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Marie Zielcke

Extremfigur

Von Oliver Baumgarten, Nikolaj Nikitin Aufgewachsen in einer Theaterfamilie, gibt Marie Zielcke ihr Debüt am Schultheater, gleichsam eine Art Berufung, die sie mit 17 Jahren zum Schulabgang bewegt. Im selben Jahr begegnet ihr Rolf Peter Kahl, der sie zusammen mit Oskar Roehler in Silvester Countdown für den Film entdeckt. Ohne Abitur und Schauspielausbildung avanciert Marie Zielcke zu den jungen Hoffnungsträgern der deutschen Filmszene. Oliver Baumgarten und Nikolaj Nikitin trafen sie am Rande des Münchner Filmfestes.


Was uns an »Silvester Countdown« gefällt, in dem Du Deine erste Hauptrolle spieltest, ist seine Radikalität in der Darstellung und der Inszenierung. Er zeigt eine Generation, die damals in Deutschland selten porträtiert wurde. Hast Du Dich in Deiner Figur und der gesamten Stimmung wiedergefunden?

Nein, nicht wirklich, weil ich diese Kälte der zwei Figuren, das Abgefuckte, nicht so kenne. Wie sie miteinander umgehen, ist mir überhaupt nicht nahe. Ich habe mich dann eher in kleineren Momenten wiedergefunden, wie man in einer Diskussion reagiert oder sich in einem Streit verhält.

Wenn man sich Deine Rollen anschaut, dann fällt doch auf, daß Deine Figuren in irgendeiner Form immer sehr extrem sind, angefangen natürlich mit »Silvester Countdown«, aber auch Dein Charakter in »Der Schrei des Schmetterlings« oder in »Der Runner«.

Eine Figur, die Wandlungen durchmacht, die verschiedene Seiten in sich trägt, das ist viel spannender für mich zu spielen, als eine eher eindimensionale Figur, die ihre Aufgabe und ihr Problem hat, mit der aber nicht so viel passiert.

Gut, aber diese Figuren gehen wirklich an Grenzen und übersteigen eine konventionelle dramaturgische Entwicklung…

Ja, aber schau mal, was gibt es denn für Rollen in meinem Alter? Die Ehefrau kann ich noch nicht spielen, die zuhause sitzt mit ihren zwei Kindern, oder die Anwältin. Ich glaube nicht, daß es speziell an mir liegt, daß mir diese Figuren angeboten werden. »Der Runner« ist auch für mich meine extremste Rolle, aber ansonsten habe ich das Gefühl, sie sind ziemlich normal. Das sind einfach die Entwicklungen, die die Zuschauer sehen wollen.

Im »Schrei des Schmetterlings« spielst Du eine Todkranke. Wie bist Du so ein Extrem in der Vorbereitung angegangen?

Es gibt körperliche Anzeichen, an denen du den Krankheitsverlauf festmachen kannst und an denen du dich beim Spiel orientieren kannst. Ich hatte auch eine Art persönliche Beraterin dabei, Mareike, die selber Krebs hat, und mit der ich auf onkologischen Stationen war. Ich habe Bücher gelesen vorher und mich sehr viel mit ihr unterhalten.

War sie auch beim Drehen dabei?

Ja, sie war dabei, sie hat auch selber mitgespielt, eine kleine Rolle.

Fühlt man sich als Schauspielerin dann auch ein bißchen unwohl, weil jemand dabei ist, der selber Krebs hat, und Du ja nur so tust – belastet das?

Das ist peinlich, und es belastet sehr. Das war für mich ein Problem. Das fing schon an beim Casting. Ich wußte, daß unheimlich viele Mädchen für die Rolle vorgesprochen hatten, und die Hälfte davon hat gesagt, sie schneiden sich aber nicht die Haare ab. Ich würde mich nie trauen, das mit einer Perücke zu spielen. Wie peinlich ist das dann, wenn du abends nach Hause gehst und deine Haare wieder hast. Ich war mir sicher, daß das Gefühl der Demütigung als Mädchen mit 15 oder 16 Jahren ohne Haare enorm sein muß. Mit der Glatze konnte ich diese Demütigung zum Teil erfahren. Und dann bekam Mareike während der Dreharbeiten einen Rückfall. Mich hat das sehr mitgenommen, und mir war es wirklich unangenehm, dann abends nach den Dreharbeiten meinen Tropf rauszuziehen und zu sagen, so, ich geh jetzt, und ich wußte, daß sie das alles in ein paar Tagen wieder vor sich hat. Aber andererseits hat sie gesagt, wenn Du das so spielst, wie ich mir das wünsche und wie wir das alle hoffen, dann hilfst Du uns damit, weil ein Stück von dieser Realität nach außen getragen wird.

