— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Peter Lohmeyer

Jedem den seinen

Von Nikolaj Nikitin, Oliver Baumgarten Die Heldenfiguren, die Peter Lohmeyer spielt, entziehen sich einer simplen Kategorisierung und kokettieren mit der Gunst des Zuschauers. Als Vater Lubanski in Das Wunder von Bern treibt Lohmeyer das Spiel mit der Sympathie auf einen vorläufigen Höhepunkt. Über den Reiz und die Problematiken des Heldendaseins in Deutschland sprach Peter Lohmeyer mit Nikolaj Nikitin und Oliver Baumgarten.


Herbert Lom antwortete einst auf die Frage, warum er so gerne Widersacher spielt: »Der Held wird nur geliebt.« Würdest Du zustimmen, daß es als Schauspieler spannender ist, die Rolle des Gegenparts zu übernehmen, weil diesem vom Zuschauer vielleicht sogar viel mehr Emotionen entgegengebracht werden?

Das hängt natürlich in erster Linie stark vom Drehbuch ab. Nimmt man etwa Spartacus oder den Gladiator, dann hat die Wucht solcher Rollen, wenn du sie spielst, sicherlich absolut ihren Reiz. Und in der Rolle als Gegenspieler mußt du dieser Wucht natürlich erst einmal etwas entgegensetzen können. Bei Amadeus beispielsweise hat dieses Zusammenspiel sehr gut funktioniert. F. Murray Abraham, der Salieri gespielt hat, bekam ja sogar im Gegensatz zu Tom Hulce als Mozart dann den Oscar – und danach war von ihm dann nicht mehr viel zu sehen. Aber ich würde so generell nicht sagen wollen, daß die Figur des Gegenspielers grundsätzlich spannender ausfällt. Zuviel hängt dabei vom Drehbuch ab und von der Freiheit in der Gestaltung der jeweiligen Figuren. Geht man vom Klischee des »guten Helden« aus, dann könnte sich natürlich schnell eine gewisse Müdigkeit, man könnte auch sagen: Langeweile einstellen, weil man im klassischen Fall genau weiß, daß der Held nun mal durchhalten muß, daß der Held überlebt, daß er am Ende die Frau bekommt usw. Vor allem braucht ein idealer Held, der mir zusagen würde, eine Volksnähe, die nicht gespielt ist, Intelligenz und Charme. Das ist es, was ich in den Drehbüchern suche und was sich in bestimmten Fällen wunderbar ergänzen läßt – wie etwa bei Adam Sandler, der seinen Charme über die Blödheit seiner Figur gewinnt. Und manchmal, wie meine Rolle in Der Liebhaber von Marc Rothemund, vereint sich beides in einer Figur. Zudem braucht ein Held für mich auch eine Risikobereitschaft. Er muß eine Schwelle als erstes übertreten, bevor dann die anderen folgen. Es ist immer spannender einen Helden zu sehen, der ein Risiko eingeht als der, der das Risiko scheut. Gute Beispiele sind Paul Newman in Haie der Großstadt oder Steve McQueen in Cincinnati Kid. Sie spielen ihre Helden mit derart vielen Brüchen, da kann so etwas wie Langeweile gar nicht aufkommen. Das sind Helden, die ihre Tiefe brauchen, ihre Fallhöhe, die brauchen ihre Brüche. Helden ohne Brüche interessieren mich nun ganz und gar nicht.

So wie James Bond etwa? Der hat überhaupt keine Brüche und braucht vielleicht deswegen extrem starke Widerparts, um in deren Düsternis zu glänzen…

…was aber selten gelungen ist. James Bond ist so übermächtig, da bleibt für die Gegenseite kaum Platz. Mit am besten gefiel mir Sag niemals nie, der Film, wo Sean Connery das Toupet wegfliegt. Da wurde mal mit dem Genre gespielt und diese Ernsthaftigkeit aufgegeben. Auch das Augenzwinkern gehört zu einem echten Helden dazu, finde ich, und dadurch verliert sein Gegenüber – gerade in den neueren Bond-Filmen – dann aber auch komplett die Chance, ihm das Wasser abzugraben. Ich hatte direkt ein bißchen Mitleid mit Gottfried John, den ich sehr schätze, als der in GoldenEye den Bösewicht gab.

