesehen. Das fand ich ganz toll, das wollte ich auch machen – ich dachte da wirklich an große Schmonzetten. Außerdem habe ich in Paderborn im Theater als Garderobenmädchen gearbeitet und bin jeden Tag ins Theater gegangen. Der Traum, in den ich mich hineingesteigert habe, war dann, daß ich so etwas wie Ryans Tochter machen könnte, aber ein bißchen auch wie das Paderborner Theater.

Und dann hast Du Dich an der Filmhochschule in Hamburg beworben?

Nein, ich wollte erstmal nach Berlin oder nach München. Ich hatte ja gar keine Ahnung. In Berlin war ich zu jung, und in München bin ich noch nicht mal in irgendeine Art der Vorauswahl gekommen. Dann habe ich es in Hamburg versucht, auch komplett naiv. Aber Gerd Roscher fand das wohl ganz gut, was ich alles machen wollte. Ich habe einfach drauflosgeredet und bin genommen worden.

Hast Du an der Filmhochschule richtig das Handwerk erlernt?

Was in Hamburg gut war: Man hat die Angst verloren, es einfach zu machen. Aber ich glaube, das war keine klassische Ausbildung, jedenfalls damals nicht. Damals wollten noch relativ wenige Leute Filme drehen, aber bei mir war das von vornherein klar. Und so habe ich bei Rüdiger Neumann und Gerd Roscher studiert, wir waren in einer Gruppe mit Bernd Meiners, und wir haben angefangen, Filme zu machen. Ich glaube, ich habe da fünf oder sechs Kurzfilme gedreht.

Das einzige, worin man geschickt sein mußte, war letztendlich die Materialbeschaffung, und die hat immer sehr viel mit Sympathie zu tun gehabt. Dann haben wir die Kamera in die Hand genommen und haben es gemacht – damals noch alles selbst: Schnitt, Mischung und so weiter. Aber irgendwann wußte ich: Ich habe jetzt genug gelernt, zumindest an der HfbK. Deswegen habe ich mich für ein DAAD-Stipendium beworben und bin für ein Jahr nach Australien an eine Filmschule gegangen. Nach meiner Rückkehr habe ich meinen ersten Kurzfilm gemacht, mit drei Drehtagen. Danach war ich so fertig, daß ich mich gefragt habe, wie man so einen langen Film bloß durchstehen soll.

Dieser Schritt vom Kurzfilm zum Langfilm, wie war das bei Dir?

Ich hatte diese Idee für Im Kreise der Lieben, die Konstellation aus drei Generationen: Mutter, Großmutter und Tochter. Und diese Doppelbödigkeit und Bigotterie in Glauben und Familie. Ich habe das Drehbuch geschrieben und bin damit in die Hamburger Filmförderung, und einer der Menschen im Gremium war Laurens Straub. Und Laurens hat zu mir gesagt, ich würde das Doppelte von dem kriegen, was ich beantragt hätte, aber nur, wenn ich einen Kinofilm draus machen würde. Ich habe gesagt: »Okay, warum nicht?« Dann hat er für mich den Kontakt mit Eberhard Scharfenberg vom NDR hergestellt, einem großartigen Redakteur, der jetzt leider schon in Rente ist. Gleichzeitig hat er mich einem Verleiher vorgestellt, das war damals Michael Eckelt von Neue Impuls Film, also hatte ich auch gleich am ersten Tag einen Verleiher. Das war dann doch zu viel für mich, danach bin ich erstmal in Ohnmacht gefallen. Das war der Wahnsinn. Ich habe diesen Film dann gedreht, geschrieben, produziert und alles alleine gemacht.

War man von Deinen Kurzfilmen so begeistert oder lag das wirklich am Drehbuch?

Die Kurzfilme haben bestimmt auch eine Rolle gespielt, die hatten ja auch Preise gewonnen. Ich denke schon, daß ich eine gewisse Art von Vorbereitung hatte. Mir ist das auch wichtig, daß man mit Kurzfilmen anfängt und nicht gleich Großprojekte angeht.

Ist Im Kreise der Lieben rückblickend ein gelungener Film für Dich?

