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Florian Lukas

Respekt!

Florian Lukas gehört zu den ausdruckstärksten Schauspielern der jüngeren Generation. Seine Darstellung quirliger, hyperaktiver Draufgänger (Der Eisbär und Absolute Giganten) fesselte den Zuschauer, dennoch ließ er sich auf diese Rollen nicht festnageln. Lukas beweist ein breites Spektrum an Wandlungsfähigkeit und überzeugt in seinem ersten Lead als Videovoyeur in Zoom.


Du bist 1973 in Ost-Berlin geboren und hast bereits seit Anfang der 90er gedreht. Wie kam der erste Kontakt zustande, und war es immer schon Dein Wunsch, Schauspieler zu werden?

Zur Schauspielerei bin ich eher aus Langeweile gekommen. Ich war nie ein Film- oder Theaterfreak. Mit 17 fing ich dennoch an, Theater zu spielen. Kurz nach der Wende stellte die DEFA drei jungen Regisseuren Gelder zur Verfügung, um ihre ersten Filme zu drehen. Einer dieser drei war Peter Welz, der damals auf der Suche nach jungen Darstellern die Theater abklapperte und mich dort entdeckte. Mit ihm drehte ich 1990 meinen ersten Film »Banale Tage«. Den Film sah leider kaum jemand. Er spielt in der DDR der 70er Jahre, was damals wohl kein gutes Thema für einen Film war.
Dann ging ich wieder zur Schule. Zwei Jahre später sprach mich erneut Peter Welz an, um »Der kleine und der alte Mann« für den SWR zu realisieren. 1994 nahm mich dann in Babelsberg die Filmhochschule auf. Der Studienbeginn fiel zusammen mit den Dreharbeiten zu Ex, einem Film, der für mich im Nachhinein sehr wichtig war. Da man aber während des Studiums ein zweijähriges Spielverbot bekommt, bin ich dort ausgestiegen und nahm mir vor, es ohne Ausbildung zu versuchen, mich durchzubeißen. Jetzt, sieben Jahre später, bin ich immer noch froh, mich damals so entschieden zu haben.

Wie kam es zu »Ex«? Du mußt ziemliches Vertrauen in den Film gehabt haben, immerhin gabst Du die Schauspielschule deswegen auf. Es war Mark Schlichters Debüt, und er war noch vollkommen unbekannt – ein großes Risiko…

Es handelte sich um eine Verkettung glücklicher Umstände. Nicole Kellerhals arbeitete damals beim MDR, und ich ging auf ihre Empfehlung zum Casting. Es war nach der Schule schon eine ziemliche Umstellung für mich. Aber am Set herrschte während des gesamten Drehs so eine manische, exzessive und optimistische Stimmung, daß ich niemals an der Entscheidung für diesen Film und gegen die Schauspielschule zweifelte. Die Geschichte war damals auch sehr aktuell, sie verband viel mit der damaligen Zeit: Orientierungslosigkeit bei Jugendlichen, Darstellung von Crashkids. Ich ging an den Film mit einem unheimlichen Enthusiasmus heran, und die Dreharbeiten stellten im Endeffekt doch eine ziemliche Tortur dar, auch weil es als eine Low-Budget-Produktion lief. Es war wohl der anstrengendste Film, in dem ich je mitgewirkt habe, aber ein einschneidendes Erlebnis.

Danach ist bei Dir eine Art Zweigleisigkeit zu beobachten. Auf der einen Seite drehtest Du viel fürs Fernsehen, unter anderem »Tatort« oder »Polizeiruf 110«. Andererseits arbeitest Du viel mit jungen Regisseuren. Brauchtest Du das als Gleichgewicht? Wie empfandest Du die Unterschiede?

1994 stand ich noch sehr am Anfang und habe viele Serien gedreht. Dabei verdiente ich etwas Geld, lernte aber durch diese ganze Serienmühle schnell zu arbeiten. Ich spielte zum Beispiel eine ganze Staffel von »Unser Lehrer Dr. Specht«, das war alles in allem eine sehr gute Schule. Beim Film hast du einfach mehr Zeit, an einer Geschichte zu arbeiten, beim Fernsehen muß alles sehr schnell gehen.

