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RP Kahl & Torsten Neumann

Euro-Fighter

Von Nikolaj Nikitin, Oliver Baumgarten Das Projekt »99 Euro Films« hat sich zum Ziel gesetzt, einen neuen Ansatz für das Filmemachen in Deutschland zu finden. Nikolaj Nikitin und Oliver Baumgarten sprachen mit Torsten Neumann, dem Leiter des Filmfests Oldenburg, der als Produzent von »99 Euro Films« verantwortlich zeichnet, und mit dem Regisseur RP Kahl, der als gesamtkünstlerischer Leiter und Filmemacher an dem Projekt beteiligt ist, über die Notwendigkeit eines neuen Denkens in der deutschen Filmproduktion und die Erfahrungen, die bei der Realisation eines solchen Projektes gemacht werden.


Torsten, welche Voraussetzungen und Erfahrungen bringst Du durch Deine Tätigkeit als Leiter eines unabhängigen Filmfestivals mit? Und wie hat Dir diese Erfahrung bei der Arbeit an diesem außergewöhnlichen Projekt geholfen?

Neumann: Meine langjährige Erfahrung mit dem Festival in Oldenburg hat mir den Blick dorthin geöffnet, wo Film ganz anders entsteht als in Deutschland, nämlich in Amerika. Die Filmemacher dort müssen ihre Arbeit oft aus eigener Tasche finanzieren und gänzlich andere Wege finden, Filme zu machen als in Deutschland. Das Filmfestival Oldenburg hat in den letzten Jahren gezeigt, daß wir diesen unabhängigen Spirit haben. Die deutschen Filmemacher schätzen das, und in Oldenburg treffen und finden sich gerade jene deutschen Regisseure, die auch auf diese unabhängige Weise Filme machen könnten und können. Aber das auch so konzentriert in einem Projekt wie »99 Euro Films« umzusetzen, in dieser extremen Variante, unabhängig von jeglicher Filmfinanzierung, wie man sie kennt, ist etwas gänzlich Neues gewesen.

Eine unabhängige Szene, wie Du sie beschreibst und wie wir sie uns in Deutschland schon immer wünschen, gibt es hier ja eigentlich noch nicht. Ist die Wahl der Regisseure bei diesem Projekt auch gleichzeitig eine Auswahl an Leuten, die das Potential hätten, eine solche Szene zu gründen?

Neumann: Ja. Natürlich haben RP und ich uns im Vorfeld Gedanken darüber gemacht, wer genau in solch ein Projekt hineinpassen würde und dementsprechend auch Menschen angesprochen, von denen wir glauben, daß sie in der Lage sind, bei so etwas mitzumachen. Allerdings – und anders hätte das auch nicht funktioniert – hat das Projekt plötzlich eine eigene Dynamik entwickelt. Man ist mit Leuten ins Gespräch gekommen, die von dem Projekt gehört hatten, und dadurch öffnet man natürlich auch selber seinen Blick und sieht weitere Filmemacher, an die man im ersten Moment erst gar nicht gedacht hatte.

Kahl: Ich gehe noch mal ein paar Schritte zurück, zum Festival. Das Filmfest Oldenburg ist ja dafür bekannt, daß es nicht nur eine Abspielstätte von schon vorhandenen Filmen ist, sondern auch ein Ort, wo etwas Neues entsteht, weil sich da Leute treffen, die eine gemeinsame Sprache sprechen. Und das beobachtet man auch immer häufiger auf anderen Festivals. Dieter Kosslick versucht beispielweise jetzt auch, mit Rotterdam einen Fond anzulegen für Filme, die dann von der Kooperation des Filmfest Rotterdam und der Berlinale koproduziert werden sollen. Oldenburg hat es vorgemacht: Ideen haben, Filme produzieren und diese Filme auch zeigen. So kann jenseits von Filmförderung, Fernsehanstalten und Businessplänen etwas Neues entstehen. Dennoch bin ich der Meinung, daß es eine »Indieszene« in Deutschland nicht gibt. Warum? Weil wir hier diese strenge Kategorisierung: Fernsehsender, Förderung, sowie das Mittelding »Kleines Fernsehspiel« haben und man nur auf diesem Weg Filme produzieren kann. Es gibt keine anderen Mechanismen, weil es weder eine Stiftung gibt, die unabhängige Filmemacher unterstützt, noch gibt es genügend Möglichkeiten, um die Filme zu zeigen.

Wie ist denn konkret die Idee zu »99 Euro Films« und dem dazugehörigen Manifest entstanden?

Neumann: Das befreundete Slamdance-Festival hat 2001 schon einmal so etwas ähnliches gemacht, nämlich die »99 Dollar Specials«. Es wurden kurze Filme digital für 99 Dollar gedreht und dann ins Netz gestellt. Ich bin jedes Jahr in den USA und treffe in Los Angeles auf die Filmemacher, die in Slamdance ihre Filme präsentieren. Mir ist nach zahlreichen Gesprächen klargeworden, daß das eine tolle, ausbaufähige Idee ist. Schließlich habe ich RP angerufen, wir haben uns getroffen und angefangen, die Idee auf Deutschland umzubauen.

