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Dani Levy

Alles auf Zucker! von Dani Levy

Kein Botschafter in jüdischen Belangen

Von Frank Brenner Am 16. 1.2005 war der in Berlin lebende Schweizer Regisseur Dani Levy zu Gast im Aachener Apollo-Theater, um seinen neuen Film Alles auf Zucker! vorzustellen.


Warum haben Sie sich jetzt dazu entschieden, einen Film zu inszenieren, in dem der jüdische Glaube im Mittelpunkt steht, nachdem Sie das in früheren Werken häufig schon einmal am Rande thematisiert hatten?

Ich bin der Meinung, daß es auch hier letztlich nicht im Mittelpunkt steht. Alles auf Zucker! ist ja kein Film über Glauben, also kein Religionsfilm. Der jüdische Glaube ist lediglich das Milieu, in dem er spielt. Für mich ist es ein Spielerfilm, eine Familienkomödie. Das Judentum ist dabei das Setting, wie man so schön sagt. Und das habe ich deswegen gemacht, weil so etwas in Deutschland bislang fehlt. Wir leben in einem kulturell gesehen provinziellen Umfeld. Wenn man sich in Frankreich, England, den USA oder in Italien Filme anschaut, beschäftigen sich diese mit anderen Kulturen, das gehört dort zum Alltag. Diese so genannten Cross-Cultural-Comedies laufen ja dann auch bei uns, so wie Bend It Like Beckham beispielsweise. Das sind Filme, die sich auch um ein anderes Leben kümmern als um das unmittelbar bekannte, das des 08/15-Kinozuschauers. Darin werden auch andere Räume der Gesellschaft ausgeleuchtet, und das gibt es aus Deutschland bislang eben sehr selten. Es fängt hierzulande gerade erst an mit Filmen wie Gegen die Wand, in denen man sich mit anderen Gesellschaftsschichten und Kulturen beschäftigt. Auch wenn es jetzt ein wenig missionarisch klingt, aber für mich war es wichtig, nicht nur vom didaktischen Standpunkt aus, sondern auch vom Spaß her gesehen, daß man auch mal wieder einen Film über Leute sieht, die per se lustig sind.
Ich bin kein Botschafter in jüdischen Belangen. Ich muß gestehen, daß ich ganz naiv an die Sache herangegangen bin. Ich habe zuerst einmal gedacht, ich mache eine schöne Familienkomödie, das stand für mich im Zentrum. Andererseits wollte ich so etwas schon lange einmal machen. Die Sehnsucht ist in mir gestiegen, mal jüdische Figuren zu nehmen, weil ich eben selbst Jude bin und weil ich viele jüdische Menschen kenne und weiß, daß die unglaublich filmogen sind. Ich meine das nicht nur im visuellen Sinne, sondern auch, was ihren Charakter betrifft. Diese Tragikomik, die Selbstironie, der böse Humor, Familienstrukturen, die durchaus komödiantisch sind usw. – das bietet mir die Möglichkeit, mit solchen Figuren und über solche Figuren eine schöne Komödie zu machen, weil sie einfach zu einer Komödie passen. Mir war zunächst gar nicht bewußt, wie kompliziert das gesellschaftlich eigentlich ist. Ich habe das viel selbstverständlicher gesehen, weil ich seit 25 Jahren als Jude in Deutschland wohne und mich hier völlig zugehörig empfinde, ich fühle mich hier nicht anders.

Wobei das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden ja noch immer nicht unkompliziert ist…

Natürlich nicht. Ein Land, das sechs Millionen Juden umgebracht hat, kommt zwangsläufig zu einem beschwerlichen Verhältnis. Das wird sich auch nicht so schnell ändern, das vererbt sich von Generation zu Generation. Mit jeder Generation wird das spätestens im Schulunterricht von neuem durchgepaukt bis zum Gehtnichtmehr. Viele können das deswegen überhaupt nicht mehr hören, aber trotzdem, im Unterbewußtsein, vererbt sich natürlich auch das Schuldgefühl und das schlechte Gewissen. Und je weniger man als Kontrast dazu Kontakt mit jüdischem Leben hat, desto größer wird diese Kluft. Und den Kontakt mit Juden gibt es ja in Deutschland so gut wie nicht, kaum jemand hat einen Juden in seinem Freundes- oder Bekanntenkreis, man trifft ja auch nicht so schnell auf einen. In dem Sinne haben wir hier keine multikulturelle Gesellschaft, das einzige, was man wirklich trifft, sind Türken und Italiener. Deswegen ist dieses schwierige Verhältnis entstanden, das sehr verkrampft ist. Viele Leute haben eine unbewußte Angst und Scheu, mit Juden und Judentum in Berührung zu kommen. Diese Situation wollte ich einfach mal entspannen.
Kino sollte im Idealfall wirklich auch etwas Befreiendes haben. Kino ist ein Ort, in dem man bestimmte Sachen loslassen kann. Kino ist ein dunkler Ort, in dem man geschützt ist, mit anderen Menschen zusammen, in dem man sich auf eine Geschichte einlassen, seine eigene Meinung und sein eigenes Gefühl dazu bilden kann. Kino ist ein sehr freiheitlicher Raum, in dem ich mich persönlich sehr gut entspannen kann. Es ist ein Ort, an dem ich das Gefühl habe, daß ich mich richtig und in Ruhe mit etwas beschäftigen kann. Ich finde, daß ein Film wie Alles auf Zucker! die Chance gibt, Menschen, mit denen man ansonsten eben ein recht angespanntes Verhältnis hätte, auf der Leinwand zu begegnen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Ich wollte keinen Film machen, der in irgendeiner Form in diese deutsche Wunde greift. Ich wollte einen Film machen, der aufbaut und der den Menschen mit Humor und Selbstironie auch eine heilende Wirkung vermittelt. Dabei ist es dann auch egal, ob man Juden nimmt oder andere Menschen, mit denen man sich ansonsten nur mit großem Widerwillen beschäftigt.

