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Oskar Roehler

Beim ersten Film überschlägt sich alles

Von Frieder Schlaich In der gemeinsam von der Filmgalerie 451 und »Schnitt« gestarteten DVD-Edition »Debütfilme« erscheint am 09. Juli 2007 Gentleman, Oskar Roehlers erster Spielfilm. Neben weiteren Extras enthält die DVD auch ein Gespräch zwischen Frieder Schlaich und dem Regisseur, aus dem wir im folgenden einen Auszug präsentieren.


Die Dreharbeiten zu Gentleman sollen ja ziemlich turbulent gewesen sein.

Jaja, damals gab es keine Tabus. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich auch nicht, was wir uns dabei gedacht haben. Ich hatte keinen Assistenten bei dem Dreh, dafür hatte ich eine Affäre, und die mußte Ausstattung machen, Nägel einschlagen und so. Mit der habe ich mich dann völlig zerstritten, die ist irgendwann nachts abgehauen. Wir hatten dieses Haus ohnehin okkupiert, wir hatten keine Erlaubnis von der Hausgemeinschaft. Was wir nicht wußten, war, daß unten noch ein Heizer gearbeitet hat, Tag und Nacht hat der Kohlen nachgeschüttet. Und weil unser Film so eine Gewaltarie war, hat der irgendwann Blutflecke an den Wänden und Spritzen und irgendwelche Pornos auf dem Gang entdeckt. Und als wir dann am nächsten Tag zum Drehen kamen, und die Affäre hatte die Fenster offengelassen und war wutentbrannt abgehauen, und sämtliche Fenster waren kaputt, stand da die Hausverwaltung mit vier Polizisten. Und die haben uns erstmal festgenommen. In der Küche war ein riesiger Abfallhaufen, und alle haben gefragt: »Was ist das, ein Gewaltporno? Ist das Ketchup oder ist das Blut?« Die waren total mißtrauisch. Wir konnten also nicht drehen, die Bullen waren da, und dann kam so langsam das Team an und … es ging einfach alles schief, was schiefgehen kann.

Wie sah denn die Planung im Vorfeld der Dreharbeiten aus?

Die Hauptrolle sollte eigentlich ein etwas prätentiöser Theaterschauspieler übernehmen, der hatte in einem Kurzfilm von mir mitgespielt, aber der ist eine Woche vor Drehbeginn abgesprungen, weil er Schiß hatte und kein Geld und auch Angst, daß er da total gefordert würde Tag und Nacht. Der Oliver Korittke ist auch abgesprungen, seine Rolle habe dann ich gespielt – und ich bin wirklich kein Schauspieler. Der Produzent ist auch abgesprungen, das war ein alter Freund von mir, ein Junkie, der versucht hat, mit seinem Entzug klarzukommen und irgendwas auf die Beine zu stellen. Als der erfahren hat, daß der Hauptdarsteller zusammengebrochen und abgesprungen war und dann auch der Korittke, da wollte er seine Videokameras und sein Equipment einpacken und mich im Stich lassen. Wir haben das dann aber doch hingekriegt, unter enorm widrigen Bedingungen. Ich muß damals ein unglaublicher Kraftmagnet gewesen sein und wollte diesen Film unter allen Umständen machen, um mir selbst zu beweisen, daß ich dieses Ding auch zu Ende kriege. Zum Teil gab es dann so eine Hysterie, daß wir auch gruppendynamische Sachen durchgezogen haben, die bei einem normalen Dreh gar nicht möglich gewesen wären. Das ganze Team hat sich nackt ausgezogen und sich auf diesen mit Ketchup besudelten Leichenhaufen gelegt. Und irgendwelche Leute haben sich dann noch von den Hauptdarstellern nackt auf diesen Haufen draufschmeißen lassen und so. Wenn ich an alle meine Dreharbeiten denke, war das die einschneidendste Erfahrung und der intensivste Dreh, den ich hatte, ohne jede Frage.

Wie war dann die Zusammenarbeit mit dem neuen Hauptdarsteller Kurt Leiner a.k.a. QRT, dessen Bücher mittlerweile posthum eigenen Kult-Status erreicht haben?

Der war schon unheimlich kraß drauf. Er war ein Gelegenheitsjunkie und stammte aus einem ganz wohlhabenden Hintergrund, lebte aber ewig in einem Abrißhaus namens »Ruine« in Schöneberg. Das kennen die alten Berliner noch, weil das eine total tumultöse Säuferkneipe war. Und oben gab es Zimmer, die man nie absperren konnte, da lebte er mit seinen hunderttausend Büchern und eigentlich nur einem Schlafsack. Er kam in jeden Klub rein und war auch immer wahnsinnig promiskuitiv. Im Grunde hat er das dann einfach übertrieben. Und eines Morgens, ich kann mich noch genau erinnern, rief dann die Käte Ehrmann an, die auch mit ihm befreundet und auch längere Zeit mal mit ihm zusammen gewesen war, und meinte, er wäre gestorben, hätte eine Überdosis erwischt. Das war echt ein tragisches Ende, weil der wirklich hochbegabt war. Aber er hatte zu der Zeit auch irgendwie seinen Weg verloren, er wußte nicht mehr, wo er mit seinen Kräften hin soll.

Wie lange dauerten die Dreharbeiten?

