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Lisa Martinek

Über kurz oder lang

Von Jutta Klocke Schauspielerin Lisa Martinek fühlt sich in allen Darstellungsformen zu Hause. In dem Ensemblefilm Rendezvous, in dem Theater und Film eine dynamische Symbiose eingehen, stellt sie ihre Experimentierfreude eindrucksvoll unter Beweis.


Sie haben sowohl viel Theater als auch Film und Fernsehen gemacht. Welches Medium hat Sie zu der Entscheidung gebracht, Schauspielerin zu werden?

Für mich war Film als Kind relativ fremd, weil ich damals nicht viele Filme geguckt habe. Mein Vater war Musiker und meine Mutter Tänzerin. Ich habe als Kind selbst auch sehr intensiv getanzt, deswegen war die Bühne für mich das Hauptmedium. Ich war wahnsinnig viel im Theater und Ballett oder auf Konzerten. Theater war der erste Berührungspunkt, der mich extrem fasziniert hat. Und Film kam dann, als ich in Hamburg an der Hochschule studiert habe: In dem von Hark Bohm geleiteten Aufbaustudium Film haben wir mit den auszubildenden Regisseuren Kontakt geschlossen, und dort bin ich auf Janek Rieke getroffen. Mit ihm habe ich mehrere Kurzfilme gedreht, während ich studiert habe. So hatte ich damals schon die erste Berührung mit dem Drehen. Als ich mein Diplom gemacht habe, habe ich gleichzeitig angefangen mit meinem ersten Kinofilm - und das war Härtetest, ebenfalls von Janek Rieke.

Der ja damals wahrscheinlich ein sehr unerwarteter Erfolg für Sie wurde: Immerhin wurden Sie gleich für Ihre erste Kinorolle für den Deutschen Filmpreis als beste Hauptdarstellerin nominiert.

Ja, das kam total unerwartet. Wir haben einfach sehr gut zusammengearbeitet. Die Kurzfilme waren, was mir sehr gut gefallen hat, erst fünf Minuten lang, dann zehn, dann 20 Minuten. Sie wurden also immer länger, und man hat immer mehr Verantwortung übernehmen können. Das hat sich also ganz gesund entwickelt. Der Kinofilm war einfach die Krönung dessen, aber die Nominierung war natürlich eine schöne Überraschung. Was ich wirklich ganz toll fand, war, daß das Abaton Kino uns damals so unterstützt hat, weil wir nur dadurch auch den Verleih bekommen haben. Abaton hat damals gesagt: »Wir finden den Film so gut, wir spielen den jetzt gnadenlos jeden Tag.« Es gab ja nur eine Kopie. Und plötzlich war Härtetest der absolute Renner in Hamburg und wurde beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken gezeigt, wodurch der Verleih auf uns aufmerksam wurde. Daran sieht man - Abaton ist ja ein wichtiges Kino in Hamburg – wie ein Kinobetreiber einem Film auch helfen kann.

Ihr neuer Film Rendezvous basiert auf einem Theaterstück und ist selbst ein Kammerspiel in einem mehr oder weniger abgeschlossenen Raum. Welche Möglichkeiten bietet da die filmische Form im Gegensatz zur Bühne?

Bühne und Film unterscheiden sich vor allem in dem Punkt, daß man beim Film wesentlich kleiner spielt. Auf der Bühne gibt es nur die offene vierte Wand. Selbst bei einem Kammerspiel oder einer kleinen Bühne muß ich immer sehr weit in den Zuschauerraum senden, bis in die letzte Reihe, während ich beim Film alles sehr klein halten kann. Die Arbeit dort ist also sehr viel intimer.
Im Fall von Rendezvous war das sehr spannend, weil wir eigentlich kein Budget hatten. Für mich ist der Film ein Experiment, und wir mußten uns im Vorfeld sehr genau überlegen, wie wir dieses Experiment gestalten wollen. Die Idee war, daß wir immer große Sequenzen spielen, was beim Film ja eher ungewöhnlich ist. Ich habe zum Beispiel gerade einen Actionfilm gemacht, und da sind die Auflösung und die Schnittfrequenz so hoch, weil einfach Tempo gemacht werden muß, daß man oft nur kleine Fitzelchen spielt.
Bei Rendezvous haben wir sehr lange Sequenzen gespielt, manchmal bis zu zehn Minuten. Wir waren vier Leute, und die Kamera ist bei den einzelnen Durchläufen immer mit einer Person gegangen, dann meistens noch ein-, zweimal auf Details, und einmal sind die Szenen weit im Raum gefilmt, also relativ total. Das war natürlich eine große Herausforderung, weil alle immer hundertprozentig mitgespielt haben. Denn die Kamera konnte auch mal irgendwo anders hinschwenken und dich überraschen. Das war eben nicht das typische Schuß-Gegenschuß, bei dem man oft, wenn man anspielt, nicht hundert Prozent gibt, weil man sich die Kraft sparen möchte für die eigene Großaufnahme. Solche Sachen sind hier weggefallen, insofern war es schon eine sehr besondere Art zu arbeiten.

