— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Shari Springer Berman und Robert Pulcini

Ein Goldenes Zeitalter

Von Thomas Abeltshauser Thomas Abeltshauser im Gespräch mit Shari Springer Berman und Robert Pulcini, den Regisseuren von American Splendor.


Was hat Sie an Harvey Pekar und seinen Comics so fasziniert, daß Sie einen Film daraus machen wollten?

Robert Pulcini: Uns interessierte an den Comics vor allem, daß es um Dinge ging, die bei den meisten anderen Geschichten herausgeschnitten würden. Sie handeln von den alltäglichen, nebensächlichen Momenten des Lebens. Genau darin sah Harvey ihre Stärke. Wir fanden außerdem interessant, daß so viele verschiedene Künstler Harvey gezeichnet haben, so daß er in jeder Geschichte anders aussah. Es gab immer wieder neue Blickwinkel auf dieselbe Person. Für uns war es eine große Herausforderung, wie man diese Art Comics auf das Medium Film übertragen kann, ohne dabei das Rebellische der verschiedenen Perspektiven zu vernachlässigen.

Shari Springer Berman: Anfangs klang es fast wie ein unmögliches Unterfangen. Die Comics schienen keine Erzählstruktur zu haben, es sind nur kleine Episoden aus dem Alltag von Harvey Pekar, einige davon sogar ziemlich banal. Aber wenn man sie als Ganzes betrachtet – und er macht sie schließlich seit fast 25 Jahren – entdeckt man plötzlich doch eine Struktur. Und genau das gefiel uns.

Dieses Polyperspektivische haben Sie auch in der Inszenierung übernommen. Sie verbinden Doku-Szenen mit Schauspielszenen und Animationen.

Shari Springer Berman: Das Quellenmaterial, also Harveys Comic, ist eine gezeichnete Dokumentation. Es geht um sein alltägliches Leben, das er in Form eines Comics schreibt. Es schien sich förmlich anzubieten, mit verschiedenen Formaten zu experimentieren. Harvey zeichnet die Geschichten nicht selbst, sondern verschiedene Comiczeichner wie Robert Crumb, mit denen er zusammenarbeitet. Es gibt also verschiedene »Harveys«, auch wenn es immer Harvey Pekar ist, egal wie er aussieht. Das gleiche wollten wir im Film auch tun, deshalb haben wir mehrere Pekars: die Comicfigur, den Schauspieler Paul Giamatti als Harvey Pekar und den echten Harvey Pekar.

Sie haben beide bisher Dokumentarfilme gedreht. Wie kamen Sie auf diese hybride Inszenierungsform?

Robert Pulcini: Wir haben beide Spielfilm studiert. Es war eher Zufall, daß wir beim Dokumentarfilm landeten. Wir haben unsere Filme schon immer als Hybride gesehen, als Dokumentationen, die sich gewisser Erzähltechniken bedienen. Unsere Filme waren nie über ein bestimmtes Thema, sondern basierten immer auf Charakteren. Wir choreographieren Einstellungen, verwenden Musik und benutzen viele Praktiken, die zum klassischen Erzählkino gehören. Für uns war es also nur eine natürliche Weiterentwicklung dessen, was wir schon vorher gemacht haben.

Sie haben mehrere Filme gemeinsam realisiert. Wie kann man sich Ihre Zusammenarbeit vorstellen? Gibt es eine klare Arbeitsteilung?

Shari Springer Berman: Wir sind zudem verheiratet, das macht es noch komplizierter. Anfangs brüten wir gemeinsam über einem Thema und entwerfen die grobe Idee für das Drehbuch. Aber wenn es ans Schreiben geht, sitzen wir nie gemeinsam am Computer, weil wir uns gegenseitig umbringen würden. Einer sitzt und schreibt, so lange er kann oder es sinnvoll erscheint, und dann setzt sich der andere hin. Beim Dreh tendiere ich dazu, mehr mit den Schauspielern zu arbeiten, während Bob mehr mit der Kamera arbeitet, obwohl das jederzeit wechseln kann. Das hängt von der Situation ab. In der Postproduktion schneidet Bob all unsere Filme. Er wird zum Editor, während ich Regisseur bleibe. Auf diese Weise können wir uns weiter streiten.

Sie hatten bisher wenig mit Comics zu tun, sie leben in Brooklyn, Harvey Pekar in Cleveland, wo auch seine Geschichten spielen – war dieser Blick von außen ein Hemmnis oder eher positiv?

Robert Pulcini: Als Dokumentarfilmer ist es für uns relativ normal, sich in das Umfeld eines anderen zu begeben, es zu observieren und so schnell wie möglich etwas über die Weltsicht desjenigen zu erfahren. Das ist unsere Kompetenz.

Wie lief das erste Treffen ab?

Shari Springer Berman: Bob und ich sind nach Cleveland geflogen, bevor wir zusagten, den Film zu machen. Der Produzent fand es wichtig, daß wir Harvey kennenlernten und er uns. Es ist eine sehr intime Erfahrung, wenn man einen Film über jemanden macht. Man prüft sich gegenseitig. Es war komisch, weil nach etwa zehn Minuten Harvey und seine Frau in einen Riesenstreit gerieten und sich anschrieen. Da merkten wir, daß sie sich mit uns wohlfühlten, weil wir keine Angst vor ihnen hatten. Harvey ist ein großartiger Stadtführer, und er hat uns seine Lieblingsplätze in Cleveland gezeigt. Er weiß so viel über die Geschichte der Stadt. Am Ende der Woche dachten wir, super, das können wir machen. Und er hatte auch nichts auszusetzen.

