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Christoph Schlingensief

Ein kleines Tschernobyl in Österreich

Von Gerd Naumann Wo immer Christoph Schlingensief auftritt und welche Aktionen er auch in Szene setzt – das Medieninteresse ist vorprogrammiert. So auch bei seinem Engagement während der Wiener Festwochen im Jahr 2000, in deren Rahmen sein Containerprojekt entstand.
Österreich war zu jener Zeit in Verruf geraten, denn der amtierende Ministerpräsident hatte ein europaweites Tabu gebrochen – seine Partei ging mit der extrem rechtskonservativen FPÖ ein Bündnis ein. Das geschah entgegen aller Wahlversprechen und gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung. Schlingensief griff diesen Unmut auf und ließ sich außerdem vom damals populären Reality-TV inspirieren. Das Ergebnis war ein Container, in dem eine Gruppe Asylanten rund um die Uhr kameraüberwacht wurde. Via Internet konnte man sie weltweit beobachten und jeden Tag einen weiteren Bewohner zur Abschiebung bestimmen. Die Kunstaktion stand unter dem provokanten Motto »Ausländer raus!«, und alle sprangen sie drauf an. Die konservativen Medien, allen voran die Kronenzeitung und auch die FPÖ propagierten lautstark gegen die Aktion. Aber auch linke Gruppen meldeten sich zu Wort. Nicht zu vergessen die Proteste und Diskussionen der Zuschauer vor Ort. Damit war wieder eine Debatte in Gang gesetzt.
Der Dokumentarfilmer Paul Poet erstellte aus dem Material den Film Ausländer Raus! – Schlingensiefs Container. Der Film ist nicht nur Protokoll einer heiklen Kunstaktion sondern schildert auch den Entwicklungsprozess der öffentlichen Meinungsbildung. Anschaulich ist nachzuerleben, wie aus einer Kunstaktion ein gesellschaftlicher Skandal wird. Der Film gewann mehrere Preise, unter anderem den Images Award in Toronto. Anläßlich der Veröffentlichung auf DVD sprach Gerd Naumann mit Christoph Schlingensief.


Was waren Ihre Beweggründe für diese Aktion?

Der Chef der Wiener Festwochen fragte mich, ob ich was bei den Festwochen mache. Er hatte auch schon von meiner Partei und anderen Sachen von mir gehört. Ich sagte, daß es extrem klasse wäre, weil ich wegen der Verbindung zwischen Herrn Schüssel und der FPÖ, der Partei von Herrn Haider, eine extreme Kraft empfinde, etwas dagegen zu machen. Sich wieder auf die Bühne zurückziehen, auf der Bühne dagegen Stellung zu beziehen, ist mir immer ein bißchen wenig. Lieber dann in den öffentlichen Raum und schauen, was man machen kann. Daß es sich vielleicht verselbständigt und im Sinne von Joseph Beuys zu einer sozialen Plastik wird, die man nicht mehr korrigieren kann. Es gab damals den Big Brother-Container, und es gab in der Zeitung eine Meldung, daß dreißig Inder in einem Container erstickt waren. Diese Sachen haben im Kopf ausgelöst, daß ich gesagt habe, man müßte jetzt mit dem österreichischen Wähler das durchziehen, was die FPÖ auf ihren Wahlplakaten hatte. Also man müßte Slogans wie »Ausländer raus!« eigentlich mal realisieren und durchspielen.

Sie durften Ihren Container direkt neben der Oper, also an einem sehr zentralen Ort aufstellen. Wie kam es dazu?

Es gab plötzlich den Ortsvorsteher Herr Schmitz, der wußte glaube ich gar nicht so recht, was los ist und hat uns dann plötzlich einen Platz direkt neben der Oper gegeben. Mitten in Wien, da wo die ganzen Touristen, die Japaner mit ihren Bussen ankommen. Er sagte: »Hier können Sie stehen.« Das war dann der Punkt, der für alle unglaublich war. Er war kein Sympathisant, er wollte nicht der FPÖ und ÖVP schädigen. Er hat wie vom Blitz getroffen, in Gottes Gnaden oder in geistiger Umnachtung, man weiß es ja manchmal nicht genau, uns diesen Ort gegeben. Da wurde dann ein Container aufgebaut. In diesem Container waren zehn Asylbewerber, die wir wirklich aus dem Asylbewerberheim hatten. Drei waren allerdings schon anerkannt, die durften schon studieren. Die sind unter falschem Namen eingezogen. Der Österreicher konnte dann jeden Tag per TED-Telefonnummer seinen Ausländer bestimmen, den er aus dem Land schmeißen will. Das wurde dann abends um acht Uhr praktiziert. Es kamen dann Paten für diesen Mann, das waren mal Gysi oder auch Jelinek. Dieser Asylbewerber wurde dann am Abend und mit Blaskapelle in eine Limousine gesetzt und aus dem Land geschmissen. Das unter dem Jubel aber auch Protest von Menschen.