Die Figuren sind überzeichnet, aber sie sind im Stil einer Komödie überzeichnet, ohne Ausnahme.

Genau, aber ich würde es nicht überzeichnet nennen. Sie sind einfach scharf gezeichnet. Eines der wichtigsten Mittel einer Komödie ist natürlich auch eine gewisse Klischeehaftigkeit und vor allem der dahinter stehende Mensch. Wenn's beim Klischee bleibt, ist man, glaube ich, gelangweilt. Wenn man aber zu der scharf gezeichneten oder überzeichneten Figur ein Gefühl aufbauen kann, dann funktioniert die Komödie. Nehmen wir beispielsweise die Figur des stotternden Thomas. Steffen Groth spielt diese Rolle, die fast karikaturistisch angelegt ist, so gut, weil der Zuschauer trotzdem mit ihm mitfühlen kann. Es ist eine total liebenswerte Figur. Man spürt auch, daß er mit dem Stottern ein Problem hat. Wenn man die Figuren eines Filmes mag, dann mag man doch in der Regel auch den Film. Wenn Figuren mit einer bestimmten Form von Verächtlichkeit oder Zynismus gezeichnet werden, wenn sich nur über Schwächen von Menschen lustig gemacht wird, wenn diese vom Publikum regelrecht ausgelacht werden. dann werde ich im Kino sauer. Für mich zumindest ist die Liebe zu den Figuren das wichtigste an einem Film.

Henry Hübchen liefert in dem Film gekonnt eine One-Man-Show. War er Ihre erste Wahl für die Rolle des Jaeckie Zucker?

Ja, im Prinzip schon. Wir haben natürlich zuerst einmal geschaut, ob es einen Ost-Berliner Juden gibt, jemanden, den man authentisch hätte besetzen können, aber wir haben schnell festgestellt, daß es den nicht gibt. Und dann war Henry Hübchen eindeutig erste Wahl. Ich kannte ihn auch nicht so gut, aber ich mochte ihn schon immer. Ich finde, er ist ein interessanter, gutaussehender Typ, der noch echten Schalk besitzt. Und ich finde, er hat auch Erotik. Er ist übrigens bei Frauen sehr beliebt, ein klassischer, älterer Romantic Hero. Gleichzeitig hat er aber auch so etwas Gebrochenes. Er stammt aus dem Osten und hat die Wende durchaus auch problematisch miterlebt. Er ist keiner dieser Erfolgsmitläufer, die sich sofort verkauft haben, sondern dem Theater treu geblieben, wo er auch schon komödiantische Figuren gespielt hat. Im Fernsehen hingegen wurde er meistens als Polizeikommissar oder Rechtsanwalt in ernsten Sachen besetzt. Hübchen ist ein physischer Komödiant, er spielt mit seinem ganzen Körper und mit seiner ganzen Intelligenz. Trotzdem sehe ich nicht so sehr die One-Man-Show, sondern für mich ist Alles auf Zucker! ein Ensemblefilm.

Der Humor ist ein gutes Mittel, um Brücken zu bauen. Im Film wird das eingesetzt für die Konfliktbewältigung zwischen Ost und West, zwischen orthodoxen und »angepaßten« Juden, aber auch in Bezug auf die Homosexualität, die zu Beginn des Films mit den beiden Krankenpflegern noch ins Lächerliche gezogen wird, später aber auch mit Jaeckies Tochter Jana thematisiert wird.

Ja, genau. Die beiden Krankenpfleger kamen übrigens in den Film, weil ich Pedro Almodóvars Hable con ella so gern mochte. Das sollte eine kleine Hommage an diesen Film werden. Ich kann immer wieder nur betonen, daß wir in dieser Gesellschaft kleine subversive Stachel brauchen, die man im Kino lancieren kann, um damit zu sagen: »Hey, wir sind nicht nur eine rein monokulturelle, heterosexuelle Gesellschaft!« Die Stärke, die wir hierzulande haben, das Tolle an unserem System, unsere Aufgeklärtheit, ist eben, daß Leute nach ihrer eigenen Façon hier leben können. Aber wir sind noch weit davon entfernt, auch mit Homosexuellen, eine Normalität zu haben. Man kann in Deutschland leben, wie man will, aber es ist trotzdem noch nicht wirklich normal. Ich finde, wir können dazu immer wieder einen kleinen Beitrag leisten. Ich wollte das mit den Krankenpflegern gar nicht lächerlich machen, wenn die sich küssen. Aber Jaeckie Zucker reagiert idiotisch, wenn er von den Schwuletten redet, die ihn da begrapschen. Und daß Jaeckies Tochter lesbisch ist, rührt daher, daß ich in meinem Umfeld einige Frauen kenne, die lesbisch sind. Die leben aber immer noch auf eine bestimmte Art im »closet«. Lesbisch zu sein erscheint mir in der Hinsicht sogar noch problematischer als schwul zu sein. 1970-01-01 01:00
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