Wie sah die Zusammenarbeit mit ihm aus? Hatte er während der Dreharbeiten irgendwelche Einwände?

Robert Pulcini: Er war gar nicht involviert. Er hat im Grunde die Finger davon gelassen. Man sieht im Film, wie wir ihn gegen Ende gebeten haben, den Off-Kommentar zu sprechen, und er hatte das Skript noch nicht mal gelesen. Das war die erste Zusammenarbeit, die dort zu sehen ist. Er hatte natürlich das Recht, den Film zu mögen oder nicht zu mögen, aber er war angenehm überrascht.

Wie haben Sie die Besetzung gefunden? Vor allem Paul Giamatti als Harvey scheint, auch wenn er ihm nicht sonderlich ähnlich sieht, die perfekte Wahl zu sein.

Shari Springer Berman: Das war auch die schwierigste Rolle, die zu besetzen war. Wir wollten niemanden, der ihn imitiert. Er mußte noch nicht mal wie er aussehen, aber er mußte seine Essenz haben, seine verrückte Energie, seine Nervosität. Giamatti hatten wir schon oft in Nebenrollen gesehen, und wir fanden immer, daß er das Beste an den Filmen war, in denen er mitspielte, etwa in Private Parts oder in Man on the Moon. Es war klar, daß es niemanden gibt, der besser für diese Rolle wäre.

Trafen Darsteller und Dargestellte je aufeinander?

Robert Pulcini: Die Schauspieler bekamen Videobänder ihrer Vorbilder, damit sie ihre Eigenheiten studieren konnten. Danach haben die Charaktere eine gewisse Zeit mit den realen Personen verbracht. Dabei gab es immer wieder gewisse Spannungen zwischen Hope Davis, die Joyce Brabner spielt, und der echten Joyce Brabner. Joyce kann sehr einschüchternd wirken, und Hope fühlte sich sehr unwohl, wenn sie am Set war und Hope beobachtete, wie sie sie spielte. Wir baten sie dann, nicht mehr ans Set zu kommen, wenn Hope eine Szene hatte. Am Ende war Joyce sehr begeistert davon, wie Hope sie dargestellt hat.

Wie geht Harvey mit seiner neuen Popularität um?

Robert Pulcini: Er jammert immer noch sehr viel, aber er ist viel zufriedener. Er ist durch die ganze Welt gereist. Bevor wir den Film drehten, hat er Cleveland so gut wie nie verlassen. Er war zwar mal in New York und ein paar anderen Städten, aber nie im Ausland. Und jetzt kommt er nach Cannes, England, Japan und Australien. Und überall hat er Fans, er spricht vor großem Publikum. Ich glaube, es ist für ihn sehr wichtig, daß er endlich wahrgenommen wird. Er hat darunter gelitten, daß er immer eine sehr kleine Fangemeinde hatte. Daß sich das jetzt geändert hat, bedeutet ihm sehr viel.

Muß man eine Zwangsneurose haben, um als Künstler erfolgreich zu sein?

Robert Pulcini: Ich würde sagen: auf jeden Fall!

Shari Springer Berman: Aus meiner Sicht auch ja! Ich kann nicht für andere sprechen, aber es scheint für uns zu funktionieren. Und Harvey.

Wovon sind Sie derzeit besessen?

Robert Pulcini: Wir haben ein paar Eisen im Feuer. Eins ist ein sehr ungewöhnliches Remake von »Bride of Frankenstein«. Wir versuchen aber, immer auch Dokumentarfilmprojekte zu entwickeln. Wir haben uns immer sehr für Road Movies interessiert und dachten uns, es wäre toll, amerikanische Road Movies und ihren Einfluß auf die amerikanische Kultur zu untersuchen. Es wird für uns wieder etwas Neues, weil es zum ersten Mal eine Dokumentation über ein bestimmtes Thema ist. Aber wir haben ein paar Ideen, wie wir strukturell etwas Innovatives machen können.

Shari Springer Berman: Es ist einfacher, mit Dokumentationen zu experimentieren, weil sie günstiger sind. »Bride of Frankenstein« entsteht mit einem großen Studio und wenn jemand viel Geld in einen Film investiert, wird er weniger wagemutig. Bei Dokumentationen hat man mehr Freiheiten.

Ist es inzwischen leichter, Dokumentationen finanziert zu bekommen seit den Erfolgen von Michael Moore und Super Size Me?

Robert Pulcini: Es steht auf jeden Fall mehr Geld für Dokumentarfilme zur Verfügung. Und das Publikum scheint zu wachsen, was sehr ermutigend ist.

Shari Springer Berman: Es scheint ein Goldenes Zeitalter für Dokumentarfilme zu sein.

Haben Sie eine gewisse Skepsis gespürt, als Sie American Splendor machen wollten? Hat man Ihnen als Dokumentarfilmern mißtraut?

Robert Pulcini: Es gibt Vorurteile in Hollywood, aber das scheint sich zu ändern. Wir fanden es schon immer seltsam, daß die Studios lieber einen Werbefilmer oder einen Videoclip-Regisseur engagieren, wahrscheinlich weil sie es gewohnt sind, mit großen Crews zu arbeiten. Aber ich würde argumentieren, daß Dokumentarfilmer einen größeren Sinn für Erzählstrukturen haben, weil sie wissen, wie man aus quasi zusammenhanglosem Material eine kohärente Geschichte machen könnte. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap