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Araksi Mouhibian

Rhythmus für die Seele

Von Ljudmila Zhelezov Die gebürtige Armenierin Araksi Mouhibian lebt und arbeitet in Bulgarien, wo Regisseur Veit Helmer sie für den Schnitt seines Films Tuvalu engagierte. Für ihre Cutter-Leistung an diesem Film ist Araksi Mouhibian im letzten Jahr auf dem Kinofest Lünen mit dem 1. Schnitt Preis ausgezeichnet worden. Über ihre Arbeit sprach sie in Sofia mit Ljudmila Zhelezov.


Wie wichtig ist Ihnen die Auszeichnung, die Sie für Ihre Arbeit an Tuvalu erhielten?

Wie es vermutlich jedem ergehen würde, so empfinde auch ich die Einschätzung von Kollegen als besonders wertvoll, denn sie wissen am besten über das Wesen meiner Arbeit bescheid. Die Tatsache, daß mich eine Jury deutscher Filmbranchenmitglieder ausgezeichnet hat, beflügelt mich in einer für die bulgarischen Kinomacher recht schweren Zeit.
Ich las kürzlich einen Satz, der mir gefallen hat, nämlich, daß der Film erst bei der Montage zu leben beginne. Reden wir doch etwas ausführlicher über Ihren Beruf und über seine Rolle bei der Filmentstehung.
Das mache ich gern, denn es ist, in Bulgarien sicherlich genauso wie in Deutschland, ungewöhnlich, über den Schnitt als Teil der Entstehung eines Films zu sprechen. Vordergründig mag das verständlich sein – denn die eigentlichen Dreharbeiten lassen sich ja viel lebhafter, bunter und attraktiver für die Medien darstellen. Die Arbeit beim Schneiden eines Films hingegen erfordert Stille und große Konzentration, und das sind Aspekte, die einem Außenstehenden eher uninteressant erscheinen. Mich hingegen macht das glücklich. Ich habe das, was ich liebe, zu meinem Beruf machen können.

Wie sind Sie eigentlich zu dem Projekt gekommen, kannte Sie Veit Helmer?

Wie das gesamte Team, so hat Veit auch die Cutter selbst gewählt. Nach welchen Kriterien er das tat, weiß allerdings nur er selbst. Ich habe ihm meine Arbeiten gezeigt. Bedauerlicherweise verfüge ich, wie viele meiner bulgarischen Kollegen, über keine Demokassette, mit der ich mich den Regisseuren, die ein Team aufbauen, vorstellen kann – ein Versäumnis, daß ich in der nächsten Zeit dringend beheben muß. Die bulgarischen Cutter brauchen einfach mehr Selbstbewußtsein.

Wie sah Ihre Zusammenarbeit mit Veit Helmer in der Praxis aus. Hatten Sie weitgehend freie Hand?

Es war zugleich sehr leicht und sehr schwer, sowohl Veits Wünschen entgegenzukommen, als auch den Gesamtfilm nicht aus den Augen zu verlieren. Leicht gestaltete es sich vor allem deshalb, weil Veit – wie man so schön sagt – immer gründlich seine Hausaufgaben gemacht hat. Er kam regelmäßig perfekt vorbereitet in den Schnittraum. Wenn ich für jemanden arbeite, der genau weiß, was er erreichen will, was er ausdrücken will, dann gibt es nur wenig Schwierigkeiten während des Schneidens. Dann nämlich sind die Linie und die Richtung von Gedanken und Gefühlen von vornherein absolut klar. Die Schwierigkeiten, die sich mir bei Tuvalu stellten, hingen vielmehr mit dem Umfang der Arbeit zusammen, die in einer kurzen Zeit zu bewältigen war. Ich mußte den Rohschnitt praktisch parallel zum Ende der Dreharbeiten erledigt haben.

Wie lange haben Sie am Schnitt des Films gearbeitet?

Mit der groben Montage begann ich zum Drehstart, also am 1. Juli 1998. Die Feinarbeit haben wir dann Mitte Dezember des selben Jahres abgeschlossen.

Wenn Sie aus der Fülle von Material auswählen müssen, fällt es Ihnen da nicht manchmal schwer, auch eigentlich gelungene Takes »wegschneiden« zu müssen?

Nein, das ist mein Beruf. Der große Kampf, den der Cutter mit Regisseur und Kameramann angeblich führt, ist eigentlich halb so tragisch. Der Kameramann von Tuvalu, Emil Christov, versteht seine Kunst vorzüglich, es gibt großartige Aufnahmen im Film. Teil meiner Aufgabe ist es aber, dem Regisseur und dem Kameramann begreiflich zu machen, daß trotz der zweifellos guten Eigenschaften einiger Aufnahmen diese dennoch keinen Platz im fertigen Film finden können, weil sie in eine Richtung führen, die sich von der Gesamtstruktur entfernt. Sie gehören zu einem anderen Film, wie man so sagt.

Ist es nicht so, daß einer der Punkte, die einen guten Cutter auszeichnen, in seiner Fähigkeit besteht, Versäumnisse und Fehler während des Drehs beim Schnitt wieder glattzubügeln? Ließe sich – überspitzt – sagen: Selbst aus schlechtem Material kann noch ein ordentlicher Film entstehen?

Es ist natürlich besser, wenn das Material etwas taugt. Aber grundsätzlich: Ja, die modernen digitalen Technologien bieten weitreichende Möglichkeiten. Doch sie sollten nicht zum Allheilmittel gedeihen, und eigentlich habe ich auch keine Lust, mit ihrer Hilfe nicht durchdachte oder verpatzte Aufnahmen wieder hinzubiegen. Ich mag es lieber, aus einer reichen Auswahl an Material zu schöpfen und über verschiedene Varianten und Möglichkeiten der Montage zu verfügen. Ich glaube, für niemanden ist es angenehm, eine Szene retten zu müssen. Bei Tuvalu war das zum Glück nicht nötig, im übrigen haben wir auch bewußt auf digitale Schnittechnologie verzichtet. Veit hat es ganz bewußt vorgezogen, Tuvalu auf eine handwerklich »klassische« Art und Weise zu schneiden.

Mit der Hand am Material…

Ja, mit den traditionellen Möglichkeiten. Tuvalu braucht auch gar keine digital erzeugten Spezialeffekte. Der Film vermittelt ja keine ausufernde, laute Action, sondern eine Erzählung, die auf menschliche Emotionen setzt. In diesem Sinne glaube ich, daß Veit ganz bewußt die klassische Montagetechnik gewählt hat. Nach meiner persönlichen Empfindung bekommt ein Film dadurch einen großen Teil des individuellen, rein physischen Tempos und vom Rhythmus des jeweiligen Cutters mit. Und wenn es am Ende dann doch so etwas wie ein Problem zwischen Veit und mir gab, so bestand es genau hierin: Veit ist im Vergleich zu mir viel energischer und vitaler. Vielleicht lebt der Film gerade durch diesen Unterschied. Wissen Sie, die Technologie ermöglicht vieles, doch sie kann dem Werk keine Seele geben. 2007-10-05 03:49
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