— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Nikolai Kinski

Die Bilder im Kopf

Von Oliver Baumgarten Der Schauspieler Nikolai Kinski im Gespräch mit Oliver Baumgarten über seine Rolle als Egon Schiele in Raoul Ruiz' Klimt, über die Bedeutung der Sprache für einen Schauspieler und über den neuen Film von Hal Hartley.


Wie würden Sie Ihr Verhältnis beschreiben zur Figur des Egon Schiele im Film Klimt?

Ich habe mich sehr viel mehr mit seiner Person beschäftigt als ich es sonst in der Vorbereitung auf Rollen tue, weil ich ihn so spannend fand. Dabei war eigentlich alles, was ich über ihn wissen mußte, in seinen Bildern, vor allem seinen Selbstporträts. Mir gefallen seine Bilder sehr. In den Gemälden von Gustav Klimt ist alles sehr voyeuristisch aufgebaut, man dringt nicht ein in die Welt dieser Frauen, man bleibt Beobachter. Schiele ist für mich genau das Gegenteil. Es geht um Konfrontation, du spürst, daß er immer im Raum ist. Vor Schieles Bildern zu stehen ist, als sei man er selbst in diesem Moment. Ich kenne keinen anderen Künstler, der mit seiner Kunst derart konsequent psychologische Dispositionen abgearbeitet hat – es sind so viele Ängste und Emotionen in seinen Bildern verewigt. Insofern brauchte ich, um Schiele zu spielen, nur die Bilder im Kopf zu haben und sie in Bewegung zu bringen.

Klimt ist nicht nur inhaltlich und seitens der Finanzierung, sondern auch bezüglich der Teilnehmer eine sehr bunte, international ausgerichtete Produktion. Wie war die Situation bei den Dreharbeiten?

Es gibt niemanden außer Raoul Ruiz, der einen solch internationalen Film machen und so die verschiedenen »flavours« von Wien einfangen könnte. Schon rein sprachlich findet sich im Film – und eben auch am Set – eine Kaisermelange an Akzenten. Internationaler als Klimt kann ich mir eine Produktion eigentlich nicht vorstellen.

Sie sind in den USA aufgewachsen und wohnen nun seit knapp drei Jahren in Deutschland. Die Erfahrung, in einer fremden Sprache zu arbeiten, haben Sie also häufiger schon gemacht. Was bedeutet das für einen Schauspieler?

Ich finde das eine sehr spannende Sache – John Malkovich übrigens auch. Er ist einer der wenigen amerikanischen Schauspieler, die das finden. Für die meisten anderen scheint das unvorstellbar, denn in einer anderen Sprache zu spielen beinhaltet von vorne herein auch die Möglichkeit des Scheiterns. Es ist einfach ein großes Risiko. Wer sich aber darauf einläßt, der kann wahnsinnig viel lernen und davon mitnehmen. Man muß am Anfang überhaupt erst einmal eine Beziehung zu den Worten aufbauen. Ein Satz wie »Ich liebe Dich« in Deutsch, also der mir fremden Sprache, hat mich zunächst natürlich nicht so getroffen wie in meiner Muttersprache Englisch. Man muß sich zunächst sehr viel mehr mit Inhalt beschäftigen, also detailgenau mit dem, was tatsächlich im Text drinsteckt. Hat man das irgendwann drauf, ist es sehr befreiend, Sachen auszuprobieren und sich so diese Sprache Stück für Stück zu erarbeiten. Letztes Jahr habe ich ein Hörbuch gemacht: »Selbstbezichtigung« von Peter Handtke. Das war wirklich ein umfangreicher deutscher Sprachkurs für mich. Ich bin seit fast drei Jahren in Berlin, aber eigentlich dort im letzten Jahr erst richtig angekommen – als ich nämlich die Sprache beherrschte. Mittlerweile denke und fluche ich auf deutsch, das ist das beste Zeichen, angekommen zu sein.

Neben zahlreichen Rollen in Deutschland haben Sie zuletzt auch in Fay Grim mitgespielt, dem jüngsten Film von Hal Hartley…

Ja, aber den hat er überwiegend in Berlin gedreht. Mit Hal Hartley habe ich mich sehr gut verstanden. Es ist ein sehr lustiger Film geworden, eine Spionage-Komödie und im Grunde eine Art zweiter Teil von Henry Fool. Bei der Auswahl meiner Rollen ist mir vor allem wichtig, daß mich interessieren muß, was ich tue. Seit ich in Europa lebe, habe ich sehr viel spannendere Projekte angeboten bekommen. Ich habe das Gefühl, man gibt in Europa Regisseuren viel mehr Vertrauen als in den USA – es traut sich keiner, die Visionen der Filmemacher zu zerstören, und das ist wunderbar. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap