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Tina Sinatra und Daniel Pyne

»Ich vertraue niemandem mehr«

Von Thomas Abeltshauser Thomas Abeltshauser im Gespräch mit der Produzentin Tina Sinatra und dem Drehbuchautor Daniel Pyne über The Manchurian Candidate und die politischen Realitäten in den heutigen USA.


Ihr Vater Frank Sinatra war 1962 Produzent und Hauptdarsteller von Botschafter der Angst, des ersten Paranoiathrillers und begründete damit rückblickend ein neues Genre. Was war der Grund, gerade jetzt, im Jahr 2004, eine Remake davon zu drehen?

Tina Sinatra: Wir haben den Film 1987 in Teilen der USA wiederaufgeführt, und er ging ab wie eine Rakete. Der erste Kinostart 1962 war nicht erfolgreich, und nach den Attentaten auf JFK und Martin Luther King wurde er quasi inakzeptabel. Ich kann mich nicht an das exakte politische Klima in diesen Tagen 1987 erinnern, aber ich weiß noch, wie wir dachten, wie großartig eine aktuelle Version dieses Politthrillers wäre. Aber es hat mich sehr viel Zeit gekostet, es gab immer wieder Fehlstarts, Finanzierungsprobleme und schließlich die Tragödie des 11. Septembers. Zu der Zeit hatten Sherry Lansing, die Vorsitzende von Paramount Pictures, und ich uns gerade geeinigt, den Film zu machen, doch wir riefen uns ein paar Tagen nach den Anschlägen an und sagten das Projekt ab, weil es nicht richtig schien. Aber ein paar Wochen später liefen die Zuschauer plötzlich wieder in Filme wie Spy Game, und wir sahen wieder eine Chance. Dann schickte mir der Himmel Dan Pyne in die Arme. Und der Rest ist Geschichte.

Wann kamen Sie an Bord?

Daniel Pyne: Im November 2001. Ich las den Roman, schaute mir den Film an, und danach war mein größtes Anliegen, kein Remake dieses Films zu machen. Wir sollten noch nicht mal in die Nähe davon kommen. Davon abgesehen, war mir klar, daß das derzeitige Klima genau richtig ist, um den Film zu modernisieren. Plötzlich war das Problem weg, daß die Geschichte und der Roman im Kalten Krieg spielten und wir diese Angst und Paranoia durch etwas ersetzen mußten, das sehr glaubwürdig und nicht aufgesetzt wirkt. Das Land mußte in einem Zustand sein, daß man sofort und ohne viel Erklärungen versteht, was passiert. Und das war unglücklicherweise nach dem 11. September genau der Fall.

Der Film lief in den USA während des Wahlkampfs an, in Deutschland startet er eine gute Woche nach den US-Präsidentschaftswahlen. Ist es Paranoia, wenn man Ihnen eine gewisse Absicht unterstellt?

Sinatra: Der gesamte 2004er US-Wahlkalender mit all den Terminen lag vor uns, und wir hatten nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir warten bis 2005 und starten ihn im Februar oder wir bringen uns selbst um und kommen im Sommer raus, wenn alle Blockbuster starten. Man dachte auch, die Zuschauer würden unsere Filmtrailer mit den Wahlspots der Parteien verwechseln, die seit Wochen überall laufen. Das Ende des Sommers wird seit ein paar Jahren immer wichtiger für etwas erwachsenere Filme, und wir wußten bereits, daß The Bourne Supremacy und Collateral in diesem Zeitraum starten, so daß dort kein Platz mehr war. Unser Hauptziel war es, nicht in der Woche vor oder während der Wahl rauszukommen. Zudem wurde durch Fahrenheit 9/11 ein ganz neues Publikum mobilisiert, von dem wir auch profitieren.

Wollen Sie damit sagen, daß der US-Start zwei Tage nach der Nominierung von John Kerry reiner Zufall war?

Sinatra: Wir wußten, daß wir zwischen beiden gequetscht wären oder kurz davor starten würden. Aber wir hatten auch noch die Olympischen Spiele und die World Series, das Finale der Baseball Profiligen, zu beachten. Es ist nie der richtige Zeitpunkt, um einen Film rauszubringen. Das habe ich daraus gelernt.

Sie haben nicht nur politisch einige Veränderungen zum Original vorgenommen. Auch das Verhältnis zwischen dem Kandidaten und seiner Mutter ist expliziter geworden, die Inzestdarstellung ist gewagter.

Pyne: Es ist komplexer geworden, eigentlich ist es so näher am Buch. Es ist viel komplizierter. Sie ist viel komplizierter. Meryl Streep hat den Inzest immer in Frage gestellt, weil er heute so oft Thema von Filmen ist. Aber das war genau das gute daran, weil es nicht so sehr um einen Tabubruch ging, sondern der Inzest als Ausdruck dieser sehr befremdlichen Beziehung zwischen den beiden.