Für heftige Tumulte sorgte Ihr Plakat mit der Aufschrift »Ausländer raus«…

Das Schild auf dem Container war der Hauptaspekt der Störung. Das war jetzt für die Regierung schon mal ein großes Problem. »Was machen wir mit dem Schild da oben?« Wenn wir es abhängen, dann haben wir dem Schlingensief einen Gefallen getan. Dann haben wir Schwäche gezeigt und es nicht genug ignoriert. Auf der anderen Seite, wenn wir es hängen lassen, haben wir die Katastrophe, daß die Japaner aus den Bussen kommen und die Reiseleitung fragen, was das da oben heißt. Das ist auch oft passiert. Die Japaner, Engländer und Franzosen waren hellauf entsetzt, daß da so ein Schild mitten in der Stadt steht. Somit hat sich dieser Container dann über sechs Tage aufgeladen. Es kam zu Anschlägen, Schlägereien. Die Regierung wollte nicht reagieren, hätte reagieren können. Egal was sie gemacht hat, sie war eigentlich schachmatt. Das hat alle in der FPÖ natürlich auf den Plan geholt. Es hat aber auch einen Großteil junger Leute mobilisiert, die dann in einer Gewaltaktion am Donnerstag den Container gestürmt und das Schild zerstört haben, dann aber nachher ungefähr die Erkenntnis hatten, daß sie jetzt eigentlich den Job der Regierung gemacht haben.

Was empfinden Sie heute, wenn Sie an die Aktion zurückdenken?

Das ist ein großes Filmstudio gewesen. Eine komische Installation, die man nicht sofort begriffen hat. Wo man nur dachte: »Wie kann so etwas plötzlich im offenen Raum geschehen, da, wo man normalerweise einkaufen geht?« Normalerweise findet so etwas am Flughafen statt, im Wald oder in irgendwelchen Abschiebeheimen auch in Deutschland, wo man es nicht sieht. Hier ist es plötzlich im Zentrum, und was ist jetzt?

Im Film unterstellt Ihnen die Kulturbeauftragte der FPÖ, daß Sie diese Aktion nur durchgeführt haben, weil Sie auf eine möglichst provokante Reaktion aus waren.

Also ich finde sogar, das ist einer der Höhepunkte dieses Films, und in diesem Film gibt es viele Höhepunkte. Nicht nur da, wo die Bevölkerung ausflippt, sondern auch da, wo ich ratlos oben stehe und sehe, wie die Ereignisse sich verselbständigen. Der Moment, in der die Kulturbeauftragte der FPÖ plötzlich schrie: »Sie sind gekauft, und Sie wollen das alles nur zur Selbstdarstellung.« Das ist natürlich genau die richtige Frau und die richtige Partei, die das gesagt hat. Es gibt immer diesen Abwehrmechanismus. Es gibt eine wunderbare Diskussion mit Joseph Beuys. Irgendwo schreit dann da ein Politiker: »Mann, ziehen Sie erst mal den Hut ab«. Die eigentlich dafür Verantwortlichen suchen jemanden, der es nur für seine eigene Eitelkeit macht. Daß Politik fast ausschließlich aus eitlen Entscheidungen besteht, das ist nicht nur bei der FPÖ so. Das ist auch jetzt bei Schröder und seinem Rücktritt und auch bei Frau Merkel so. Es gehört nun mal dazu. Wenn dann so eine Aktion im öffentlichen Raum Wirkung zeigt, muß man jemanden haben, der es nur für sich macht. Dazu war aber die Aktion zu groß, und komischerweise war auch Österreich als Person viel zu sehr involviert.

Wie bewerten Sie als initialgebender Künstler Ihre Rolle bei dem Spektakel?