Sind es vielleicht eher die Loser – wie etwa Dein Jojo in Dominik Grafs Spieler – Rollen, die einen als Schauspieler am meisten fordern, weil man in der Verkörperung eines Versagers in der Hauptrolle viel kräftiger um die Gunst des Zuschauers buhlen muß?

Ich suche in meinen Figuren immer zunächst nach der dunklen Seite. Ich möchte den Zuschauer auf die Seite der Hoffnungslosigkeit ziehen, um die dann folgende Entwicklung um so spannender und das Ende womöglich um so befreiender zu gestalten. Selbst bei Spieler ist es ja so, daß meine Figur dann doch sehr schnell Sympathien gewinnt. Das extremste Beispiel solcher Rollen fand ich als Lubanski in Das Wunder von Bern, den man zuerst verachtet, bis sich die Emotionen langsam wenden. Eine solch extreme Reise habe ich vorher in meinen Figuren noch nie unternommen, aber genau das ist es, was mich interessiert. Es ist dieses Spiel mit dem Zuschauer, das ich liebe, die Irritation, durch die Spannung aufgebaut wird. Assault – Anschlag bei Nacht oder Carlito's Way – da weiß man zunächst überhaupt nicht, woran man ist. Ich finde Sean Penn riesig in Carlito's Way. Penn ist übrigens einer meiner ganz persönlichen Helden. Jedenfalls geht es mir darum, mich in meinen Rollen nicht zu früh preiszugeben, ich will die Zuschauer nicht zu früh auf meiner Seite wissen. Je später sie umkippen, umso größer ist das Glücksgefühl und natürlich auch die Diskussionsfähigkeit über so einen Stoff. Ich versuche, mich in der Rollengestaltung so subjektiv wie möglich zu verhalten, in dem ich sage: Meine Empfindung ist die richtige. Auch wenn ich produziere, bin ich keiner, der sich bedingungslos auf die Masse einläßt oder sagen wir: auf den Massengeschmack – oder was ich mir darunter vorstelle.

Aber braucht ein Held nicht die Masse? Selbst ein Sean Penn, dessen politisches Engagement in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, definiert sich auch in seinen Figuren ein wenig darüber.

Sean Penn ist seit State of Grace mein Held. Ich bewundere seinen Mut zur Veränderung in der Ausgestaltung seiner Figuren und kann mir vorstellen, wie schwierig das gerade in Hollywood sein muß. Respekt davor und vor seiner Haltung, die er durchzieht. Eine Parallelität zu mir mag die Lust zur Verwandlung sein und dieses etwas Anarchische – und zwar in dem Sinne, daß ein Anarchist seine Bombe nicht werfen würde, wenn er nicht davon überzeugt wäre, daß die Masse irgendwann an ihn glaubt. Auch Michael Moore ist in gewisser Weise ein Held für mich. Ich kenne seine Arbeit schon lange und finde es irgendwie typisch, daß das Theater, das er jetzt abzieht, um sein Buch zu verkaufen, sofort wieder zu seiner Demontage führt. Diese Demontage von Helden, die in Deutschland Programm ist, finde ich problematisch.

Die aber führt ja letztlich dazu, daß als Konsequenz im deutschen Kino bis heute überhaupt kein klares Heldenbild existiert. Vom Nachkriegsfilm an waren ja alle Figuren mehr oder minder körperlos und trugen Schuld und Niederlage vor sich her, während Horst Buchholz und Hardy Krüger ins Ausland gingen.

Zum Thema aktuelles Heldenbild in Deutschland gäbe es zu sagen: »Unglücklich das Land, das Helden nötig hat«, wie Bertolt Brecht schrieb. Der weibliche deutsche Held ist zur Zeit Jeanette Biedermann, und das Pendant, obwohl um Meilen entfernt, ist Herbert Grönemeyer. Wenn es also so weit ist, daß Jeanette Biedermann zur Musikerin des Jahres gewählt wird, dann braucht Deutschland eben genau einen solchen Helden wie sie, ein Kunstprodukt, das Werbung für die Bundeswehr macht und bei Talentshows in der Jury sitzt. Jedes Land sucht sich die Helden, die es verdient. Werden sie nicht mehr gebraucht, dann werden sie zu Kleinholz gehauen. Dabei sind Helden doch eigentlich auch dazu da, um sich an ihnen festzuhalten. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap