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Dani Levy

Anja Franke, Dani Levy in Du mich auch

Ein Alptraum. Ein Killer

Von Frieder Schlaich Schon am Debüt lassen sich Talent, Vision und Ausdruckskraft eines Regisseurs erkennen. Viele Debütfilme bekannter deutscher Filmemacher sind allerdings – zu unrecht vergessen, verkannt, übersehen – lange nicht zugänglich gewesen. Um diese Lücke zu schließen, starten die Filmgalerie 451 und der »Schnitt« eine DVD-Edition mit dem Titel »Debütfilme«. Den Anfang macht Dani Levys »Du mich auch«. Im folgenden präsentieren wir exklusiv einen Auszug aus dem Gespräch zwischen Frieder Schlaich und Dani Levy, das in voller Länge auf der am 29. Januar 2007 erscheinenden DVD enthalten ist (hier zu bestellen).


Laß uns doch bei der »Roten Grütze« anfangen. Wie war denn das in den 80er Jahren?

Ich war in Basel ja kurzzeitig ein Theaterstar – am Jugendtheater. Wir haben Stücke von deutschen Kinder- und Jugendtheatergruppen gespielt, zum Beispiel von Grips oder der »Roten Grütze«. Ich habe mir dann einmal ein Original der »Roten Grütze« bei einem Gastspiel in Freiburg angeschaut und war total verliebt in die Gruppe. Das ganze Lebensgefühl hat mich so nachhaltig beeindruckt, daß ich den Wunsch gespürt habe, mit denen zu arbeiten. Und zwar in Berlin, nicht im langweiligen Basel. So angefreakt bin ich dann da angekommen, mit einem Schlafsack, in dem ich ein Jahr lang in Amerika draußen geschlafen hatte. Zu der Zeit begann die Liebesgeschichte mit Anja Franke. Ich habe dann eine Weile lang bei der »Roten Grütze« mitgespielt, bis ich mich mit denen überworfen hab. Und dann haben Anja und ich angefangen, die ersten Skizzen und Szenen für »Du mich auch« zu schreiben.

Wieso ein Film und kein Theaterstück?

Weil wir Filmfreaks waren. Ich bin völlig ohne Kino und die meiste Zeit meiner Jugend auch ohne Fernsehen aufgewachsen. Ich glaube, ich habe keinen Film gesehen, bevor ich 18 oder 19 war. Dann bin ich 1980 nach Berlin gekommen, und es ging für mich das Kinogehen los. Tarkovski, Nouvelle vague und viele russische oder osteuropäische Filme – Sachen eben, die man nur in kleineren Kinos sah. Sie waren für uns total wichtig, und wir dachten: Kino, das muß es sein.

Über »Du mich auch« wird ja immer geschrieben, daß er so naiv sei oder so verspielt. Aber Ihr wußtet schon ziemlich viel über Filme: mit diesen Bildern, diesem Slapstick, dem Timing, der Musik.

Schon, aber es war trotzdem wirklich absolut autodidaktisches First-Time-Directing. Ich hatte nie Regieassistenz gemacht. Es war Filmemachen nach meiner Erfahrung vom Kinogehen, instinktives Filmemachen und eben auch, das ist ein wichtiger Punkt, nicht mit dem Anspruch, gut zu sein. Das war so eine Schule der »Roten Grütze«: Ein künstlerisches Produkt mußte nie perfekt sein. Ich war dann sehr stark mit dem Schnitt beschäftigt, mit Bettina Böhler, monatelang. Wir haben uns fast aufgefressen, weil wir uns teilweise so gehaßt haben. Für mich war das mein erster Film, ich habe gelernt. Sie saß da als alter Profi, neben ihr so ein junger Regisseur, der gesagt hat: »Nee, hier noch vier Bilder weg.« Und dann noch Helmut Berger, der sehr viel Kameraauflösung mit reingebracht hat und ganz eigenwillige Ideen hatte. Daß sich die Kamera verselbständigt; einfach so einen Rundschwenk macht – im Puff zum Beispiel – und dann bei mir landet, wie ich keinen hochkriege. Solche Sachen waren Kunstkino, aber mit Spaß entwickelt.

Was war denn relevant für Euch, wenn es nicht das perfekte Filmemachen war? War es eher das Thema oder die Liebe zu Anja? Was hat Dich damals motiviert, diesen Film zu machen?

Liebe. Heute ist das Schokolade, früher war das Liebe. Oder wie hat die »Rote Grütze« gesagt: »Alle ficken, wir reden darüber.«

Es war ja auch die Zeit von Wenders und Herzog, von anspruchsvollem Autorenkino. Wie habt Ihr das denn umgesetzt, finanziert und rausgebracht?

Die Entstehungsgeschichte von »Du mich auch« war ein Alptraum, ein Killer. Hat Anja und mich auch auseinandergebracht, weil es einfach nicht geklappt hat. Wir hatten überhaupt keine Spur, wie wir es machen könnten; und es gab damals ja auch kein Mini-DV, mit dem man so einen Film einfach hätte drehen können.

Aber das ist doch ein Punkt. Warum gibt es denn heutzutage solche Self-Made-Filme nicht mehr?

Tatsache war, daß wir einen schönen Kinofilm machen wollten, und 16mm war das Mindeste, aber gleichzeitig wahrscheinlich auch das Ende des Horizonts. Wir sind durch die Redaktionsstuben gereist und haben Szenen aus dem Drehbuch vorgespielt. Zum Beispiel die erste Aufwach-Szene, wo ich denke, ich kann fliegen: Wir haben die Hose ausgezogen und dort auf dem Teppich diese Morgenszene gespielt. Das war sicher unvergeßlich in den Karrieren dieser Redakteure. Aber nur einer hat sich von dem Spiel erweichen lassen oder vielleicht auch einfach nur ja gesagt, damit wir aufhören, Marin Schassmann vom Schweizer Fernsehen. Das war das erste Geld, das da war. Damit haben wir Du mich auch gedreht. In 25 oder 27 Drehtagen, 16mm Schwarzweiß, mit einem richtig kleinen schönen Team.