Das Tolle an dem Ding war, daß ich zum ersten Mal meine Person nicht so richtig mochte. Bei meiner Partei stand ich an jedem Mikro, ich habe alles erklärt. Ich bin halt der Wählbare, der aber die Selbstwählbarkeit des Wählers propagiert. Also wähle dich selbst, indem du Schlingensief wählst. Das ist natürlich völliger Unfug. In Wien war es so, daß die Ereignisse so dermaßen selbständig wurden, daß ein Herr Schlingensief nur ein Partikelchen war, das da rumstand. In Wirklichkeit haben die Leute es selber ins Leben projiziert und erweitert. Mir fiel immer der Begriff Schneller Brüter ein. Das Ding ist losgerast und hat gebrannt wie Brennstäbe. An die Entsorgung hat in dem Moment auch keiner gedacht. Es war eine kleine Atomexplosion, nicht mehr kontrollierbar. Ein kleines Tschernobyl mitten in Österreich.

Jede künstlerische Aktion ist im Grunde nicht mehr reproduzierbar, denn die äusseren Umstände ändern sich ständig.

Das ist es ja, was ich an Beuys oder an Roth und an der Kunst im besten Falle noch mag, wenn sie sich verselbständigt. Ich erkläre meine Sachen auch gerne und erzähle manchmal auch Blödsinn, das gebe ich gerne zu. Ich lache auch gerne und bin trotzdem nicht nur auf dem Spaßvogelsektor unterwegs. Gerade die Dynamik im Leben und da, wo ich meine Energien herziehe, da, wo letztlich jeder Künstler seine Energien hernimmt, sich irgendwo zu reiben, wiederzufinden und sich auch artikulieren zu dürfen, die nehme ich einfach wahr. Wenn sie mir dann jemand aus der Hand nimmt, dann ist er vielleicht auch in den Zug eingestiegen, der von mir losgeschickt wurde. Wenn er dann das Steuer übernimmt, muß ich eben auch mit diesem Zustand zurecht kommen. Das belebt die Sache. Es ist letzten Endes ein Ausdruck von Leben und nicht von Stillstand und Größenwahn. Die Politik, die läßt mich nur pseudoteilnehmen. Politik läßt mich nur mit einem Kreuzchen an der Lösung der Probleme durch die Wahlprogramme teilnehmen. In dem Moment, wo ich abgegeben habe, ist meine Stimme auch weg. Das ist etwas ganz anderes. Gerade die Politik hat sich in den letzten Jahren zum größten Theater aufgespielt und hat dem Theater den Job weggenommen. Die Politik kommt jetzt auch an einen Punkt, wo man sagt: »Gysi, Lafontaine sind alles nur Selbstdarsteller.« Wenn man dann Frau Merkel sieht: »Die ist gar nicht Vertreterin des Ostens.« Alles ist eine Inszenierung und keiner weiß mehr, wer der Hauptdarsteller und wo die Handlung ist. Wo ist der dramatische Knoten, der durchschlagen werden muß? Wer zieht den Schlußvorhang? Gibt es überhaupt einen dritten Akt oder ist dieses Theater schon lange abgebrannt? Das weiß man nicht, und das würde man, in meinem Kopf, erstmal als positiv einstufen.

Was halten Sie denn so kurz vor der Bundestagswahl von der aktuellen Politik? Nehmen wir zum Beispiel die WASG, die neue Linkspartei.

Im Großen und Ganzen funktioniert die Partei wie ein Schwamm. Es ist hier ein Vakuum entstanden, es ist was ausgetrocknet. Jetzt glaubt jeder, er kann sich aufsaugen lassen und ist dann da drin. Ich habe mit Gysi früher schon Kontakt gehabt und treffe ihn auch gerne. Für viele ist die Frage interessanter, ob er nicht jetzt mal an seine Gesundheit denkt und vielleicht im Hintergrund ein paar Talkshows für die PDS gibt. Bei Lafontaine ist es das kleine Haßmützchen auf dem Kopf, und es wird rumgefuchtelt. Wirkliches Interesse an einer Problemlösung gibt es nicht. Ich bin zwar auch dafür, daß sich die Grünen mit einem anderen Partner beschäftigen müssen. Die Linkspartei ist zumindest einer, der auch in ihrem Lager fischen kann. Eine richtige Auseinandersetzung sehe ich aber nicht. Ich sehe schon jetzt wieder Wahlplakate, die einfach denselben Quatsch machen. »Wir sind eine Sozialpartei, aber was wollen die anderen?« Es hilft nicht, Frage- und Antwortspiele an die Bevölkerung auszugeben. Es geht keiner hin und setzt sich mit dem anderen ans Mikrofon. Es wird nicht debattiert, und man sagt nicht: »Wir machen's jetzt mal zusammen«. Ich bin nicht für eine riesige Koalition, will aber im Kern sagen, daß die Situation nicht angegangen wird. 1970-01-01 01:00
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