— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Stefanie Stappenbeck

Für alle Fälle Stefanie

Von Daniel Bickermann Für Margarethe von Trottas Dunkle Tage hat sie die Goldene Kamera und einen Deutschen Fernsehpreis erhalten, dazu kommen Theaterauszeichnungen und Engagements an den größten Bühnen Deutschlands. Sie hat in einem DEFA-Weihnachtsmärchen mitgespielt, an sechs Tatorten mitgewirkt und beeindruckt erneut in Vanessa Jopps neuem Ensemblefilm Komm näher. Stefanie Stappenbeck muß einiges zu erzählen haben…


Sie sind in Potsdam geboren und wurden als Elfjährige für das DDR-Fernsehen entdeckt. Gab es konkrete Unterschiede zwischen der Arbeitsweise am Set in Ost und West?

Oh ja, da gab es extreme Unterschiede. Bei den DDR-Filmen hatte ich dadurch, daß es mehr Zeit gab, auch das Gefühl, besser eingebunden zu sein in die Arbeit, ich fühlte mich da aufgehobener. Und dann plötzlich: Westen und Maschinerie und schnellschnell – das war wirklich ein Kulturschock am Anfang.

Die Wiedervereinigung als Thema taucht in Ihren Filmen öfters auf, in der Mauerbrockenbande oder im Deutschlandspiel. Zufall oder konkretes Interesse am Stoff?

Nein, das war schon eher Zufall, was einem angeboten wurde. Und klar gab es viele Filme, die die Wiedervereinigung zum Thema hatten. Aber ich merke, daß ich jetzt, nachdem der Mauerfall schon mein halbes Leben her ist, langsam ein bewußtes Interesse daran bekomme, was damals passiert ist. Ich bin sehr gespannt auf die Stoffe, die sich in den nächsten Jahren dazu entwickeln werden.

Sie haben keine Schauspielschule besucht, weder im Osten noch im Westen. Vorteil oder Nachteil?

Für mich hatte das natürlich einige Nachteile. Damals war ich ja als junge Frau allein am Theater und hatte niemanden, der mit mir denselben Weg ging. Ich fühlte mich also relativ einsam. Und ich hatte keine Sprechausbildung, keinen Gesang. Diese ganzen körperlichen Sachen, das fehlte mir alles. Darunter habe ich lange gelitten und gedacht: »Ich kann halt nicht so viel wie die anderen.« Andererseits war es für mich jetzt in der Rückschau aber genau richtig, den Beruf in der Arbeit zu lernen. An der Schauspielschule hätten die mich ganz schnell kleingekriegt, weil ich als Schauspielerin gar nicht so ein Selbstbewußtsein hatte – oder überhaupt als Mensch. Ich wußte: Ich mache das gerne, und wenn die mich besetzen, dann bin ich gerne dabei und spiele. Aber ich hatte nicht diesen Drang, daß ich unbedingt Schauspielerin sein muß. Es hat dann auch lange gedauert, bis ich mich Schauspielerin genannt habe.

Vom Theater zu Film und Fernsehen – ist das eine komplett andere Herangehensweise für Sie oder im Prinzip die gleiche Kunst?

Naja, ich habe zwar beim Film angefangen, aber dann kam auch schon das Theater, und ab da war es parallel. Ich nähere mich einer Figur schon immer mit demselben Anspruch – nach Wahrhaftigkeit, danach, daß ich etwas stimmig erzählen will, daß es für mich eine innere Logik hat. Aber die Umsetzung ist anders – auf der Bühne natürlich wesentlich körperlicher. Und dort wird die Geschichte chronologisch erzählt, ich kann die Figur also von Anfang bis Ende entwickeln, beim Film ist das ja gar nicht so. Aber ich könnte stundenlang von den Unterschieden erzählen…

Wie ist es denn mit einem Unterschied zwischen Kinofilmen und Fernsehfilmen?

Da ist mir ein Unterschied gar nicht an meiner eigenen Spielweise, sondern am Team um mich herum aufgefallen, zum Beispiel, als ich Jena Paradies drehte. Da gab es einen Innenrequisiteur, und der hat bei der Szene, in der ich meinem Sohn ein Glas Wasser bringe, nach jedem Take das Glas genommen und den Rand glattgewischt. Und ich dachte: »Wieso macht der das?« Und er sagte: »Der hat davon getrunken, deswegen sind hier Reste von Wasserspuren.« Das würde im Fernsehen niemand sehen, aber auf der Leinwand natürlich. Und ähnlich ist es bei der schauspielerischen Arbeit auch – im Kino sieht man viel mehr. Aber weil ich weder im Fernsehen lügen will noch im Kino, ist für mich die Intensität eigentlich die gleiche.

Sie haben sehr viel Fernsehen gemacht. Ergibt sich das, oder…?

Ja. Ich glaube, es können sich nur ganz wenige Schauspieler leisten, so gezielt auszuwählen, daß sich eine tolle Vita ergibt. Vieles kommt einfach auf einen zu, und man kann dann ja oder nein sagen.

Ich meine: Es könnte ja sein, daß man das Fernsehen bevorzugt gegenüber dem Film.

Warum?

Wegen der Arbeitsweise vielleicht? Oder weil viele große Regisseure und Autoren fürs Fernsehen arbeiten? Wie suchen Sie allgemein Ihre Projekte aus?

Es gibt da mehrere Faktoren. Die Regie ist ganz wichtig und die Rolle auch. Dann natürlich die Kollegen. Und am Ende das Geld: Wenn ich pleite bin, spielt das natürlich eine Rolle. Aber wenn ich zum Beispiel den Regisseur nicht kenne, aber die Rolle ist super, und ich weiß, daß gute Kollegen dabei sind, dann vertraue ich schon mal.