Wir haben zehn Tage gedreht, und ich dachte: »Wie kann das ein Normalsterblicher aushalten, zwanzig, vierzig, achtzig oder gar hundert Tage zu drehen?« Das hat mich das fünf- bis zehnfache der Kraft gekostet, die mich die anderen Spielfilme gekostet haben. Ich hatte ja keine Ahnung, daß man bei einem Film auch konzentriert arbeiten kann, daß man sich überlegen kann, was man macht und auch mal mit seinem Verstand arbeiten kann statt immer nur mit so einer Wahnsinnsmotorik. Im Grunde überschlägt sich alles, wenn du deinen ersten Film machst, denn du mußt alles machen. Wenn jemand keine Lust hat oder schlechte Laune, dann mußt Du das alles selber organisieren. Und wenn du dafür nicht brennst, dann hast du gar keine Chance, so was zu schaffen.

Gab es ein Drehbuch zu Gentleman?

Ja, im Grunde habe ich nie ohne Drehbuch gearbeitet. Natürlich wird dann mal improvisiert, oder man hat Ideen beim Dreh, aber ich habe nie ohne Gerüst gearbeitet. Auch bei Silvester Countdown nicht, das sah zwar alles sehr improvisiert aus, war aber eigentlich von A bis Z alles schriftlich niedergelegt. Gentleman sollte ein düsterer, fast horrorartiger Film -werden. Ich hatte vorher Christoph Schlingensief ja immer nur geholfen, seine Sachen einigermaßen zu strukturieren. Wir hatten eine ähnliche Art von Humor, von daher haben wir unheimlich gut paktiert. Aber eigentlich kam die Geisteshaltung ganz klar von ihm: Er war der Regisseur, und es war seine Haltung zu den Filmen. Und meine ist ja wesentlich düsterer und melancholischer. Ich wollte eher ein Psychogramm dieser Person erzählen. Ich empfinde das als einen Vorläufer der Dogma-Filme, was ich da gemacht habe.

Wie ging es nach dem Debüt weiter?

Ich wollte ja nie Filmemacher werden, das war so überhaupt nicht in Reichweite. Aber ich hatte diese Erfahrung mit Schlingensief bei Terror 2000, was ein unheimlicher Spaßdreh war – überhaupt kein Geld, aber jeder kam da so mit seiner Attitüde an. Ich war nominell Christophs Klappenboy und Assistent, und diese zwei Wochen, die wir da gedreht haben, waren der größte Fun meines Lebens. Aber nach Gentleman wollte mir irgendwie niemand Geld geben, was ich zum Teil auch verstehen kann. Ich hatte aber Glück: Das Geld, mit dem ich Silvester Countdown gemacht habe, hatte ich geerbt.

Wie teuer war er denn?

Der Film kostete 100.000 Mark, und ich bin auf Risiko gegangen mit diesem Geld, von dem ich eigentlich ein paar Jahre lang hätte leben können. Aber ich bin von der Industrie so repressiv behandelt worden, trotz dieses wirklich erstaunlich guten Drehbuchs – jeder halbwegs normale Mensch, der das gelesen hat, hätte sehen müssen, was da für Spirit und Lebendigkeit drinsteckte. Aber ich bin überall komplett auf taube Ohren gestoßen, das ging bis zur Demoralisierung. Das können vielleicht viele, die anfangen, nachvollziehen, die dann wahrscheinlich einfach irgendwann den Mut verlieren, weil sie eben auch kein eigenes Geld haben. Ich hatte das Geld, und ich habe dann gesagt: »Fuck you! Leckt mich am Arsch!« Den Rolf Peter Kahl hatte ich kennengelernt, weil er, als der Film damals in der Brotfabrik auslief, der einzige Zuschauer war, der sich Gentleman im großen Saal angeschaut hat. Und dann kam er bei einem Festival auf mich zu, ich glaube, das war in Hof, und meinte: »Jetzt mischen wir sie alle mal auf. Ich habe den Film gesehen, ich fand den super.« Und dann haben wir uns recht schnell angefreundet, und das ist jemand, mit dem man echt Pferde stehlen kann, ein guter Partner, der einem Mut gibt und einem eben auch den Rücken freihält. Und so kam das dann zustande mit Erdbeermund Film und Silvester Countdown, mit dem wir ja dann auch ein bißchen Erfolg hatten: Wir haben den Hypopreis beim Filmfest München bekommen und Marie den Max-Ophüls-Preis.

Wie gehst Du mit Deinen Filmen im Schneideraum um?

Bei mir ist das eine Frage der Balance. Ich habe manchmal einfach das Gefühl, daß es stimmt, wie bei meinen neueren Filmen. Und manchmal habe ich zu viel rausgeschnitten, wie beim Alten Affen, und das hängt mir nach. Beim Schneiden bin ich weniger spielerisch, ich werde unheimlich präzise – ich bin da eher ein Protestant als ein Katholik. Ich will es dann wirklich auf den Punkt bringen. Und selbst wenn Szenen wichtig sind, aber nicht so gut gedreht, wie ich sie mir vorgestellt habe, laufe ich immer Gefahr, sie rauszunehmen. Ich werde in letzter Zeit aber doch immer wieder überzeugt, gerade von den beiden letzten Produzenten, daß ich besser aufpassen soll, daß die Filme zwar kurz sind, aber die wichtigen Sachen noch drin. Ich bin da manchmal zu rigoros.

Wie groß ist Dein produktiver Druck?

Das ist auch eine Kräfte-Frage. Ich bekomme ja immer wieder was angeboten, auch charmante kleine Sachen. Aber ich brauche meine Konzentration, und ich brauche Zeit. Ich plane dann lieber länger und mache größere Sachen, als mich zu verschleißen. Wenn ich so alle zwei Jahre einen Film machen darf, dann reicht mir das im Moment. Aber ich mag auch gar nicht so gerne drehen, ich bin nicht jemand, der immer als Verkehrspolizist morgens auf der Baustelle stehen muß. Ich möchte das wirklich nur machen, wenn sich das lohnt, und dann mache ich es auch gerne. 2007-10-08 08:33
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