Parallel kamen aber auch immer Studentenfilme dazu. Ich bin ein Schauspieler, der mittlerweile den Ruf genießt, auch mal Filme für wenig Geld zu machen. Ich finde einfach den Enthusiasmus der Studenten, die noch nicht von der Branche zermürbt worden sind, sondern noch frisch an ihre Filme herangehen, ansteckend. Dazu kommt, daß ich einer Generation angehöre – oder zumindest so aussehe – deren Leben in vielen Filmen im Mittelpunkt steht.

Hattest Du in diesem Zusammenhang, vor allem auch bei Deinen späteren Rollen in Absolute Giganten und »Der Eisbär«, keine Angst, in eine gewisse Schublade gesteckt zu werden?

Doch, natürlich. Aber erstmal ist es wichtig, überhaupt einen guten Job zu bekommen. Ich will letztendlich schon vermeiden, immer dieselben Typen zu spielen, also diese Charaktere Anfang /Mitte zwanzig, die mal richtig auf die Kacke hauen wollen. Die Figur in »Der Eisbär« besaß zu wenig Raum, um sich zu entwickeln. In Absolute Giganten versuchten wir schon, auch leise Szenen einzubauen, anhand derer den Figuren ihre Eindimensionalität genommen wird. Ich ging bei diesem Film voll in meiner Rolle auf. Ich denke, man muß die Figuren, die man spielt, lieben. Selbst in lächerlichen Szenen sollten sie nicht zu Vollidioten mutieren, es sollte immer ein gewisser ernster Hintergrund vorherrschen. Das ist uns, denke ich, auch gelungen.

"Zoom« ist Dein erster Leading Part in einer größeren Produktion. Wie war denn die Umstellung? Immerhin stehst Du in den meisten Szenen im Mittelpunkt. Was ist das für ein Gefühl, wenn man weiß, daß das Gelingen des ganzen Films in großem Maße von einem selbst abhängt?

Am Anfang besaß ich sehr viel Respekt vor der Tatsache, daß die Figur den Film tragen soll. Man muß aber jegliche Bedenken abschütteln, sonst funktionieren der Film und erst recht die Rolle nicht. Ich denke, wenn man sich schon vorher in die Rolle hineinarbeitet und sich darüber im klaren ist, wie man sie spielen will, dann ist das eine sehr gute Voraussetzung.

Die Figur, die ich in »Zoom« spiele, ist ein autistischer und einsamer Mann, der durch einen ungewollten Kontakt in eine normalere Welt geführt wird. Ich möchte in meiner Darstellung vor allem betonen, daß es die Gemeinsamkeit mit Menschen – Liebe, wenn man so will – ist, die eine Befreiung aus der Isolation möglich macht. Ich habe versucht, meine Figur so anzulegen, daß diese Verwandlung vom Einsiedler zum aktiv teilnehmenden Mitglied der Gesellschaft deutlich wird.

Noch ein paar Worte zu Deinem Verhältnis zur Kamera. Spielst Du gerne mit der Kamera? Was für eine Bedeutung hat sie für Dich?

Ich bin generell sehr interessiert an den technischen Aspekten des Filmemachens, deswegen schaue ich bei meinen Filmen auch gerne mal den Cuttern und auch dem Kameramann bei ihrer Arbeit zu. Bei »Zoom« spielte ich sehr viel mit der Kamera, das ergab sich ja auch aus dem Thema des Films. Es ist natürlich angenehmer, mit anderen Darstellern zusammen zu agieren, aber ich sehe die Kamera schon als gleichberechtigt mit den Spielpartnern an. Deswegen versuche ich auch bei einer Produktion in der Regel, eine enge Beziehung zum Kameramann aufzubauen.

Was können wir in Zukunft noch von Dir erwarten?

Mit Hans-Christoph Blumenberg habe ich gerade ein Projekt abgedreht. »Planet der Kannibalen«, eine Art Science- Fiction- Film, der in einer Zukunft spielt, in der ein diktatorisches Regime an der Macht ist. Ich spiele eine Art Video-Terroristen, dessen Spezialität es ist, Videoaufnahmen zu fälschen, um diese Diktatur zu demoralisieren. Dazu kommt eine Liebesgeschichte, eine Invasion Außerirdischer – die Handlung ist ziemlich absurd, man kann sie nur schlecht in Worte fassen. Der Film ist in Schwarzweiß gedreht, wirkt daher sehr expressionistisch. Es war eine tolle Erfahrung, mit Blumenberg zu arbeiten. Er ist ein sehr ernsthafter und intellektueller Mensch mit viel Humor, unglaublich faszinierend. 1970-01-01 01:00
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