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Michael Schorr

Reibereien sind mir lieber

Von Nikolaj Nikitin Im Dreischnitt haben sich drei Kritiker zu Schultze gets the blues geäußert. Auch Regisseur Michael Schorr kommt zu Wort. Nikolaj Nikitin sprach mit ihm am Rande des 8. Internationalen Filmfestivals Sofia.


Das Tonkonzept des Films wirkt sehr durchdacht – es wird viel mit Tonelementen gespielt. Gab es im Vorfeld eine klar umrissene Vorgehensweise?

Beim Ton haben wir von vornherein gesagt, daß wir fast ausschließlich mit O-Ton arbeiten wollen. Das Konzept bestand darin, am Set mit sechs Mikros zu arbeiten, um den Raum akustisch abzubilden. Wie bei meinen vorherigen Filmen, die ich mit demselben Tonmann Dirk Niemeier realisiert habe: nur O-Ton und den Raumklang live vor Ort mit aufnehmen. Das ist eine spezielle Methode, denn normalerweise wird eine Atmo aufgenommen, die dann später beigemischt wird.

Was mich sehr fasziniert hat, war die Kameraarbeit, die dem Film viel Ruhe bringt. Sie zeugt von Mut zur Stille im Bild, zeigt viele Totalen. War es von Anfang an vorgesehen, daß der Erzählrhythmus eine solche Auflösung vorgibt?

Ja, weil die Konzepte der früheren Filme, die auch mit Kameramann Axel Schneppat zusammen entstanden, ähnliche Bilder hatten. Es stand von Anfang an fest, daß wir bei »Schultze« nicht groß mit Auflösung, sondern relativ aus der Distanz und statisch drehen, weil wichtig war, wie die Räumlichkeiten und die Landschaften wirken, wie sich die Figuren in unterschiedlichen Räumen bewegen. Mir kam es darauf an, daß es viel im Bild zu entdecken gibt, was nicht unbedingt nur mit einer Aktion zu tun hat. Wir hatten vorher festgelegt, mit Großaufnahmen sparsam zu sein und sie nur dann einzusetzen, wenn es tatsächlich darum geht zu sehen, was im Kopf der Leute vorgeht, z.B. die Einstellung von Schultze, wenn er am Radio steht – das ist so ein ausgewählter Moment.

Du bist sehr nah an den Charakteren. Hast Du bei Deinem ersten Spielfilm von Deiner dokumentarischen Erfahrung profitiert?

Mit den Kamera- und Tonleuten drehte ich bereits Dokumentarfilme. Gerade beim Dokumentarfilm kommt es darauf an, zu den Protagonisten sowohl eine Nähe zu finden als ihnen und sich auch einen Respektabstand zu gewähren. Diese Arbeitsweise hat schon insofern geholfen, als daß wir bei dem Film auch mit Laien zu tun hatten.

Warst Du Dir Deines Konzeptes, mit Laien zu arbeiten, von Anfang an sicher? Wie hast Du diese tollen Gesichter und Charaktere gerade in Amerika gefunden?

Ich hatte schon etwas Angst, denn es war für mich der erste Versuch, Profis und Laien miteinander zu verknüpfen, und ich war mir nicht sicher, ob das funktioniert. Ich habe gehofft, daß man einen Weg findet, bei dem beide Seiten sich wohlfühlen. In Amerika waren wir zweimal auf Recherche. Wir haben vor Ort viele Menschen gefunden und gefragt, ob sie mitmachen wollen. In der Szene, wo Schultze tanzt, fand tatsächlich eine Tanzveranstaltung statt. Ich habe die Chefin des Clubs, Marie Bourque, gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, eine Szene zu spielen, weil sie mich so fasziniert. Im Film tanzt Schultze tatsächlich mit der echten Chefin. Die Dominospieler waren auch tolle Typen, die wir vor Ort getroffen haben.

Der Film hat eine sehr niedrige Schnittfrequenz. Wie war Deine kreative Herangehensweise und Deine Auseinandersetzung mit der Editorin?

Wir haben analog geschnitten. Das hatte einfach praktische Gründe, weil ich die Erfahrung gemacht habe, daß bei einem Film mit langen Einstellungen und Landschaften es nicht alleine die Auflösung ausmacht, es kommt mehr auf die Details an. Davon abgesehen mag ich dieses Tempo am Schneidetisch: Man hat Zeit nachzudenken, man kann ein anderes Gefühl für den Film entwickeln. Zeit wird ein bißchen spürbarer. Bei diesem Film bot es sich an, und es hat sehr gut funktioniert. Tina Hillmann hat seit der Filmhochschule alle meine Filme geschnitten. Es funktioniert so gut zwischen uns, weil sie einen ganz eigenen Blick besitzt. Es entstehen Reibungen, wir sind oft nicht einer Meinung, haben aber grundsätzlich die gleiche Wellenlänge für Film. Aber es ist immer von Vorteil, wenn man unterschiedliche Blickwinkel hat, denn dann entwickelt sich die Geschichte am Schnittplatz noch mal ganz anders. Die Reibereien sind mir wesentlich lieber, als wenn jemand gar nichts sagt. Tina arbeitet relativ unabhängig vom Drehbuch, das sie natürlich kennt, aber sie nimmt nur das, was vorhanden ist und sich anbietet, und dadurch verändert sich auch die Geschichte teilweise. Es ist gut, wenn jemand da ist, der sagt: »Da können wir auch eine andere Lösung finden.« 1970-01-01 01:00
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