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Tim Roth

»Den letzten Film zuerst«

Von Nikolaj Nikitin Tim Roth gilt als einer der wandlungsfähigste Schauspieler seiner Generation. Dabei ist er uns vor allem durch die Darstellung gemeiner Klein(st)ganoven für Ewigkeiten im Gedächtnis. Wie kaum einem anderen Kollegen gelingt ihm aber auch stets der Drahtseilakt zwischen Mainstream und Independentkino. Nikolaj Nikitin traf den Schauspieler während einer Drehpause von Invincible in Bonn.


Wie bist Du eigentlich zum Film gekommen? Hattest Du schon immer den Wunsch, Dich in diese Richtung zu entwickeln?

Ursprünglich habe ich an der Kunstakademie Malerei und Skulptur studiert. In Skulptur habe ich meinen Abschluß gemacht, aber ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt bereits entschieden, Schauspieler zu werden. Also bin ich an sehr kleine Theater gegangen, etwa an Dorfbühnen oder Kindertheater, nur um überhaupt spielen zu können. Ich habe in guten wie in schlechten Stücken mitgespielt, es war mir egal. Ich habe auch am »Royal Court« gespielt, aber die Schauspielschule habe ich nie besucht, obwohl es damals mein Ziel war. Ich hatte jedoch viel Glück und landete in einer TV-Produktion von Mike Leigh, einem Film namens »Everything Changed«. Doch der allererste Film, den ich gemacht habe, hieß »Made in Britain«, in dem ich einen Londoner Skinhead spielte.

Wie gelang Dir der Sprung nach Amerika?

Ich war gerade in Australien und drehte einen furchtbar schlechten Film. In Sydney rief mich ein junger Regisseur aus New York an, Jeff Stanzler, und sagte, er wolle mit mir einen Film namens »Jumpin' at the Boneyard« für 850 Dollar in New York drehen. Es klang albern, aber ich sagte: »OK, laß es uns machen«, und anstatt wie geplant durch Asien zu reisen, flog ich in die Bronx und drehte diesen Film. Es war eine harte, aber lehrreiche Zeit. Nachdem der Film abgedreht war, hielt ich mich einige Wochen in L.A. auf. Ich wollte dem Ganzen drei Monate geben, was eine schwierige Entscheidung war, weil ich in England einen Sohn zurücklassen mußte. Dann rief Quentin Tarantino an und erzählte von einem Projekt. Wir trafen uns, er gab mir den Job, und mein Leben drehte sich um 180 Grad.

Deine Filmographie zeichnet sich vor allem durch eine große Vielfalt aus. Wie gehst Du bei der Wahl Deiner Rollen vor?

Ich verfolge keinen Plan bezüglich des Aufbaus meiner Karriere. Ich lese das Skript und lege los. Dabei versuche ich, ein weites Feld abzudecken und meine Darstellung so differenziert und verrückt wie möglich zu halten. Viele Schauspieler, auch jene, die ich bewundere, entscheiden sich für eine bestimmte Richtung und sind am Ende oft unglücklich mit dem, was sie tun. Auch wenn du eine starke Persönlichkeit hast, gibt es immer noch ein Moment der Verletzlichkeit. Genau diesen versuche ich stets zu finden. Ich bin nicht so sehr am Alltäglichen interessiert. Das Leben kann sehr langweilig sein, wenn du also eine Möglichkeit bekommst, jemand anderes zu sein, dann jemand, der entweder unglaublich ekelhaft oder absolut wunderbar ist. Es muß ein gewisses Maß an Extremem vorhanden sein, um meine Aufmerksamkeit zu erregen.

Neben den Indies finden sich in Deiner Filmographie auch Big Budget-Filme wie »Rob Roy«. Was hat Dich zu der Rolle motiviert?