Ja, ich glaube schon. Ich finde, daß er viel von mir zeigt. Letztendlich hat er auch viel mit meinen Arbeiten danach zu tun. Er lief zwar nicht gut im Kino, aber ich habe dafür den Bundesfilmpreis für Nachwuchsregie gewonnen und den Preis in Biberach. Übrigens war ich danach der Meinung, jetzt würden alle kommen und mich toll finden. Ich hatte erstmal einen richtigen Durchhänger, als das dann überhaupt nicht so lief. Dadurch habe ich gelernt, daß man vor allem im Leben Freunde braucht, außerhalb des Business.

Welche Filme hast Du Dir zu der Zeit angeschaut? Gab es da auch Vorbilder?

Ehrlich gesagt war ich eher frei und habe den Film so gedreht, wie ich das für richtig hielt. Ich denke schon, daß man in bestimmten Lebensphasen beeinflußt ist von dem, was man in dieser Zeit toll findet. Ich fand damals zum Beispiel so etwas wie Jean Eustache wirklich beeindruckend. Ohnehin die Nouvelle vague. Aber ich glaube nicht, daß sich das im Film niedergeschlagen hat.

Wie war das, als Du den Film gemacht hast, warst Du eine Einzelkämpferin?

Nein. Es gab zu dieser Zeit einige Frauen in meinem Alter, Pia Frankenberg zum Beispiel oder Monika Treut, die auch in Hamburg Filme gemacht haben. Letztendlich ist es ja immer noch so, daß es relativ wenige Frauen gibt, die kontinuierlich Filme machen. Das passiert Männern aber irgendwann genauso. Das Problem ist, daß man in eine Schublade gerät, wenn man etwas anders machen will. Dann wird gesagt: »Die kann das eine besser, jetzt soll sie lieber dabei bleiben.« Ich habe immer versucht, einen anderen, neuen Film zu machen und nicht an meine alte Arbeit anzuknüpfen.

Was an Im Kreise der Lieben auffällig ist und sich durch Deine Filme zieht, ist die tolle Besetzung. Wie wichtig war Dir das?

Sehr wichtig natürlich. So ein Drehbuch ist ja ein Abstraktum. Ein Film entwickelt sich erst beim Machen, und die Entscheidung, wen man besetzt, verändert den Film. Ich finde es sogar noch spannend, wenn man sich eine Schauspielerin oder einen Schauspieler in den Kopf gesetzt hat, die dann aber absagen – das kann auch eine Chance darstellen und den Film in eine neue Richtung lenken. Film entsteht ja durch Menschen mit all ihren Eigenarten; oft gibt es bestimmte Typen im Drehbuch, und wenn man die anders besetzt, rein visuell oder von der Physiognomie her, dann kriegt das eine andere Spannung und Kraft. Ich finde das sehr wichtig.

Hast Du bei den Schauspielern einen Ruf, daß man gerne mit Dir arbeitet?

Ich glaube, die arbeiten nicht ungern mit mir. Ich mag die Vorbereitung, aber das Drehen am Set ist das Spannendste. Ich bin sehr intuitiv und entwickle viel aus dem Moment heraus. Für mich sind die Bewegungen im Raum ganz wichtig und was daraus für Spannungen entstehen.

Nach Im Kreise der Lieben hast Du nicht sofort die Millionen unter die Nase gehalten bekommen. Wie war der Weg zum Trio, Deinem nächsten Kinofilm?

Ich habe danach erstmal Ein falscher Schritt fürs ZDF gemacht, später dann Gefährliche Freundin, mit dem ich auch in Hof war. Das war für mich richtig euphorisierend, daß die Leute den so toll fanden. Und dann kam Das Trio.

Nach Das Trio hast Du ja relativ viele Fernsehfilme gemacht.

Ein Kinofilm ist eine schmerzhafte Sache, man gibt wirklich alles, und es ist sehr, sehr langwierig. Weil Geld drinsteckt, reden da irgendwann viele Leute mit. Man möchte ja schon gerne, daß der Film gesehen wird, und wenn Kinofilme an der Kasse nicht funktionieren, nimmt einen das sehr mit. Wenn man die Möglichkeit hat, gutes Fernsehen zu machen, dann nimmt eine Produktion einen viel direkteren und kürzeren Weg. Unter diesen Voraussetzungen kann man großartige Filme machen. 2007-10-15 13:41

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