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Jan Kounen

Kino ist Comic

Von Daniel Bickermann Der niederländisch-französische Filmemacher Jan Kounen bringt nach Dobermann (1997) mit Blueberry (ab 1.7.04) nun einen Film ins Kino, der auf einer Vorlage des Comiczeichners Moebius beruht. Daniel Bickermann sprach mit dem Regisseur, der selbst einst als Zeichner begann.


Wie kommt ein junger Comiczeichner zum Film? Das scheint heute weit verbreitet zu sein, die Wachowski-Brüder, Kevin Smith und Vincenzo Natali etwa waren auch Comiczeichner.

Ich denke, wenn man Comics zeichnet, will man Geschichten mit Bildern erzählen. Und was ist Film? Film ist genau dasselbe: Man hat Bilder, man hat eine Geschichte, nur man hat eben noch Ton dazu. Der Zusammenhang scheint logisch. Man muß ein Storyboard anlegen, und ein Comic ist einem Storyboard sehr ähnlich.

Zeichnen Sie die Storyboards für Ihre Filme selbst?

Früher fertigte ich alle meine Storyboards selbst an, heute mache ich nur noch sehr schnelle Zeichnungen, weil ich für ausführliche Storyboards keine Zeit mehr habe. Ich halte ihren graphischen Aspekt aber für sehr nützlich.

Wie sind Sie überhaupt vom Comic zum Film
gekommen?


Ich war auf einer Kunsthochschule und wollte eigentlich Comiczeichner werden. Aber einmal mußte ich eine Übung machen, nämlich einen Film drehen. Ich habe schnell herausgefunden, daß das für mich die beste Art war, Geschichten zu erzählen.

Worin bestehen Ihrer Meinung nach die größten Unterschiede zwischen dem Zeichnen eines Comics und dem Regieführen beim Film?

Der Hauptunterschied besteht natürlich darin, daß man als Comiczeichner auch selbst Ausstatter ist, Designer, Kameramann und Regisseur, man ist für Garderobe ebenso zuständig wie für Casting, Ausstattung und Schnitt. Wenn man dagegen einen Film dreht, muß man sehr respektvoll gegenüber den Menschen sein, die diese Bereiche leiten. Einen Kinofilm zu erschaffen hat viel mehr mit der Phantasie anderer Leute zu tun. Man muß lernen, seine Vorstellungen zu übermitteln, man muß für Vorschläge offen sein. Es ist eine kreative Gruppenarbeit. Außerdem glaube ich, daß einer der Hauptunterschiede zwischen Comics und Film heute darin besteht, daß das Kino auf dem Gebiet der Erzählung viel effizienter ist. Vielleicht wird sich das ändern, wenn man irgendwann ein holographisches Universum errichten und selbst Held des Abenteuers sein kann. Aber das Kino wird immer ein Erlebnis darstellen, nachdem es jetzt ein Jahrhundert lang auf seinem Gebiet führend war. Insofern glaube ich, daß das Kino Comic ist – und manchmal mehr in gewisser Weise, denn im Kino gibt es Bewegung, es gibt Ton und Musik. Andererseits kostet es sehr viel Geld, diese Art von Bildern zu schaffen. Ein Comic dagegen ist kostenlos. Ich habe Geschichten geschrieben, die ich eigentlich gerne in Filmen verwirklicht hätte, aber dann habe ich es mir anders überlegt und wollte Comics daraus machen. Denn dann könnte ich die unglaublichsten Sachen damit anstellen. Insofern wollte ich doch noch einmal zurück vom Film zu den Comics, nicht als Künstler, sondern als Erzähler. Und ich habe immer noch viel Spaß an Comics, sie sind gewissermaßen intimer als ein Film.