Kahl: Es ist auffällig, daß die Filmemacher in der Diskussion darüber, warum denn in Deutschland seit Jahren keine Filme gemacht werden, die man beispielsweise in Cannes aufführt, nur selten zu Wort kommen. Vielleicht sind sie auch ein bißchen selbst daran schuld, weil jeder nur darauf schielt, seinen nächsten Film zu realisieren, und sich nicht wirklich dafür interessiert, was der andere macht. Daß man eigentlich nie zusammenkommt, entwickelt und vielleicht gemeinsam irgendwelche Visionen diskutiert und umsetzt. Denn was ist die Grundlage für einen guten Film? Eine Idee haben, Leute davon zu begeistern und ihn dann einfach zu drehen. Das kann man mit 6 Millionen, das kann man aber auch mit 99 Euro. Aber diese 99-Euro-Aktion heißt ja noch lange nicht, daß man nur noch ohne Geld drehen soll. Vielmehr zeigt es, daß Ideen das Wichtigste beim Filmemachen sind. Wenn wir irgendwann mal wieder in Cannes antreten wollen, dann müssen wir zu den Ursprüngen zurückgehen und wieder Ideen verwirklichen.

Neumann: Es geht uns in diesem Fall auch weniger um die inhaltliche Qualität, sondern um das Ausrufezeichen, das dieses Projekt setzt.

Gab es Vorgaben, die von Euch thematisierte filmpolitische Diskussion auch in den Filmen selbst deutlich werden zu lassen?

Neumann: Jeder der Teilnehmer hat das Manifest zu sehen und zu hören bekommen. Natürlich ist auch dieser filmpolitische Aspekt darin enthalten, doch ein großer Teil dieses Manifests ist die Aussage: »Mach, was Du willst und laß Dich nicht leiten«.

Kahl: Es war eine Voraussetzung, daß sich jeder mit der Idee, die im Manifest drin steht und die auch hinter »99 Euro Films« steckt, identifizieren und ihr zustimmen sollte. Es gab keine inhaltliche oder formale Vorgabe außer: MiniDV-Kamera, fünf Minuten, 99 Euro, und Du mußt in zwei oder drei Wochen den Film abgeben. Einerseits gab es einen gewissen Druck, sowohl zeitlich als auch die Einschränkung im Budget. Andererseits bringt ein solches Projekt viel Freiheit mit sich, und die daraus resultierende Lockerheit sieht man dem fertigen Film auch an. Einigen wird er vielleicht zu lustig und zu befreit erscheinen, aber ich finde, das ist auch ein Qualitätsmerkmal.

Wird es »99 Euro Teil 2« geben? Oder läuft man Gefahr, damit die Einzigartigkeit dieser Idee zu zerstören?

Neumann: Wir planen auf jeden Fall einen zweiten Teil. Nach all dem positiven Feedback wären wir verrückt, wenn wir da nicht nachsetzen und weitermachen würden. Es gibt auch schon viele Anfragen von anderen Filmemachern. Allerdings haben wir uns überlegt, daß es ein bißchen zu einfach wäre, lediglich einen zweiten Teil zu machen, der genauso funktioniert wie der erste. Wir wollen einen Schritt weitergehen, »99 Euro Films – The Sequel« wird ein bißchen anders aussehen als die erste Runde. Aber wie genau, das wollen wir noch nicht verraten.

Ihr seid also nicht der Meinung, daß die Einzigartigkeit dieses Statements durch ein Sequel verlorengeht?

Neumann: Nein, ein wichtiger Bestandteil unseres Statements ist ja gerade, daß wir so etwas wie gemeinsame Ideen entwickeln wollten, eine Bewegung, die eine Art Independentgeist wachruft. Es geht gar nicht darum zu zeigen, daß man ohne Geld und ohne die herkömmlichen erforderlichen Mittel einen Film machen kann, sondern darum zu zeigen, daß Filmemacher in Deutschland nicht die Marketingmenschen der großen Studios brauchen. Es geht darum, ein Statement zu schaffen, und das gelingt in dieser extremen Reduzierung natürlich am deutlichsten. Und dann ist da natürlich noch der Gegensatz zwischen Reduktion und Regisseuren, die gelegentlich auch mit mehreren Millionen ihre Filme machen. So gesehen ist es keine Aufweichung der Idee, wenn es ein Sequel gibt. Vielmehr kann man die Idee, die hinter dem Projekt steckt, etablieren und ein anderes Denken darüber, wie in Deutschland Filme gemacht werden sollen, unterstützen. 1970-01-01 01:00
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