— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Vanessa Jopp

A Good Jopp

Von Nikolaj Nikitin, Oliver Baumgarten Vanessa Jopp, die auf dem Filmfest München mit dem Hypo-Preis ausgezeichnet wurde, über Intuition und technische Details in ihrem Film Vergiß Amerika.


Gleich in der ersten Einstellung steht die Kamera auf dem Kopf und dreht sich auf der Querachse herum, sobald Marek Harloff mit dem Auto Richtung Stadt fährt. Was sagst Du uns damit als jemand, die aus einer Kleinstadt stammt: Herrscht in der Kleinstadt die verkehrte Welt, oder sind die Menschen draußen verquer?

Man könnte jetzt sagen, es bedeutet, daß Dinge generell einfach oft kopfstehen, daß sie genauso laufen, wie man es nicht will. Wir waren komplett mit allem fertig, das einzige, was uns noch fehlte, war ein guter Einstieg.
Wir dachten an vorbeihuschende Blätter im Sonnenlicht, verschwommen, ein bißchen was Abstrakteres. Irgendwann stand Judith Kaufmann mit gespreizten Beinen da, guckte sich durch die Beine durch und sagte: »Schau mal.« Ich guckte auch und sagte: »Cool.« Also es war in dem Moment eher eine intuitive Sache denn eine intellektuelle Leistung.

Der Einsatz von Ton ist brillant, besonders da, wo er plötzlich wegbricht, da man ja gar nicht mehr gewohnt ist, daß sich jemand traut, ganz auf Ton zu verzichten.

Ich denke auch, dieser Einsatz von Ruhe und Stille ist ganz wichtig bei Filmen, um Bestimmtes hervorzuheben. Es gab bei der Mischung wirklich Situationen, in denen ich rief: »Weniger! Weniger!« Der Toningenieur sagte dann, er könne nicht noch weniger Atmo machen, das gehe nicht, das würde sich unmöglich anhören, und ich: »Doch, ich will weniger!« Es war nicht einfach, sich da durchzusetzen.

Eine Sache, für die wir total dankbar sind bei diesem Film: Es ist kein Film großer Worte. Es gibt Momente, in denen mal der Ton, mal der Schnitt zum Erzähler wird, wo diese filmischen Mittel alle Worte erübrigen. Wie ging zum Beispiel der Schnitt vor sich?

Schnitt hat ungeheuer mit Rhythmus zu tun. Wenn Martina und ich das Gefühl hatten, der Rhythmus stimmt nicht, haben wir wirklich so lange gesessen, bis es paßte. Sobald du irgendwann automatisch den Abstand verlierst, wird das manchmal schwierig. Wir haben eine Anfangssequenz komplett zehn Mal neu geschnitten, weil uns alles zu müde vorkam. Es ist wichtig, als Regisseur auf jeden Fall einen guten Cutter zu haben. Ich werde niemals einen Film selber schneiden, das finde ich völligen Wahnsinn, weil du nicht die richtige Distanz hast.

Die drei Darsteller passen hervorragend zusammen, wie bist Du auf diese Konstellation gekommen?

Marek Harloff stand von vornherein fest, weil ich einfach ein Fan bin, und wir werden bestimmt auch mal wieder was zusammen machen. Die anderen habe ich dann dazugesucht, weil ich wirklich die perfekte Dreierkombination wollte, die sowohl die Freundschaftsbeziehung als auch die Beziehung zu dem Mädchen trägt.

Der Film widmet sich auf eine sehr unaufdringliche Weise der deutsch-deutschen Gegenwart und knüpft in gewisser Weise, er kommt ja beim Filmverlag der Autoren ins Kino, auch an die Neue Deutsche Film Tradition an.

Ja, das war eine echt gute Zeit für Filmregisseure, weil sie viel wagen konnten und trotzdem gesehen wurden. Das hat sich leider ein bißchen geändert, denke ich. Es ist wirklich sehr schwer, heute einen Film zu machen, der anspruchsvoll, gleichzeitig aber auch kommerziell ist. Deshalb ist für mich sowieso der einzige Weg, ein bißchen dem zu folgen, was ich empfinde und auch das zu machen, was ich kann. Es gibt generell einen Trend hin zu authentischeren Geschichten, und ich habe das Gefühl, daß auch in Deutschland ein Publikum dafür da ist.

Würdest Du Deinen Film als politisch bezeichnen?

Na ja. Man kann sagen, daß ich auch eine Aussage über die heutige Zeit mache. Aber mir ist bewußt, daß das, was ich in diesem Film zeige, ein Teil der Realität ist, so wie ich sie persönlich wahrgenommen habe. Es ist auf keinen Fall ein Film mit Zeigefinger, wo ich Euch jetzt mal zeige, wie die Zustände im Osten sind. Da müßte man einen ganz anderen Film machen, der wahrscheinlich viel härter wäre. Für mich war es immer eher ein Liebesfilm. 1970-01-01 01:00
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