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Elke Winkens

Untersuchung am Mädel

Von Nikolaj Nikitin, Oliver Baumgarten Sie begann als Hochleistungsturnerin, tanzte und sang in Musicals, moderierte zwei austrische TV-Formate und wuchs zur beliebten Comedy-Queen unseres befreundeten Berglandes heran. Eine solide Theaterkarriere und starke Leistungen im österreichischen Film (Helden in Tirol und Untersuchung an Mädeln) komplettieren ihre vielseitige Karriere – und schon sehr bald wird sie uns auch diesseits der Berge durch ihre mitreißende Filmpräsenz erfreuen: Elke Winkens.


Als ersten Kontakt mit dem Fernsehen gab Dir der SDR eine Musiksendung, die Du schon bald zur Personality-Show umwandeltest. Wie kamst Du zu dieser Moderation?

Ich trat mit der Kabarett-Truppe »Die Hektiker« auf und wurde darüber gecastet, weil gerade nach einer Moderatorin gesucht wurde. Kurz danach machte ich dann für den ORF dreieinhalb Jahre Die kranken Schwestern, eine Comedy-Show wie Samstag Nacht, die wöchentlich lief. Dadurch bin ich überhaupt erst in Österreich bekannt geworden. Die Show war ultra schräg, sehr frech, morbide und sarkastisch. Ich glaube, in Deutschland könnte man so etwas gar nicht machen!

Obwohl Du in der Nähe von Köln geboren bist, scheint Deine Beziehung zu Deutschland doch nicht ganz unproblematisch zu sein. Was gefällt Dir an Deiner Wahlheimat Österreich?

Ich spiele gerade am Theater in der Josefstadt das Pützchen in »Des Teufels General«. Und das Tolle an Wien ist, das Theater ist immer voll. Die Leute in Österreich kommen tatsächlich abgehetzt vom Beruf und fahren ins Theater. Das ist etwas, das mir sehr gefällt. Doch so langsam orientiere ich mich auch wieder Richtung Deutschland. Ich werde zum Beispiel ab August meinen ersten Kinofilm hier drehen. Ich bin jetzt neun Jahre in Österreich und muß sagen, ich kenne Deutschland gar nicht mehr. Ich bin mit 18 weggegangen, den Fall der Mauer habe ich von England her verfolgt. Ich weiß nicht, ob ich mit der Mentalität noch zurechtkommen werde, zumal ich ja sowieso halbe Holländerin bin, mütterlicherseits. So richtig deutsch war ich nie, und für die Österreicher bin ich auch eher Holländerin. Vielleicht, weil ich bei den »Kranken Schwestern« Linda de Mol kopiert habe. Isch schpresche da so mit cholländische Akßent, und deswegen dachten viele, ich rede wirklich so.

Auf welche Strategien hast Du zurückgegriffen, um die Komik-Figur, die Dich in Österreich so erfolgreich werden ließ, zu entwickeln?

Am Anfang habe ich für meine Komik geklaut wie ein Rabe, von jedem, der mir irgendwie gefallen hat. Das fand ich lustig bei Jerry Lewis, hier ein Blick von Goldie Hawn, eine Bewegung von Michelle Pfeiffer. Dadurch, daß ich diesen Beruf nicht von der Pike auf gelernt habe – auf der Lee Strasberg-Schule in London hielt ich es ja nur ein paar Monate aus – mußte ich mich auf meine Intuition verlassen und darauf, was ich sehe.

Wie kamst Du überhaupt auf die Comedy-Schiene, findest Du es spannender als die Tragik?

Nein, tragisch finde ich für mich spannender. Vielleicht, weil ich schon in der Schule immer Klassenclown war. Komisch sein kann ich zu jeder Zeit, zumal, weil man das von mir vielleicht nicht erwartet. Aber mittlerweile geht es mir etwas auf die Nerven. Genauso, wie die Schneewittchen-Rolle der Emma in Helden in Tirol, blondes langes Haar, »ach, herzig schaut's aus«. Nach zwei Wochen Drehzeit konnte ich diese Figur eigentlich schon nicht mehr leiden. Ich hätte aus ihr lieber noch mehr Sissi gemacht. Der gesamte Film hätte dadurch entschiedener werden können. Aber Niki List wollte auch das Unabhängige der 90er Jahre in der Figur haben.

Ich fand, es war eine perfekt überhöhte Stereotype.
Ich hatte viel Spaß am Zuschauen!


Als Kind war ich wirklich so wie die Emma, eine Alice im Wunderland. Immer fröhlich. Aber irgendwann nach den ganzen Erfahrungen wurde mir klar, das stimmt ja so nicht. Das trage ich immer nur nach außen, das ist nur das Bild, das die Leute von mir haben. Wenn die Leute aber davon ausgehen, der geht's immer gut, dann kapieren sie gar nicht, wenn es einem einmal wirklich schlecht geht.

Aber gilt es nicht als das Höchste, ein Publikum zum Lachen zu bringen?