Eine Stärke des Films ist, und das hat sich in Zucker auch fortgesetzt, daß Du die Figuren zwar irgendwo karikierst, aber sie trotzdem immer sehr sympathisch bleiben. Man merkt, daß Du sie magst.

Ja, das ist eine ernsthafte Karikatur, wenn überhaupt, eine Überzeichnung der Figuren. Und es war immer wichtig für uns, daß realistisch gespielt wurde, wenn auch zugespitzt und sehr naiv. Anja Franke ist zum Beispiel eine völlige Autodidaktin als Schauspielerin. Und ich ja auch. Das merkt man, es ist sehr holprig gespielt und trotzdem hat es Charme. Es ist unperfekt.

Ein Drehbuch hattet Ihr aber schon, oder? So improvisiert war es nicht.

Nee, gar nicht. Es war überhaupt nicht improvisiert. Das Interessante war ja, daß der Film für viele junge Filmemacher oder Leute, die Filme machen wollten, ein richtiges Vorbild war, denn sie hatten alle das Gefühl, es ist ganz einfach. Der Film strahlt aus: Es kann eigentlich jeder Filme machen. Das finde ich so toll daran. Weil er eben nicht abschreckt durch eine hermetische oder perfektionistische Oberfläche; er ist durchlässig, offensichtlich und naiv. Er zeigt seine Schwächen und Fehler.

War es denn eingeplant, daß so viel Musik drin ist? Was ja sehr beim Tempo hilft.

Die Musik war von Niki Reiser, mit dem ich bis heute alle meine Filme mache. Tolle, eigenwillige Musik. Das war seine erste Filmmusik, davor war er auf der Jazzschule in Boston. Ich kannte ihn von Ferne aus der Jugendzeit und hatte auch schon mal unbewußt bei einem Super8-Film seine CD verwendet. Das war unsere erste Distanz-Zusammenarbeit, und für »Du mich auch« habe ich ihn dann direkt gefragt, ob er nicht Lust hat, die Musik zu machen. Das war natürlich superaufregend, mit Studioaufnahmen und Musikanlegen, noch mit den alten Bandmaschinen.

Das ist ja das Tolle an dem Film, daß man es ihm nicht ansieht. Aber wenn man genau hinguckt, ist er überhaupt nicht hingerotzt. Und wenn Du jetzt erzählst, was da schon alles drinsteckte – dann bist Du doch ein kleiner Perfektionist.

Ja, ich bin schon Perfektionist, es muß eben nur nicht gelehrt aussehen. Zum Beispiel die Flugaufnahmen: Wir waren an so einem billigen Kran aufgehängt, auf der Straße, natürlich ohne Bewilligung. Wir also in diesen komischen Hemdchen und Unterhosen an so einem schmerzhaften Bergsteigergurt, frierend durch die Stadt fliegend. Und dann sieht man die Seile – das macht den Charme des Films aus, gerade daß man die Seile sieht. Und das ist eben nicht mehr und nicht weniger als eine Momentaufnahme und muß nicht so sein, als hätte man schon 20 Filme gemacht, sondern es sieht aus wie ein erster Film und ist ein erster Film. Der erste Film ist schon etwas Besonderes. Weil er wirklich das erste Mal für uns war, wie eine Entjungferung.

Weißt Du noch, wie Du ihn das erste Mal mit Publikum gesehen hast? Warst Du im Kino?

Natürlich. Das war etwas sehr Besonderes. Und es war eine ganz tolle Stimmung. Die Leute haben unheimlich viel gelacht, auch an Stellen, die ernst gemeint waren. Man lacht eben auch über Dinge, die gar nicht lustig sind, weil man etwas wiedererkennt, weil es etwas Rührendes hat. Komödie ist nicht immer Kalkül. Es hat etwas mit der Haltung zu tun, und wenn ein Film eine befreiende Stimmung hat, im Sinne von »Ich fühle mich wohl, kann mich entspannen und lache, weil ich frei bin, nicht manipuliert werde, etwas Durchlässiges spüre und der Film mich nicht plattwalzt«, dann ist das auch ein Moment von Komödie.

Wolltest Du mit den Filmen danach ernster genommen werden, bewußt ein schwereres Kino machen, oder kam das einfach so aus einer Stimmung?

So ein Leben ist ja verdammt lang, und man durchläuft viele Phasen, Geschmäcker, Eindrücke und Inspirationen. Künstler sind oft aufnahmefähige, sensible und wißbegierige Geschöpfe. Ich speichere ganz viel. Sachen, die ich mir angucke, auf Filmfestivals, in Kino oder Ausstellungen, Bücher, die ich lese. Manchmal gibt es bewußte Vorbilder oder Inspirationsquellen. Bei »Du mich auch« hat bestimmt Godard Pate gestanden, mit »A bout de souffle« – ein Film, den ich super fand. Gerade auch in der Alltäglichkeit der Begegnungen – und so eine super anarchistische Dramaturgie. Jeder Film hat seine Inspiration, und das hat nichts mit Kopieren oder Nachmachen zu tun. Man muß das Rad ja nicht neu erfinden, wir leben in einer Großfamilie der Filmemacher. 1970-01-01 01:00
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