Ich wurde bezahlt. Ich meine, wirklich bezahlt. Ich kannte Michael Caton-Jones aus einem Pub in London, in dem wir oft zusammen getrunken haben. Er ist ein Fußball-Hooligan, aber ein netter Kerl. Er rief mich an und sagte, er würde einen Film mit Liam Neeson machen, den ich vom Abhängen in L.A. kannte. Eric Stoltz und Jessica Lange, mit der ich schon immer arbeiten wollte, seien auch dabei. Er sagte: »Macht's dir was aus, für ein paar Monate auf einen Drink nach Schottland zu kommen?« Und ich sagte zu. Was man nicht alles für seine Freunde macht! Ich dachte ständig, ich würde gefeuert, weil mein Spiel mir doch sehr überzogen vorkam. Und dann wirst du plötzlich für den Oscar und den Golden Globe nominiert. Man sollte vorsichtig damit sein, bei der Rollenwahl zu snobistisch zu werden. Mach dir einfach keine Sorgen darüber. Es hat Spaß gemacht, das Schwertkämpfen und das Reiten zu lernen, also habe ich etwas Gutes für mich rausgeholt.

Unter anderem hast Du auch mit dem großen Woody Allen gedreht. Er ist für seine besondere Schauspielerwahl bekannt, und Du spielst auch eine, selbst für Dich, sehr außergewöhnliche Rolle in »Everyone Says I Love You«.

Er schrieb mir einen Brief und fragte mich, ob ich dabei sein wollte. Ich war schon immer ein Fan seiner Filme. Er drehte ein Musical – etwas, womit ich nicht unbedingt in Zusammenhang gebracht werde – und seine Idee war es, Schauspieler beim Casting singen zu lassen. Sie hätten sich aber auch dafür entscheiden können, sich von jemand anderem sprechen zu lassen. Ein netter kleiner Film, es hat Spaß gemacht, die Rolle zu spielen, und das meiste war Improvisation. Ich lernte die Texte, und als ich zum Set kam, sagte er nur: »Hier ist eine Zeile, die ist gut, da wollen wir hin. Den Rest kannst du improvisieren«. Ich hatte zwar nur sieben Drehtage, blieb aber ganze sieben Wochen am Set, weil er oft einige Einstellungen zwischendurch neu drehen wollte. Ich mochte ihn – er rief mich an und wollte noch einen Film mit mir machen. Doch er änderte seine Meinung und drehte mit jemand anderem. Woody ist ein phantastischer Regisseur, zudem ist er amüsant und sehr warmherzig.

Im Moment drehst Du mit Werner Herzog Invincible. Was bedeutet Dir Herzog, der sich jetzt seit langer Zeit wieder mit einem Erzählfilm auf dem internationalen Parkett zurückmeldet?

Während meiner Zeit am Dorftheater bin ich immer in Retrospektiven von bestimmten Regisseuren gegangen, unter anderem von Werner Herzog. Mir gefielen vor allem »Jeder für sich und Gott gegen alle« und »Wojzeck«, und tatsächlich war Herzog einer der Hauptgründe, warum ich Filmschauspieler werden wollte. Ich war sehr beeindruckt von seiner Kameraarbeit und seiner Wahl der Schauspieler. Als er mich fragte, ob ich in seinen Filmen mitspielen würde, zögerte ich keinen Augenblick. Wir wollen insgesamt vier oder fünf Filme zusammen drehen.

Das Bild, daß man von Herzogs Filmen hat, ist sehr eng mit Klaus Kinski verbunden. Hältst Du ihn für einen großen Schauspieler?

Ehrlich gesagt, mag ich nicht alle seine Filme. Ich denke sogar, daß ein großer Teil von ihnen schlecht ist; aber wenn Kinski gut war, dann war er epochal. Ich glaube übrigens auch, daß eine Menge Filme, die ich gedreht habe, Müll sind. Was ich aber an Kinskis Spiel bewundere, ist sein – besonders in Herzogs Filmen praktizierter – sehr physischer Zugang zu seinen Rollen. Obwohl ich mir darüber bewußt bin, daß eine Menge davon Posen und Defilieren vor der Kamera ist, glaube ich nicht, daß dies prinzipiell falsch ist. Eine Menge amerikanischer Schauspieler verlieren sich in ihrem Method Acting. Film ist nunmal keine Dokumentation, sondern Darbietung, und wenn Kinski brillierte, dann beherrschte er diese Form der physischen Präsenz auf der Leinwand, dieses Nach-außen-gehen, wie kein anderer. Viele Leute meinen, er sei ein Wahnsinniger gewesen, aber ich glaube das nicht. Ich sehe ihn eher als einen traurigen Mann, ja, definitiv auch als einen bösen Mann. Er spielte ständig eine Rolle. Er zeigte vielleicht nicht das, was er wirklich fühlte, aber er erregte damit Aufmerksamkeit. Doch, um ehrlich zu sein, sein Privatleben interessiert mich überhaupt nicht. Ich habe prinzipiell kein Interesse am Privatleben von Schauspielern. Mir ist nur wichtig, was ich auf der Leinwand sehe.