Für mich ist es genau umgekehrt. Ich bringe sicherlich schnell Leute zum Lachen. Für mich ist es schwieriger, die ernsten Sachen zu spielen. Da gebe ich ja eine Seite von mir preis, die ganz tief in mir drin steckt. Ich brauche intensives Rollenstudium, um Tränen herauszulassen, um zu schreien, weil ich das zu zeigen als viel persönlicher empfinde. Es gibt nur eine Art, zu weinen. Ich kann lustig sein mit tausend Gesichtern, aber Trauer, das ist etwas ganz Persönliches. Das war auch in »Untersuchung an Mädeln« schwierig für mich zu spielen. Ich kann mich immer darauf verlassen, die Leute zum Lachen zu bringen, damit sie mir aber meine Trauer abkaufen, dafür muß ich mir die Seele aufreißen.

Du warst ja schon sehr früh eine öffentliche Person durch das Hochleistungsturnen, das mit Eigenschaften wie Disziplin, Konzentration und Einstudieren von Bewegungsabläufen der Schauspielerei nahe steht. Hat das geholfen?

Ja, aber um den Beruf des Schauspielers in voller Konsequenz auszuüben, mußte ich mich sehr öffnen. Ich war fast zu diszipliniert. Wer nicht lebt, kann nicht spielen. Wenn du magersüchtig bist, nicht weißt, wie ein Wein schmeckt und nicht weißt, wie die Liebe schmeckt, dann kannst du das auch nicht spielen.

Da schafft doch aber eigentlich die Strasberg-Methode Abhilfe, oder?

Schon, aber da war damals der Schnitt zu kraß. Ich kann nicht nach sechs Stunden Tanz am Tag auf »ich bin eine Banane«. Das habe ich nicht gepackt. »Jetzt gehen wir auf Stöckelschuhen, haben aber keine an.« Das habe ich damals nicht kapiert. Ich habe gedacht, wenn ich Stöckelschuhe tragen soll, dann trage ich welche, weil damit gehen konnte ich wirklich nicht. Aber so tun, als ob ich auf Stöckelschuhen gehe, das wollte ich nicht. Ich habe später sehr viel Privatunterricht genommen und gelernt, mich zu öffnen. Ich habe nach der langen Turnerei und Tanzerei gelernt, mir für das Geld, das ich verdiente, auch einmal etwas zu kaufen, zu leben und auch wieder zu essen. Was ich aber für das Drehen an Disziplin mitgebracht habe, ist die Fähigkeit, mir nach einem Take den genauen Bewegungsanschluß für den folgenden Take einzuprägen. Da ich mir Choreographien merken kann, weiß ich eben auch, an welche Stelle ich den Löffel beim letzten Take auf dem Tisch plaziert hatte zum Beispiel.

Greifen Regisseure gezielt auf Deine Erfahrungen und Kenntnisse zurück, wenn sie Dich besetzen?

Peter Patzak war eigentlich der erste, dem diese Fähigkeiten plötzlich aufgegangen sind. Uns ist zum Beispiel während des Drehs von Hart im Nehmen die Idee gekommen, während der Hochzeit meiner Figur, diese einen spontanen Strip machen zu lassen. Das hat er irrsinnig gut aufgelöst. Die Figur war nicht verloren, sondern bekam eine überraschende Seite, und du denkst, wenn die plötzlich strippen kann, was hat die wohl noch alles erlebt? Am Gesicht des Bräutigams, der immer tiefer in den Stuhl rutscht, zeichnet sich die Frage ab, »wen habe ich da eigentlich geheiratet?« Die Flexibilität solcher Änderungen, denke ich, zeigt, ob ein Regisseur Künstler ist oder Handwerker, der lediglich das Drehbuch abfilmt. Ich habe noch nie so viel Input geben dürfen, wie bei diesen Dreharbeiten. Peter Patzak nimmt sich die Zeit, arbeitet jede Idee aus, und dann wird's ausprobiert. Überhaupt, du darfst alles ausprobieren. So flexibel, wie er ist, das ist ein Traum. Und dafür tust du alles für ihn.

Dein hoher Bekanntheitsgrad in Österreich führt ja dazu, daß Du Dir dort unter den Angeboten das Beste aussuchen kannst. Wie wirst Du Deinen Schritt nach Deutschland gestalten?

In Deutschland kann ich noch alles ausprobieren, man kennt mich hier ja nicht, bin jungfräulich, sozusagen. Für die Entscheidung über ein Projekt ist neben der Rolle aber auch sehr wichtig, wer meine Partner sind. Ich spiele jetzt zum Beispiel in Berlin für einen Film eine Rolle mit Barbara Auer, was mich sehr interessiert hat. Die Frage, schaffe ich es, die Unsicherheit meiner Figur in einer wichtigen Szene zu transportieren, hängt sehr oft mit der Hilfsbereitschaft des Partners zusammen. Würde Barbara Auer zumachen, stünde ich recht hilflos da. Schafft sie es aber, mich mitzunehmen, dann wird die entsprechende Szene etwas ganz Besonderes. Und da kann ich sehr gut ausprobieren, inwieweit ich das Gegenüber brauche. Bin ich gut, wenn der andere gut ist und umgekehrt? Bei Untersuchung an Mädeln habe ich mit Otto Sander gedreht, der mich wirklich mitreißend angespielt hat. Der hebt dich dadurch einfach mit hoch. Es gibt auch Arschlöcher, die spielen geradeaus und schauen dich nicht einmal an. Auf diese Weise kann ich aber die Nebenrollen hervorragend als Spielwiese benutzen und ein wenig ausprobieren. 1970-01-01 01:00
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