Sinatra: Man bekommt in beiden Filmversionen mit, daß sie ihn seit seiner Kindheit manipuliert. In der ersten ist es nicht ganz so deutlich, bis sie am Ende des Films ihre Robe öffnet. Spätestens dann wird klar, was es zu bedeuten hat.

In der Rolle, die Ihr Vater gespielt hat, haben Sie nun Denzel Washington besetzt. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Sinatra: Wir saßen alle zusammen, Regisseur Jonathan Demme, Produzent Scott Rudin und die Paramount-Leute, und Denzel war bei jedem auf der Liste an erster Stelle. Ich dachte nur, ja sicher, den kriegen wir eh nie. Aber an zweiter Stelle war – ist es unhöflich Namen zu nennen? Ich werde es Ihnen nicht sagen. Nur so viel: Er war damit beschäftigt, seinen eigenen Film zu drehen über … eine religiöse Figur. Wie auch immer, Denzel bekam das Skript an einem Freitag, und am Montag hatte er bereits zugesagt. Meiner Meinung nach funktioniert es, weil es ganz offensichtlich einen Unterschied zur Originalbesetzung darstellt, davon abgesehen ist er einfach ein großartiger Darsteller.

Glauben Sie, daß heutzutage Filme wie dieser eine Möglichkeit darstellen, Kinder zu lehren, Autoritäten zu hinterfragen und nicht alles zu glauben, was ihnen gesagt wird?

Pyne: Es ist zumindest ein guter Anfang. Die 14jährige Tochter eines Freundes von mir sah sich den Film an, weil sie nicht wußte, in welchen Film sie sonst gehen sollte, auch wenn sie ihn eigentlich nicht sehen wollte. Und sie kam völlig verändert zurück. Jetzt liest sie die Zeitung und interessiert sich für Politik. Ich hoffe, daß so etwas öfter passiert, daß sich junge Leute in den USA und anderswo Gedanken darüber machen, was schief läuft.

Glauben Sie noch an das Gute oder sind wir verloren? Gibt es noch Politiker, denen man trauen kann?

Sinatra: Ich vertraue niemandem mehr. Ich glaube, selbst wenn die Guten gewählt werden, haben sie keine Macht. Ich glaube auch nicht, daß das Zwei-Parteien-System in den USA noch funktioniert.

Pyne: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das amerikanische System das progressivste der Welt, jetzt ist es das rückwärtsgewandteste, konservativste. Die europäischen Systeme wurden durch die soziale Wohlfahrt reformiert. Das amerikanische System ist antiquiert, eine veraltete Idee und das vielleicht absichtlich. Aber es gibt, glaube ich, diesen Typus amerikanischer Politiker, der nach Washington kommt und wirklich glaubt, etwas verändern zu können. So ein bißchen wie bei »Mr. Smith Goes to Washington«. Doch wie der Film zeigt, gibt es immer Kräfte, die sich dem in den Weg stellen. Das war schon immer so. Die amerikanische Politik hat sich nicht so sehr verändert, uns wird nur hin und wieder klar gemacht, was falsch läuft, und dann sind wir schockiert, weil wir so nicht über unser System denken wollen.

Das Original spielt während des Kalten Krieges. Was ist der Hauptunterschied im politischen Klima 1962 und 2004?

Sinatra: Es ist viel schlimmer.

Pyne: Findest Du? Es ist polarisierter. 1962 hatten wir Angst vor dem, was wir nicht wußten. Heute haben wir Angst vor dem, was wir wissen. Wir leiden an einem Zuviel an Information. Man weiß nicht mehr, was wahr ist und was nicht. Und das dominiert die amerikanische Politik und die Wahlkampfdebatten zwischen Bush und Kerry.

Sinatra: Ich habe sie beide so satt!

Sie haben Ihren Vater bereits 1991 wegen einer Neuverfilmung gefragt, und er hielt es für eine gute Idee. Würde ihm der fertige Film gefallen?

Ich glaube, 9/11 hätte ihm das Herz gebrochen. Ich erinnere mich, als ich die Bilder sah, daß ich sehr froh war, daß er es nicht mehr erleben mußte. Er sagte damals, daß jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, den Film zu machen und daß ihn jemand anders macht, wenn ich es nicht tue. Er hätte ihn gemocht, als Filmemacher und als Schauspieler. Vielleicht war er ja der erste, der ihn zu sehen bekam. Jonathan hat mir immer auf die Schulter geklopft und gesagt: »Er ist genau hier. Dein Daddy ist genau hier.« Ja, ich denke, er wäre stolz. 1970-01-01 01:00
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