Ist die Verbindung zwischen Comic und Film eine französische Spezialität? Resnais ist Comicfan, Godards Charaktere lesen Comics, Kassowitz hat auch einen Moebius-Comic in einem Kurzfilm verarbeitet…

Das ist wahr. Ich glaube, die Franzosen haben eine besondere Art, Comics zu schaffen. Nicht wie die amerikanischen Comics, sondern offener, reichhaltiger. Nehmen Sie zum Beispiel »Metal Hurlant«, das war sehr kreativ. [Gemeint ist eine Comic-SciFi-Zeitschrift, die in den 70ern in Frankreich berühmt war und seit 1977 als »Heavy Metal« eine US-Version umfaßt. Für beide Magazine hat Moebius des öfteren gearbeitet. Aus dem Projekt sind die Filme »Heavy Metal – The Movie« (1981) und »Heavy Metal: FAKK2« (2000) entstanden. Das französische Magazin wurde 1989 eingestellt und erst 2002 wiederaufgenommen, das US-Format läuft mit ungebrochener Popularität bis heute.] In Frankreich gab und gibt es ein breites Spektrum an Stilen, genauso in Spanien übrigens. Ich selbst bin zwar nicht direkt mit »Heavy Metal« oder »Metal Hurlant« aufgewachsen, aber Moebius und all die anderen bilden natürlich auch meinen kulturellen Hintergrund.

Nachdem der Film Blueberry durch einen Comic inspiriert wurde, haben Sie versucht, einzelne Bilder aus der Vorlage im Film zu verwerten, oder gab es eine bewußte Entscheidung, diese Art von visuellem Zitat nicht zu verwenden?

Nun ja, im Grunde ist jedes Set, das ich entworfen habe, direkt von den Bildern im Comic abgeschaut. Auch das grobe Aussehen der Charaktere natürlich. Aber oft muß man an Originalschauplätzen drehen, da hat man keine Wahl, man kann sie nur ein wenig verändern. Szenen hingegen wie die im Gefängnis, habe ich wirklich genau wie im Comic entworfen. Und ich glaube, das funktioniert auch. Auch die Balance zwischen Mensch und Natur ist etwas, das in den Comics schon sehr wichtig war. Ebenso das Motiv des Adlers. Es gibt ein ganzes Album, in dem der Protagonist nach dem Adler sucht, und für mich war das eine schamanistische Idee, die ich ausdrücken wollte. Auch der Totenkopf in der Wüste ist eine Anspielung auf einen Charakter in den Comics. Man kann also viele Anspielungen auf die Vorlage in den unterschiedlichsten Momenten des Films finden.

Es gibt einen bestimmten ästhetischen Code, der generell mit Comics und Comicverfilmungen in Verbindung gebracht wird. Dazu gehören meist übertriebene Formen und bunte Farben. Obwohl Ihr letzter Film Dobermann nicht auf einem Comic basiert, scheint diese Ästhetik dort sehr prominent vorhanden zu sein. Bei Blueberry dagegen würde man nicht auf die Idee kommen, es wäre eine Comicverfilmung.

Bei Blueberry mußte ich eine Comicreihe in einen persönlichen Film übertragen. Dobermann dagegen hatte eine Buchvorlage, diese erschien mir aber immer wie ein lebendes Comicheft. Bei Blueberry wäre eine klassische Comicadaption für mich uninteressant und auch zu einfach gewesen. Wenn man einen Comic adaptiert, dann will man daraus ja etwas anderes machen, das ist Teil des Prozesses, daß man die Dinge nicht auf die offensichtliche Art macht. Aber es gab noch einen anderen Grund, nicht auf die Comicästhetik zurückzugreifen: Blueberry ist die Geschichte eines Mannes und seiner Beziehung zu seiner Umwelt. Es geht um eine schamanistische Erfahrung, eine animistische Vision vom indianischen Glauben, daß die Umwelt beseelt ist, ein Eigenleben hat. Deswegen wollte ich keine klare Einteilung von Vorder- und Hintergrund, zusammen mit meinem Kameramann habe ich sehr früh beschlossen, daß dies ein landschaftlicher Film werden sollte, mythisch, wie ein Gemälde. Ich wollte einen Baum genauso filmen, als wäre er eine lebende Person, oder auch eine Person so, als wäre sie ein Baum. Es sollte dasselbe sein. Im Comic ist das natürlich ganz anders, da hat man hauptsächlich einen starken Vordergrund, was wegen der kleinen Bilder ja auch nötig ist. Für Dobermann erschien das ebenfalls als die richtige Erzählweise, auch da gab es nicht viel im Hintergrund der Sets oder der Charaktere, nur Farben und Stimmungen; schon das Buch las sich insofern wie ein Comic. 1970-01-01 01:00
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