Wie geht man als Schauspieler mit einer so agilen Kamera, die sich einmischt, um – empfindet man sie als Fremdkörper oder als Mitspieler?

Ich sage mal: Man flirtet mit der Kamera. Natürlich schaue ich in den wenigsten Filmen direkt in die Kamera, aber sie gehört einfach dazu. Ich würde sie einfach als Mitspieler sehen, das ist eigentlich ein ganz treffendes Wort. Sie ist wirklich dabei, sie ist kein Fremdkörper – sonst könnte man sich ja auch nicht so öffnen. Und deswegen hat es höchstens mal überrascht, wenn gesagt wurde: »Die Kamera geht jetzt mit dieser oder jener Figur mit«, und sie dann doch einer anderen Figur folgte, weil dort der spannendere Moment entstanden war. Manchmal hat man das auch angesprochen: »Da und da wäre es ganz gut, wenn Ihr das mitfilmen würdet«, aber man vertraut ja auch der Zusammenarbeit und der ähnlichen Empfindung für die Wichtigkeit der Szene.

Wie hat sich das Ensemble auf den Kammerspielaspekt vorbereitet?

Wir alle, also die Schauspieler, waren sehr von dem Buch überzeugt. Ich glaube, sonst wäre das Projekt gar nicht zustande gekommen. Es war einfach ein wahnsinnig gut geschriebenes Stück. Und das hat uns alle animiert mitzumachen. Deswegen wurde am Text überhaupt nichts geändert. Die Vorlage war also eher vergleichbar mit dem Theater, wo man sagt: »Wir nutzen jetzt diesen Text.« Sie ist keine heilige Sache, aber wir hatten erst einmal sehr großen Respekt vor dieser Vorlage. Ich habe es bei anderen Projekten oft erlebt, daß man noch sehr viel am Drehbuch ändert - manchmal auch mit den Autoren. Dort ist das Skript eine Vorlage, an der man noch arbeitet, und das war in diesem Fall überhaupt nicht so.
Die Dreharbeiten selbst waren auch vergleichbar mit dem Theater – eben weil wir kein Stückwerk, sondern große Sequenzen pro Tag gedreht haben. Wir haben uns immer nachmittags getroffen und das Pensum, das wir an dem Tag schaffen wollten, erst gesprochen und dann vier, fünf Stunden lang geprobt. Die Kamera war bei den Endproben auch dabei. Danach hat man ungefähr besprochen, wie aufgelöst wird und wie die Kamera mitgeht. Der Ton hat sich überlegt, welche Wege er benutzen kann, so daß er nicht im Bild steht, und dann erst wurde angefangen mit dem Drehen.

Die beklemmende Atmosphäre wird vor allem durch die ständig den Blickwinkel ändernden Schnitte erzeugt. Beziehen Sie die Montage gedanklich in Ihr Spiel ein? Und gab es beim Drehen der langen Sequenzen schon ein Konzept, wie diese beim Schnitt wieder aufgesplittet werden könnten?