Letztes Jahr kam Dein überzeugendes Regiedebüt The War Zone in die Kinos. In letzter Zeit treibt es immer mehr Schauspieler zur Regie. Was brachte Dir diese neue Perspektive?

Es war eine interessante Erfahrung für mich. Ich war auch ein mißhandeltes Kind, somit war es eine außergewöhnliche Tatsache, daß der Stoff gerade zu mir kommen sollte, denn die Leute, die ihn mir schickten, wußten nicht, daß ich mißhandelt worden war. Ich dachte, es sei gut für den Film, wenn jemand Regie führe, der das alles selbst erlebt hat. Der Film ist somit sehr autobiographisch, und es war für mich wichtig, ihn zu machen, weil ich wußte, die Opfer würden erkennen, daß ich sie mit Respekt behandle. Sobald ich das Buch gelesen hatte, sagte ich mir: Das bin ich, diesen Film werde ich drehen. Um ehrlich zu sein: Ich habe die letzten 20 Jahre an Filmsets verbracht und meine Hausaufgaben gemacht. Ich wollte den Film, den man normalerweise am Ende seines Lebens dreht, gleich als ersten machen. Denn alles, was ich danach realisieren würde, könnte nicht mehr so schmerzhaft werden wie diese Erfahrung. Ich war an den meisten Prozessen der Filmentstehung beteiligt. Dies ist der erste Film, von dem ich behaupten kann, daß alle Aspekte, die ich am Kino mag, stimmig sind. Jede Einstellung, das Design, einfach alles. Ich habe ausschließlich mit Leuten gearbeitet, die auf meiner Wellenlänge waren. Wir haben uns sehr detailliert mit der Ausstattung beschäftigt. Die beiden Kinder hatten noch gar keine Schauspielerfahrung. Wir haben uns 2500 Bewerber angeschaut, um die Richtigen auszuwählen – und sie sind phantastisch. Ich habe den Film nach einem 4/4-Takt geschnitten, so daß man ruhig atmen kann. Tatsächlich kannst du das Publikum mit der Art, in der ein Film geschnitten ist, berühren. Auch die Tatsache, daß sich die Kamera kaum bewegt, ist wichtig, denn vieles an Kamerabewegung ist heutzutage nur dazu da, die Aufmerksamkeit auf den Regisseur zu lenken – es hat nichts mehr mit den Charakteren zu tun. Die Grundidee lag darin, das Publikum langsam in die Szenerie hineingleiten zu lassen, die Familie kennenzulernen und – hoffentlich – auch zu mögen, bevor ich dann alles zerstöre. Es entsteht ein Konflikt mit dem Publikum, denn ich gebe ihnen nicht, was sie, etwa von Disney, zu sehen gewohnt sind, nämlich daß sich die Welt nur in Gut und Böse teilt.

Die zentrale Szene schließlich, der Mißbrauch des Mädchens im Bunker, befindet sich genau in der Mitte des Films. Ich will zeigen, was diese Monster tun. Hätte ich mich vor dieser Szene gesträubt, hätte ich gleich nach Hause gehen können. Und jedes der Opfer, das den Film gesehen hat, würde mir zustimmen, denn genau wie in der Szene fühlt es sich an. Der Bunker dient als Symbol für all das. Und trotzdem bin ich nicht annähernd so weit gegangen, wie ich hätte gehen können – ich habe lediglich an der Oberfläche gekratzt. 1970-01-01 01:00
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