Was wir bei Dir und Marek gerade im »Schrei des Schmetterlings« so bewundern, ist: Ihr habt oft Großaufnahmen, wo die Kamera wirklich lange auf Dir ruht, und Du hältst sie aus, während andere schnell anfangen zu zucken, sich hektisch zu bewegen. Bei Euch scheint es, Ihr würdet das einfach ausblenden.

Ich mache das jetzt seit sechs Jahren. Am Anfang habe ich das auch nicht ausgehalten, da dachte ich, oh mein Gott, ich kann nicht, ich muß jetzt aus der Szene rauslaufen. Das führt dann schon mal dazu, zu viel zu machen. Aber inzwischen habe ich mich auch einfach daran gewöhnt, und es ist auch eine Vertrauenssache. Wenn jemand hinter der Kamera steht, bei dem ich ständig das Gefühl habe, der findet mich schlecht oder der mag mich nicht, dann habe ich jedes Mal ein Problem damit, mich in diesen ganz privaten Raum vor der Kamera zu begeben. Wenn aber ein Grundvertrauen herrscht, ist das gar kein Problem. Marek ist mein Lieblingskollege, und wir sind so aneinander gewöhnt, und können so fantastisch miteinander spielen, daß das eigentlich ein einziges Reagieren ist. Ob der eine jetzt seinen Text kann oder nicht oder plötzlich etwas ganz anderes spielt, wirft den anderen nicht aus der Bahn, der reagiert darauf. Hast du einen so guten Partner, dann vergißt du manchmal wirklich die Kamera. Und man muß den Mut dazu haben, nicht mehr darüber nachzudenken, wie man aussieht oder was man gerade macht.

Du hast gesagt, daß Dir Dein Filmpartner sehr wichtig ist. Hast Du mal erlebt, daß Dich ein Kollege ausgespielt, fallengelassen, Dich richtig hat auflaufen lassen?

Absolut. Ich kenne auch Schauspieler, die, wenn sie noch zum Anspielen benötigt werden, schon mal nach Hause gehen und das dann jemand anders übernehmen lassen. Ich habe Kollegen gehabt, bei denen ich das Gefühl hatte, es ist eine riesige Mauer zwischen uns, also ich spiele mein Ding bis dahin, und er spielt sein Ding bis dahin, und wir treffen uns in der Mitte, aber reagieren nicht aufeinander. Also das, was ich gerade speziell über Marek und mich gesagt habe, funktioniert dann nicht. Das ist im ersten Moment wahnsinnig ernüchternd, und man denkt sich, wie soll denn das funktionieren? Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, sehr harmoniebedürftig, und wenn ich dann merke, dem anderen ist das so ziemlich kackegal, ob wir uns verstehen oder nicht – das muß man ja erstmal schlucken. Aber man lernt dann auch, sich nicht zu sehr darauf zu verlassen, daß es mit dem Partner gut läuft, sondern in jeder Szene so sicher zu sein, daß man das auch ganz alleine schafft, ohne daß da jemand ist, der das auffängt und wiedergibt. Trotzdem ist es nachher zu spüren, wer gut miteinander klarkam, oder ob jeder für sich sein Ding gespielt hat.


Filmographie (Auswahl)

1997:
Silvester Countdown.Oskar Roehler.

1998:
Bin ich schön? Doris Dörrie.
23 – Nichts als die Wahrheit. Hans-Christian Schmid.

1999:
Der Schrei des Schmetterlings. Frank Strecker.
Planet Alex. Uli M. Schüppel.

2000:
Highway Society. Mika Kaurismäki.
Der Runner (TV). Michael Rowitz.
Models (TV). Mark von Seydlitz. 1970-01-01 01:00
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