Das ist immer so eine Sache, weil der Schauspieler und der Cutter so wahnsinnig wenig miteinander zu tun haben. Deswegen ist es interessant, sich mit Cuttern näher zu unterhalten, um auch einmal deren Sicht genau beschrieben zu bekommen. Es ist tatsächlich so, daß ich als Schauspieler nicht an den Schnitt denke. Bei Rendezvous hat mir ganz besonders Spaß gemacht, daß wir diese langen Momente gedreht haben, man konnte richtig Bögen spielen. Und ich glaube, dadurch, daß die Kamera immer mit einer Person mitging, ist schon sehr viel im Schnitt passiert. Da hatte man all die Vorlagen und hat dann geschaut, wie man das zusammenbringt.
Es wurde bei diesem Film auch extrem lange geschnitten – eben weil hier ein anderes Konzept vorlag. Es gibt ja auch Regisseure, die ihren Film schon ganz klar im Kopf haben. Ich habe zum Beispiel gerade mit Mickey Rowitz gedreht, und der hat die Szenen teilweise so niedrig aufgelöst, daß der Cutter wirklich nur die Möglichkeit hat, die Rowitz ihm in den Schneideraum legt. Da gibt es nicht mehr wirklich viele Freiheiten. Was sicherlich auch seine Qualität hat, es ist einfach nur sehr unterschiedlich.

Sie haben zu Beginn Ihre filmischen Anfänge beim Kurzfilm erwähnt. In Ihrer Filmographie findet sich dieses Format auch später noch immer wieder. Was reizt Sie an dieser Form? Bietet der Kurzfilm einem Schauspieler Möglichkeiten, die man im Langfilm nicht hat?

Wenn sie gut geschrieben sind, faszinieren mich Kurzfilme sehr, weil sie einfach ganz knapp erzählte Geschichten sind, die ja fast nie als Langfilm funktionieren würden. Solche Versuche gibt es zwar manchmal, aber der Kurzfilm ist schon ein ganz besonderes Format – insbesondere, wenn er eben nur um die zehn Minuten lang ist. Außerdem ist ein Kurzfilm eine gute Möglichkeit, einen Regisseur kennenzulernen. Meistens sind das ja die ersten Arbeiten von Leuten, und man hat nur ein paar Tage miteinander zu tun. Wenn es nicht gut läuft, hat man Pech gehabt, aber dann war auch der Aufwand relativ gering. Ich hatte immer Glück – gerade bei Franziska Meletzky, mit der die Zusammenarbeit wahnsinnig viel Spaß gemacht hat und mit der ich eine gemeinsame Sprache gefunden habe. Dann kann man so eine Zusammenarbeit auch fortsetzen. Und das finde ich bei Kurzfilmen eine schöne Herausforderung.

Zu Ihren zuletzt abgeschlossenen Projekten zählen eine Komödie, ein Actionzweiteiler und ein Drama. Achten Sie bei Ihrer Rollenwahl darauf, in möglichst unterschiedlichen Genres zu arbeiten?

Das ist natürlich auch immer ein bißchen Glück, was einem so angeboten wird. Mir machen eben alle Genres Spaß. Mit dem Regisseur Thomas Stiller habe ich Der Junge ohne Eigenschaften gedreht. Das ist wieder ein Film mit relativ kleinem Budget. Thomas hatte ein Drehbuch geschrieben und wußte auch schon ganz genau, wer was spielen sollte: Marek Harloff ist der Junge ohne Eigenschaften, Peter Lohmeyer sein Vater und Dagmar Manzel seine Mutter. Ich bin seine Freundin, und Jürgen Schornagel ist mein Vater. Wir hatten an Geldern nur die Hamburger Filmförderung, aber es war sehr schwierig, uns zeitlich alle unter einen Hut zu bekommen. Deshalb haben wir Anfang des Jahres gesagt: »Jetzt haben wir die eine Förderung. Wenn wir es jetzt nicht machen, dann wird es wieder ein Jahr dauern.« Und so haben wir diesen Film auch mit relativ wenig Geld gestemmt.
Der Fernseh-Zweiteiler Tornado war der erste Actionfilm, den ich gemacht habe. Bei mir ist es so, daß, wenn ich gerade eine Komödie gedreht habe, ich keine Lust habe, gleich wieder eine Komödie zu spielen. Und bei Action ist es genauso: Wenn man einmal Action gemacht hat und das so hoch aufgelöst ist und man Dinge so wahnsinnig oft wiederholen muß, dann freut man sich zum Beispiel wieder auf ein Kammerspiel. Ich versuche, das immer ein bißchen abwechslungsreich zu halten. 1970-01-01 01:00
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