Sie haben mit großen deutschen Regisseuren zusammengearbeitet: Blumenberg, von Trotta, Färberböck, Graf. Spielt es sich anders unter so berühmten Namen?

Ich glaube, das hat nicht soviel mit der Größe der Regisseure zu tun, sondern eher damit, wie sie als Mensch gestrickt sind. Bei Blumenberg zum Beispiel ist die Atmosphäre immer sehr entspannt, der ist sehr charmant und lustig, da kann man gute Arbeit machen. Bei Margarethe von Trotta hatten wir nur ganz wenig Zeit, das war dann Hektik pur, sehr stressig, aber auch toll. Es hat also eher mit der Persönlichkeit des Regisseurs zu tun, wie es am Set zugeht.

Bereitet man sich auf unterschiedliche Regisseure anders vor?

Na ja, wenn ich den Regisseur kenne, dann ist das schon angenehm. Bei Blumenberg weiß ich: Ich muß keine fünf Schutzhüllen aufbauen, der wird mich nicht verletzen. Es gibt andere Regisseure, wenn die unter Druck kommen, dann können die ein bißchen austicken. Dann sage ich mir: Okay, kleine Schutzhülle aufbauen, nicht persönlich nehmen, vertrauen.

Hotte im Paradies und Komm näher wurden beide digital gedreht, Komm näher sogar mit zwei Kameras. Ist das eher beengend für einen Schauspieler oder doch befreiend, weil man mehr Spontaneität ausleben kann?

Bei Komm näher war die Spontaneität ja Programm, wir kannten nur die Situation der Szene, hatten aber kein Dialogdrehbuch. Ich glaube, wenn wir auf Film gedreht hätten, hätte das uns Schauspielern mehr Druck gemacht, weil wir nur ganz wenig Geld für den Film hatten. Und heutzutage sieht das Digitale ja super aus, vor zehn Jahren war das noch anders. Insofern war es eher befreiend. Obwohl ich finde, daß auf Film alles ein wenig schöner aussieht – und man spielt ein bißchen besser, ich weiß nicht, warum. Und es gibt ja einen Unterschied. Ich glaube, Film hat ein Bild mehr pro Sekunde, deswegen ist alles ein klein wenig langsamer. Und deswegen wirkt alles, was man spielt, ein bißchen anders. Aber ich bin mir nicht sicher.

Gibt es einen Unterschied, ob Sie für eine oder zwei Kameras spielen?

Ich muß weniger auf Anschlüsse achten. Wenn man mit einer Kamera dreht – erst die eine Seite, dann die andere – dann muß ich mir immer merken: Bei welchem Wort habe ich mein Glas gehoben? Und das muß ich dann beim nächsten Mal wieder so machen. Wenn ich für zwei Kameras spiele, kann ich das immer wieder frisch machen, das ist sehr angenehm. Obwohl ich auch die technischen Herausforderungen des Filmdrehs schätze: das Stehen auf Marke oder im Licht, oder das Achten auf Anschlüsse. Es macht mir ohnehin immer Spaß, mit allen Abteilungen beim Film zusammenzuarbeiten, gerade mit der Kamera und dem Licht, aber auch mit der Innenrequisite. Es ist schön, daß Film so ein Gruppenwerk ist.

Die letzte Frage in unserem Magazin lautet häufig: Wie stehen Sie zum Filmschnitt? Spielt er für Sie als Schauspielerin eine Rolle, denkt man ihn mit?

Naja, ich habe eine Freundin, die Schnittmeisterin ist, aber mit solchen Leuten kommen wir Schauspieler ja eher selten in Kontakt. Ich bin also eher in der Arbeit mit dem Regisseur am Schnitt beschäftigt. Aber ich bin inzwischen schon soweit, daß ich weiß, was Filmmusik mit mir anrichten kann und was nicht. Da sehe ich einen großen Einfluß.

Inwiefern?

Ich habe einmal diese junge Frau gespielt, die sich in ihren Nachbarn verliebt…. und die hatte eine wahnsinnige unterdrückte Aggressivität. Und dann gab es diese Einstellung, wo ich aus dem Fenster schaue und meinen Nachbarn sehe, der aber verheiratet ist. Und beim Spielen war die Figur stinkwütend: »Alles ist scheiße!« Aber im Kino macht die Filmmusik »pling-pling«, und plötzlich sieht man eine Frau, die melancholisch aus dem Fenster glotzt und nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Die Filmmusik erzählt ja den inneren Zustand einer Figur, aber in diesem Fall erzählt sie einen, der meiner Meinung nach mit meiner Figur nichts zu tun hat! Und ich finde, daß der Film eigentlich super ist, aber die Musik setzt ihn auf ein falsches Gleis. Und ich denke, daß mit dem Schnitt genauso viel möglich ist. Ich habe da aber wenig eigene Erfahrung. Ich habe ja auch einmal einen Film selbst geschnitten. In meiner Jugend haben wir Ernst Tollers »Hoppla, wir leben!« verfilmt, und da mußte ich auch selber schneiden, aber das ist schon mein halbes Leben her. Aber Einfluß hat der Schnitt unbedingt. In Komm näher gibt es zum Beispiel eine Nahaufnahme von mir. Die kann man drei Sekunden lang stehen lassen, aber Vanessa Jopp läßt sie eben 15 Sekunden lang stehen – das erzählt etwas ganz anderes! 1970-01-01 01:00
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